Schlüthterner Mmg
Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «s.
mit amtlichem Areisblatt.
Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 40.
Samstag, den 20. Mai 1911.
62. Jahrgang.
ve-tsche- Reich.
— Ein eigenartiges Schauspiel wird dem Kaiser am 22. Mai bei der Festfahrt auf dem Rhein geboten werden. Etwa 650 Mitglieder der Deutschen Turner- schaft aus Köln werden sich auf der Landzunge des Deutzer Hafens in einer Länge von etwa hundert Metern zu zwölf Meter hohen Pyramide aufstellen. Jeder Turner wird eine brennende Wachsfackel in der Hand halten, so daß ein Bild von ungewöhnlichem Reize entstehen wird. Die Turner tragen die übliche weiße Turnkleidung.
— Der Empfang des Kronprinzenpaares in Zarskoje Szelo am Mittwoch. Fünf Minuten vor Eintreffen des Zuges fuhren der Kaiser und die Kaiserin vor dem Bahnhof vor. Der Kaiser und die Kronprinzessin begrüßten sich wie nahe Verwandte. Darauf küßte die Kronprinzessin auch die Kaiserin. Auch der Kronprinz und der Kaiser begrüßten sich auf das herzlichste wie nahe Verwandte. Es erfolgte sodann die Vorstellung der beiderseitigen Gefolge. Der Kaiser und der Kronprinz schritten sodann durch den Bahnhof zum Wagen, um zum Schloß zu fahren. Die Kaiserin und die Kronprinzessin folgten. Der Kaiser trug die Uniform des Alexander-Garde-Grenadier-Regimentes mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens, der Kronprinz die Uniform des Klein-Russischen Drag.-Regimentes Nr. 14, dessen Chef er ist, und den Alexanderorden. Auf dem ganzen Wege zum Schloß wurden dem Kronprinzenpaar begeisterte Kundgebungen dargebracht. Im Palais traf auch später die Kaiserin-Witwe ein.
— Der Reichstag nahm am Sonnabend in der zweiten Lesung der Reichsversicherungsordnung unter Ablehnung der freisinnigen Anträge die weiteren Bestimmungen über die Organisation der Landkranken- kassen sowie die Paragraphen über das Verhältnis der Krankenkassen zu den Aerzten, Zahnärzten und Apothekern nach den Kommissionsbeschlüffen an. Man gelangte bis § 386, womit der vierte Abschnitt des zweiten Buches (Verfassung) erledigt war. — Am Montag kam es zu einer längeren Debatte bei den §§ 447 und 447a, nach denen die Großgrundbesitzer auf ihren Antrag von der Versicherungspflicht befreit bleiben können, wenn sie ihren Arbeitern eine gleichwertige Krankenunterstützung zu gewähren sich bereit erklären. Fortschrittliche Volkspartei und Sozialdemokratie verlangen die Streichung dieser Paragraphen, ihre Anträge wurden aber abgelehnt. Dagegen wurde ein Antrag der Polen angenommen, wonach bei Beschwerden über
Nichtbefreiung von der Versicherungspflicht endgültig das Oberversicherungsamt statt des Versicherungsamtes entscheiden soll. Die Beratung ist bis zu § 520a fortgeschritten.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Sonnabend mit dem Zweckverband für Groß- Berlin. Abg. Frhr. v. Zedlitz (frkons.) begründete einen Antrag auf Loslösung Spandaus vom Verbands- gebiet, dem der Minister des Innern v. Dallwitz mit dem Hinweis auf die stets lebhafter werdenden Be« Ziehungen zwischen Spandau und Groß-Berlin ent- gegentrat. Der Minister wandte sich auch ausführlicher gegen die sozialdemokratischen Anträge, die dem Verbände auch das Volksschulwesen, die Armen- und Krankenpflege und das Steuerwesen überweisen wollen. Er empfahl ferner die Ablehnung des konservativen Antrages, der dem Verbände den Kleinwohnungsbau entziehen will. Im übrigen war die Debatte nur für Berliner Verhältnisse von Interesse. — Am Montag wurde die Vorlage in zweiter Lesung angenommen. Dann wurden einige Petitionen erledigt, darunter eine solche des Magistrats Stettin, den Volksschullehrern die Wählbarkeit zu Stadtverordneten zu gewähren. Die Petition wurde der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen.
— Der Deutsche Stipendienverein für die Ostmark, der seinen Sitz in Ostrowo (Provinz Posen) hat, hat kürzlich seinen Geschäftsbericht für das vergangene Jahr erscheinen lassen. Von den in der Ostmark tätigen nationaldeutschen Vereinen ist er der jüngste. Aber der vorliegende Bericht, der erst das vierte Vereinsjahr behandelt, läßt bereits erkennen, daß immer weitere Kreise den Wert des Vereins zu schätzen wissen. Rund 100 Mitglieder hat der Verein im letzten Jahre neu gewonnen und dadurch ihre Zahl auf über 300 erhöhen können. Wie die zahlreichen slawischen Stipentienvereine in Deutschlaud und Oesterreich bezweckt der Verein, durch Studienbeihilfen zum Fachschul- uud Hochschulstudium für die Ostmark Führer der deutschen Bevölkerung heranzubilden. Er bedenkt nur in der Ostmark Geborene, die geeignet und willig zu nationaler Arbeit gegenüber dem festgeschlossenen Polentum sind; Voraussetzung ist in Anbetracht der ostmärkischen Verhältnisse auch, daß sie evangelisch sind. Im letzten Jahre sind elf Stipendiaten unterstützt worden.
Ausland.
— Bei dem Jahresbankett des deutschen Hospitals in London forderte der frühere Botschafter in Berlin
Lascelles, welcher den Vorsitz führte, zur Gründung eines Fonds für die Erweiterung der Baulichkeiten des Hospitals auf. Botschaftsrat Dr von Kühlmann, welcher den deutschen Botschafter vertrat, wies auf die Verdienste Lascelles um die Verbesserung der englischdeutschen Beziehungen hin. Die Spenden für das Hospital beliefen sich im abgelaufenen Jahre aus 5156 und Sterling, darunter 200 von Kaiser Wilhelm, von Kaiser Franz Josef und 21 von Lescelles.
— Der Kampf um das belgische Schulgesetz ist in
ein neues Stadium getreten. Da die Ausschüsse der Kammer, denen das Schulgesetz der Regierung zur Beratung vorliegt, wegen des Ueberwiegens der Oppo« sition zu keinem Ergebnis gelangen, haben die Mitglieder der katholischen Partei in der Kammer das Schulgesetz als Initiativantrag nochmals eingebracht. Die Durch- beratung dieses Antrages ist gewährleistet, da die für den Monat Mai ausgelosten Ausschüsse eine Mehrheit für die Katholiken ergeben haben.
— Zu den Wirren in Marokko meldet die „Agence Havas" aus Fez, daß die Ernennung Zerantis zum Pascha der Stadt für notwendig erachtet worden sei zur Unterdrückung der von der Bevölkerung gemachten Versuche, sich empören, wie es sich bei dem Angriff der Aufrührer gezeigt habe. Mehrere Banden benutzten die Gelegenheit, um Laden zu plündern, wobei einige Personen getötet wurden. Der Wachsen hat energische Maßregeln ergriffen und namentlich die Wachposten verstärkt. Die Aufrührer wiederholten durch Abgesandte ihre Bemühungen, die Abdankung Mulay Hafids durchsetzen, wvbei sie das Versprechen abgehen ließen, daß den Europäern kein Leid geschehen solle.
— Die Revolution in Mexiko breitet sich aus. Der ganze Distrikt von Durango und Torreon mit den dazwischen gelegenen Orten befindet sich in einem an Anarchie grenzenden Zustande. Die Aufständischen haben Torreon, Durango, Zacatecas und Parral umzingelt. Zweitausend Aufständische rücken gegen Chihua- Hua vor; eine bewaffnete Menge hat einen Vorort vor Nombre de Dios angesichts der 1500 Mann starken Besatzung geplündert. Die Regierungstruppen^haben jetzt auch Hermosillo, die Hauptstadt^ des Staates Sonora, geräumt. Die Vereinigten Staaten haben die Rebellen als kriegsführende Macht anerkannt^ Nach einer Sitzung des Kabinetts wurde Oberst Steever, der Kommandant von El Paso, von dem Staatssekretär des Krieges angewiesen, alle regelmäßigen Schiffsladungen, welche das Zollhaus passieren, zur Einfuhr
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 34
Und nach dem obligaten hysterischen Schluchzen und Weinen folgt auf solch scharfe Entladungen dann wenigstens für Stunden Schönwetter und Ruhe. Tillitante hat auch die Annäherung Doktor Thieleckes wohl bemerkt. Sie ist ganz einverstanden damit, und voll Hoffnung auf eine'baldige Hochzeit. Denn welche Evastochter spinnt nicht gern an Hymens Netzgarn. Sogar die in tausend Gebresten schwelgende Mama hat in Bezug auf diese „Aussicht" schon heimliche Luftschlösser gebaut.
Gegenwärtig ist ein regnerischer Tag; denn der Wonnemond versteht sich trotz aller Poesie auch auf solche Dinge.
Derartige Tage haben in der Regel noch anderes unerfreuliches im Gefolge. Also klopft sich eine kleine, rundliche Person Kot und Schmutz von den Füßen und pocht, das Schirmdach schließend, an dieKlingerscheEingangs- titr. Die Eingetretene entpuppt sich als die Köchin der Firnia Hollinann. Sie kommt ohne jede Empfehlung mit dem strikten Auftrag, Fräulein Lenchen möchte sich noch im Laufe des Vormittags bei Hollmanns einfinden, denn gnä' Frau wolle die Ausstattung für gnä' Fräulein machen lassen, und da gebe es viel zu besprechen wegen Einkauf der Spitzen, Stickereien usw.
Lenchen sitzt mit heißem Gesicht stumm da nnd die Tränen quellen ihr in die Augen. Noch niemand aus dem Kreise derer, mit denen sie gesellschaftlich verkehrt, oder eigentlich verkehrt hat, da ihre jetzigen Verhältnisse ihr den geselligen Umgang verbieten, hat sie in das eigene Haus zitiert um ihr Arbeit zu übergeben.
Alle sind höflich und freundlich zu ihr gekommen. Und anderen derartigen Anträgen Fernstehender gegenüber hat sie sich auch immer ablehnend verhalten.
Das tut Agnes um sie zu demütigen. Sich an ihr zu rächen wegen.. O Gott, o Gott'wie bitter das ist!
Und gerade jetzt hat sie wenig und schlecht gelohnte Arbeit; also da wäre nun etwas namhaftes zu verdienen.
Aber für Agnes Hollinann will und kann sie überhaupt nicht arbeiten. Und gar noch Ausstattung.
Ehe sie ihrer Verlegenheit und dem Gefühl des Ge- demütigtseins noch völlig Herr geworden ist, hat sich Frau Klinger, ganz die ehemalige Frau Doktor, aus ihrer Di- vanecke aufgerichtet und der verdutzten Köchin erklärt, daß Fräulein Lenchen Klinger noch keiner Kundin die Ehre angetan habe, sie in ihrer Wohnung aufzusuchen. Sie werde mitFrau Hollmann auch keineAusnahme machen.
„Fräulein Lenchen arbeitet gern und geschickt, meine Liebe, und wer etwas von ihr haben will, soll sich nur freundlichst hierher bemühen, er findet was er sucht. Sagen Sie das Ihrer gnädigen Frau. Adieu!" Da hat sich die Dicke natürlich straks umgedreht und ist zur Tür hin- ausgewutzelt. Ganz verwundert allerdings, wie arme Leute so „aufgepackt" sein können.
Zu Hause aber hat sie den Auftrag Wort für Wort ausgerichtet und auch die vornehmen Geberden der „käseweißen mageren Fran" nicht vergessen nachzuahmen. Zornig hat hierauf Fräulein Agnes die Türe zu ihrem grünen Salon zugewettert, und ist mit dem langen wallenden Hauskleid herumgefegt wie eine Hagelwolke. Denn blamiert ist sie sich nun doch vorgekommen. Die Mama, Agnes unwissendes Werkzeug, hat ihre fleischigen Hände an ein Schlupfhandtuch abtrocknend, die Achseln gezuckt und erklärt: „Na, dann werden wir uns halt eine andere suchen."
In der darauffolgenden Woche aber bat sich nun Schmalhans vollends zum Kücheumeister bei Klingers aufgeschwungen.
Die kleine Pensionsquarte ist längst aufgezehrt und das dritte Viertel noch in weiter Ferne.
Der Mai aber ist gerade die Zeit, wo man sich mit Soininertoilette versieht und das Bedürfnis an Wäsche
! auf eine günstigere Periode verschiebt, die nicht so viel» Auslagen mit sich bringt.
So ist Lenchen die Arbeit ausgegangen und mit ihr i auch das nötige Geld. Da ist Frau Doktor in das ent« ' gegensetzte Extrem verfallen und hat dem fast verzwei- i felnden Mädchen die bittersten Vorwürfe gemacht, roa« [ rum es die Arbeit bei Hollmanns doch nicht übernommen habe.
„Aber, Mama, Du weißt doch, sie wollten, daß ich selbst hingehen soll. Wie kannst Du nur jetzt so reden?"
„Dann hättest Du eben gehen sollen," beharrt die schwache Frau eigensinnig. „O mein Gott, mein Gott, wenn mein armer Papa das geahnt hätte, wie er mich verheiratet hat.. Ich, einst die Königin der Gesellschaft, und vielleicht noch am Hungertyphus sterben!"
In dieser Tonart geht'sfort; daß das arme, ungerecht leidende Lenchen sich die Seele ausmeinen könnte. So schmerzen sie die Vorwürfe, sie, die doch genau demselben Mangel unterworfen ist und dabei noch hart und angestrengt arbeiten muß, daß bisweilen jeder Nerv an ihr zittert und das Blut wie eine Mühle in ihren Schläfen saust.
Irgend etwas muß aber doch gefunden werden, dem augenblicklichen Geldmangel abzuhelsen, daauchalleVor- räte im Hause aufgezehrt sind. ,.
Lenchen wäscht sich also die roten Augen mit frischem Wasser, hängt dann ihr weißes Tuch um und schlüpft zur rückwärtigen Gartenpforte hinaus, um auf diesem wenig betretenen Weg in die Zottelgasse zu Tante Römer zu gelangen.
Der Fußsteig führt meist an Gärten, ganz selten an einem vereinzelten Häuschen vorüber. Und Lenchen beeilt sich, da es schon dänimert und sie bis zum Herein- brechender Dunkelheit zurück sein will. Weiß sie doch, wie aufgeregt die Mama ist, wenn sie zur Abendzeit allein gelassen wird. 182,18*
Tieftrauriq schlingt sie die Hände ineinander und die Tränen tropfen auch aus den frischgewaschenen Augen.