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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

38.

Deutsches Reich,

Der Kaiser traf um 12'/. Uhr mit Gefolge im Automobil auf der Saalburg bei Homburg v. d. £. ein und begrüßte die Herren Baurat Jacoby, Bildhauer Götz, Dr. Blumenthal und Dr. Plath, den Vorsitzenden der Saalburgfreunde. Der Kaiser besichtigte dann die von Bildhauer Götz geschaffene Büste des verstorbenen Geh. Baurats Jacoby, des Wiedererbauers der Saal­burg, und sprach sich sehr anerkennend darüber aus. Die Büste hatte Aufstellung vor dem Museum gefunden. Hierauf fuhr der Kaiser nach Honburg zurück, wo er das Frühstück beim Landrat Ritter v. Marx einnahm. Nachdem er die Erlöserkirche besichtigt hatte, kehrte er um 5'/, Uhr nach Wiesbaden zurück.

Prinz Heinrich von Preußen, Bruder S. M des Kaisers, der ehemalige Schüler des Casseler Real­gymnasiums, ist auf die Meldung von der neuerdings erfolgten Gründung eines Vereins ehemaliger Schüler des Realgymnasiums (Realschule I Ordnung) zu Cassel diesem Verein als Mitglied beigetreten und zwar in Anerkennung des Motivs der Dankbarkeit, das die ehemaligen Schüler bewogen hat, sich zu einem Verein zusammenzuschließen.

Der Reichstag setzte am Sonnabend die Weiter- beratung der Reichsversicherungsordnung fort. Nach der Kvmmissionsfassung zweiter Lesung sollten die Kosten der Versicherungsämter die Gemeinden tragen. Die Fortschrittliche Volkspartei und die Sozialdemokraien beantragten dagegen die Wiederherstellung der Kommis­sionsfassung erster Lesung, wonach die Kosten den Bundesstaaten zur Last gelegt wurde. Der Antrag wurde abgelehnt, ebenso ein sozialdemokratischer Antrag, die Versicherungsgrenze von 2000 auf 5000 Mk. herauf- zusetzen. Die Paragraphen 180 und 181 der Regierungs­vorlage waren von der Kommssion gestrichen worden, die Sozialdemokraten beantragten indes sonderbarer Weise die Herstellung der Regierungsvorlage. Bei der Ab stimmung ergab sich aber die Beschlußunfähigkeit des Hauses. Am Montag wurde die Beratung bis zu Paragraph 210 fortgesetzt. Die Sozialdemokraten zogen die Beratung durch allerlei Anträge hin, die aber einer nach dem andern abgelehnt wurden, wodurch sie in eine sehr ärgerliche Stimmung kamen. So konnte sich der Abg Hoch (Soz.) nicht enthalten, gelegentlich davon zu sprechen, daß die Herren der Mehrheit allen Verbesse­rungsvorschlägen gegenüber wie die Puppen dasitzen, was ihm einen Ordnungsruf einbrachte.

Samstag, den 13. Mai 1911.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die erste Beratung des Eisenbahnanleihe- Gesetzes fort, wobei in der Debatte wieder ausschließlich lokale Wünsche zum Ausdruck kamen. Am Montag kamen nicht weniger als 36 Redner zu Worte, die aber ebenfalls nur lokale Wünsche vorbrachten. Am Schluß der Sitzung bemerkte Vizepräsident Dr. Porsch, es sei dringend notwendig, daß endlich die Debatte geschlossen werde.

In Chemnitz ist kürzlich ein aufreizendes Flug­blatt verbreitet worden, das sich an die Textilarbeiter wendet und sie zumBesuchevonVersammlungen auffordert, in denen über den Kampf der Färbereiarbeiter ver­handelt werden sollte. Aus diesem Flugblatts hängt dasChemnitzer Tageblatt" folgende Sätze niedriger: Ein Meer von Blut und Tränen, ein Gebirge von Arbeiterknochen wird dahingegeben, um den goldenen glänzenden Strom in die Taschen der Unternehmer fließen zu lassen. Wenn die Herren, auf dem Divan ruhend, die Zigarette schmauchend, die Dividente des Jahres Überschlagen, übersehen sie es, daß die Arbeiter­schaft ihnen all diese Werte schafft . . . Auf ihr ge­knechteten und entrechteten Arbeitsbrüder und Schwestern, lernt kämpfen nm eure Rechte! Eine solche Sprache kann nicht anders als unerhört bezeichnet werden. Welche Verwirrung kann durch sie in den Köpfen un­reifer junger Burschen angerichtet werden zu welch wahnsinnigen Taten kann der auf diese Weise entfachte Haß gegen alle Unternehmer verleiten! Und einer solchen Gesellschaft von Volksverhetzern verhilft eine bürgerliche Partei noch zu Mandaten für die Parlamente!

Bei den Anträgen auf Bewilligung der Veteranen­beihilfen müssen in jedem Falle die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Veteranen eingehend erörtert werden. Insbesondere ist anzugeben, ob ali- mentationspflichtige Verwandte vorhanden sind, welche den Veteranen auskömmlich zu unterstützen in der Lage sind. Die Arbeitsunfähigkeit der Veteranen soll für die Folge durch ein amtsärztliches Attest nachgewiesen werden.

Auf Einladung des preußischen Unterrichts­ministers hat in Berlin eine Zusammenkunft von solchen Lehrern, welche in der Jugendpflege und Fürsorge größere Erfahrung besitzen, stattgesunden. Es handelt sich darum, Zweck und Ziel des bekannten Erlasses des Kultusministers über die Jugendpflege zu erläutern und eine Erörterung der wichtigen Frage im größeren Kreise herbeiführen. 'Es kam auch hierbei der Gesichts-

62. Jahrgang.

Punkt zur Geltung, daß die Jugendpflege nicht nach reglementsmäßigen Grundsätzen, sondern durch freie, den örtlichen Verhältnissen und Bedürfnissen durchaus an­gepaßte Betäligung erfolgen soll.

Ausland.

Londoner Blätter zufolge fist man im Vatikan sehr beunruhigt über das Befinden des Papstes. Seine drei Schwestern pflegen ihn jetzt. Der Papst hat die frühere Energie und Elastizität verloren und sinkt zusehens zusammen. Die Arterienverkalkung ist akut geworden und er leidet sehr schwer an Gicht. Seinen Aerzten jedoch bereitet der Zustand des Herzens am meisten Sorge. Einer der beiden heovorragenden Aerzte des Papstes hält sich stets im Krankenzimmer auf.

Das Wiener Oberhofmarschallamt hat den verschollenen Johann Orth, gewesenen Erzherzog Johann von Oesterreich, für tot erklärt.

Präsident Fälliges ist in Brüssel angekommen und vom König Albert empfangen worden.

Das englische Frauenstimmrecht liegt dem Unter­hause wieder zur Entscheidung vor. Die Abgg. Kemp lib.) und Gouloing (kons.) brachten den Antrag ein, das Haus wolle in die zweite Lesung der Bill betreffend die Ausdehnung des Wahlrechts auf alle Frauen, die einen selbständigen Haushalt führen eintreten.Z Die Bill würde, etwa einer Million Frauen das Wahlrecht geben. Die zweite Lesung wurde mit 235 gegen 88 Stimmen beschlossen, aber man glaubt allgemein, daß der Entwurf keine Aussicht hat, Gesetzeskraft zu erlangen.

Ein von den Anarchisten geplanter Dynamit­anschlag auf die Pariser Polizeidirektion hat in Paris große Aufregung hervorgerufen. Der Polizei ist zu Ohren gekommen, daß die Anarchisten planen, das Gebäude der Polizeidirektion in die Luft zu sprengen oder doch wenigstens, wenn dies nicht gelingen sollte, Dynamilanschläge auf eine Anzahl von Polizeiwach­stuben auszuüben, um die Sache des Proletariats dafür zu rächen, daß die Straßenumzüge am 1. Mai durch Waffengewalt unterdrückt wurden. Der Chef der anarchistischen Abteilung Polizeikommissar Guichard hatte in Erfahrung gebracht, daß eine Gruppe von Anarchisten in geheimer Versammlung diese Beschlüsse faßte und daß drei Anarchisten durch das Los bestimmt wurden, die Dunamitanschläge in die Tat umzusetzen. Infolgedessen suchr die Polizei die drei Anarchisten, deren Namen sie kennt und deren Bilder sie besitzt, zu verhaften, vermochte aber noch nicht auf ihre Spur zu

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 32

Soeben sahen wir unseren Doktor Thielecke raschen Schrittes die breite, teppichbelegte Treppe emporsteigen. Eilig, wie es in der Art vielbeschäftigter Aerzte liegt, legte er Hut und Ueberrock in dem mit großblätterigen Topfpflanzen geschmückten Eintritt ab, und durchschritt dann, als ein mit der Einteilung des Hauses völlig Ver­trauter, eine Reihe mit Komfort ausgestatteter Gemä­cher, bis er an eine mit grünen Plüschgardinen verhängte Tür gelangte. Hier trat er kurz anklopfend ohne weiteres ein. Es war das Gemach der Haustochter, die heute um den Doktor geschickt hatte, da sie an heftiger Migräne litt.

Der schöne und sonst, zum Leidwesen Doktor Thie­leckes von Agnes viel malträtierte Flügel war heute ge­schlossen, denn seine Besitzerin lag in dieser berückenden Herrlichkeit, mit einem graugrünen Gesicht auf ihrer epheu- grünen Chaiselongue und sah leider mchts weniger als berückend aus.

Na, wenigstens verstellt sie sich nicht," dachte Thie­lecke, als er auf den weichen Teppichen unhörbar näher trat und seineHand auf Agnes'Kopf legte.

Schnell bewegte sie sich nach der Seite und als sie des Doktors Augen begegnet, trat ein jäher Blutstrom in ihr Gesicht, um, ebenso rasch zurückflutend, sie desto farbloser erscheinen zu lassen. Dabei bewies das Zucken in ihrem Gesicht, daß diese leise Bewegung des Kopfes ihre Schmerzen vergrößert hatte.

Migräne?" fragte der Doktor kurz.

Furchtbar," war Agnes' Entgegnung.

,gia, nervös sind Sie ja gehörig; also kein Wun­der. Wollen gleich etwas aufschreiben. Appetit haben Sie natürlich keinen?" t

Agnes antwortete bloß mit einer Geberde des Ab- schens, die sich in ihrem Gesicht ausdrückte.

Ja, ja! Sie tun halt immer, als ob das Essen et­was durchaus Ueberflüssiges wäre, mein bestes Fräu­lein. Bin schon orientiert, daß Sie nur Leckereien genie­ßen. Ihr Magen muß ja der reine Naschmarkt sein. Das ist allerdings sehr chick, Blut kriegt man aber davon kei­nes, und Ihre feinen Aederchen sind so leer, wie der Geldbeutel eines Dorfschulmeisters. Darum diese böse Krakel im Kapitolium."

Schweigend hörte Agnes die Bemerkungen des Dok­tors an. Auf die Worte achtete sie, mit dem dumpfen Gefühl im Kopfe auch gar nicht. Aber sein ganz me­lodiöses Organ tat ihr so wohl. Sie war schon gewöhnt, daß er immer in dieser halbironischen Art mit ihr ver­kehrte und ihre Handlungen benörgelte. Doch im ge­sunden Zustande zahlte sie ihm seine Ausfälle mit Zin­sen zurück. Denn Witz hatte sie, funkelnden Witz, wenn auch etwas stark auf den pikanten Ton gestimmt. So war die Unterhaltung der beiden stets lebhaft und fesselte Thielecke, trotzdem ihm Agnes' sonstige Eigenschaften durchaus nicht gefielen und ihm eine Ehe mit ihr nur vom materiellen Standpuirktaus wünschenswert erschien.

Der Doktor setzte sich an den Schreibtisch und suchte sich aus der im Sezessionsstil gemaltenMappe ein Blätt- chen Papier, um sein Rezept darauf zu schreiben. Daß er dabei seinen Namen mit den kühnsten Schnörkeln verziert auf Tischplatte, Mappenrand usw. eingekratzt fand, machte weiter keinen Eindruck auf ihn. Wußte, er doch, daß das Mädel total vernarrt in ihn war.

Als er seine Unterschrift unter die Verordnung ge­setzt und sich nachdenklich im Stuhl zurückgelehnt hatte, fiel ihm plötzlich und unmotiviert Lenchen ein.

Lenchen! Er sah das feine liebliche Müdchengesicht vor sich, wie sie so stolz ergeben ihr schweres Schicksal trug. Heißes Mitleid stieg in ihm auf. Mitleid mit ihr .. und mit sich.

Mit einem tiefen Aufseufzen kritzelte er das Datum auf das Rezept; dann blickte er seitlings in das ihm von dieser Stelle voll zugewandte Gesicht Agnes' und

bemerkte, daß sie ihn, trotz der anscheinend geschlossenen Lider, durch ein feines Spältchen beobachtete. Er fühlte sich unfrei. Unfreiheit hier.. Unfreiheit dort. Freilich dort: O wie süße!Na jetzt nehmen Sie also diese Pul­ver, verehrlichste Patientin, und dann halten Sie bitte den Kopf mit den krausen Gedanken," ein blitzschneller Blick und Agnes' Augen bohrten sich in des Sprechers wie gewöhnlich, ironisch lächelndes Gesicht, dann schlös­sen sich die Lider wieder,bis, sagen wir, vier Uhr ganz, ganz still."

Erfaßte ihr Haupt mit beiden Händen an den Schlä­fen, gleichsam um ihr zu zeigen, wie still sie liegen sollte.

Bis dahin wird es Ihnen so weit besser sein, daß Sie aus dieser meergrünen Herrlichkeit hinauskommen in die laubgrüne Ihres Gartens. Denn das tut Ihnen not, und nicht dieses betäubende Parfüm hier, in dem auch noch ein ein . . na .. Ohnmachtsanfälle bekommen könnte. Wie oft habe ich Ihnen das schon gesagt? Aber Zuwiderhandeln ijt Ihnen nötiger zum Leben als Luft und Licht."

Aergerlich stieß Dr. Thielecke das Fenster auf und ließ die milde Frühlingsluft einströmen.

Agnes streckte, ohne ein Wort zu ihrer Verteidigung zu sagen, den Arm aus, der schmal, aber nicht unjchön geformt, aus dem zurückfallenden weiten Aermel sicht­bar wurde, und drückte auf den elektrischen Knopf, wo­rauf ein nett gekleidetes Mädchen erschien. Mit schlep­pender, näselnder Stimme fragte die Leidende:Ist das Gabelfrühstück für Herrn Doktor serviert?"

Jawohl, Herr Doktor wollen sich nur ins Speisezim­mer bemühen," erwiderte die gewandte Dienerin mit gedämpfter Stimme. Das Mädchen ging.

In die feine Ironie auf Dr. Thieleckes Gesicht mischte sich ein klein wenig Rührung. Daß sie auch während dieses jämmerlichen Zustandes daran dachte. . . Würde sie vielleicht doch keine schlechte Frau abgeben? 182,18"