die kleinen Erbschaften von 500 bis 5000 Mk. allein 15,11 v. H. und auf die von 5000—50 000 Mark 33,80 v. H. und auf die zwischen 50 000 und 100 000 Nkk. 12,43 v. H. Hiernach berechtigt sich bis zu einem gewissen Grade die Ansicht, daß eine Erbschaftssteuer vorzugsweise vom Großkapital getragen werde.
— Ueber die Verwendung der Fonds zur Unterstützung der Kriegsteilnehmer bei der Eisenbahn, die neben der Staatspension eine statutenmäßige Pension verdient haben, hat die preußisch-hessische Eisenbahnverwaltung jetzt nähere Bestimmungen erlassen. Danach können solche gewährt werden an die zu oder vor dem 1. April 1907 pensionierten Beamten, deren Staatspension vom 1. April 1907 ab erhöht worden ist, deren statutenmäßige Zuschußpensionen aber gleichzeitig auf Grund der Kassenstatuten haben gekürzt werden müssen. Die Höchstgrenze der dem einzelnen Beamten zu gewährenden Unterstützung bildet der Betrag, um welchen die statutenmäßige Zuschußpension des Beamten infolge der nachträglichen Erhöhung der gesetzlichen Pension am 1. April 1907 sich vermindert hat. Eine Besserstellung der Altpensionäre in ihren Gesamtbezügen gegenüber den erst nach dem 1. April 1907 in den Ruhestand versetzten Beamten muß jedoch tunlichst ver» mieten werden. Die Unterstützungen können vom 1. April 1911 ab laufend bewilligt werden und sind in Vierteljahrsbeträgen im voraus mit den gesetzlichen Pensionen zu zahlen.
Xusland.
— Bon den bei den ^französischen Winzerkrawallen verhafteten Winzern wurden 15 vom Reimser Gerichts» Hof wegen Brandstiftung, Plünderung und Diebstahls zu Gefängnisstrafen von 4 bis 13 Monaten verurteilt. Das Gesetz über den bedingten Strafaufschub kam nicht zur Anwendung. Noch drei weitere Winzer wurden wegen der Plünderungen und Brandstiftungen in Ay verhaftet. Die in der Champagne konzentrierten Truppen werden nach und nach durch andere abgelöst werden.
— Die plötzlich von Wien aus erfolgte Absage des Besuches des serbischen Königs in Budapest hat dort allgemein das größte Austehen hervorgerufen. Die dortigen Abendblätter melden, daß der Besuch des König Peters nicht nur aufgeschoben, sondern als ganz abgesagt zu betrachten sei. Die Nachricht von einer Krankheit des Kaisers, der bereits wieder vollkommen wohl ist, sei nur ein Mittel zum Zweck gewesen. In serbischen Kreisen Ungarns herrscht wegen der Ab- winkung König Peters eine große Mißstimmung.
— Lage in Marokko heißt es in einem Briefe aus Fez, daß die Europäer sich in marokkanischer Verkleidung größtenteils in das französische Konsulat geflüchtet haben. Sie wagen nicht, das Gebäude zu verlassen, da in der Stadt und aus den Straßen vollkommene Anarchie herrscht. Die Häuser der Europäer werden geplündert. Die Europäer fürchten, daß die Lebensmittel im französischen Konsulat ausgehen können, daß sie vielleicht ausgehungert werden.______________________
Die Landarbeits-Ausstellung
war bisher auf den Ausstellungen der deutschen Land- wirtschafts'Gesellschaft stets in der Erzeugnishalle untergebracht, diesmal wird thr eine besondere Halle mit einem davorliegenden größeren Spielplatz zuge» wiesen. Auf diesem Spielplatz werden Spielgeräte für die Dorfjugend errichtet und wird sich jeden Tag eine muntere Jugend darauf herumtummeln, 4 Tage
aus dem Landkreis Cassel, 1 Tag aus dem Kreis Hersfeld und 1 Tag aus dem Kreise Ziegenhain; manch Alter wird, wenn er die frohe Jugend sich da herumtummeln und die altgewohnten Spiele der Jungen, den Reigen der Mädchen sieht mit großer Freude an die eigene Jugend zurückdenken, wo auch er sich sorgenlos so herumtummelte. Auf diesem Platz werden auch wohl die zum Trachtenfeste kommenden Leute frühstücken, die Gelegenheit dazu ist wenigstens sehr günstig, da in der Nähe ein ganzes Schwein am Spieß gebraten werden soll; von dem kann sich ganz wie im Schlaraffenland jeder ein Stück Fleisch abschneiden lassen. Den Dorfplatz schließt von der Hinteren Seite eine Halle ab, in dieser wird gezeigt: die Landarbeitsstatistik, Entwicklung des Arbeitsbedarfs in der Landwirtschaft, Binnenwanderungen, ausländische Wanderarbeiter, Arbeiteransiedelungen, Vorträge, Erzeugnisse des ländlichen Hausfleißes z. B. Erzeugnisse der Webelehranstalt in Bcamsche, Hausfleiß-Erzeugnisse aus Ostpreußen, gesammelt von der bekannten Vor- kämpferin dieser Bewegung Frau Boehm, Lamgarben, Webstühle in Tätigkeit, darunter den Hamkenschen Webstuhl. Ferner finden wir hier alle möglichen Artikel der Körperpflege und Körperlichen Ausbildung. Wan- derkochschulen, darunter namentlich die gesamte Einrichtung der Wanderkochschule des Kreises Cassel, sowie Ergebnisse ihres Unterrichts im Kochen, Waschen, Bügeln, Nähen, Flicken usw., Geräte für Jugendspiele, Schriften darüber, Dorfbäder, Erzeugnisse von Handfertigkeitsschulen. Wie schon in Hamburg werden auch hier die ländlichen Fortbildungsschulen in hervorragender Weise berücksichtigt. Die Zusammenstellung der Lehrmittel hat wieder Herr Lemke übernommen und es ist beabsichtigt, sogar einen eigenen Schulgarten im kleinen vorzuführen. Wiederum werden wir auch im reichen Maße die Bilder von Gemeindehäusern, von Reformgasthäusern, von Kämpfern für die Abstinenz, Arbeiter-Muster-Bibliotheken, Arbeiterprämien usw. usw. finden. Eine besondere Pflege erfährt diesmal die Abteilung der Landarbeiterfrage, im Rahmen des Einzelbetriebes. So werden graphische Darstellungen über Arbeitsaufwand und Betriebsorganisation über die Verteilung menschlicher und tierischer Arbeitskräfte und über die Funktionen der Hand- und Spannarbeiten, ferner Darstellungen von Maßnahmen zur Einschränkung des Handarbeitsbedarfes, durch Benutzung zweckmäßiger Geräte, sowie durch richtige Arbeitsanstellung und Arbeitsdisposition am Platze sein.
Lokaler und ProviuMer. Schlüchtern, 2. Mai 1911.
—* Der heutigen Auflage liegt der neue Fahrplan bei, auf welchen wir unsere verehrten Leser höfl. aufmerksam machen.
—* Der Inhaber der in hiesiger Gegend altgutbekannten Fuldaer Firma Weingroßhandlung August Müller: Herr Otto Müller, schon zweifach ausgezeichnet, ist nun auch zum Hoflieferanten Sr. Kgl. Hoheit des Landgrafen von Hessen-Philippsruhe ernannt worden.
—* Zweite Lehrerprüfung. Zu der zweiten Lehrerprüfung hatten sich außer den 44 anfänglich Ange- meldeten nachträglich noch 7 Lehramtsbewerber einge- funden, so daß die Zahl der Zugelassenen 51 betrug. 3 waren wegen Krankheit nicht erschienen, und so traten am 24. April 48 Lehrer in die schriftliche Prüfung ein, in der das sehr zeitgemäße Thema: „Welche Bestrebungen sind in dem Ausdruck „Jugend
pflege" zusammengefaßt, und wie sind Sie an Ihrem Teile bemüht gewesen, zu ihrer Verwirklichung beizu» tragen ?" zu bearbeiten war. Die mündliche Prüfung begann an 26. und währte bis zum 28. April. Den Vorsitz führte als Vertreter des Pcovinzial-Schul- kollegiums zu Cassel Herr Provinzial-Schulrat Leist. Die Königl. Regierung war durch Herrn Geheimen Reg.- und Schulrat Mühlmann vertreten. Das Ergebnis der Prüfung war ein recht günstiges, da von 48 Prüflingen 45 für bestanden erklärt werden konnten.
—* Den Eltern derjenigen Knaben, welche die Seminarübungsschule besuchen, diene zur Nachricht, daß der Unterricht frühmorgens um '/»8 Uhr, nachmittags um 2 Uhr beginnt. Die beiden untersten Jahrgänge kommen um 7»9 Uhr zur Schule und haben nachmittags nur an einem Tage (Donnerstag) Unterricht, und zwar um 2 Uhr.
—* Klassenlotterie. Die Erneuerungslose, sowie die Freilose zur 5. Klasse der 224. Königlich preuß. Klassenlotterie sind nach den § § 5, 6 und 13 des Lotterieplans unter Vorlegung der entsprechenden Lose aus der 4. Klasse bis zum 2. Mai d. Js., abends 6 Uhr, bei Verlust des Anrechts einzulösen. Die Ziehung der 5. Klasse dieser Lotterie wird am 6. Mai d. Js., morgens 8'/a Uhr, im Ziehungssaale des Lotteriegebäudes ihren Anfang nehmen.
* Bad Orb. Der prächtige, schmucke Schulneubau ist unter entsprechenden Einweihungsfeierlichkeiten seiner Bestimmung übergeben worden. Die Ausführung des Baues hat einen Kostenaufwand von zirka 7* Million Mark verursacht. Bei der Haupteinweihungsfeierlichkeit hielt Herr Stadtpfarrer Röhre die Weiherede, in welcher er den Segen des Allerhöchsten auf das stolze Werk herabflehte. Ferner fand ein Festmahl statt. An sämtliche Schulkinder wurde Weck und Würstchen verteilt.
* Kornblumentag des Landkreises Hanau. Wie wir erfahren, hat die Anregung, auch den in dem Landkreise Hanau lebenden Veteranen die gleichen Wohltaten als ihren Kameraden in der Stadt zu erweisen, freudigen Anklang gefunden. Dem sich zu diesem Zweck gebildeten Komitee gehören die Damen an: Frau Prinzessin Alfons zu Jsenburg in Langen- selbold, Frau Landcat Freifrau Laur in Hanau, Frau Superintendent Fritsch in Hanau und Frau Dr. Hoffmann zu Mainkur. Beschlossen wurde am Sonntag, den 21. Mai d. Js. Kornblumentage in allen Gemeinden des Kreises zu verananstalten, deren Ge- samterträgnis an die im Kreise Hanau lebenden Veteranen verteilt werden soll.
* Dillenburg. In einen Fuchsbau bei Sechshelden wurde ein Foxterrier geschickt. Der Hund trieb neun junge Füchse heraus, kam aber selbst erst nach sechs Tagen wieder zum Vorschein, wo er ganz abgemagert, zerbissen und den Körper mit Lehm bedeckt, den Bau wieder verließ. Er hatte schwere Kämpfe mit den alten Füchsen zu bestehen.
* Hammelbnrg (Rhön). In Detter wurde der 25 Jahre alte Sohn des Oekonomen Kenner von seinem tollwutkranken Hunde gebissen und mußte nach Berlin zur ärztlichen Behandlung geb.acht werden.
* Einen Kartoffellegeapparat erfunden hat Herr Adolf Bressem von Fulda, Petersberaerstraße 23 g. Der Apparat kann an jedem eisernen Pflug angebracht werden und ist bereits zum deutschen Reichspatent angemeldet worden.
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 28
„Mein liebes Lenchen," spricht die Mutter gerührt. Innerlich aber denkt sie: auch den Leuten kommst Du anders vor als früher. Aber leider . . nicht besser. Doch verschweigt sie diese traurigen Gedanken. Es ist ja heute Weihnacht. Fest der Freude.
Unter den Klängen der Militärkapelle.gleitet am ersten Christfeiertag die Jugend von Mühlenberg über die spiegelglatte Fläche des Eissportplatzes, der zur Verherrlichung des Tages ringsherum mit buntfarbigen Wimpeln geschmückt erscheint. Vom frischen Wind purpurn geküßte Wangen und Lippen leuchten, und glänzende Augenpaare lachen zu den diensteifrigen Kavalieren empor, die in Zivil und Uniform, die unzähligen Mädchensknospen gleich Schmetterlingen umschwär- men.
Es ist ein schönes buntes Bild, das die glitzernde Bahn belebt; und darum schreitet Lenchen Klinger, die schon so lange keiner Unterhaltung beigewohnt hat, dem Eisplatz mit stürmischer Freude entgegen.
Sidi Tontch, ihr treuer Anwalt, erwartet sie, angenehm überrascht, daß die Freundin endlich wieder einmal eine Geselligkeit besucht. „Aber Du, Lenchen, hübsch hast Du Dich gemacht und elegant, nein, wie der schwarze Samt Dich prachtvoll kleidet."
Und es ist wahr. Denn das tiefe Schwarz des mit Troddelverschnürung geputzten Kostüms, hebt Lenchens feines Gesicht in blendender Frische heraus. Und das aus demselben Stoff gefertigte Barett, auf dem die Troddeln ebenfalls lustig baumeln, sitzt über dem braunen Stirngelock „zum Küssen schneidig," wie zwei junge Of- stziere aus Lenchens Bekanntschaft, sichs gegenseitig begeistert versichern.
Auch Agnes Hollmanns scharfe Augen habendie eben Hinzugekommene sofort herausgefunden, die sich mit
allen Zeichen der Ungeduld ihre Schlittschuhe von Hans Tontch, einem jungen Akademiker, anschnallen läßt. Agnes ist in einem von oben bezogenen grünen Plüschkleid aufgestiegen. Das lange, überschlanke Mädchen hat eine j besondere Vorliebe für schleppend lange Gewänder, die sie natürlich noch größer erscheinen lassen, als sie ist. Aber das hat sie eben gern. Sie will originell, auffallend sein. Und so schwänzelt auch jetzt Schoß, Jackett, Aermel, alles übermäßig lang und faltig an ihr herum, daß sie einer windgepeilschten Föhre gleichsteht. Dabei hält sie ihren Kopf hochmütig zurückgebeugt und den Doktor Thielecke fest an der Hand, denn ihre irrelichter- nen Augen bemerken sehr wohl die Blicke, die hinter dem Zwicker des Doktors heraus nach jener Seite flak- kern, wo Lenchen Klinger soeben langsam zu gleiten beginnt.
Auch Lenchen hat natürlich die Anwesenheit des Doktors mit seiner grünen Dame konstatiert. Es sticht sie ja ein wenig, daß Thielecke gerade mit Agnes schleift; doch kennt sie deren despotische Natur, die einfach nimmt, wer ihr paßt. „Wenn freiwillig keiner anpackt, fängt sie sich jemand," hieß es schon in der Schule von ihr. Also wahrscheinlich hat sie ihn auch gefangen, tröstet sich Lenchen, um ihre gute Laune nicht zu verderben.
Nun haben sich die beiden Leutnants Rüger und Wetter, zwei unzertrennliche Freunde, die man immer in einem Atem nennt, ihrer bemächtigt. Sie nehmen Lenchen in die Mitte, so daß Sidi gezwungen ist, abzufal- len, da sie, eine schlechte Läuferin, nur so herumzappelt.
Agnes spürt den Ruck, den dieser Anblick in die von ihr festgehaltenen Rechte Thieleckes bringt.
Ein wahres Haßgefühl gegen das „arme Mädchen" steigt in ihr auf. Und sie schwört sich, den Kopf mit den wallenden Straußfedern in heftiger Aufwallung zurückschleudernd, diesen schönen Mann unter allen Umständen für sich zu gewinnen.
So schleift die kleine Kette, die Lenchen Klinger mit den zwei jungen biegsamen Offizieren bildet, an ihnen
vorüber. Doktor Thielecke zieht ehrerbietig seinen Hut, Lenchen nickt leicht mit dem Kopf, sich außerordentlich lebhaft gebend.
Agnes wirft sich im selben Augenblick zur Seite, ostentativ zeigend, daß sie Lenchen „schneide". Ihr schlep- pendes Plüschgebauschel vom Kleid gerät dabei in einen Sporn Leutnant Rügers und der teure Besatz bleibt an dem harmlos Weiterschleifenden hängen, der, von diesem Hindernis ums Gleichgewicht gebracht, sich nurnach heftigem Balanzieren vor dem Falle bewahrt. AgneS ist von Thielecke ebenfalls auf den Beinen gehalten worden. Aber er, der die das ganze veranlassende Bewegung sehr wohl bemerkt hat, ist nun der Tochter des Hauses, aus dem er das größte Jahreshonorar bezieht ernstlich böse.
„Du langer Grasaff!" denkt er, während er den Besatz von dem Leutnantssporn zu trennen sucht. Nachdem ihm dies endlich gelungen ist, trommelt AgneS, in ihrer diktatorischen Art, die Hälfte des EiSlaufpu- blikums zusammen, ihr Stecknadeln zur Befestigung der nachschleifenden Kleiderborle auszuleihen. Da eS den meisten Herren und Damen an solchen Dingen mangelt, werden ihr unter einer Springflut von guten und schlechten Witzen, alle möglichen Befestigungsmittel zur Ver- fügung gestellt: Zigarettenspitzel, Handschuhknöpfer usw.
Diesen günstigen Augenblick benützt der gute Doktor, um dem aus dem Menschenrummel still davonge- glittenen Lenchen nachzusetzeni Ein wenig zögernd, aber nicht unfreundlich, legt sie ihre Hand in die seine, denn sie sagt sich, daß es lächerlich erschiene, ihm ein gekränktes Gesicht zu zeigen.
O wie wohl tut ihm das ungekünstelte warme Wesen des jungen Mädchens, nach dem selbstüberheben- den, extremgeistreichen Gebühren. der allgemein als höchst „interessant" beleumdeten Agnes. Vielleicht noch nie hat er sich so ganz und gar zu dem schönen Kinde hingezogen gefühlt, wie heute. 182,18*