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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 29. April 1911.

62. Jahrgang.

Amtliches.

Dem Schäfer Georg Ullrich in Steinau, dem Dienst­knecht Friedrich Lauer in Rebsdorf und dem Dienst- knecht Johann Friedrich Bleibler in Niederzell sind für langjährige treue Dienstzeit Prämien von je 10 Mark aus Kreismitteln bewilligt worden.

Schlächtern, den 27. April 1911.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses. Valentiner.

Deutsches Reich.

Auf eine Eingabe des Oberkirchenkollegiums der altlutherischen Kirche hat der Präsident der Ansiedlungs- kommission eine Antwort erteilt, in welcher die Tatsache des gegenwärtig bestehenden Landmangels bei der Kommission ausdrücklich mitgeteilt wird. Dieser Mangel führt leider bereits dahin, daß die Söhne von Ansied­lern, welche sich in der Ostmark ankaufen wollen, nicht Land erhalten können und abwandern müssen. Dem wird natürlich auch nicht abgeholfen, wenn jetzt eine Reihe Zwangsversteigerungen auf polnischer Seite von der Kommission benutzt würden. Die Ansicht, die von derTäglichen Rundschau" ausgesprochen wurde, daß die Kommission damit größeren Grundbesitz erwerben könnte, ist unbegründet. Denn es handelt sich dabei durchweg um kleine Objekte, mit denen die Kommission nichts anfangen kann und deren Erwerb daher nichts bedeuten würde.

_ Die Beschaffung der ausländischen Wander­arbeiter stößt in diesem Frühjahr auf größere Schwierig« keiten. Ganz besonders trifft dies auf die galizischen Arbeiter zu, von denen das Angebot seit etwa Mitte März außerordentlich nachgelassen hat, so daß die deutschen Arbeitgeber ihren Bedarf nur unvollkommen decken konnten. Es dürfte dies seinen Grund darin haben, daß die deutsche Industrie und Landwirtschaft eines erheblich größeren Arbeiterzuflusses bedarf als in den Vorjahren, und daß die starke Abwanderung gali- zischer Arbeitskräfte nach Amerika den zur Verfügung stehenden Bestand im letzten Jahre empfindlich reduziert hat. Namentlich fehlt es an weiblichen Arbeitskräften, so daß die Arbeitgeber gut tun werden, sich mehr und ohne Säumen nach männlichen Arbeitern umzusehen, wenn sie ihren Bedarf überhaupt noch decken wollen. Nach Ostern ist auf einen Zuzug ausländischer Saisonarbeitern kaum noch zu rechnen, und wer dann noch nicht ausreichend versorgt ist, wird bis Mai warten müssen, wo es aber nur möglich sein wird, zu erhöhten

Löhnen und gegen gesteigerte Beschaffungskosten die gewünschten Arbeiter heranzuholen.

Die Abwanderung vom Lande in die Größstädle schreitet bei uns im Reiche riesenhaft fort. Während zurzeit der Gründung des Deutschen Reiches nur 5 Prozent aller Deutschen in Großstädten wohnten, sind es heute 25 Prozent; auf dem Lande lebten 60 Prozent, jetzt 38 Prozent. Der alte deutsche Agrarstaat entwickelt sich immer mehr zu einem Industriestaat. Daß die Lage dadurch behaglicher geworden wäre, wird niemand behaupten; der Kampf aller gegen alle wird vielmehr in weit heftigerer Weise geführt als vordem. Die Großmachtstellung des Reiches brächte diese Entwicklung aber nun einmal mit sich, und wir dürfen trotz deren rasenden Tempos sagen, daß sich bei uns das wirt­schaftliche Gleichgewicht besser erhalten hat als in manchen Staaten des Auslandes, die sich während der letzten vier Jahrzehnte einer wesentlich langsameren Entfaltung erfreuten als das deutsche Reich.

Der preußische Kultusminister hat über den gegenwärtigen Stand der Jugendpflege dringliche Er« Hebungen angeordnet. Es soll hierbei die Zahl der männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren festgestellt und ferner ermittelt werden, wieviel Jugendvereine im Anschluß an Fortbildungsschulen, Jugendvereine im Anschluß an Mittel- und Volksschulen kirchlichen Vereinigungen, nationalen Turn-, Spiel- und Sportvereinigungen und sonstigen im vaterländischen Sinne geleiteten Vereinigungen angehören. Weiter erstrecken sich die Erhebungen auch auf die Jugendheime.

Reklameaufdruck auf Reichsbanknoten. Kürzlich sind die Allongen der neuen Hundertmarknoten, seitens einer Firma mit einem Reklameaufdruck versehen worden. Dir von einem Teil der Presse hieran geknüpfte Bemerkung, daß dies mit Erlaubnis der Reichsbank geschehen sei, ist unrichtig. Es wird vielmehr davor gewarnt, mit Reklameaufdruck versehene oder sonst für den Umlauf untauglich gemachten Noten in Zahlung zu nehmen, denn die Einlösung der in ungehöriger Weise für den Umlauf untauglich gemachten Noten kann seitens der Reichsbankanstalten nicht ohne weiteres, vielmehr erst nach einer nur in Berlin ausführbaren und deshalb mit erheblichem Zeitverlust verknüpften vorgängigen Prüfung ihrer Echtheit erfolgen.

Für die Altpensionäre. Durch den Etat für 1911 ist der Fonds zur Unterstützung für Altpensionäre und Hinterbliebene von l3/4 Millionen auf 23/4 Mil­lionen, sowie der entsprechende Fonds für Elementar,

lehrer und Lehrerwitwen und -Waisen um 400 000 Mark erhöht worden. Gleichzeitig hat die Staats­regierung eine wesentliche Erleichterung der Bewilligungs­grundsätze beschlossen und insbesondere angeordnet, daß die Voraussetzungen für die auf Antrag erfolgende Ge­währung der Zuwendungen wohlwollend geprüft werden, um den aus den jetzigen Teuerungsverhältnissen sich ergebenden Härten abzuhelfen.

Ausland.

Das neue Schulhaus der Kaiser-Wilhelms Schule in Schanghai ist unter großer Beteiligung der deutschen Kolonie, der Behörden und der Stadtverwaltung einge­weiht worden. Allgemein wird die Opferwilligkeit der deutschen Gemeinde, die das Schulhaus aus eigenen Mitteln errichtet hat, anerkannt und auch die Vorzüg- lichkeit des Gebäudes von Ausländern rühmend hervor­gehoben.

Der Bund der christlichen Deutschen in Galizien hat seinen vierten Jahresbericht erstattet, nach welchem das deutsche Volk in Galizien diesem Verein einen früher nicht geahnten wirtschaftlichen Aufschwung und ein sich immer mehr steigerndes völkisches Selbstbewußt­sein verdankt. Der Verein zählt schon 84 Ortsgruppen mit 4558 Mitgliedern, hat zahlreiche Raiffeisenkafsen ins Leben gerufen, hält und bezahlt einen Wanderlehrer, gibt dasDeutsche Volksblatt für Galizien" heraus, gründet Schulen und steuert somit der Polonisierung des deutschen Volkes, hat eine in 212 Fällen in Anspruch genommene unentgeltliche Stellenvermittlung usw.

Zur Lösung der militärischen Sprachenfrage in Ungarn hat in der ungarischen Hauptstadt ein Minister­rat stattgefunden. Soviel verlautet soll die Grundlage zu einem Kompromiß mit Oesterreich gefunden sein, obgleich die ungarische Regierung von dem Standpunkt, nur die ungarische Verhandlungssprache auf ungarischem Staatsgebiet zuzulassen, nicht abgeht.

In Mexiko ist es endlich doch zu einem Waffen­stillstand zwischen den Rebellen und der Regierung gekommen. Der Präsident der Vereinigten Staaten Taft hat aus Mexiko die amtliche Nachricht erhalten, daß zwischen den Rebellen und der Regierung ein Waffenstillstand von fünf Tagen vereinbart worden sei.

Zum Araberaufstand in Jemen wird aus Hodeida gemeldet, daß Araber, die zu den Anhängern Said Jdris gehören, zwei Fahrzeuge in den Häfen El Wessin und El Birk im Roten Meere plünderten, die mit Proviant für die Besatzungen von Assyr beladen waren.

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes.

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Da sitzen die zwei Gesuchten richtig beisammen. Ma­jor Anders, wie gewöhnlichseinen großen Verandaschlüs­sel in der Rechten, mit der er beim Sprechen Herumfuch- telt, sitzt auf der Bank in der Laube, und Lenchen auf ihrem Lieblingsplatz, dem runden Tisch. Langsam läßt sie ihre Hände über die blutroten Blätter der Geißblatt­ranken gleiten.

Ja, was gibts, Doktorlein? Sie wollten doch soeben ausgehn? Wem haben Sie vergessen, den Puls zu füh­len?"

Zündhölzer gekauft," erklärte der Doktor, eine Zi­garre anbrennend, seinen kurzen Ausgang höchst stich- Haltia.

Ich komme übrigens um Fräulein Lenchen vor ihrem Hausschlüssel zu beschützen. Das Ding funkelt in der Dämmerung wie ein Kanonenrohr und man muß jeden Augenblick eine Explosion befürchten."

Um triftige Ausreden sind Sie aber wirklich nicht verlegen," erwidert Anders lachend, während Lenchen sich schweigend mit den langen Weinranken behängt.

Was machen Sie denn da aus sich für eine Nymphe oder Nixe oder sonst etwas Unirdisches, Fräulein Len­chen?" fragt Thielecke, das rotbekränzte Köpfen voll Be­wunderung betrachtend.

Na aber.. Nymphen und Nixen, ohne einen Trop­fen Wasser weit und breit. Da gehört doch sehr viel Phantasie dazu!" meintLenchen kichernd.

Hab ich auch, Fräulein Lenchen."

Schießen Sie man los, junger Mann. Der Haus­schlüssel steht Ihnen zur Verfügung."

Na also .. ganz ernsthaft. Wie der Reflex der un­tergegangenen Sonne sich als roter Duft über diesen Winkel lagert, sieht mir der Tisch da aus, wie., na., wie ein Korallenriff.. und Fräulein Lenchen..."

Hohoho, ist natürlich eine Meerfrau, oder gar die Lurley! Hahaha! Sie sind dann natürlich der Schiffer im kleinen Kahn und wenn Sie Ihrer Phantasie so wei­ter die Zügel schießen lassen, machen Sie mich schließlich zum Haifisch.

Ein allgemeines Gelächter begrüßt dieses mehr über­mütige, als geistreiche Tableau, und dann lenkt die Un­terhaltung, nachdem sich Thielecke auf einen Akazien- stumpf plaziert hat, allmählich in vernünftigere und ge­diegenere Bahnen ein.

*

Der herrschsüchtige Winter, der seinen Einzug auch in Mühlenberg gehalten hat, hat die abendlichen Spa- ziergänge und seligen Plauderstündchen im Garten unter Schnee und Eis begraben. Das naßkalte Wetter hielt in die Stuben gefesselt, die nicht ausgehen müssen. Doktor Thielecke gehört allerdings nicht zu den Glücklichen; denn der Winter hat regelmäßig allerhand Erkältungen im Gefolge. Da haben die Aerzte schwere Arbeit, sowohl in der Stadt als auf dem Lande, und des jungen Doktors Praxis beginnt sich auszubreiten. Gewöhnlich sammt er nur in der Dunkelheit nach Hause, trinkt einen heißen Tee und geht dann ins Stammlokal um seine drangsa­lierten Lebensgeister aufzusrischen.

So bekommter Lenchen,die dem nahendenWeihnachts- fest entgegen fleißig arbeiten muß, wochenlang nicht zu Gesicht. Hausbesuche zu machen, aber verbietet ihm das Pflichtgefühl.

Die Christwoche hat nun, zu den massenhaften Schlitt­schuhen, die man dein Christkind zur Verteilung überge­ben, auch die entsprechend glatte Eisbahn gebracht. Len- chens fleißigen Hände scheinen dem weißbeschwingten Weihnachtsengel besonders wohlgefallen zu haben. In ihrer Bescherung befindet sich ein schwarzsamtenes Eis­kostüm, das angeblich Tillitante, in Wirklichkeit aber Major Anders gespendet hat, der aus naheliegenden Gründen den Spender nicht verraten missen will. Die

Tante läßt die Danksagungen und Küsse der Nichte zu­frieden lächelnd über sich ergehen. Hat sie doch die Küche mit Würsten und Striezeln versorgt, da kann sie das Samtfähnchen auch noch auf sich nehmen.

Lenchen ist übermütig glücklich über daS Geschenk; denn in ihrem schwarzen Kreppkleid könnte sie unmög­lich eislaufen. Und doch liebt sie dieses schöne Mrtterver- gnügen so sehr.

Herr Pate Major hat sich übrigens auch, und ganz gehorsamst mit ein paar feingebundenen Büchern ein­gestellt. Doktor Thielecke hat Blumen und eine reizende Wunschkarte geschickt.

Ein kleiner Christbaum brennt natürlich auch auf dem weißgedecktem Tisch, auf dem die Geschenke ausgebreitet liegen; der von Lenchen selbstverdiente warme Schlafrock für die liebe, liebe Mama," natürlich oben auf. Dane­ben das Eiskostüm, in das Lenchen so gerne ihre weiche Wange einschmiegt, weil sie dann den süßduftenden Nel­ken und Maiglöckchen unauffällig nahe kommen kann. Andere Kleinigkeiten gruppieren sich ringsum dieseHaup»- stücke; und über das Ganze hat der gute Major noch einen Regen von Zuckerwerk niedergehen lassen und Len­chen knabbert nun mit ihren gesunden Zähnen herzhaft und unverdrossen darauf los. Dazwischen muß sie frei­lich der haltlos weichen Mutter immer und immer wie­der die rinnenden Tränen von den Wangen wischen.

Wein nicht, Mütterlein. Schau.es ist ja jetzt so schön weihnachtlich. Wir müssen uns nun endlich ganz erge-

Bist Du ein wenig glücklich, meine Kleine?" 182,18* O ja, Mama. Das Weh um den lieben Papa ist ja natürlich noch immer da. Aber doch gemildert. Und dann freue ich mich, daß ich wenigstens soviel erreicht habe, weißt Du, daß ich doch wenigstens etwas ver­dienen kann. Immerhin, aber selbsterworbenes Geld gibt einen doch so ein feste«, sicheres Gefühl. Ja! Ich komm' mir jetzt ganz anders vor als früher: viel besser."^