Schlüchtemer Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 28.
Samstag, den 8. April 1911.
62. Jahrgang.
Fortwährend
werden Beftellungen auf die Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenonimen.
IncAHata finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die grötzte Anlage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Am Tage der Konfirmation.
O sel'ger Tag voll überreicher Wonne, Da ich zu Jesu, meinem Heiland, geh' Und seiner Liebe lichte Gnadensonne In hehrem Himmelsglanz anbelend feh', Wo er mein Heil, so mild mit seinem frommen, Liebreichen Heilandsangesichte spricht So freundlich: „Laßt die Kindlein zu mir kommen, Das Reich ist ihrer, wehret ihnen nicht!"
O seiger Tag! Aufs neue darf ich kommen, Und darf mein Jesu dir aufs neue nahn, Und werd aufs neue von dir angenommen, Und soll aufs neue deine Huld empfahn! Vor Lieb und Freude meine Tränen fließen, Mein Herz brennt selig: in der Gläubigen Zahl Soll ich, o du mein Jesu, nun genießen An deinem Tisch dein heilig Abendmahl.
O sel'ger Tag, wo mir so lieblich tönet Dein mahnend Wort: „Wun, Kindlein, bei ihm bleibt!" Wo ich es fühl', ich bin mit Gott versöhnet, Wo ich es weiß, daß Gottes Geist mich treibt; Wo wundersel'ge Hoffnung mich erfüllet, Daß ich, wenn du geoffenbaret wirst Und ganz dein treues Lieben wird enthüllet, Hab' Freudigkeit in dir, mein Friedesürst!
O sel'ger Tag! Herr gib ihm deinen Segen, Er ist der schönste meiner Lebenszeit!
O laß mich merken deines Geistes Regen, Daß dir zum Tempel sei mein Herz geweiht Und ich nun bleib' wie an des Altars Stufen, Mit dir vereint, treu in der Deinen Zahl, Bis du mich, lieber Heiland einst wirst rufen Zu deinem ew'gen sel'gen Abendmahl.
Wir und die Jugend.
(Zur Konfirmaton.)
Schau um dich! Sieh die hellen Blicke, Der Wangen jugendfrisches Blut, Und sage dir: In jede Lücke
Ergießt sich junge Lebensflut.
Es ist gesorgt, brauchst nicht zu sorgen, Mach Platz, die Menschheit stirbt nicht aus, Sie feiert ewig junge Morgen,
Du steige fest ins dunkle Haus!
So hat einst ein kernhafter Alter sich getröstet, als er den Abend des Lebens herannahen fühlte, und die Jugend läßt sich gewiß solch edelmütigen Verzicht gern gefallen. Nur sollte sie nicht vergessen, daß auch für sie einst die Abschiedsstunde schlagen wird und daß solch männliche Ruhe nur der bewahren kann, der auf ein inhaltreiches tatenfrohes Leben zurückblickt. Ein solches Leben zu führen, das haben ja gewiß viele unserer jungen Leute im Sinn; aber wie oft schrecken sie vor den Mühen zurück, die es mit sich bringt! Einfacher und bequemer scheint es, den Genüssen sich hinzugeben, die in tausend Formen bereit stehen und mit wahrhaft raffiniertem Geschick angepriesen werden. Wie der Falter mit magischer Gewalt zum brennenden Licht hingezogen wird und es solange umgaukelt, bis er mit verbrannten Flügeln tot zu Boden fällt, so geht Jugendkraft und Jugendblüte im Genußleben zu Grunde. „Schutz der Jugend" ist deshalb eine von weitesten Kreisen aufgenommene Parole geworden: Schutz nicht bloß vor körperlicher, sondern auch vor geistiger und moralischer Ausbeutung. Aber wir werden uns keiner Täuschung hingeben dürfen: Gesetzesbestimmungen und Polizeiverordnungen können zwar die allerärgsten Abgründe mit Schranken und Ordnungstafeln versehen; das feine Gift der Verführung, wie es in tausend Kanälen durch Verkehr und Lektüre in die Seele einströmt und von einem lax erzogenen Geschlecht nur zu bereitwillig ausgenommen wird, kann man dadurch nicht fern halten. Das beste muß tun der Geist, der der Jugend eingepflanzt wird, und dafür sind wir Weiteren vor allem verantwortlich. Wenn sie nicht an uns sieht, daß man fromm und frei aufgeschlossen für die Schönheit der Welt und unnahbar für die Gemeinheit des Lasters sein kann, so wird sie es schwerlich lernen. Mit Recht hat man gesagt, die Einsegnung sei für viele junge Leute eine Aussegnung, die Konfirmation statt der Eintritt der Austritt aus
dem kirchlichen Leben. Ja, wie soll die Jugend an die Kraft und den Wert religiöser Gesinnung glauben, wenn die Aelteren nichts darauf halten? Und wie soll sie sittliche Grundsätze durchführen, wenn sie sieht, daß die Erwachsenen um Geld und Gut ihre Ueberzeugung verkaufen? Laßt uns den vollen Ernst des Lebens ersassen, so wird auch unfern Kindern ihre Jugend heilig sein!
Deutsches Reich.
— Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind am Mittwoch um Mitternacht von Brindisi nach Rom abgereist.
— Der deutsche Kronprinz und die Kronprinzessin sind nachmittags 1 Uhr 5 Min. in Rom eingetroffen und auf dem Bahnhof von dem König und der Königin, sowie den Ministern und Vertretern der Behörden empfangen worden. Um 1 Uhr 20 Minuten trafen die hohen Herrschaften im Quirinal ein. Auf dem gangen Wege zum Quirinal brächte ihnen die Bevölkerung begeisterte Huldigungen dar.
— Der Reichstag erledigte am Sonnabend die Beratung des Etats der Steuern und Zölle und des Reichsschatzamts und führte damit die zweite Lesung des Etats zu Ende. Zwei Resolutionen der Konservativen und des Zentrums aufEinführung eines Schutzzolls zugunsten der deutschenPflastersteinindustrie wurde angenommen. Eine Resolution Wassermann zugunsten der Tabakarbeiter wurde ebenfalls angenommen, die weitergehenden Forderungen der Sozialdemokratie auf Entschädigung der arbeitslos gewordenen Zündholzarbeiter wurde abgelehnt. Reichsschatzsekretär Wermuth erklärte, eine Entschädigung der Zündholzarbeiter erscheine ausgeschlossen, da die arbeitslos gewordenen bereits in anderen Industrien Beschäftigung gefunden haben. Dagegen stellte er eine Novelle zum Zündsteuergesetz in Aussicht, durch die eine Aenderung des Kontinents herbeigeführt werden soll. Der Etat der Reichsschulden wurde ohne Debatte bewilligt. — Am Montag wurde zunächst das Reichssteuergesetz in dritter Lesung verabschiedet und dann mit dritter Lesung des Etats begonnen. Die Debatte setzte mit einet zweistündigen Rede des Abg. Ledebour (Soz) ein, welche die hinlänglich bekannten sozialdemokratischen Phrasen wiederholte und das Verhalten der Fortschrittlichen Volkspartei bei der Gießener Stichwahl für vollständig einwandsfrei erklärte. Eine Resolution des Abg. Graf Kanitz (tons.) über den Zwischenhandel mit Lebensmitteln wurde angenommen.
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Deukes. 20
„Fräulein Leuchen, wenn Sie sich durchaus nicht be» mühen wollen, die Arbeit gut zu machen, so geben Sie die Sache beizeiten auf; denn so ein Weißnähen taugt gar nichts.
Leuchen blickt mit erblühtem Gesicht und voll Schrek- ken auf die Tadlerin. Das Ueberraschende nimmt ihr für einen Moment die lleberleguug und mit weinerlicher Stimme verteidigt sie sich ivie ein gescholtenes Schul- Mädchen: „Ich ivill es doch wirklich gut machen, aber Agnes Hollmann läßt mir keine Ruh!"
Diese Bemerkung macht auf Agnes noch keinen Eindruck, benu eigentlich klingt sie zu lächerlich. Frau Hip- per aber, bereit Geduld heute etwas über Gebühr in Anspruch genommen worden ist, hat das Bedürfnis sich einmal au entloben. Sie erklärt in strengem Ton: „Fräulein Agnes, bitte das Fräulein Leuchen nicht mehr durch imniiUeS Geflunker von der Arbeit zu störeu. Bei Ihnen ist es schließlich gleichgültig, ivie weit sie mit der Erlernung der Weißnäherei kommen; Fräulein Klin- ger aber bin ich verpflichtet, die gründliche Kenntnis dieser Arbeit beizubringen, da steihrein Erwerb werden soll."
Leuchen stichelt nach dieser Rede, etwas blaß gewor- den, so eifrig an ihrer Hemdbrust herum, als ob sie noch heute Brot dafür taufen müsse. Agnes Hollmann aber blickt, den Mund mit den schmalen Lippen ironisch verzogen, ganz verwundert auf die strenge Dame. Erstens bat diese noch niemals einen solchen Ton angeschlagen, ihr, Agnes Hollmanu gegenüber, die gewöhnlich in der Equipage angefahren kommt: eine einfache Weißnäh- frau .. unb dann ist es doch merkwürdig: Leuchen Klin- ger lernt Hemden nähen, UM Geld damit zu verdienen. Und sie soll nun aus diesem Grund einen Berputzer einstecken?"
Trotzig wickelt sie Fingerhut und Zwirn in ihren oer»
knüllten Frisiermantel und erklärt mit rotem Gesicht, die Arme verschränkt: „Was geht das mich an? Wenn Len- chen Klinger weißnäht, um Geld zu verdienen, so soll sie sich," mit einer Schulterbewegung nach dem Hintergrund, „zu den Nähmädchen setzen und nicht zu uns."
LenchenS Gesicht ist ganz blutleer geworden und Tränen tropfen auf ihre zitternden Hände.
„Aber, Agnes .. Jessus, Agnes!" erklingt eS bedauernd und tadelnd von den Lippen der übrigen Schülerinnen. Frau Hipper aber spricht mit vollständig beherrschter Stimme: „Das würde iveder ihr, noch Ih» uen, Fräulein Agnes, zur Schande gereichen. ES sind durchaus brave, achtungswerte Mädchen."
Die Nähmädchen blicken natürlich mit bösen Augen auf Agnes Hollmann, die den Kopf hochmütig zurückge- worfen auf ihrem Stuhl schaukelt und so wohl Frau Hipper als die übrigen in der Stube mit gleichgültigen Augen mustert, als spräche sie: Ach, was liegt mir an der ganzen Bagage! Ich bin ja doch die reiciie Agnes Hollmann. Hub ungefähr das mögen ihre Gedanken auch wirklich auSdrücken.
Ueber Leucheus junges Gemüt hat sich in dieser Stunde eine Wolke gelegt, die nicht schnell wieder verfluchten wird.
Die Kinder und die Narren sagen die Wahrheit: und sie hat eine Ahnung, als ob ihr künftige« Leben sich unter dem Zeichen solcher Anschauungen aufbauen soll. Sie blickt weder in die Augen ihrer sie mitleidig betrachtenden sogenannten Freundinnen; denn sie schämt sich. Auch nicht auf die, so ikegwerfend behandelten Näh- mädcheu, denn auch vor denen muß sie sich schämen, sie näht bis zum Schluß der Stunde stillschweigend an ihrem Hemd: unb als Frau Hipper ihr freundlich erklärt, daß die Arbeit sehr gut sei, empfiehlt sich Lenchen mit höflichem Gruß von allen Anwesenden unb tritt ihren Heimweg ganz allein an.
Als sie fid) mit einem bittern Gefühl im Herzen ihrem Hause nähert, springt gerade Doktor Thielecke mit weißem Sommeranzug und feinen, gelben Schuhe«! beklei
det, in den feiner harrenden Wagen. Mit eleganter Atem- schwenkung hebt er feinen Ppnämahut vor Lenchen, die, während die Pferde scharf ausgreifend anziehen, den Eingang des Vorgartens durchschreitet. Sie kann sich« nicht versagen, ihren Kopf rasch urnzuwenden, obwohl eS nicht sehr „ladylike" ist. Gewahrt aber zu ihrem freudigen Schreck, daß Doktor Thielecke sich auch umgedreht hat.
Und mit einem seligen Lächeln auf beii Lippen betritt das arme, gescholtene Mädchen die Wohnung, in der ihr die abgehärmte Mutter wie gewöhnlich die Wange zum Willkommengruß reicht.
Welch ein Glück, daß der Himmel für die Wunden der Erdenkinder so gern ein Pflaster bereit hält. Wie bitter war der Heimweg LenchenS. Umso bitterer, weil sie sich noch sagen mußte, daß sie ihr Leid, nicht wie andere Kinder, an dem Herzen ihrer Mutter auSweinen kann. Denn die darf um GotteSwillen vonsolchemAuftritte nichts erfahren. Aber jetzt ist Agnes Hollmann« Impertinenz vergessen und Lenchen lieht nur das strahlende Lächeln, mit dem der Doktor ihren kurzen Rückblick begrüßt hat.
An einem der folgenden Tage, da Lenchen wieder aus der Nähstunde heimgekommen ist, erscheint Artur Thielecke ganz unerwartet in der Klingerschen Wohnung. Er ist im GesellschaftSanzug und kommt, sich von den Damen zu empfehlen, da er für die Hochsommerwochen nach einem nahe gelegenen Kurort als Badearzt berufen1 worden ist.
Sie gruppieren sich alle um den kleinen Salontisch und Frau Klinger beginnt, mit gesellschaftlicher Gewandtheit, daS übliche Salongeplauder. Lenchen, die während der letzten Wochen in ihrem harten Lehrkampf, wirklich nur daS für Thielecke aufkeimende Gefühl frisch und froh erhalten hat, «nacht nun, obwohl sie es durchaus nicht zeigen ivill, tieftraurige Blauaugen. Sie streichelt bat weiße Kätzchen, das ihr auf den Schoß gekrochen ist und eS fällt ihr zum Verdruß gar nichts ein, was sie sagen soll." 182.18*-