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Schlüchterner Aitung

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «s.

mit amtlichem Areisblatt.

Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 23.

Mittwoch, den 22. März 1911.

62. Jahrgang.

Wer eine Uiterbnckiii

Die im 62. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlächtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.

nin n TTTflnTlhunnllTin n ^^^ in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der U P U I || | UpilpUp IIIH wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen ss j |||i I || 11]| In II11| || Postabonnenten, welche bis spätestens 28. März unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, V L V V dgtz ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß

nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.

Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. April 1911 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein

die Expedition derSchlüchterner Zeitung"

Genossen" auf Reisen.

Einige Führer der deutschen Sozialdemokraiie halten sich vor einiger Zeit auf Reisen begeben, um fremde Länder und deren staatliche und soziale Einrichtungen kennen zu lernen. Der sozialdemokratische Landtags­abgeordnete Dr. Karl Liebknecht benutzte diesen Sommer zu einer Vortrags- und Studienreise durch die Ver­einigten Staaten von Amerika, die ihm natürlich aus der Ferne als das gelobte Land der Freiheit erschienen waren. Seine dortigen Eindrücke und Erfahrungen aber haben ihm schwere Enttäuschungen bereitet; denn er, dem es bisher gewissermaßen tägliches Bedürfnis war, über unsere angeblich verrotteten Zustände zu zetern und den preußischen Staat als den Inbegriff alles Verächtlichen und Hassenswerten hinzustellen, hat in einem Vortrage in San Franzisko gerade heraus erklärt, er sei im Auslande deutscher Patriot geworden.

Es gibt Länder." so fuhr er fort,die eine freiere Verfassung haben als Deutschland, aber sie haben manche Gesetze noch nicht, die wir errungen haben." Die amerikanische Freiheit sei nur ein leeres Wort, ein Humbug. In den Fabrikdistrikten der Neuengland- Staaten habe er ebenso wie in den Industriebetrieben Pennsylvaniens beobachtet, wie überall die größte Will­kür herrscht, wie ausschließlich und schrankenlos das Kapital seine Macht ausübt, wie keinerlei Rücksicht auf Leben und Gesundheit der Arbeiter gewährleistet ist. Die Ausbeutung der Kinderarbeit in Amerika sei schändlich. Nirgends, wohin ihn seine Tour geführt, habe er auch nur annähernd ernsthafte und wirksame Sanitäts- und Wohlfahrtseinrichtungen gefunden. Auch dem alten Märchen, daß der amerikanische Arbeiter besser gelöhnt werde als der deutsche, machte Liebknecht ein Ende, indem er fcststellte, daß in Amerika infolge der Raubwirtschaft, die mit den Bodenschätzen betrieben würde, die Löhne gefallen, die Preise aber gestiegen seien, Jo daß sich der amerikanische Arbeiter keinesfalls in besserer Lebenslage befinde als der deutsche Arbeiter."

Nichts anders scheint es dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Dr. Sudekum ergangen zu sein, der Ende Oktober des vergangenen Jahres in New- Aork einen Vortrag hielt über die Entwicklung des deutschen städtischen Lebens, und zwar vor einem Publikum, in dem nur etwa ein Drittel Sozialdemo- kraten waren. DieNew-Aorker Staatszeitung" schrieb über diesen Vortrag:Herr S. ist bekanntlich strammer Sozialdemokrat, wer das aber nicht wußte, hätte es aus seinem Vortrage über dieEntwicklung des städtischen Lebens nicht entnehmen können. Er sagte nämlich weder in­haltlich noch der Form nach irgend etwas, das nicht auch dem Gehege der Zähne eines schwarzblauen Dunkelmannes hätte entfliehen können." Die sozialde­mokratischeNew-Docker Volkszeitung" gibt diese Kritik wieder und fügt hinzu:Die Charakteristik dieses Vortrages seitens derStaatsztg." ist be­dauerlicherweise wahr!" Dann fügt das Blatt hinzu:Genosse Südekum zieht plötzlich den Vorhang empor und zeigt uns ein glänzendes Bild des Fort­schritts, den die deutsche Kommunalverwaltung seit einigen Jahrzehnten genommen hat. Er gedenkt des unendlichen Segens den die Arbeitergesetzgebung in weite Kreise getragen, wie die deutsche Kommune heute jedes Jndioidium von der Wiege bis zum Grabe für­sorglich beschütze, er schildert, wie die Männer der Ge­meindeverwaltungen heute nicht wie früher ihre Stellungen dazu benutzen, persönlichen Vorteil daraus zu ziehen, sondern wirklich nur im Interesse der Gemeinde wirken und schaffen. Dr. S. erinnert zum Schluß an die Tatsache, daß die deutschen Städte heute von allen fremden Beobachtern als wahre Verwaltungsmuster in jeder denkbaren Hinsicht gepriesen werden."

DerselbeGenosse" Südekum endlich hat in London sich gegen einen Vertreter derDaily News" über die deutschen Arbeiterverhältnisse in folgender rühmenden Weise geäußert:Ich bin sicher, daß der Arbeiter, sowohl der Industrie als auch der Landarbeiter, bei uns (in Deutschland) besser daran ist als der englische.

Die Behandlung des Arbeiters verstehen wir in Deutschland entschieden besser. Der deutsche Industrie­arbeiter ist ein glücklicher Mann im Vergleich zu seinem englischen Kameraden. Unsere Landarbeiter haben mehr Vergnügen und mehr Behagen am Leben als der englische." Und mit Bezug aus die damals außer­gewöhnlich große Arbeitslosigkeit in England wies Genosse" Südekum mit Stolz auf die zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter in Deutschland hin.

Wer aber aus diesen so patriotisch klingenden Aeuße­rungen der beiden Sozialdemokraten etwa den Schluß ziehen wollte, daß sie nun auch in der Heimat der Wahrheit die Ehre geben und die sozialen und poli­tischen Verhältnisse des Vaterlandes als bester denn die des Auslandes anerkennen würden, der würde sich gewaltig irren. Denn das würde ja nur den Arbeiter zufrieden machen und zufriedene Arbeiter kann die Sozialdemokratie nicht brauchen. Der zufriedene Ar­beiter würde wahrscheinlich da^ -gao^. Umsturzgefasel derGenossen" mit Hohnlachen zurückweisen und für die Ehre danken, Milchkuh der Sozialdemokratie zu sein.

Deutsches Reich.

Des Kaisers Reisepläne. Der Kaiser wird von der nächsten Woche ab geraume Zeit außerhalb der Hauptstadt seines Reiches weilen. Am 22. ds. Mts., wird er in Kiel bei der Taufe des KriegsschiffesErsatz Hildebrand", die durch die Kaiserin vollzogen wird, zugegen sein. Achtundvierzig Stunden später, am 24., trifft das Kaiserpaar mit seinen beiden jüngsten Kindern, dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Viktoria Luise zum Besuche des Kaisers Franz Josef I. in Wien ein, von wo aus dann die Reise nach Korfu fortgesetzt wird. Wann die kaiserliche Familie Korfu verläßt, steht noch nicht fest. Der Kaiser hat sich die Bestimmung der Dauer seines Aufenthaltes vorbehalten. Jedenfalls erfolgt die Rückkehr über Süddeutschland, da der Kaiser den Wiesbadener Festspielen im Mai beizuwohnen ge-

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 14

Der erstere gilt der heißen stürmischen Kindesliebe, die der schwachen Mutter trotz allem zu teil wird, die zweite aber wird erweckt durch den Umstand, daß ihr Er­scheinen doch nicht die niederschmetternde Wirkung hervor­gerufen hat, die sie beabsichtigt.

Wohl ist sie ja mit der Absicht gekommen, auch zu helfen und aufzurichten, aber erst wollte sie die Schul­dige nach Art kleiner Seelen recht, recht demütigen. Und jetzt hat sie selbst das Gefühl der Demütigung und Her­zensleere.

Als dann der Sturm der Gefühle bei Mutter und Kind sich ein wenig gelegt und Frau Klinger sich unter den Trostesworten ihres' Kindes wirklich etwas aufge­richtet hat, erhebt Frau Römer ihre Stimme laut und kräftig, um ihr wankendes Selbstgefühl neu zu befestigen.

Also darum handelt es sich ja und das ist der Grund, daß ich hierher gekommen bin. Weiß Gott, es ist mir ein schwerer Weg geworden. Nachdem Ihr diese große Woh­nung nun doch nicht behalten könnt und Eure massen­haften Möbel in einer kleinern ohnehin nicht Platz hat­ten, so ist es nur natürlich, daß Ihr das Ueberflüssige verkauft. Onkel Römer hat sich nun auf meine Bitten bereit erklärt, bei den Gläubigern dahin zu wirken, daß sie Euch den Verkauf aus freier Hand gestatten. Es ist erstens einmal nicht so beschämend für Euch, und dann könnt Ihr auch mehr herausschlagen, sodaß Euch mög- licherweise auch noch etwas Geld verbleibt. Und wie ge­sagt, wenn die Leute ihre Mäuler nicht gar zu groß auf­reißen, so wird es Euch, denk ich, auch nur angenehm sein."

Schwer aufseufzend stützt Lenchen das blasse Köpf­chen in die Hand und lauscht gottergeben weiter.

Mein lieber Mann," fährt Tillitante fort, nachdem Jie sich durch einige tiefe Atemzüge gekräftigt hat,der

in solchen Sachen Erfahrung hat, wird ein Inventar Euerer Sachen aufnehmen, damit Ihr ins klare kommt, was Ihr unbedingt benötigt, damit das andere dann ver­kauft werden kann."

Tillitante. wie viel.. wie viele Zimmer werden wir denn haben?" fragt Lenchen zaghaft und ihre Mutter mit ängstlichen Augen streifend. Die Arme sitzt wie gei­stesabwesend, denn das sind Dinge, die in ihren Kopf nicht hineingehen.

Ja, Lenchen, zwei Zimmer werden es im besten Falle sein. Die Wohnungen sind teuer und wenn man kein Einkommen hat. . ?"

Ach, dann könnten wir vielleicht Papas Ordina­tionszimmer mieten. O wie schön das wär, wenn wir immer dort sein könnten, wo der Liebe, Teure gearbeitet hat. Nicht wahr, Mütterchen, wie gut?"

Ja, mein Kind, wir werden mit Major Anders spre­chen," entgegnete die Gefragte mit versagender Stimme.

Na, na, wenn ers nicht zu teuer gibt. Da würde Euch auch das Umziehen nicht viel kosten und anet) der Skan­dal wäre nicht so groß," bestätigt die praktische Tante.

Aber Tillitante? spricht Lenchen, den Kopf plötzlich ganz stolz erhebend.Red' doch nicht immer so. Skan­dal! Wir haben weder gestohlen noch gemordet."

Frau Römer macht vor Verwunderung die kleinen Aeuglein einen Moment kreisrund.

,sJa, mein Kind, so etwas gibtimmerGeredeund Du wirst Dich noch an manches gewöhnen müssen."

Ich werde mich gewöhnen, ja. Aber Lenchen Klin­ger werde ich deshalb doch immer bleiben!"

Ganz mutig hebt die Kleine den Kopf und über das Gesicht der Römer huscht es wie ein leises Frohlocken. Wie sie das der robusten Schwägerin gönnt.

Ja, ja, Kind, ja, ja!" fährt diese fort:Der liebe Gott soll Dir helfen, Deinen Kopf immer so hübsch oben zu behalten. Ich wünsch' Dirs von Herzen. Und wenn es Dir gelingt, so hast Du das auch ein wenig von der schlechten Tillitante. Ja I Die weiß, was es heißt Schul- |

den bezahlen .. und von andern., hm! Jetzt wollen wir auch weiteres besprechen. Denn die Sache mit dem Verkauf der Möbel uud was sonst noch alles daran kom­men wird, überlasten wir Onkel Römer, der versteht eS besser als wir allesamt."

Ja, aber was wir für uns haben wollen, wählen wir selbst aus. Alles, was Väterchen lieb gehabt, alles! Davon geb' ich nichts her."

Der Eintritt Major Anders'unterbricht den so schmerz­liche Saiten berührenden Familienrat und Frau Römer empfiehlt sich nach Begrüßung des auch ihr gegenüber stets ritterlichen Herrn, da sie weitere Vorschläge zu ma­chen, durch die Anwesenheit eines Fremden verhindert ist.

Major Anders ist von der bedrängten Lage, in der die Familie zurückgeblieben ist, wohl unterrichtet. Aller­dings auch nicht sehr überrascht, da ihm die außeror- dentlick» kostspielige Führung des Haushaltes schon seit Jahren bedenklich erschienen war. Er hat ein warmeS Herz für die Hinterbliebenen von Doktor Klinger, ganz besonders für das unschuldige Mädchen und möchte gerne ein wenig über die Sachlage sprechen. Doch kann er, nach der Begrüßung und den üblichen Erkundigungen um das sonstige Ergehen, den Uebergang zu der ernsten Frage nicht recht finden.

Da hilft ihm Lenchen aus der Verlegenheit. Bon der Mutter wiederholt mit Blicken ermuntert, wagt sie enb» lich mit scheuer Stimme, die Anfrage, ob Herr Major ihnen Papas Ordinationsräume als Wohnung vermie­ten wolle.

Nun hat Anders Boden unter den Fußen.

Das habe ich mir nämlich auch gedacht? beginnt er mit warmen Worten,da Gnädige, nächster Zeit schon, infolge der Trauer ein zurückgezogenes Leben zu füh­ren veranlaßt sein werden, so wäre Ihnen diese Gassen- Wohnung ebenso zu groß wie zu geräuschvoll. Falls Ih­nen also das stille Häuschen konveniert, es ist schon we­gen der Nähe des Baumgartens angenehm, so bitte ich natürlich darüber zu verfügen." _ ,, 182,18*