Einzelbild herunterladen
 

Zchlüchtemer Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. _____________vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich l Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

WM

Samstag, den 18. März 1911.

Zum Postamt jy

müssen Sie bald gehen, wenn Sie für das 2. Quartal (Monate April Mai, Juni die

Schlüchterner Zeitung

mit amtl. Kreisblatt

der Monatsbeilage Landwirtschaft­licher Ratgeber und der Viertel­jahrsbeilage Unsere Heimat abon­nieren wollen. Aber auch Postboten und unsere Zeitungsträger nehmen die Bestellung entgegen.

Prämiirung bäuerlicher Geflügelhöfe.

Die Landwirtschaftskammer beabsichtigt auch in diesem Jahre Prämien an die Besitzer gut geleiteter bäuerlicher Geflügelhöfte zu erteilen. Nur solche Ge­flügelzüchter können prämiiert werden, welche land­wirtschaftliche Nutzgeflügelzucht treiben, im Besitze der hierzu erforderlichen Bauanlagen sind und durch ihre Buchführung den Reinertrag der ganzen Geflügel­haltung nachweisen können. Es werden vornehmlich Heinere landwirtschaftliche Betriebe berücksichtigt, doch können auch ländliche Geflügelhalter, welche Landwirt­schaft nur im Nebenberuf treiben, zur Prämiirung zugelassen werden. Diejenigen Züchter, welche schon früher einen Preis erhalten haben, können nur dann eine Prämie und zwar eine höhere erhalten, wenn sie weitere Fortschritte in der Geflügelwirtschaft aufweisen. Die Prämiierungen finden in Diesem Jahre statt in den Kreisen: Eschwege, Fulda, Gelnhausen, Gersfeld, Hanau, Hersfeld, Hünfeld, Rotenburg, Schlüchtern, Schmalkalden, Witzenhausen. Meldungen aus diesen Kreisen sind bis zum 15. Mai d. I. an die Land­wirtschaftskammer einzureichen unter gleichzeitiger Bei­fügung folgender Angaben:

1. des Berufes, eventuell des Haupt- und Nebenberufes,

2. der. Größe des landwirtschaftlichen Betriebes,

3. der Art und des Umfangs der Geflügelhaltung, sowie einer kurzen Beschreibung des Geflügelzucht­

betriebes, betreffend die Zahl, die Rasse und die Fütterung des Geflügels,

4. ferner Mitteilungen über die baulichen Einrichtungen und den zur Verfügung stehenden Auslauf.

5. Mitteilungen über die Produktion und den Absatz.

6. Angaben über Buchführung und Reinertrag.

Die Landwirtschaftskammer behält sich die Besich­tigung der angemeldeten Wirtschaften durch Mitglieder der Geflügelzuchtkommission vor.

Das Vorhandensein einer Buchführung, wenn auch in einfacher Form und eventl. erst beginnend mit dem Erscheinen dieser Bekanntmachung wird zur Vorbe­dingung einer Prämiierung gemacht.

Cassel, am 25. Februar 1911.

Der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer für den Reg.-Bezirk Cassel.

________________I. V-: Maertens________________

Antpold Stiftungen.

Der Prinzregent hat bestimmt, daß das Erträgnis der Landessammlung, die zu seinem 90. Geburtsfest verunstaltet worden ist, in folgender Weise verwendet werden soll: 1) 500 000 M. zur Errichtung einer Landes­heilstätte für tuberkulöse Kinder; 2) 500 000 Mk. als Luitpold-Jubiläumsspende für Jugendfürsorge zur Unterstützung der Bestrebungen auf dem Gebiet der Jugendfürsorge; 3) 300 000 Mk. zur Unterstützung hilfsbedürftiger Kriegsteilnehmer aus dem Kriege 1870/71 sowie aus den Feldzügen und Kämpfen der früheren und späteren Jahre; 4) den Restbetrag behält sich der Regent zur Verfügung vor zu wohltätigen und gemein­nützigen Zwecken, die dem ganzen Land zugute kommen

Der Prinzregem hat seinen Dank für die Festes­kundgebungen anläßlich seines 90. Geburtstages Aus­druck durch einen Erlaß gegeben, worin er der unge­ahnten Entwicklung und der bewundernswerten Fort­schritte auf allen Gebieten des menschlichen Wissens und Könnens und der Teilnahme Bayerns an diesen Errungenschaften gedenkt. Trotz seiner Ablehnung prunkvoller Ehrungen und Feste sei sein Geburtstag im In- und Ausland bei Hoch und Niedrig zu einem Festtag gemacht worden, wofür der Regent allen innig dankt. Besonders dankt er für die Landesspende, die ein glänzendes Zeugnis für die Opferwilligkeit und den Gemeinsinn des Bayerlandes bilde. Die Erinnerung an die vergangenen Tage, so schließt der Erlaß, wird als heller warmer Sonnenschein über dem ferneren Leben des Regenten sein, das auch künftig dem Wohl und Frieden des Vaterlandes gewidmet sein wird.

Deutsches Reich.

Das deutsche Kronprinzenpaar in Wien. Das deutsche Kronprinzenpaar trift am Sonntag, den 9. April morgens in Wien ein. Kronprinzessin Cecilie kommt zum ersten Male nach Wien. Das Kronprinzen­paar wird in der Hofburg wohnen.

Der Reichstag begann am Sonnabend vor fast leerem Hause die zweite Lesung des Etats des Reichs­amts des Innern, zu der wieder eine große Reihe von Resolutionen eingebracht sind. Der Abg. Pauli (kons.) sprach von sozialer Ermüdung und begründete sie damit, daß das Tempo der sozialen Gesetzgebung ein zu rasches fei. Er befürchtete von dem Abschluß von Tarifver­trägen eine Ueberlastung der Arbeitgeber und hegte die Besorgnis, daß ein Reichstarifamt sich zu einem eigenen Reichsamt auswachsen könnte. Dann trug er ver­schiedene Handwerkerwünsche vor. Der Abg. Linz (Rp.) brächte eine Reihe sozialpolitischer Forderungen zur Sprache. Am Montag gedachte zunächst Präsident Graf Schwerin-Löwitz des 90. Geburtstages des Prinz- regenten Luitpold, worauf die Beratung des Reichs­etats des Innern fortgesetzt wurde. Abg. Dr. Strese- mann (narl.) besprach alle wichtigen Fragen unserer Sozial- und Wirtschaftspolitik. Staatssekretär Dr. Delbrück verzeichnete in einer Polemik gegen den Abg. Fischer (Soz) mit Genugtuung dessen Anerkenntnis, daß unserer sozialpolitischen Gesetzgebung ein gewisser Wert nicht abgesprochen werden könne. Er bestritt ihm das Recht, in einer Zeit von sozialpolitischer Untätig- keit zu sprechen, in welcher Der Reichstag noch nicht einmal die ihm vorliegenden sozialpolitischen Gesetze verabschieden könne. Die Zeit zur gesetzlichen Regelung des Tarifvertrages hielt der Staatssekretär so lange nicht für gekommen, so lange den Berufsvereinen nicht die Rechtsfähigkeit verliehen und die Verpflichtung auferlegt wird, mit ihrem Vermögen für die Erfüllung der Tarifverträge zu haften. Auch den Fragen des Mittelstandes widme die Regierung unausgesetzt ihre Aufmerksamkeit, doch falle hier die Hauptarbeit den einzelnen Bundesstaaten zu. Der Abg. Bzejski (Pole) klagte über angebliche Verstöße gegen das Reichsvereins­gesetz.

Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend zunächst Wahlprüfungen, bei denen die Wahl des Abg. Kreitling (fortsch. Vp.) und des Abg. Dr. Wendland (natl.) für ungültig erklärt wurde. Dann wurde die Beratung des Kultusetats fortge­setzt. Der Abg. Heckenroih (kons) wendete sich gegen

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 18

Allein? Lenchens Augen, wieder angstgroß, stehen schon voll Wasser.Was Du Mama sagst, kann ich doch auch hören, Tillitante."

Frau Klinger ist ratlos. Sie blickt bald auf die Schwä­gerin, bald auf Lenchen. Vielleicht ist es doch etwas, was das Mädchen besser nicht hört. Aber . . aber, sie allein- Mein Gott! Sie hat fast größere Angst, als die Kleine.

Ich weiß nicht, Schwägerin, wir haben doch vor dem Kinde keine Geheimnisse. Ich weiß ja zwar nicht . . ."

Nun, äch denke, alles brauchen die Kcuder nicht zu wissen. Und das ist eben nichts für sie."

Weißt Du, Tillitaute," spricht Lenchen erregt und über das blasse Gesicht erglühend,wenn es sich um Schulden handelt, und so was, davon bin ich schon unterrichtet. Deshalb brauchst Du mich nicht hinaus zu schicken."

Soo?" sagt die Tante unter schwerem Aufatmen, ihre Schwägerin, die bei diesem Thema sofort zu weinen beginnt, mit harten Augen betrachtend.

Also, wenn Du weißt, mein Kind . . Es handelt sich freilich um diese Geschichten. Von Fremden muß ich hö­ren, daß man hier alles, alles gepfändet hat. So etwas in unserer Familie! Ich habe gehungert, ja gedarbt habe ich. Aber man hat mir nicht mal einen Küchenstuhl fort- genommen. Traurig genug, traurig genug. Nichts zum Leben und auch noch Schande."

Nun bricht Lenchen in herzzerreißendes Weinen aus: Tante, Tante! ich tu mir ein Leid an, wenn das so fort- gehen soll!"

Jetzt wird Tillitaute wider Willen weich. Für das Kind hat sie ein warmes Herz, wenn sie es auch nicht verwinden kann, daß das einzige ihres Blutes ihr nicht so zugetan ist, wie sie es gern möchte. Ihr Wesen ist eben zu verschieden von dem Lenchens. Zu hart, zu un­geschlacht für das liebliche, schönheitssinnige Mädchen.

MWWe^WMMZW3P«r»<My.*g<g!J^<>WM?gWfF*<TMEW^

Ja, ja, Schwägerin:" setzt stemm mitsanftererStimme fort,es muß gesägt sein. In der Stadt trägt es sich Herum, von Haus zu Haus, daß mein Bruder Frau und Kind in Elend zurückgelassen hat. Meinen. . meinen Bruder verurteilt man! Und wie hat er gearbeitet. Tag und Nacht sich keine Ruhe gegönnt.. Omein Gott, mein Gott!" Und auch Tillitaute drückt ihr großes leinenes Tuchaus Gesicht unb meint mit den andern um die Wette.

Das Mädchen aber begreift plötzlich den Vorwurf den diese Worte enthalten. Es kommt ein Verstehen über sie, daß dieser Luxus, dieser Ueberfluß in dem sie ausge­wachsen ist, Verschwendung sind, und daß ihr Vater darum immer so müde und gequält ausgesehen hat, weil er alles das mit seinen zwei weißen, mageren, rast­losen Händen herbeischaffen mußte.

Und sie hat alles so selbstverständlich hingenommen und in der Fülle geschwelgt; niemals, ist ihr auch nur ein Gedanke an Sparsamkeit gekommen, um ihren an­gestrengten Vater etwas zu entlasten.

Sparsamkeit! Das Wort ist in ihrem Hause nie aus­gesprochen worden.

Jetzt ist es Lenchen furchtbar zu Mute. Fast schreck­licher als am Grabe des Vaters. Da hatte sie doch diese wilden, heißen, strömenden Tränen und die halfen das Leid tragen. Jetzt versiegen sie und mit trockenen Augen starrt sie vor sich hin. Mit düstern, trockenen Augen. Denn auf ihre Mutter, wie kann sie auf die sehn? Vorwurfs­voll? Das darf sie doch nicht. Und doch wird ihr auf einmal so schmerzhaft klar, daß nur ihre Mutter an die­sem Elend Schuld trägt.

O Gott, wie gräßlich das Leben ist. Lenchen hat ein Gefühl, als sehe sie ihre eigene Kindheit, wie etwas Wesenhaftes, mit den Wolken immer iveiter und wei­ter segelnd, in der weiten Ferne des Unbekannten ent­schwinden. Und Lenchen Klinger von einst ist nicht mehr.

Dann reißt sie die Airgen mit Gewalt von den Wol- keugebildeu und wirft erst einen kurzen, ängstlichen Blick auf ihre Mutter. O Gott, ist das ein Bild: dieses Häuf­

lein Jammers, zurückgebeugt in den großen Lehnstuhl. Das ungeordnete Haar läßt das schrecklich verfallene Ge­sicht, in dem alle Runzeln unverhüllt zu Tage treten, vielleicht noch magerer erscheinen als es ist. Dazu der Ausdruck völliger Hilflosigkeit, ja Angst in den Augen, die scheu dem vernichtenden Blick der vollwangigenSchwä- gerin begegnen.

Wie ist auf einmal aller Vorwurf aus dem Herzen Lenchens entflohen. Ach, so reuevoll fühlt sie sich und so voll Liebe .. gottlob, aber auch voll Kraft, denn sie ist jung und gesund.

Und plötzlich, wie ein hingewehtes Blatt, kniet sie vor der geknickten Frau:Mütterchen, liebes, gutes! Blick nicht so starr und angstvoll. Nicht.. nicht, ich kann e# nicht ertragen. Ich will schon arbeiten, ich bin ja so jung und stärkt Mütterchen. Und alles wird man uns doch auch nicht fortnehmen. Wir haben ja so viele Sachen, davon wird uns bleiben, was wir benötigen, Du weißt ja, auch die Herren haben gesagt, es wird nur ein Teil verkauft, bis die Schulden gedeckt sind, weihtDunoch? O wir werden schon leben, denn wir haben uns ja so lieb. Nicht, Mama? Sieh mir nur nicht so traurig und jammervoll aus. Ich kann das nicht ertragen!"

Ach, mein Kind, mein liebes, liebes Lenchen." Und die vier Arme schlingen sich in einander wie die Ran­ken eines Weinstockes und die Tränen fließen Wange an Wange. Aber sie Brennen nicht mehr so heiß, denn die Liebe versüßt und erleichtert sie.

Ja, Mamachen, wenn wir unsere Schulden gezahlt und alles geordnet haben, dann arbeite ich Tag und Nacht. Mein Mütterchen soll wissen, daß es ein großes Mädel hat., und auch der liebe Papa über den Sternen wird sich freuen."

Das ist der erste tröstliche AugenbUck seit der Stunde, da Dr. Klinger krank ins Haus gebracht wurde.

Tillitaute blickt ein wenig erstaunt auf die Gruppe, auch ein wenig gerührt, aber auch nicht minder mit einem Gefühl des Neides und der Enttäuschung. 182,18*