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Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «s.
mit amtlichem Areisblatt.
Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 20.
Samstag, den 11. März 1911.
62. Jahrgang.
Zum 90. Geburtstage des Prinzen Luitpold.
Der Prinzregent hat aus Anlaß seines bevorstehenden Geburtsfestes seinen Urenkel, den Prinzen Luitpold von Bayern, zum Leutnant ä la suite des ersten Feldartillerie-Regiments Prinzregent Luitpold, ernannt, ferner den Herzog von Calabrien zum Inhaber des sechsten Feldartillerie-Regiments, das fortan die Benennung Sechstes Feldartillerie-Regiment Prinz Ferdinand von Bourbon Herzog von Calabrien führt, ernannt, den General der Kavallerie z. D. v. Xylander zum Generalobersten d. Kavallerie befördert und einer größeren Anzahl von Offizieren und Sanitätsoffizieren, die an den Feldzügen teilgenommen haben, aber aus dem aktiven Dienst bereits ausgeschieden sind, den Charakter einer höheren Charge verliehen.
Der beiden seinen Namen tragenden Feldartillerie- Regimentern, dem ersten und dem siebenten, hat der Prinzregent zu den bereits früher von ihm gemachten Regimentsstiftungen je 25 000 M., dem Verbände der Prinzregent Luitpold-Kanoniere in München 4000 Mk. und dem Verein ehemaliger Prinzregent Luitpold- Kanoniere in Augsburg 1000 Mk. überwiesen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser traf Dienstag an Bord der „Deutschland" um 9 Uhr vor Helgoland ein und landete mit Gefolge um 10 Uhr im neuen Marinehafen. Neben dem Badehause hatten Kompanien der Matrosenartillerie, sowie Vereine zur Begrüßung Aufstellung genommen. Der Kaiser besichtigte unter Führung des Oberbaurats Eckardt die Westmole und die im Bau begriffene Uferschutzmauer, worüber Regierungsbaumeister Verlor einen Bortrag abstattete. Um H '/i Uhr erfolgte die Abfahrt nach Bremerhaven.
— Das Befinden des Prinzen Adalbert, der wie gemeldet, an einer leichten Blinddarmentzündung er» krankt ist, war am Montag zufriedenstellend. Die Kaiserin ist am Montag abend 10 Uhr von Potsdam nach Kiel abgereist, um sich an das Krankenbett ihres Sohnes zu begeben.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die zweite Beratung des Bauelats fort. Abg. Freiherr v. Maltzahn (kons.), trat für Herabsetzung der Schiffahrtsabgaben im Stettiner Hafen ein, worauf Eisenbahnminister v. Breitenbach eine eingehende Prüfung dieser Frage in Aussicht stellte. Abg. Strosfer (kons.) wendete sich gegen die Auswüchse im Verkehre
der Kraftfahrzeuge. Seinen Ausführungen trat ein Vertreter des Ministeriums des Innern entgegen, der versicherte, daß speziell in Berlin der Automobilverkehr dem übrigen Verkehr eingegliedert werden würde. Abg. Dr. Schroeder-Kassel (natl.) erörterte das Submissionswesen und beklagte es, daß die Handwerkskammern zu wenig berücksichtigt würden. Demgegenüber versicherte Minister v. Breitenbach, daß die Beschwerden der Handwerker nach Tunlichkeit abgestellt werden. — Am Montag wurde nach unwesentlicher Debatte die zweite Lesung des Bauetats zu Ende geführt und mit dem Etat des Finanzministeriums begonnen, wobei wieder die Frage des Kursstandes unserer Staatsanleihen und die Mittel zu seiner Hebung im Vordergrund der Besprechung standen. Abg. v. Arnim-Züsedom (kons) empfahl, den Sparkassen günstigere Bedingungen beim Erwerb von Konsols zu gewähren und sie zu verpflichten, einen höheren Prozentsatz in Staatspapieren anzulegen. Finanzminister Dr. Lentze erklärte den einzigen erfolgverheißenden Weg dahin, einen festen Kreis von Abnehmern für Staalsobligationen zu schaffen, wobei in erster Linie die Sparkassen in Betracht kämen. Diese Angelegenheit werde noch erwogen; voraussichtlich werde man den Sparkassen die Verpflichtung auferlegen, Staatspapiere in erheblicherem Umfange anzukaufen. Zum Schluß wurden noch Wünsche nach stärkerer Unterstützung der Altpensionäre geäußert.
Ausland.
— Der Sühnefeldzug auf Ponape ist beendet. Der älteste Offizier der vor Ponape versammelten deutschen Seestreitkräfte, Fragattenkapitän, Vollerthun, meldet aus Guam: Die Operationen gegen die Aufrührer von Ponape sind am 22. Februar beendet worden. Der ganze Stamm der Dschokatsch ist ge- gefangen, 15 Mörder, die am Blutbade vom 18. Oktober beteiligt waren, sind auf Grund des Urteils des Bezirksamtmanns vom 24. Februar standrechtich erschossen worden. Alle übrigen Aufständischen, zusammen 426 Menschen, sind nach Aap verbannt und werden dorthin von „Titania" übergeführt. Fast alle im Besitze von Eingeborenen befindlichen Gewehre sind abgeliefert. Die schnelle und gründliche Erledigung hat nachhaltigen Eindruck gemacht. Die Eingeborenen, bei denen starke Friedensneigung vorherrscht, empfinden die verhängten Strafen als gerecht.
— Neue Negerausschreitungen gegen weiße Frauen werden aus Johannesburg gemeldet. In Germiston kehrte die Frau eines Minenbesitzers um Mitternacht nach Hause zurück. Sie befahl dem eingeborenen Diener, sich schlafen zu legen. Nach kurzer Zeit wurde sie durch Rufen ihrer Schwester geweckt, die ihr erklärte, daß sie soeben von einem Menschen berührt worden sei. Die Frau des Minenbesitzers ergriff eine bereitstehende Flinte und zündete ein Streichholz an. Bei dessen Schein sah sie den schwarzen Diener mit einem Beil vor dem Bett ihrer Schwester stehen. Sie feuerte und tötete ihn auf der Stelle, verletzte jedoch ihre Schwester gleichzeitig nicht unbedeutend. Ein ähnlicher Fall wird aus Krügerdorf berichtet, wo eine verheiratete Frau während der Nacht aufwachte und einen Neger im Schlafzimmer fand. Sie rief um Hilfe, ihr Mann und ein im Wohnzimmer anwesender Freund eilten herbei, und es entspann sich ein Kampf mit dem Neger, der zu dessen Ueberwältigung führte.__________________
36. Kommunalland für den RegierungbezirK Kassel.
Am Montag abend wurde im Sitzungssaale des Ständehauses der 36. Kommunallandtag durch den Königl. Kommissar, Oberpräsidenden Hengstenberg, eröffnet. Die Abgeordneten waren bis auf zwei, die durch Krankheit ferngehalten wurden, sämtlich erschienen. Der Oberpräsident eröffnete den Landtag mit einer Ansprache, in der er zunächst die Abgeordneten willkommen hieß. Die Tagung werde von voraussichtlich nicht langer Dauer sein. Die Staatsregierung habe diesmal Vorlagen nicht zu machen. Den Berichten über die Ergebnisse der Verwaltung, den Verhandlungen über die Voranschläge und den übrigen Vorlagen sei die Ueberzeugung zu entnehmen, daß Umsicht, schaffensfreudige Hingabe und weise Sparsamkeit ein erfreuliches Gesamtbild entstehen ließen. Die Bezirksverwaltung habe in der Inanspruchnahme ihres Kredits seither bewußt eine sehr nützliche Zurückhaltung geübt. Die Ergebnisse des ersten Betriebsjahres der Wanderarbeitsstätten berechtigten zu der Annahme, daß dem Wanderbetrel mehr und mehr der Weg versperrt wird. Die sehr beträchtlichen, immer noch zunehmenden Auswendungen für die Fürsorgeerziehung Minderjähriger hoben den greifbaren Erfolg, daß bei nicht weniger als 76 Prozent der entlassenen Zöglinge der Zweck der Fürsorgeerziehung als erreicht gelten darf.
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 9
Und damit zog die Verbitterung in das trotz geisti- gerBeschränktheit warmfühlende Herz des alternden Mädchens ein. Ihre Abneigung aber richtete sich naturgemäß gegen die vornehme Schwägerin, mit der sie wie Feuer und Wasser zusammenpaßte.
Was halfs, daß nach dem Tode des Vaters Martin jedem Anspruch auf dessen Nachlaß entsagte? Die Schulden waren so hoch, daß die Vernunft eigentlich den Verkauf des Hauses gebot. Ottilie aber hing mit so zäher Liebe an dem Erbe, daß sich mit dem Opfer des Hauses sicher auch ihr Leben, das mit dieser Stätte verwachsen war, verblutet hätte. So richtete sie die beiden Stuben mit ihren besten Sachen ein. Auch Schwägerin Mathilde gab willig her, was für ihre stilvoll eingerichtete Wohnung nicht paßte, für Ottilies Herrenzimmer aber noch prachtvoll erschien. Die Erbin selbst nistete sich in der kleinen Küche ein und bestritt ihren Lebensunterhalt von einfacher Weißnäherei und dem Ertrag ihres Hausgärt- chens. Der Monatszins der Herrenstuben wurde ausschließlich zur Tilgung der Schulden verwendet.
Nach einer Reihe von Jahren, in dieser drückenden Art verlebt, brächte das gütige Geschick Fräulein Klin- ger das Glück in Gestalt eines verwachsenen Steuereinnehmers ins Haus. Dieser Mieter, ein bis an die Grenze des Geizes sparsamer alter Herr, der etliche Tausende in der Sparkasse hatte, fand Gefallen an der praktischen achtundvierzigjährigen Hausbesitzerin. Die beidenHerzen fanden sich in Liebe. Die Schulden wurden getilgt, und Tilitante ward plötzlich die Gemahlin eines wohlbestallten Beamten.
War das ein Triumph für ihre von kleinlichen Widerwärtigkeiten des Alltages verbitterte Seele. Siestand nun gesellschaftlich auf gleicher Stufe mit ihrer überaus standesstolzen Frau Schwägerin. Alles an ihr blähte
sich, was nur irgend diesen: Gesetz zu folgen vermochte. Von den graumelierten Haarpuffen angefangen, bis hinab zu den Bandrosetten an den Brautschuhen aus Handschuhleder, plusterte jeder Gegenstand an der plötzlich in Toilette aufsteigenden Frau Steuereinnehmer Römer. Die eine der Vorderstuben wurde zum „Salon" erhoben, die andere allerdings weiter vermietet, da Frau Ottilie sich dem Sparsystem ihres Eheherrn verständnisvoll an- schloß und den Pfennig lange besah, den sie unnötigerweise ausgeben sollte .. und dann wieder einsteckte.
Nur ihr Aeußeres erfuhr, wie gesagt, eine standesgemäße Umwandlung, was ja ganz natürlich war, da der liebe Römer auch stets adrett gekleidet und wohlgebürstet und gebügelt einherging. Aus der Küche unseres herbstlich angehauchten Liebespaares waren zwar alle überflüssigen Leckerbissen und magenverderbende Süßigkeiten verbannt aber ein saftig Stück Fleisch und eine kräftige Suppe dampfte täglich auf Römers Tisch, und da polsterten sich allmählich die mageren Hüften und der liebliche Busen Frau Ottilies aus, die Wangen folgten wohlgemut dem guten Beispiel und so wurde aus der knochigen alten Jungfer die schwellende Tillitante, die wir zuerst am Krankenbett ihres trotz aller Differenzen so heißgeliebten Bruders antreffen.
Unermüdlich wickelte sie nach Anordnung des Arztes ihren Kranken in nasse Leintücher und versieht ihn mit Arznei.
Lenchen hat sich ihren Stuhl dicht an den der Tante gesetzt, da sich ihr verängstigtes Herz neben der stattlichen Vatersschwester doch sicherer und beruhigter fühlt.
Allerdings, wenn sie dann die Blicke auf den kranken Papa fallen läßt, dessen Augen so unheimlich ein- §efaUen sind, während die mageren Wangen von Fie- erröte erglühen, da ergreift die Arme ein Weh zum Ersticken, das die oft besser gemeinten als gewählten Trostworte der Tillitante nicht zu lindern vermögen.
Ein herrlicher Frühlingsmorgen folgt auf die lange, bange Nacht. Lenchen, die nach zwölf Uhr ein wenig
geschlafen hatte, war nachher in Frau Mathildes Zimmer gegangen, wo sie wohl eine Stunde auf Mamas Bett, sich mit dieser umschlungen haltend, gelegen und mit dieser zusammen geweint haben. Wie fühlen sie sich verlassen ohne das ermutigende Wort des Vaters. Lenchen hat ihrer Mutter auch erzählt, wie sorgsam Tillitante während der Nacht den Kranken gehütet hat.
Gegenwärtig weilt die treue Marie an dem Bett, da die Tante nach Hause geeilt ist, um dem lieben Gatten die allmorgendlichen Handreichungen zu leisten und baS Frühstück zu bereiten.
„Ach, nur ich Unglückliche kann nicht immer um ihm sein, denn mein armer Kopf schmerzt zum Zerfliegen!" jammert die schwache Frau, die wie zerschlagen in ihrem mit dem feinsten Spitzen reichverziertem Bettzeug liegt und hilflos auf ihr Kind blickt, das ihr die weichen Haare aus der Stirn stteicht, sie trösten möchte und doch selbst so des Trostes bedürftig ist.
Langsam schreitet Lenchen dann über den Hof nach Vaters Räumen.
Wie war sie doch gestern Morgen so ein glücklicher Mensch, denkt sie, indem sich das Licht des eben ausgehenden Tagesgestirns über ihre junge, liebliche Gestalt ergießt, „so glücklich, daß ich Marie auszankte, weil sie mich nicht mit den Spatzen zugleich geweckt hatte. Ach Gott, jetzt höre ich sie zwitschern und jubeln, und auch die Akazien duften so herrlich, und die Rosen .. alles ist so schön, so schön. Aber was frage ich danach und auch nach allem andern, was mich sonst gefreut hat? Alles, alles ist mir so gleichgültig, nur mein lieber Papa." Und indem das Wehgefirhl heiße Tränen aus ihren Augen preßt: „Ach, wenn ich doch wenigstens nicht so allein wäre."
Und wie sie, ein wenig ruhiger geworden, mit trüben Augen umherblickt und die Erschemungen des frühen Morgens in sich aufnimmt, die ihr eigentlich fast unbe- kannt sind, da durchzuckt sie plötzlich der Gedanke: „Wer weiß, ob Du von nun an nicht immer so früh aufstehen mußt!" 182,18*