Zchlüchtemer >itung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 19.
Amtliches.
Bekanntmachung.
J.-Nr. 325. Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher ersuche ich, noch etwa vorhandene Steuer-Zu- und Abgänge — wegen des bevorstehenden Jahres« abschlusses — mir umgehend zur Festsetzung einzureichen.
Schlächtern, den 6. März 1911.
Der Vorsitzende der Einkommensteuer-Veranlagungs-Commission
Valentiner.
Müßige Minuten.
Soeben hast du deine Arbeit vollendet. Du ziehst die Uhr. „Um 1 Uhr will ich zum Essen gehen, O, es fehlen nur noch 10 Minuten: da lohnt es sich nicht mehr, etwas Neues zu beginnen." So sprichst du, und oft genug, können wir das Wort hören: „Die Zeit ist zu kurz, um noch etwas anzufangen." Wieviel wertvolle Zeit geht auf diese Weise verloren! Es sind ja nur 10 Minuten; das gibt in der Woche eine verlorene Stunde, und in den 52 Wochen eines Jahres sind es deren 52. Wie häufen sich die verlorenen Tage deines Lebens! Eine schöne Zeit, die wir unbenutzt verstreichen lassen! Aber gerade die Stunden, die wir achtlos wegwerfen, hätten uns vielleicht manchen Mißerfolg ersparen können. Um vieles hättest du in deinem Leben weiter und vollkommener sein können, wenn du auch die Minuten richtig ausnutzen würdest. Es ist ein wahres Wort: Verlorener Reichtum läßt sich durch Fleiß und Sparsamkeit, verlorenes Wissen durch Studium, verlöre Gesundheit durch Mäßigkeit und Medizin wiedergewinnen. — verlorene Zeit aber ist für immer verloren. Erfasse also den Augenblick und lerne von der Minute. „Was man von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück." Die Zeit ist ein kostbares Gut, und unsere Lebenszeit ist kurz. Daß du nicht am Ende deines Lebens klagen mußt: „O, hätte ich meine Zeit nicht so schlecht ausgenutzt! Könnte ich noch einmal leben, ich wollte die kostbaren Stunden nicht unbenutzt verstreichen lassen!"
Dein Leben gewinnt an Länge, b. h. an Wert, wenn du auch die müßige Stunden nutzest. „Zeit ist Geld," sagt der Geschäftsmann. So wenig du dein Geld wegwirfft, so weiig darfst du auch deine Zeit müßig verstreich!» lassen. Was läßt sich alles in täglich einer Stunde vollb ingen und erwerben! Wie-
Mittwoch, den 8. März 1911.
viel Wissen kannst du dir in dieser Zeit aneignen! In täglich einer Stunde kannst du mit Aufmerksamkeit ungefähr 20 Seiten lesen, das sind in einem Jahre 7000 Seite». Welch stattliche Reihe von Bänden ergäbe dies! Welches Vermögen steckt also in sorglos dahingeworfenen Stunden! Große Männer haben stets mit ihrer Zeit gegeizt. Cicere sagt: „Was andere auf öffentliche Spiele und Schaustellungen, ja auch auf geistiges und körperliches Äusruhen verwenden, das benutze ich zum Studium der Philosophie." Goethe pflegte mitten im Gespräch plötzlich sich zu entschuldigen, in fein Arbeitszimmer zu gehen und einen Gedanken, der ihm für seinen „Faust" gekommen war, niederzuschreiben, damit er ihn nicht vergäße. Ick gäbe keine Zeit, müde zu sein," das waren die Worte, die Kaiser Wilhelm I. noch auf dem Sterbebette sagte. Und auf dem Nachttische unseres Kaisers liegen Schreibpapier und Bleistift, um wichtige Gedanken, die ihm in wachen Nachtstunden kommen, festhalten zu können.
Gewiß muß man seinem Geist und Körper auch einmal Ruhe gönnen, sie bedürfen der Erholung. Aber Ruhe und Erholung sollen doch darum noch nicht Müßiggang fein. „Müßiggang ist aller Laster Anfang." Er schwächt die Nerven und Muskeln. Verlorne Zeit ist also Kraftverschwendung. Gerade im Müßiggang geschehen die meisten Vergehungen. Willst du dich vor Versuchungen bewahren, so meide den Müßiggang. Tätigkeit schützt vor Gefahren. Wie einer seine freie Zeit verwendet, danach kann man auch seinen Charakter beurteilen. Du hast gewiß irgend eine Lieblingsbeschäftigung oder ein Steckenpferd, wie man sagt. Wo nicht, so suche dir eine solche. Zu irgend einer Tätigkeit während deiner freien Stunden wirst du ja wohl Neigung haben. Wie mancher hat schon auf diese Weise neben seinem Berufe Großes geleistet! Eine solche Beschäftigung in Mußestunden wird dir zur Freude, und Freude ist Erholung.
Solange ein junger Mensch in seinem Berufe tätig ist, braucht man sich nicht um ihn zu sorgen. Aber wie und wo verbringt er seine freie Zeit, seine Abende, seine Sonn« und Feiertage? Die Mehrzahl derer aus denen nichts geworden ist, haben ihre Mußestunden vergeudet. Darum, du junger Mensch im besonderen, wie verbringst du deine Mußestunden? Sind es Stunden, auf welche du nach vollbrachter Lebensbahn mit Freude und Genugtuung zurückblicken kannst? Darum nutze die Stunden; denn selbst die Ewigkeit vermag nicht den Verlust einer Stunde zu decken
62. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Die Abreise des Kaiserpaares nach Korfu dürfte bald nach Beginn des letzten Drittels des Monats März erfolgen.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag noch immer mit dem Heeresetat. Der Abg. Noske (Soz) spielte sich, trotzdem er, wie der Abg. Rogalla v. Bieberstein (kons.) feststellte, keine blaffe Ahnung von den einschlägigen Verhältnissen hatte als Sachverständiger in der Remontezucht auf, wurde aber grünblich abgeführt. Eine fortschrittliche Resolution, guten Turnern Vergünstigungen im Dienste im Avancement und Verkürzung der Dienstzeit zu gewähren, wurde abgelehnt. Den Schluß der Sitzung bildete die Beratung des Artillerie- und Waffenwesens, bei der, wie immer, speziell die Verhältnisse in Spanbau erörtert wurden. — Am Freitag wurden die Arbeiter- verhältnisse an den Mllitärwerkstätten besprochen. Hierüber sprachen die Abgeordneten Behrens (Wirtsch. Vp.), Becker-Köln (3 ), Zubeil (Soz.), Schwarze Lipp- ftadt (3 ), Hue (Soz.) Hoch (Soz.), Giesberts (Z.) und Kell (Soz). Mit Recht sagte der Abg. Frhr.v. Gamp (Rp.), daß wohl kein Parlament der Welt so viel Zeit auf die Besprechung von Kleinigkeiten verwende. Die übrige Debatte verlor sich in lokalen Wünschen und Anregungen. — Nächste Sitzung Dienstag.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag den Hmdelsetat. Abg. Thurm (fortschr. Vp.) trat für staatliche Förderung des Flachsanbaus ein. Abg. Dr. Hahn (kons.) bekämpfte in längerer Rede die Banken, Warenhäuser und den Hausabund. Den Schluß bildete ein Rededuell zwischen den Abgg. Sirosser (kons.) und Rahardl frkons.), so daß die weiteren sachlichen Debatten danach kein Interesse mehr fanden. Der Handelselat wurde genehmigt. — Am Freitag wurde zunächst die Vorlage über die Erweiterung des Stadtkreises Stettin an die Gemeindekommission verwiesen. Die Sitzung wurde dann fast ganz durch die Besprechung des konservativen Antrags zum Etat der Bauverwaltung ausgefüllt, daß der preußische Staat bis zur Lösung der Frage der Erhebung von Schiffahrtsabgaben die Fahrtiefe auf der Elbe und anderen Wasserstraßen nur auf der vertraglichen Tiefe erhalte und daß so lange 200 000 Mark aus dem Etat gestrichen werden sollen. Der Antrag der von dem Abg. v. Pappenheim (kons.) begründet wurde, wurde schließlich zurückgezogen, da die Rechte wisse,
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 8
Jetzt ist Frau Römer allein bei dem Kranken. Sie hat ihr anliegendes Straßenkleid und die rasselnden Un- lerröcke abgelegt und einen weiten Schlafrock angezogen, in dem ihre Körperfülle erheblich gewachsen erscheint. Auch die knarrenden Stiefeletten sind den bequemenHaus- schuhen gewichen; und wie die gute, alte Seele den Lehn- stuhl des Doktors, den sie sich vor dessen Bett geschoben hat, mit ihrer aus dem Leim gegangenen Persönlichkeit anfüllt, sieht sie merkwürdig gealtert aus. Denn auch die Wangen lassen sich, in Uebereinstimmung mit der Gesamtmaterie, schlaff gehen und schlottern nur so hin und her.
Marie hat einen Kübel mit Eis ins Vorzimmer gestellt und fragt, ob sie zur Hilfeleistung dableibensoll.
„Nein, das sollen Sie nicht, Liebe. Ein Butterbrot machen Sie Fräulein Lenchen zurecht; dann können Sie einen Polster und eine Decke hierher auf den Divan legen, damit es bei der Hand ist, falls das Fräulein nicht in seinem Zimmer schlafen will. Und Sie selbst, meine Gute, essen etwas Abendbrot, und dann legen Sie sich aufs Ohr, denn die Nacht bei einem Kranken dauert langes und wir werden Sie später wecken müssen."
„Jawohl, Frau Einnehmer. Das Klingelzeichen macht mich sofort munter. Ich bin es von gnä' Frau gewöhnt, nachts geweckt zu werden."
Mit sichtlich geübter Hand hat Tillitante den heißen Leib des ächzenden Bruders in ein fest ausgewundenes, eiskaltes Laken gewickelt. Dabei hat der Kranke die Lider einen Moment gehoben, und die blauen Augen haben einige Sekunden an dem Blick der Schwester ge- hangen, um sich dann wieder fest zu schließen.
Ober sie erkannt hat? Wohl schwerlich; denn sein Gehirn ist von Wahnvorstellungen erfüllt. Aber der Blick, der traurige, hilfsbedürftige Blick!
Vor vielen Jahren, als der Gute noch daheim und ein Junge war und einen Wunsch hegte, dessen Erfüllung außer dem Bereiche der Möglichkeit lag, damals konnte er auch so traurig sehen, daß Mutter und Schwester heimlich Mitleidstränen vergossen.
Die Erinnerung an diese Zeit hat die bei dem düsteren Nachtlicht auf die Atemzüge des Kranken Lausckende vollständig ergriffen. Sie sieht sich mit dem lieben Bruder noch als Kinder in dem einfachen Hause ihrer heim- gegaugenen Eltern, wackerer Handwerksleute, in glücklicher Anspruchslosigkeit aufwachsen.
Martin war allerdings um acht Jahre jünger, und darum, und weil er so ein wunderhübscher, feiner Junge war, wurde er von der Schwester und den Eltern über alles geliebt, ja vergöttert.
Nun wollte es der Himmel, daß er auch über bedeutende Geistesgaben verfügte, sodaß die Lehrer über den vortrefflichen Jungen immer des Lobes voll waren. Was war also natürlicher, als daß er aus seinem Stande herausgehoben und für das Studium bestimmt wurde? Durch das Gymnasium ging er ja auch ganz leicht, denn ein braver Tischler bringt immer soviel vor sich, daß er, auch ohne Privatvermögen zu besitzen, für die Erziehung seiner Kinder aufkommen kann.
Schwieriger gestaltete sich die Sache, als der Sohn die Universität bezog und sich überdies das kostspielige Studium der Medizin ausgewählt hatte. Da reichte der Erlös der Arbeit nicht mehr aus, monatlich fünfzig bis sechzig Gulden nach Wien zu schicken, und auch die daheim mit bem Allernötigsten, mehr gönnten sie sich mit Rücksicht auf den Jungen nicht, zu versorgen. Das gute alte Wohnhaus in der Hintergasse mußte also bis aufs äußerste belastet werden, und Schwester Tilli, die sich damals um die Dreißig herum befand, gab auch willig her, was sie für Nähereien verdiente. Waren sie doch alle so unendlich stolz auf ihren Martin. So, stolz, daß sie sich mit dem steten Lobgesang auf den Herrn Akademiker bei den Nachbarsleuten ein wenig lächerlich machten.
Und so schwanden allmählich die Jahre der Universitätszeit hin; für Martin Klinger eine herrliche, für seine Eltern und Schwester eine schwere, an Entsagungen und Opfern reiche Zeit.
Die erste Patientin, an der der junge Doktor der Heilkunde sein Wissen praktisch üben sollte, war seine Mutter, leider war menschliche Kunst zu gering, um die schon vor Beginn ihrer Krankheit dem Tode Geweihte zu retten. Ihr Körper hatte im Laufe eines harten Lebens die Widerstandsfähigkeit zu sehr eingebüßt.
Nach ihrem Ableben versah natürlich Ottilie die kleine Wirtschaft des Vaters und gleichzeitig den Hausstand des Bruders, der seine ärztliche Praxis in dem Andersschen Hause eröffnete, wo bis dahin ein sehr gesuchterRegimentS- arzt gewohnt hatte. Nun konnte der getreue Sohn wenigstens die Zinsen des tief verschuldeten Vaters abzah- len. Eine reiche Heirat sollte schließlich die Schuldenlast von dem Häuschen heben, das dann natürlich der opferwilligen Schwester verblieb, der doch ein Zehrpfennig da- raus erwuchs.
Es sollte anders kommen. Als behandelnder Arzt in das vornehme Haus des pensionierten FinanzdirektorS Röber gerufen, verliebte er sich sterblich in die schöne, einzige Tochter Mathilde. Vermögen war keines vorhanden, eher noch einige Schulden in verschiedenen Geschäften, die der Schwiegersohn nach dem wenige Jahre später erfolgten Ableben des Finanzdirektors zahlen mußte.
Unter so ungünstigen materiellen Bedingungen legte Martin Klinger den Grundstein zu seiner Ehe, die ihn allerdings mitten in den Schoß des LuKts bettete, denn das überaus vornehme Mobiliar des Römerschen Hauses ging ungeteilt in den Besitz Mathildes über, die ihren eigenen Haushalt genau in demselben Stil einrich- tete, wie sie es bei dem Vater gewöhnt war.
Ottilies Hoffnung, daß Martin die auf dem Vaterhaus lastende Schuld tilgen und sie selbst, nach den langen Jahren der Entbehrung, auch ein sorgenloses Leben führen werde, schwand mehr und mehr. 182,18*