mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere IVimat". Telefon Nr. «L.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 17.
Mittwoch, den 1. März 1911.
Jahrgang.
SSSIW 'IM. MMWMMWM ^IMfWWHMWM Amtliches.
— J.-Nr. 2505. In der Zeit vom 9. März bis 6. beziehungsweise 13. April d. Js. soll bei genügender Beteiligung ein Ausbildungskursus für Fleischbeschauer und Trichinenschauer im Schlachthofe zu Hanau abgehalten werden.
Etwaige Anmeldungen sind an den Leiter des Kursus, Schlachthofdirektor Dr. Becker in Hanau zu richten.
Schlüchtern, den 25. Februar 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 2563. Die Abhaltung der beiden auf den 7. und 21. März ds. Js. festgesetzten Viehmärkte in Schlüchtern wird mit Rücksicht auf die Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche in der Umgebung des südlichen Teiles des Regierungs Bezirks Cassel im Austrage des Herrn Regierungs-Präsidenten hiermit untersagt.
Schlüchtern, den 27. Februar 1911.
Der Königliche Landrat. Valentiner.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar wird voraussichtlich in der Osterzeit auf Korfu verweilen und dort mit dem Kronprinzen und der Kronprinzessin die Festtage verleben. Die Reise des kronprinzlichen Paares nach Rom dürfte in die zweite Hälfte des April fallen.
— Der Reichstag begann am Donnerstag die zweite Lesung des Militäretats mit der Beratung der Quinquennalsvorlage. Mit Ausnahme der Sozial- demokraten und Polen und einer Minderheit des Zentrums erklärten alle Parteien ihre Zustimmung, so daß Kriegsminister v. Heringen erklären konnte, das deutsche Volk dürfe zufrieden sein mit der Art, wie die nationalen Parteien sich dieser Heeresvorlage gegenüber gestellt haben. Weiter wies der Kriegsminister darauf hin, wie verhältnismäßig gering trotz unserer Zwei- frontenlage im Vergleich zu andern Staaten unsere Heeresausgaben sind, wies auf die ungeheuren Kosten eines unglücklichen Krieges, auf die Armee als Kräfte- spender an das ganze Volk. Gerade die englischen Arbeiter, die in Deutschland waren, hätten in dieser Beziehung gemerkt, was die allgemeine Wehrpflicht vermag. Die Vorlage wurde schließlich nebst den eingebrachten Resolutionen bis auf § 1 angenommen. — Am Freitag wurde zunächst der grundlegende § 1 der
Heeresvorlage in namentlicher Abstimmung mit 247 gegen 63 Stimmen angenommen und dann mit der zweiten Lesung des Militäcetats begonnen. Abg. Noske (Soz.) verlangte eine Erhöhung der Mannschaftslöhne und brächte eine lange Reihe von Beschwerden vor. Kriegsminister v. Heecingen konnte die Erhöhung der Mannschaftslöhne nicht in Aussicht stellen, bestritt, daß die Offiziere in übermäßiger Zahl pensioniert werden, und legte dar, daß die bürgerlichen Elemente immer mehr Eingang in den Generalstab und die bevorzugten Stellen finden. Zum Schluß brachten die Abgg. v Liebert (Rp.) und Werner (Resp.) Wünsche von Militäranwärtern zunr Ausdruck.
— Das preußische Herrenhaus erledigte am Donnerstag eine Reihe kleinerer Vvrlagen, die zu Debatten keinen Anlaß gaben, sowie Petitionen. Für die Zweckverbandsgesetze und das gewerbliche Pflichtfortbildungsschulgesetz wurden besondere Kommissionen gewählt, worauf sich das Haus bis Ende März vertagte.
— Eine deutsche Antwort an die Präger Tschechen hat dieser Tage der Nürnberger Stadtrat gegeben. Der Präger Stadtrat hatte sich an die großen europäischen Städte mit dem Ersuchen gewandt, ihm die Art und Weise, wie in den betreffenden Städten die Straßenreinigung dürchgeführt wird, mitzuteilen. Dieses Schreiben ist in französischer Sprache geschrieben. Auf dieses Schreiben in französischer Sprache ist vom Nürnberger Stadtrat die richtige Antwort erteilt worden. Der Stadtrat von Nürnberg hat nämlich mit 11 gegen 9 Stimmen beschlossen, die Zuschrift des Präger Stadtrates nicht zu beantworten, weil sie in französischer und nicht in deutscher Sprache abgefaßt ist. Hoffentlich antworten alle deutschen Städte, an die man sich mit einem französischen Schreiben gewandt hat, in derselben Weise.
— In Gotha ist die gerichtliche Bestrafung eines ungetreuen „Genossen" erfolgt. Die dortige Strafkammer verurteilte nach fünftägiger Verhandlung den sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Denner wegen Untreue und Unterschlagung bei der Verwaltung der Ortskrankenkasse zu Waltershausen zu 8'/- Monaten Gefängnis und Aberkennung der bürgerlichen Ehren- rechte auf 3 Jahre.
Msland*
— Ein Siebentel des deutschen Kutschukbedarfes stammt aus unseren Kolonien. Das Deutsche Reich hat im Jahre 1909 156 000 Doppelzentner rohen oder
gereinigten Kautschuck eingeführt im Werte von rund 135 Millionen Mark; im letzten Jahre gar 187 000 Doppelzentner im Werte von 163 Millionen Mark, an dieser Einfuhr hat Deutsch Ostafrika einen Anteil von 4760 Doppelzentnern. Deutsch-Südwestafrika von 260 Doppelzentnern, Kamerun von 1935 Doppelzentnern, Togo von 1300 Doppelzentnern gehabt, das gesamte Afrika demnach rund 25 700 Doppelzentner, d. h. etwa ein Siebentel unseres Bedarfes. Unsere Hauptkautschuklieferanten sind auch im^ legten Jahre Brasilien mit einer Zufuhr von rund 57 000 Doppelzentnern und der Kongostaat mit 22 500 Doppelzentnern gewesen. Sodann aber folgt sofort Kamerun mit der obengenannten Zufuhr und hat im letzten Jahre Mexiko überflügelt, das sonst diese Stelle einnahm.
— Nach dem Budget des französischen Kriegsministeriums beträgt die Stärke der französischen Armee im Rechnungsjahr 1911 555 670 Mann, weist also eine Vermehrung von 1474 Köpfen gegen 1910 auf. Der an und für sich geringe Ueberschuß an verfügbaren Mannschaften überrascht gleichwohl, namentlich weil man auf ein weiteres Sinken der bekanntlich in stetem Rückgänge befindlichen Zahl der zum Militärdienst geeigneten Mannschaften gerechnet hatte. Zu erklären ist der auffallende Umstand nur dadurch, daß die Geburtenzahlen für die Jahre 1889 und 1890 sehr wesentlich verschieden gewesen sind. In der Erwartung, daß die Jahresklasse 1909 nur wenig hinter der auf 231 761 zu beziffernden Klasse des Jahres 1908 zurückbleiben werden, ist man aber enttäuscht worden; die genaue Feststellung der Klasse 1909 ergab nur 207 600 für den Dienst mit der Waffe geeignete Mannschaften. Um jene höheren Ziffern festzuhallen, ist man gezwungen, größere Einberufungen zum Service auxiliaire eintreten zu lassen.
— Die erste Lesung der englischen Parlamentsbill ist im Unterhause mit 351 gegen 227 Stimmen angenommen worden. Von den Bänken der Ministeriellen ertönten langanhaltende Cheers, besonders Asquith war der Gegenstand begeisterter Kundgebungen.
— Zum Bau der Bagdadbahn erfährt das „Reu- tersche Bureau", die zwischen England und der Türkei schwebenden Unterhandlungen seien noch nicht weiter gediehen, als daß die türkische Regierung ihre Absicht zu verstehen gegeben hat, gewisse Vorschläge zu machen, und daß die englische Regierung ihre Bereitwilligkeit ausgedrückt hat, diese Vorschläge ■ in Erwägung zu ziehen.
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 4
„Was fehltdenn der Garzoni ?" fragte der Doktortrocken.
„Schlaflosigkeit, verbunden mit Herzklopfen. Nervöse Zustände überhaupt. Die arme Frau ist überreizt bis in die Fingerspitzen."
„Und von der Gesellschaft versprichst Du Dir Erleichterung und Annehmlichkeit? Du, Mathilde? Die selbst überreizt ist, beinahe .. beinahe bis zur Hysterie?"
„Ach Gott, Männchen, gerade darum verstehen wir uns. Ich versichere Dich, Martin, ich kann robuste Menschen nicht vertragen."
„Du bist aber auch so eine Feine, Mütterchen, so eine Feine!" versicherte Lenchen, indem sie aufspringt und daS schmale Gesicht der lächelnden Mutter mit ihren jungen, kräftigen Händen umschließt.
„Du aber nicht, Liebling," wehrt sich Frau Mathilde vor der stürmischen Liebkosung. „Deine Hände rascheln vor Härte. Benutzest Du denn die Creme auch regelmäßig zur Pflege Deiner Haut, wie ich es angeordnet habe? Und ziehst Du die hirschledernen Handschuhe an, Kind? Sag!"
„Mama, da fragst Du mich wirklich zu viel, denn ich falle am Abend immer gräßlich verschlafen in die Federn hinein. Es schwant mirso, als ob ich mir manchmal etwas über die Hände streiche, aber ob das nun Creme ist oder Putzpomade oder Schuhwichse, darüber kann ich nicht Rechenschaft geben. Na, ob Du nun lachst, Vaterl, das ist nicht ausgeschnitten," versicherte Lenchen ganz ernsthaft.
„Und wie steht es mit den Hirschledernen?" fragt der Doktor belustigt, während seine Gattin ganz ent- .setzt die Hände faltet.
„Ja, wenn die Marie mir sie über die Finger zieht, so sitzen sie ja morgens auch braus. Wenn nicht, so sind sie halt wo anders."
„Mein Kind, wirst ©u jemals eine Dame werden?" „Na, hörst Du, Lenchen? Jetzt antworte der Mania."
„Eine Dame? Ohne Rad? Unmöglich!"
„O Du dreifacher, siebenfacher Schelm!" Laut lachend erhebt sich der Doktor und klopft seinem Liebling zärtlich die Backen.
Hierauf nimmt er zärtlichen Abschied von seinen Angehörigen, da er zu neuerlichen Krankenbesuchen aufs Land fahren muß.
Lenchen küßt ihrem Mütterchen innig beide Hände, läßt geduldig noch einige Verweise über sich ergehen, um schließlich ihre Taschen mit dem Rest des Nachtisches anzufüllen und wie ein Vögelchen davonzuträllern.
„Und, Marie, vergessen Sie nicht, mich auf punkt vier Uhr bei der Schneiderin anzumelden," beauftragt die zurückgebliebene Herrin das abräumende Stubenmädchen.
„Ja, gnä' Frau."
„Und das Silber soll mir in Zukunft tadellos blendend auf den Tisch kommen. Ich war heute sehr unzufrieden .. merken Sie sich das."
„Ja, gnä' Frau."
„Dann für morgen .. doch nein, das ist Freitag, da stellt sich meine Migräne ein .. aber für Sonnabend sollen Julie und die alte Waschfrau bestellt werden. Ein gründliches Putzen der Wohnung muß vorgenommen werden, da ich nächste Woche meinen Monatskranz habe. Morgen können Sie mit der Köchin . .Uebrigens, o Gott .. o Gott, da ist ja die unselige Migräne, und dann vertrag ich kein Geräusch. Sie werden also das feine Tischzeug in die Wäscherei tragen. Jin Haus wird es nie so schön hergestellt. Und Sie haben überhaupt in dieser Sache kein Geschick!"
„Ganz recht, gnä' Frau."
„Ist mein Schlafzimmer durchgelüftet?"
„Es steht eben jetzt alles offen."
„Also rasch, Marie, schließen Sie die Fenster, bis ich Nachkomme. Ich will ausruhen, denn ich bin totmüde."
In vorgerückter Abendstunde, da das lustige Lenchen
bereits in ihrer flockigen rosa Sommerdecke eingemum« melt schläft und von Fahrrädern, Schokolade, Leutnants und anderen Süßigkeiten träumt, während auch Frau Mathilde, nachdem sie sich mit den feinsten Cremes und Salben eingestrichen und besonders die fatalen Augen- fältchen einer eingehenden Behandlung unterzogen hat, auf ihrem üppigen Luxusbett liegt und, wie gewöhnlich, bis zwei Uhr morgens mit einem aufregenden Roman ihre Schlaflosigkeit zu bekämpfen sucht, während dessen also sitzt der von seinem rastlosen Tagewerk schwermüde Klinger in seiner Stube vor dem großen Schreibtisch.
Er hat die Stirn in die Hand gestützt, und mit der rechten schreibt er Zahlen auf ein Papier.
Ach Zahlen .. wären es nur solche. Hätten sie feine andere Bedeutung, aber es sind .. „Hm!" seufzt der arm« Mann schwer auf. „Und wofür eigentlich? Wofür? Für meine Frau, die sich ihren schwachen Organismus kaum notdürftig sättigt? Die in Sammet- und Seidengeflun« ker, daß sie so gern auf sich rauschen hört, doch nicht- anderes ist als ein verbrauchtes, entnervtes Gerippe Oder für mein Kind, diesen Schatz meines Lebens?"., und die Tränen tropfen auf das vor dem Rechner liegende Papier .. „dieses herzerfrischende, gesunde Menschenkind, das auch ohne Luxus froh und glücklich wäre?"
„Ach wenn wir.. wenn wir doch nicht allesamt so schwach wären! Langer, langer Jahre Arbeit.. Wasser im Sieb getragen .. Peut und immer. Und das Resultat? Nichts.. weniger als nichts: Schulden. Und dazu, ein ausgemergelter Kadaver. O mein Kind, mein Kind, mein Kind!"
* * *
Einige Tage später finden wir Lenchen mit einer bunten Handarbeit auf einer Rasenbank des Gartens sitzen. Während sie zwei kugelrunde Kätzchen mit ihren Woll- knäueln spielen läßt, plaudert sie, wie sie das oft zu tun pflegt, mit dem aus der geöffneten Veranda stehenden Hausherrn. 182,18e