SchlüchternerZeitun g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr «S_____Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".__Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Sauistag — Preis
Der 40. Geburtstag des Deutschen Reichs.
Vierzig Jahre sind vergangen seit jenem ewig denkwürdigen 18. Januar 1871, da im Spiegelsaale des Schlosses von Versailles, aus dein einst der Sonnenkönig Frankreichs seine Blutbefehle nach dem zerrissenen, ohnmächtigen, der Welt zum Spott gewordenen Deutschland sandte, der ehrwürdige preußische König Wilhelm I., umgeben von den deutschen Fürsten, vor ihm hochausgerichtet der eiserne Kanzler, zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde, ihm zujubelnd das deutsche Volk in Waffen, das Gut und Leben freudig hingegeben, um die so lange ersehnte Einigung zu finden und die ihm gebührende Stellung im Rate der Völker endlich zu gewinnen. Der 18. Januar wird daher für alle Zeiten ein hoher, weihevoller Gedenktag in der deutschen Geschichte bleiben.
Das deutsche Reich mit dem Deutschen Kaiser ist ein langer, zuweilen ins Phantastische spielender Traum des deutschen Volkes gewesen- Durch bloße glühende Reden oder doktrinäre Stubenweisheit konnte nichts Halt- und Greifbares zustande kommen. So blieb ein wunderliches Fragen und Klagen. Man kann dabei an Schillers Xenien-Ausspruch erinnern: Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden:
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.
Wie wenige dachten in jener Zeit daran, daß die deutsche Einheit erst mit Blut mib Eisen in Zusammenhang gebracht werden müßte! Vierzig Jahre besteht es nun, das Deutsche Reich, und Germania hat in den vierzig Jahren des Friedens auf allen Gebieten des werktätigen Lebens, un Handel und Wandel, in Industrie Kunst und Wissenschaft bewiesen, daß sie Hervorragendes ,zu leisten vermag. Heute steht das Deutsche Reich längst in den reifen Jahren, aber trotzdem haben sich noch nicht alle Deutschen die politischen Kinderkrankheiten abgewöhnen können, die ein Erbteil der Zerrissenheit vor 1870/71 sind. Die einstige deutsche Krähwinkelei hat in der Weltgeschichte alles andere eher denn eine glänzende Rolle g'spielt, und wir dürfen uns erst recht nicht einbilden, daß der moderne Streit um eigentlich selbstverständliche Dinge unser Ansehen vor der übrigen Welt besonders steigern wird. Vom nationalen Selbstgefühl und vom nationalen Einmülig- keilsdrang können wir immer noch ein gut Stück gebrauchen. Das sind Empfindungen, die uns die Germania nicht bescheren kann, die wir aus uns selbst herausarbeiten müssen.
. : „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. —
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Mittwoch, den 18. Januar 1911
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62. Jahrgang. iHMOHHHMHHBMHHBHMMBMHH^ Hoflager ist vom Neuen Palais nach Berlin verlegt worden.
— Der deutsche Kronprinz als künftiger chinesischer Regimentschef. In Peking werden bekanntlich große Ehrungen für den Besuch des deutschen Kronprinzen vorbereitet, Wie die „Köln. Ztg. mitteilt, ist auch die „Verleihung des Regiments der Leibgarde an ihn beabsichtigt, das in seiner neuen Uniform vor seinem Chef bei der Parade nach der Felddienstübung sicherlich Ehre einlegen wird."
— Der Reichstag begann am Donnerstag die zweite Lesung der Novelle zum Strafgesetzbuch, welche die sog. kleine Strafgesetzreform enthält. Die Debatte drehte sich hauptsächlich um den Aufreizungspacagraphen und das Schächtverbot. Ein zum Aufreizungsparagraphen eingebrackter polnischer Antrag wurde gegen die Stimmen der Polen und der Sozialdemokraten abgelehnt. In der Debatte über das Schächtverbot, zu welcher der neugefaßte Paragraph über die Tier» quälerei Anlaß gab, erklärte Staatssekretär Lisco die von der Kommission empfohlene Bestimmung der Be- seitigang der Schächtverbote als für die Regierung unannehmbar, weil die ganze Materie in die gegen» wärlige Strafgesetznovelle nicht mit einbezogen werden könne. Schließlich wurde der Paragraph über die Tierquälerei mit dem Zusätze der Kommission angenommen. — Am Freilag wurde über einen erhöhten Schutz der Jugendlichen beraten, und die Debatte ergab schließlich die Annahme des Schutzalters von 18 Jahren und die einstimmige Annahme eines veränderten.Kompromißantrages Dr. Dahlem, der die Strafe festsetzt für Körperverletzung mittels grausamer oder boshafter Behandlung von noch nicht 18 Jahren alten Jugendlichen oder Fursorgezöglingen.
— Mit erfreulicher Schnelligkeit ist in Metz durch die Behörde die Auflösung des Vereins „Lorraine sportive" erfolgt, der in vergangener Woche Anlaß zu wüsten Straßenausschreitungen gab. Der VereinSvor- sitzende ist wegen Hausfriedensbruch und Aufreizung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt verhaftet worden.
— Das preußische Herrenhaus hat sich am Dienstag unter starker Beteiligung seiner Mitglieder versammelt und das bisherige Präsidium und die Schriftführer wiedcrgewählt. — Am Mittwoch wurde die Besetzung der Kommissionen bekannt gegeben, und sodann wurden die neuen Herrenhausmitglieder General v. Prittwitz und Gaffron und Oberjägermeister Frhr. v. Heinze feierlich vereidigt.
Der 18. Januar ist aber nicht bloß ein Tag der Erinnerung, sondern muß jedesmal sein die reale Wieder» erneuerung unseres höchsten nationalen Besitzes, verbunden mit heißem Dank gegen Gott und heiligen Gelübden für die Zukunft. Die Zahl derjenigen, die als denkende Menschen die Zeilen vor 1870/71 kannten, wird immer geringer. Bald steht die junge Generation, die nun den Nutzen der Errungenschaften des blutigen Ringens auf Frankreichs Schlachtfeldern genießt, in der Mehrheit da. Es ist sehr schwer jemanden, der unter den neuen Verhältnissen groß geworden ist, es beizubringen, wie klein und bescheiden sich früher Leben und Arbeit in Deutschland im Gegensatz zu heute abspielten. Die junge Generation meint oft, sie habe alle die gewaltigen Werte von heute aus dem Boden gestampft, ihr verdanke Deutschland den Stand zu dem es gekommen. Aber nein, aus der Erde läßt sich nur das Herausstampfen, was wirklich darin ist. Das Fundament zu allem unseren Können und Vollbringen bedeutet, der Machtgrund, der am 18. Januar 1871 mit der Kaiserproklamation in Versailles tatsächlich in die Erscheinung trat.
O, wer doch die Wucht der unermeßlichen Eindrücke einsenken könnte in die Herzen unserer Jugend, wie damals unter dem Donner der Geschütze im Schlosse zu Versailles König Wilhelm sich die Kaiserkrone auf das Haupt setzte! Dieser Tag muß gefeiert werden und zwar vor allem durch den eisernen Entschluß, auch zu erhalten, was wir erworben. Patriotisch sein in guten Tagen ist leicht, aber treu sein in schwerer Zeit ist erst ein Kennzeichen von echtem Patriotismus. Darum kein Titelchen ab in der Treue zu Kaiser und Reich! Damit treiben wir gewiß keinen Byzantinismus, o nein! Nicht Rost. nicht Reisige sichern die steile Höh", wo Fürsten stehn, sondern die Liebe des freien Mannes. Und solche freien Männer wollen wir bleiben, aber in der Freiheit, die gebunden ist in der sittlichen Verpflichtung der Vaterlandsliebe, der Reichstreue, der Kaisertreue!
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die Kaiserin trafen am Freitag abend wieder in Berlin ein. Der Kaiser wohnte um 7 Uhr einem Vortrag des Prof. B. Ebhardt in der Vereinigung zur Erhaltung deutscher Burgen bei, der im großen Saale der Hochschule für Musik in Char- lotlenburg gehalten wurde. Später besuchte der Kaiser die Vorstellung im Königl. Opernhaus. Gegeben wurde Lortzing's „Waffenschmidt". — Das Kaiserliche
■ Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 45
Unter seinen Füßen klatschte der Fluß im Finstern gegen die Pfähle des Bollwerks, und die unheimlich glitzernde Fläche war schwarz wie der Rachen des Todes selbst. Dahinein? In diese kalte, schaurige Tiefe? Das Grauen ward unüberwindlich, der Trieb zum Leben war doch zu stark. Er konnte den Sprung nicht tun und schaudernd, wie gehetzt, eilte er in seine Wohnung zurück.
Für Fedor brachen jetzt böse Tage an, Tage völliger Rat-und Mutlosigkeit. Sein schweigender Kummer bedrückte die Geschwister mehr, als wenn er die Schale seines gerechten Zornes in Vorwürfen und Scheltworten über Xaver ausgegossen hätte. Scheu wie ein Missetäter schlich dieser im Hause umher, nur darauf bedacht, Jda aus dem Wege zu gehen, die jede Gelegenheit wahrnahm, ihn, wie sie es nannte, zum Menschen zu machen.
„Laß es nur gut sein, Kind," sagte Fedor endlich. „Man kann des Redens auch zu viel tun. Er ist einmal wie « ist, und Du und ick werden ihn nicht ändern."
„Ich kann aber nicht anders," sagte Jda, „sein bloßer Anblick bringt mich auf. Die Augen könnte ich ihm auskratzen, daß er Dir so viel Herzeleid antut."
Fedor lächelte müde. „Dann wäre er blind obenein und daS Unglück noch soviel größer. Nein, denke Dir nur was Besseres aus, Kindchen."
„Willst Du nicht mal mit Onkel Exner reden, Fedor?" begann sie nach einer Weile. „Er war immer so freundlich und teilnehmend, vielleicht weiß er Rat."
Fedor sprang auf. Mein Himmel, daß hieß doch den Wald vor Bäumen nicht sehen. Natürlich wollte er mit Exner reden. Unbegreiflich, daß er darauf nicht schon eher verfallen war. Er hatte sich schon so zerplagt und zerson- nen, daß seine Gedanken sich nur immer fruchtlos im Kreise herumdrehteu, ohne ein Resultat zu Tage zu fördern.
Der Senator war im Lauf der Jahre nicht unerheblich gealtert, der Rheumatisnius zwickte ihn, wo nur ein Gelenk eine Handhabe bot, aber die Augen blickten so scharf und klar wie nur je, als er Fedor aus Decken und Fußsäcken heraus mit alter Herzlichkeit begrüßte.
„Ich will Dir was sagen," begann er in seiner bestimmten Weise, nachdem Fedor ihm seine Not geklagt. „Du bist mir altem Knax zwar längst über den Kopf gewachsen, aberDu bleibst dennoch mein Patenjunge, den ich als kleinen Schreimatz gekannt habe und sage Dir, ich dulde es nicht, daß dieser Bengel Dir zeitlebens wie ein Klotz am Bein hängt. Ich bin es Dir und den Schwestern schuldig, dafür zu sorgen, daß er Euch nicht an den Bettelstab bringt. Schicke ihn nach Amerika."
„Das ist leicht gesagt, Onkel, aber wohin mit ihm; es gibt dort schon mehr als genug seines Schlages und ohne vernünftigen Anhalt geht er vollends zu Grunde."
„O, das wollen wir schon kriegen," sagte Exner überlegen. „Dafür laß mich nur sorgen. Ich habe drüben in Dakota einen Neffen, der sich die Welt als Farmer um die Ohren schlägt und durch Fleiß und Energie schon ganz hübsch vorwärts gekommen ist. Der kann ihn hinnehmen."
„Aber Onkel, ich bitte Dich .. ich kann doch diesem fremden Menschen nicht zumuten ..."
„Ach was, mach' keine Geschichten. Wenn ich an Lu- dolfschreibe und ihmdieSacheklarlege.so nimmt er den Monsieur auf, soweit kenne ich ihn, und er ist ganz die Persönlichkeit dazu, einen Burschen wie Xaver zur Raison zu bringen. Reelle Arbeit und strenge Zucht, das ist es, was ihm not tut. Ist noch irgend ein Rest von gutem Kern in ihm, so wird Ludolf schon dafür sorgen, daß er zu Tage kommt und, wenn nicht.. nun, so hast Du Deine Schuldigkeit getan. Amerika ist groß und er macht Euch hier wenigstens keine Schande. Ich schreibe gleich heute noch und ich rate Dir, schicke Xaver mit der nächst
besten Gelegenheit fort, so lange er noch reuig und windelweich ist. Laß nicht den Leichtsinn erst wieder die Oberhand bekommen."
„Das wäre ja alles wunderschön," sagte Fedor zögernd, „nur leider .. Du glaubst gar nicht, wie pauvre ich bin, Onkel. Ich habe tatsächlich nichts, und so gut der Plan ist, ich fürchte, er wird, wenigstens einstweilen, am Reisegeld scheitern. Xaver hat mich vor Weihnachten vollständig ausgebeutelt."
Nun polterte Exner los. „Na, hör' 'mal, wofür hälft Du mich, mein Sohn? Meine Kinder sind alle in guter Stellung, ich habe für niemand zu sorgen als für mich und meinen Kater, und ich sollte um ein paar lumpige, blaue Scheine knausern in einem Fall wie dieser? Erst bitte mal hübsch um Verzeihung und dann schließe den Schreibtisch auf und gib mir mein Scheckbuch her. Dieser verteufelte Rheumatismus! Ich wollte lieber tausendMark extra ausgeben, als einmal unnötiger Weise aufstehen."
Das war wie vom Himmel gesandt und Fedor hatte zum ersten Mal seit Wochen eine ruhige Nacht. Ja, wenn es überhaupt noch Hilfe für Xaver gab, so lag sie auf diesem Wege. Der Jüngere schien etwas Aehnliches zu fühlen. Sei es, daß das Fegefeuer von Angst und Scham, durch das er gegangen, seine bessere Natur aufgerüttelt hatte, sei es, daß nur das Neue ihn reizte, genug, erzeigte sich zu Fedors Erstaunen ganz bereit, einen Beruf zu ergreifen, der zu all seinen bisherigen Neigungen und Gewohnheiten im schärfsten Gegensatz stand und versprach einmal über das andere, er werde drüben ganz sicher einen neuen Menschen anziehen. 179,18
„Wir werden es ja sehen," antwortete Fedor trocken.
Xavers Abreise sollte bereits Ende Januar erfolgen, so brachten die nächsten Wochen viel Arbeit und Unruhe. Fahrpläne der Eisenbahnen und Schiffslinien mußten studiert, tausend Dinge bedacht werden. Briefe gingen hin und her; man kam kaum recht zur Besinnung.