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MüchternerZeitun g mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5.___Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".__Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis urilKreiSblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

JU 105. Samstag, den 31. Dezember 1910 61. Jahrgang.

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Fortwährend

werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

Incaitata finden in der Schlüchterner IDHoUl Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.

Zum Jahreswechsel.

Noch einmal laßt die Gläser klingen, Bevor der letzte Tag entschwebt.

Noch einmal eh' auf Sonnenschwingen

Ein neuer Morgen sich erhebt.

Das alte Jahr beschließt den Reigen

Und will sich nun zur Ruhe neigen

Auf Nimmer-, Nimmerwiederkehr.

Und seine Ruhestatt ist das Meer.

Das Meer, so weit, so unergründlich,

Nimmt wieder, was es einst gebar.

So steigt herauf so schwindet stündlich,

Was jemals sein wird, jemals war.

Beständig springen wir im Wandern

Von einem Pol zum nahen andern:

Zur Zukunft aus Vergangenheit.

Und dieser Wechsel ist die Zeit.

Was vor uns liegt, wer mag es ahnen!

Wir sehen nur, was wir vollbracht.

Der Tag erhellt verlass'ue Bahnen, Die künftigen Pfade deckt die Nacht.

Wenn nicht die Sterne sich erhellten

Mit ihrem Abglanz höh'rer Welten,

Dann wird auf unserm Wandergang Uns wohl ums Ziel der Reise bang.

Der Glaube lehrt den Blick erheben

Zu jenem unerschöpften Licht.

Die Liebe führt uns durch das Leben

Voll Glück, voll Trost und Zuversicht..

Ein treues Lieben, gläubig Hoffen, Hält uns das Thor der Zukunft offen.

Und wenn ein Unheil uns bedroht, Hilft dies Gestirn uns aus der Noth.

So hab denn Dank für all' dein Gutes, Du altes wandermüdes Jahr!

-&em neuen bring' ich frohen Muthes Ein fröhlichesWillkommen" dar!

, Dann aber falten wir die Hände: Gott "cklLn reichen Segen spende

Der Eide Völker weit und breit lind deiner Frieden allezeit!"

Zum Jahreswechsel.

Es wi d einem jeden eigen zu Mut, wenn der Tag kommt, un dem das alte Jahr von uns Abschied nimmt, wenn die Stunde schlägt, die den Beginn des neuen Jahres verkündet. Der Rausch zügelloser Lebens­lust, in dem so manche die ernsten Gedanken betäuben wollen, die der Jahresschluß unwillkürlich in allen weckt, ist selbst nur ein Eingeständnis der inneren Un­ruhe, der Ungewißheit über sich selbst und über die Zukunft. Bedauernswert, wer ins neue Jahr mit keiner anderen Losung auf den Lippen hinübergehen kann, als mit dem alten Wahlspruch der Weltlust, die ihrer selbst spottet: lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot! Glücklich, aus dessen Herzen zu Neujahr das alte Bekenntnis dankbaren Glaubens und fröhlicher Zuversicht aufsteigt: bis hierher hat der Herr geholfen er wird weiter helfen!

In dem rastlosen Flusse der Dinge, in dem un­aufhörlichen Werden und Vergehen alles Natürlichen ein Bleibendes and Ewiges zu suchen, ist als unaus­tilgbarer Trieb dem Menschen in das Herz gelegt. Schon wenn er den gleichmäßig vorüberrauschenden Strom der Zeit einteilt, ordnet und mißt nach Tagen und Wochen, Monaten und Jahren macht er sich zum Meister der Zeit. Und wenn er in der gesamten sichtbaren Welt Umschau hält, sucht und forscht, so findet er überall in ihren flüchtigen Erscheinungen und wechselnden Bildungen bleibende Gesetze, dauernde Ordnungen, in denen er die Weisheit ihres Schöpfers, den Geist der sie regiert, erkennt. So weist uns schon die Natur, als der Schauplatz der Vergänglichkeit, hin auf den Geist, als den ewigen Quell des Lebens. Wie vielmehr erfahren wir in unserem inneren Leben, daß wir das Dauernde und Beständige, die besten Güter unseres Daseins, nicht in dem Schein der wechselnden Erdendinge, sondern in den inneren Besitz tümern des Herzens suchen müssen, die niemand uns entreißen kann. Was kann der Mensch im Laufe eines Jahres nicht alles gewinnen und verlieren! Wie

mancher, der das vorige mal mit uns Neujahr gefeiert hat, ist heute längst von unserer Seite genommen! I» aller Ungewißheit dieses Daseins, was bleibt uns? Die Schrift antwortet und unser Herz bestätigt es: nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe.

Zweifach ist die Art, wie die Menschen sich zum Leben stellen. Die einen wollen es genießen, die andern wollen es nutzen. Aber die es genießen wollen, als wäre es zu nichts weiier da, als verbracht zu werden, wie es eben geht, die haben seinen wahren Wert nie erkannt, sie mißbrauchen und vergeuden ihr Leben ohne Sinn und Nutzen. Wer sein Leben nützen will, der ist auf dem rechten Wege weil er erkannt hat, daß es ihm gegeben ist als Mittel, bleibende Güter sich zu erwerben. Nur daß wir diese bleibenden Güter auch da suchen müssen, wo sie allein zu finden sind, und das Leben betrachten als ein Geschenk aus Gottes Hand, uns verliehen, durch Wirken und Leiden, durch Kämpfen und Schaffen, durch Erfahrung und Be­währung unsere Seele zu vollenden und unseren Geist zu erfüllen mit unverlierbaren Schätzen des ewigen Lebens. Wer in diesem Sinne das vorgangene Jahr durchlebt hat, der darf seinem Gott freudig danken für alles, was er ihm darin beschert hat, es sei Liebes gewesen oder Leides. Wer in diesem Sinne in das neue Jahr eintritt, der darf fröhlich auf seinen Gott hoffen, der ihm helfen wird in allem seinem Vorhaben. Dazu segne uns allen der gnädige Gotte das neue Jahr!

Deutsches Reich.

Die Stärke der Parteien des preußischen Ab­geordnetenhauses ist zurzeit folgende: Konservative 150 (darunter 24 Mitglieder des Reichstags),»Freikonser- vative 61 (7), Nationalliberale 63 (6), Zentrum 102 (23), Fortschrittliche Volkspartei 37 (7), Polen 15 (4), Sozialdemokraten 6, Fraktionslos sind 3 Mitglieder (v. Klöden, Kloppenborg-Skrnmsager, Nissen), erledigt sind 3 Mandate (1 Köslin, 1 Oppeln, 1 Danzig).

Eine Statistik der Mehrlingsgeburlen in Deutsch­land enthält das Statistische Jahrbuch für das Deut­sche Reich. Danach wurden im Jahre 1908 26 314 Zwillinge gezählt. Davon waren in 8358 Fällen männliche, in 7843 Fällen weibliche Zwillinge, und in 9933 Fällen war es ein Pärchen. An Drillingsge­burten verzeichnet das Jahrbuch 261. Es kamen in 56 Fällen 3 Knaben, in 53 Fällen 3 Mädchen, in 72 Fällen 2 Knaben und 1 Mädchen, in 80 Fällen 1 Knabe und 2 Mädchen zur Welt. Außerdem sind 4

Segen der Aröeit.

Roman von Klara Hellmuth. 89

Postrat zum Beispiel.. Oberpostrat Busch . . das hörte sich doch gar nicht übel an. Etwas weit wars frei­lich noch bis dahin, aber weshalb sollte man das Ziel nicht erreichen, wenn man nur ernstlich wollte? Sein Ehrgeiz erwachte. Wozu hatte man denn seine guten Ga­ben? Zeige mal, was Du kannst, Xaver, sagte er ermu­tigend zu sich selbst. Wie alle nervösen, erregbaren Men­schen, konnte er sehr liebenswürdig sein, wenn ihm ge­rade die Laune danach stand. Wenn er einmal einen an­genehmen Eindruck machen wollte, so verfehlte er selten seinen Zweck. Seine sympathische, weiche Stimme, der er leicht jeden gewünschten, zweckdienlichen Klang geben konnte, kam ihm dabei sehr zu statten. Der Chef des Post­amts zweiter Klasse, dem er zugewiesen war, schwärmte nicht besonders für die Eleven, sie galten ihm ungefähr ebenso viel, wie manchem Hauptmann die Einjährigen seiner Kompagnie, aber dieser kleine Busch war wirklich ein charmantes Kerlchen. Er beschloß sogar, ihn seiner Frau vorzustellen und ihn zum nächsten Diner einzula- den, eine Anszeichnung, die noch nicht vielen seiner Un­tergebenen zuteil geworden war.

Frau Wesel, Xaversmöblierte Wirtin", war eben­falls sehr für den neuen Chambregarnisten eingenommen. Bet der tatens nun wieder die dunklen, großen Augen, denn Frau Wesel hatte ein gefühlvolles Herz. Sie sorgte mütterlich für all seine Bedürfnisse und drückte ein Auge zu, ja half mit Rat und Tat, wenn er einmal etwasan­gedudelt" nach Hause kam. Das durfte man nicht so ge­nau nehmen, so was konnte dem Besten passieren. Als Xaver ihr gar eines Tages mit melancholischem Augen­aufschlag erzählte, daß er seine Mutter schon als kleiner Knabe verloren habe, und daß es ihm jetzt bei Frau We­sels treuer Sorge wahrhaft sei, als habe er einen Ersatz

für die Verstorbene, Unvergeßliche gefunden, da zerfloß die gute Seele in Mitleid und Rührung.

Ach ja, einen so lieben, hübschen Sohn hätte sie sich auch wohl gewünscht, schluchzte sie zur Erwiderung auf das zarte Kompliment. Bei solchem Stande der Freund­schaft wars denn nur natürlich und nur ein hämischer Mensch konnte etwas darin finden, wenn Xaver am näch­sten Tage seine mütterliche Freundin um ein kleines, ein ganz kleines Darlehen anpumpte, selbstverständlich nur auf wenige Tage. Ach Gott! Er hatte ja nicht Vater, nicht Mutter, hing ganz von seinem Bruder ab.

Ihr Bruder schien aber doch ein ganz netter Mann zu sein," warf Frau Wesel ein.

Gewiß, rechtlich und bieder .. ich will gewiß nichts gegen ihn sagen .. aber es ist eben eine ganz andere Na­tur als ich; stahlhart, unerbittlich und körperlich der reine Spartaner."

Frau Wesel wußte nun zwar nicht, was ein Spar­taner eigentlich für ein Ding wäre, aberetwas Schlim­mes mußte es wohl sein, das Wort klang schon so nach allerhand.

Er könnte ohne Beschwerden das ganze Jahr von Schwarzbrot und Wasser leben," fuhr Xaver fort,daher begreift er nicht, daß ein feinerer Organismus eine an­dere Lebensweise verlangt. So ist er denn immer sehr verwundert, wenn die paar Pfennige Taschengeld nicht in infinitum reichen."

Das war nun in Wahrheitkalter Aufschnitt" von feiten Xavers, denn die Löcher in seiner Kasse waren ebenso wenig durch unabweisliche Lebensbedürfnisse ge­rissen worden, als Fedor bei all seiner Einfachheit für Brot oder Wasser schwärmte, indesFrauWeselsah mehr auf schönen Klang als auf den Inhalt der Rede. Ihr hüb­scher junger Herr in den Fängen eines hartherzigen Bru­ders, das war ein so klägliches Bild, daß sie mitleids- volldasPortemonnaiezog.Mit diesem erfolgreichenPump war für Xaver glücklich wieder der erste Schritt aus schie­

fer Ebene getan. Es war wirklich rein unglaublich, wie schnell solche Schulden wuchsen. Frau Wesel würde sich ja gedulden, mit der glaubte Xaver leichtes Sviel zu ha­ben, aber auch an anderen Stellen waren erhebliche Bä­ren angebunden, als das Jahr zu Ende ging. Ein ängst­licheres Gemüt hätte wirklich Alpdrücken bekommen kön­nen beim Gedanken an den Schuster, den Tabakhändler, verschiedene Restaurateure, vor allen Dingen an den Schneider und wie die Manichäer alle heißen mochten. Na, bekommen konnte keiner fürs erste etwas, das war allemal gewiß. Sie mußte eben warten, und Geduld bringt ja bekanntlich Rosen. Natürlich wollte er zahlen, sobald er konnte, aber wann das sein würde, war ihm einstweilen noch recht unklar. Es machte ihm auch keine schlaflosen Nächte, das würde sich alles schon finden. Von Fedor war nicht viel zu erwarten. Dieser hatte ihm rund erklärt, daß er außer der zu seinem Unterhalt nötigen Summe nichts von ihm zu hoffen habe, und wenn der Aelteste in diesem kurzen, knappen Ton sprach und den Kopf so eigentümlich aufrichtete, dann war immer nicht viel anzufangen. Xaver verstand sich auf Symptome. Es war ihm daher sehr lieb, als er mit Ablauf des Jahres an ein anderes Postamt versetzt und so seinen Gläubig gern fürs erste entrückt ward.

Er war noch nicht lange an seinem neuen Wohnsitz, als Fedor sich verpflichtet fühlte, sich dort nach ihm um» zusehen. Xaver war über diesen Besuch nicht sonderlich entzückt.

Der Aelteste hatte so verteufelt scharfe Augen und kam selten, ohne etwas Ordnungswidriges zu entdecken und zu monieren, indessen man konnte ihn ja nicht ent­behren und mußte versuchen, ihn bei guter Stimmung zu erhalten. Er zeigte soviel Herrlichkeit beim Empfang, gab sich so liebenswürdig, sprach so solide und ernsthaft, daß selbst der mißtrauische Fedor um ein Haar geglaubt hätte, er habe sich jetzt allen Ernstes die Hörner abgelau- sen. 179,18