SchWernerMung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
.M 99. Samstag, den 10. Dezember 1910 61. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Erzherzog Friedrich von Oesterreich ist am Donnerstag um 10 Uhr 18 Min. auf dem Anhalter Bahnhof eingetroffen. Botschafter von Szögyeny-Marich und die Herren der Botschaft waren zum Empfang anwesend. Der Botschafter geleitete den Erzherzog zunächst zur Botschaft. Von hier aus begab sich der letztere später nach Potsdam zum Besuch bei seinen Verwandten, dem Prinzen und der Prinzessin Salm- Salm. Als Gast ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin wurde der Erzherzog Donnerstag nach« mittag um 3 Uhr im Neuen Palais erwartet.
— Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg hat sich am Mittwoch nachmittag auf mehrere Tage nach Berlin begeben.
— Professor Ludwig Knaus, der berühmte deutsche Genremaler, ist, 81 Jahre alt, in Berlin gestorben.
— Zum präsidierenden Bürgermeister von Lübeck wurde Senator Eschenburg gewählt.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Sonnabend mit einem konservativen Antrag auf gesetzliche Maßregeln gegen den fortschreitenden Niedergang des Handwerks, der von dem Abgeordneten Pauli lkonservativ) begründet wurde. Die Debatte bewegte sich in allgemeinen Reden über Mittelstandspolitik, in denen sich die Redner der verschiedenen Parteien zum Teil gegenseitig Vorwürfe wegen angeblicher Mittelstandsfeindlichkeit machten, ohne daß es zu einem positiven Ergebnis kam. — Am Montag wurde mit der zweiten Lesung des Arbeitskammergesetzes begonnen. Die Debatte drehte sich zum großen Teil um die Frage der Zulassung der Arbeitersekretäre als Mitglieder der Arbeitskammern. Während Abg. Legien (Soz.) entschieden für diese Forderung eintrat, verlangte Abg. Wiedeberg (Z.), der ein Vertreter der christlich organisierten Arbeiter ist, nur die beschränkte Zulassung der Arbeitersekretäre, wie sie die Kommission vorschlägt. Die Abgg. Graf Westarp (kons.) uud V. Dirksen (Rp.) polemisierten gegen die sozialdemokratische Verwaltung der Krankenkassen und wandten sich gegen jede weitere Möglichkeit des Eindringens der Sozial- demokratie in neuzuschaffende Selbstverwaltungskörper. Auch Staatssekretär Dr. Delbrück erklärte, daß das Verhalten der Sozialdemokraten in den zur Vertretung der Arbeiterinteressen geschaffenen Körperschaften nicht dazu ermuntern könne, auf diesem Wege fortzufahren Anderseits seien die Sozialdemokraten nicht die Mehr
heit der deutschen Arbeiter, und da sich die Zeiten ändern werden, dürfte die augenblickliche Mehrheit der Sozialdemokraten in diesen Körperschaften nicht dazu beitragen, allen Arbeitern die Möglichkeit zu nehmen, ihre Interessen in einer gemeinsamen Körperschaft mit den Arbeitgebern vertreten zu können. Nach weiterer unwesentlicher Debatte wurde § 1 des Gesetzes in der Kommissionsfassung angenommen.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Hirschberg- Schönau, die infolge des Todes des fortschrittlichen Abg. Wagner nötig geworden ist, wurden im ganzen 390 Stimmen abgegeben; davon entfielen auf Rentner Wenke (fortschr. Vp.) 203, auf Landgerichtsrat a. D. Seydel (natlib.) 187 Stimmen. Wenke ist somit gewählt.
— Bei der Landtagsstichwahl in Breslau, die sofort nach beendeter Landtagsersatzwahl für den ver« storbenen Zentrumsabgeordneten Zieschö vorgenommen wurde, erhielt Handelskammersyndikus Dr. Otto Ehlers« Berlin (fortschr. Vp.) 839, Kaufmann Vogel-Breslau (Z.) 824 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt.
— In Stettin ist die Pommersche Landgesellschaft m. b. H. zu Stettin mit einem vorläufigen Stammkapital von 4 800 000 Mark gegründet worden. Als Gesellschafter gehören ihr der preußische Staat, der Provinzialverband für Pommern, die Pommersche Airsiedlungsgesellschaft und die Pommersche Landgenossenschaftskasse an. Der Beitritt der pommerschen Landkreise soll erst im Frühjahr 1911 erfolgen, nachdem die Angelegenheit den sämtlichen Kreistagen zur Beschlußfassung vorgelegt hat. Die Pommersche Landgesellschaft wird ihre Tätigkeit mit dem Jahre 1911 beginnen und die bisher von der Pommerschen Ansiedlungsgesellschaft auf dem Gebiete der inneren Kolonisation geleistete Arbeit übernehmen und weiterführen.
— In Frankfurt a. M. ist die polizeiliche Beschlag- nahnie einer sozialdemokratischen Broschüre erfolgt. Es handelt sich um die Wendelsche Broschüre „Hie Brotwucher — hie Gottesgnadentum". Als Grund der Beschlagnahme wurde Verletzung der §§ 23, Absatz 3, und 27 des Preßgesetzes und der §§ 85 und 95 des Strafgesetzbuches angegeben. Im § 85 wird die Aufforderung zum Hochverrat mit Zuchthausstrafe bedroht und § 95 ist der Majestätsbeleiüigungsparagraph.
— Die polnische Agitation für die kommenden Wahlen soll schon jetzt in Angriff genommen werden. In den, „Kurier Slonski" ist zu lesen: „Die Angelegenheit der kommenden Wahlen haben die Zentrums
männer und andere Hakattsten sehr gut begriffen, die schon jetzt^das Feld für den Wahlkampf vorbereitend Nur wir ’-jlen tun in dieser Sache nichts. Obwohl wir Wahlbehörden, Wahlkomitees haben, welche die Wahlen vorbereiten sollen, warten diese Herren und werden sich erst kurz vor der Wahl an die Wähler wenden. Eine solche Erfüllung der (polnisch) bürgerlichen Pflichten verdient die allerschärfste öffentliche Verurteilung! Wenn jemand, so dürfen wir Polen der Angelegenheit der Wahlen nicht gleichgültig zusehen. Nicht nur die Wahlarbeit — das versteht sich von selbst — muß gehörig vorbereitet werden, sondern auch die Mandate müssen eine solche Verteilung erfahren, daß alle Schichten der polnischen Bevölkerung vertreten sind. Wir haben Arbeiter, Bauern, Handwerker, Kaufleute, sie alle müssen im Parlament ihre Vertreter haben."
Ausland.
— In Washinton wurde das Denkmal für General von Steuben, den Helden der amerikanischen Freiheitskriege, enthüllt.
— Ein neuer kürzerer Schienenweg nach Peking. Die russische Regierung beabsichtigt, eine Bahn vom Baikalsee von der großen Sibirischen Bahn abzuzweigen und erstere durch die Wüste Gobi direkt nach Peking zu legen. China soll sich bereits mit den« Plan einverstanden erklärt haben. Durch diese neue Strecke würde der Weg Berlin-Peking um etwa 1000 km kürzer und nach Fertigstellung derselben (1912/13) noch 9085 km betragen, die in 8'/, Tagen zurückge- legt werden können, d. h. nach der jetzigen russischen Fahrgeschwindigkeit.
— Ein schreckliches Bild von der Auswucherung des galizischen Landvolkes durch die jüdischen Dorfwucherer lieferte die Verhandlung vor dem Strafgericht in Lemberg gegen den Juden Moses Süßkind aus dem Dorfe Tartakow im Sokaler Bezirke. Wie die Schlußverhandlung ergab, wucherte dieser Jude die Bevölkerung der dortigen Gegend seit Jahren in der unmenschlichsten Weise aus. Unter 125 v. H. machte er kein Geschäft, und in den meisten Fällen preßte er seinen Opfern 500 bis 750 v. H. heraus! Dieser Blutsauger wurde zu drei Wochen strengem Arrest und 500 Kronen Geldstrafe verurteilt. Wie verlautet, steht für die nächste Zeit eine ganze Serie solcher Prozesse auf der Tagesordnung, wobei ausschließlich jüdische Wucherer auf der Anklagebank erscheinen
Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 29
„Wie soll es stehen?" war die Antwort. „Diese Arbeiter sind eine Gesellschaft sage ich Dir, Erna .. Tot- ärgern kann man sich über sie. Der Schlimmste ist dieser Kerl, der Nobelinski, der hetzt all die übrigen."
„Weshalb entläßt Du ihn denn nicht?"
„Das beste wärs schon, aber . . na, wie das so ist, man hat auch allerhand dabei zu bedeuten. Man kann nicht immer so, wie man möchte."
„So," sagte Erna gleichgültig. Im Ton all ihrer Fragen lag vollendete Interesselosigkeit.
„Schließlich mußte ich noch in die Stadt zum Rechts- anwalt und ging dann mit ein paar Bekannten in den Ratskeller. Auf soviel Aerger braucht man notwendig eine Erfrischung."
„Ach so. Daher Deine Zärtlichkeiten."
„Im Wein ist Wahrheit. Er bringt nur die Gefühle ast den Tag, die ich immer für Dich habe, mein Engel." sagte er affektiert.
Auerbach gehörte zu den Männern, denen Die Wein- laune ganz besonders schlecht steht und als er seine Frau . wieder an sich ziehen wollte, schob sie ihn verdrießlich zurück.
„Unsinn, Emil. So laß mich doch sticken."
„Ich will aber die Blicke Deiner schönen Augen nicht immer mit dem dummen Seidenlappen teilen," sagte er.
»Ich sehe ja schon, was soll's denn noch?"
„HastDu heute abend recht wasNettes zu essen?"
„Du weißt ja selbst am besten, was Du bestellt hast. In unserem Hause bestimmt und überwacht ja der Mann und nicht die Frau das Menü," sagte sie kurz.
„Weshalb soll man sich nicht einen guten Happen gönnen, wenn man's bezahlen kann? Und was die Ueoer= wachung anlangt, so hat eben die Köchin mehr Respekt vor mir, als vor Dir. Uebrigens hatte die Farce in den
Pasteten gestern abend zu viel Salz. Ich habe Karoline darüber mich meine Meinung gesagt."
„Du hast wahrhaftig DeinenBeruf verfehlt, Emil, als Koch würdest Du Großes geleistet haben," sagte Erna ironisch und stand auf.
Nach Tisch blieb man im Salon. Es war zwar noch herrlich im Freien, aber Auerbach hatte allerhand Befürchtungen wegen der Abendluft. Man hatte von den Fenstern einen hübschen, freien Blick über die freundliche Wie- senlandschaft, durch die sich, wie ein schmales Band die Chaussee hindurchzog. Am Himmel hatten die rosa und violetten Farben des Sonnenuntergangs bereits dem Abendgewölk Platz gemacht. Rosenduft drang herein und vereinzelte Fledermäuse strichen bis dicht an die geöffneten Fenster; es war so still, daß die Hufschläge eines Pferdes deutlich herüberschallten. An einer kleinen Stei- gung der Chaussee hoben sich Mensch und Tier scharf wie eine Silhounette vom Himmel ab. Auerbach nahm ein Opernglas auf, das zwecks besserer Kontrollierung der Vorübergehenden immer seinen Platz auf dem Fensterbrett hatte und sah hinüber.
„Ich erkenn' ihn," sagte er triumphierend. „Das ist ja Busch aus Kosenau. Hab' ihn lange nicht gesehen. Nee, so was, Erna! Reitet der Mensch wahrhaftig noch immer den alten Schinder, über den wir uns schon voriges Jahr immer mokierten."
„Ich hab' mich nicht mokiert, Emil."
„Mir könnt' einer zehntausend Mark auf den Tisch legen, ehe ich mich mit dem pudeligen Biest sehen ließe. Da haben wir'sdoch anders init unseren Grauschimmeln, was, Erna?"
„Ja, das haben wir," sagte sie in müdem Ton.
„Man steht's immer wieder von neuem, was Du für eine gescheite kleine Person warst, als Du ihn meinetwegen laufen ließest. Verliebt genug wärest Du freilich mal in ihn," kicherte Auerbach weiter. Er stand noch etwas unter dem Einfluß des Chablis.
Erna zuckte zusammen, als habe sie in ein Messer ge
griffen. Ahnte dieser Mann gar nicht, was er mit seinem taktlosen Gerede anrichtete, daß er die Kluft zwecklos erweiterte, die von Anfang an zwischen ihm und ihr geklafft hatte? Weshalb immer Vergleiche und Erinnerungen wecken, die doch nie geweckt werden durften, ohne zugleich zu einer schweren Gefahr zu werden?
Zwei Jahre waren verflossen, seitdem Erna als Herrin in die Villa Auerbach eingezogen war, aber diese zwei Jahre hatten nicht einmal die Zufriedenheit mitgebracht, geschweige denn das Glück. Die Zeit heilte in diesem Falle nicht, sie teilte nur noch mehr, was von Anfang an nur ärgerlich verbunden gewesen war.
Zwei Jahre! Erna erschienen sie oft wie zwanzig. Wie endlos würde das Lebensich ausspinnen, wenn es so fort- ging. Sie würde ja, wenigstens für ihr Gefühl, Methusalems Alter erreicht haben, wenn endlich alles vorüberwar.
Im Rausch von Trotz und Zorn hatte stesich mit Auerbach verlobt, aber der Rausch hatte nur so lange gedauert, um sie ihr Lebensglück ihrem unfruchtbaren Hochmut opfern zu lassen. Dann war er verflogen, um nichts zurückzulassen als Scham, Widerwillen und bittere, verzehrende Reue.
JnderphantastischenSchwärmerej,ihrerzwanzigJahre sah sie es dann wie eine Sühne an, zu tragen, was sie sich auferlegt hatte, ohne zu bedenken, daß sie gerade dadurch Unrecht auf Unrecht häufte. Wußte sie überhaupt so recht, was sie tat, als sie glaubte. Auerbach unter allen Umständen ihr Wort halten zu müssen? Ahnte sie auch nur, was es heißen will, mit Leib und Seele an einen ungeliebten Mann gebunden zu sein? Bei gewissen Charakteren und unter günstigen Verhältnissen kann es wohl geschehen, daß mit der Zeit Gleichgültigkeit sich in ruhige Zufriedenheit verwandelt.
Die Fehler verblassen, die guten Eigenschaften treten mehr hervor, eines schleift sich am andern ab, und die kleinentäglichen gemeinsamenJnteressen täuschen allmählich über den Mangel innerer Gemeinschaft hinweg. Bei Erna war das ganz ausgeschlossen. 179,18