SchluchtemerZeitun g
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65.Viertelsährliche Beilage: „Unsere Heimat".__Telefon Nr. ««.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis n-t „K^pisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 98.
Mittwoch, den 7. Dezember 1910
61. Jahrgang.
Deutschlands Kleischversorgung.
Eine Denkschrift über die Versorgung Deutschlands mit Fleisch und die Entwicklung unserer Moor- und Heideböden, die den im Moorwesen hervorragend be» wanderten Oberregierungsrat Fleischer im preußischen Landwirtschaftsministerium zum Verfasser hat, ist Dom Verein für Moorkultur herausgegeben worden. Im ersten Teil der Denkschrift unterzieht ihr Verfasser die bisherigen statistischen Angaben über den Umfang der in Deutschland vorhandenen Moore zum Teil einer Revision. Im ganzen wird der Bestand Deutschlands an unkultiviertem Hoch- und Uebergangsmoor auf rund 1026 000 Hektar, an unkultiviertem Niederungsmoor auf rund 1 032 000 Hektar und an kulturfähigem, mineralischem Oedland auf rund 1 500 000 Hektar geschätzt. Diese Flächen würden als kultivierte Wiesen an gutem Kleegrasheu im ganzen 162,9 Millionen Doppelzentner liefern können, mit welchen Heumassen inan jährlich 2 408 780 Stück Großvieh mehr als jetzt ernähren könnte. Bei Verwertung der Gesamtfläche als Weide würden die Moore usw. au Viehlebendgewicht im ganzen 9 924 000 Doppelzentner liefern können. Wenn auch das heutige Kulturverfahren auf dem Hochmoor die Ueberführung großer Flächen in Grasland begünstigt, so wird doch aller Voraussicht nach der größere Teil der Hochmoore der Besiedlung, der Anlage von kleineren und größeren Bauernstellen mit erheblichem Ackerbau anheimfallen.
Unter der Annahme, daß von dem ganzen noch unkultivierten Hochmoorareal etwa V» in Weide, '/. in Bauernhöfe von 80 Hektar, 5/s in Siedlerstellen von je 10 Hektar Größe umgewundelt werden, wurden die vorhandenen 1 006 000 Hektar 128 250 Hektar abgesonderte Weideflächen, 3200 Bauernhöfe zu 80 Hektar und 64 175 Siedlerstellen zu 10 Hektar liefern können. Auf dieser Fläche würden, abgesehen von den auf den Weideflächen anzusetzenden Hirten- oder Eigentümerfamilien, 67 375 größere und kleinere Siedler- familien ihren Lebensunterhalt finden können, die einen Zuwachs an Marktvieh im Betrage von rund 1 504 060 Doppelzentner an den Markt bringen würden.
Was das unkultivierte Niederungsmoor anbetriffi (1 032 000 Hektar), so erscheint es nicht ausgeschlossen, daß im Laufe der Zeit auch in großen Gebieten Kolonisationen stattfinden (z. B. im bayerischen Donaumoor, wo 17 700 Hektar früher fast ertraglosen Bodens jetzt 5000 Menschen Unterhalt gewähren). Nimmt man
Segen der Aröeit.
Roman von Klara Hellmuth. 28
Die Streiche Xavers, die er heute mit Mühe re- dressiert, waren zwar die schlimmsten, die der Jüngling sich geleistet hatte, aber er wußte genau, sie würden so wenig die letzten bleiben, wie sie die ersten waren. Wie würde das überhaupt noch einmal enden?
Und größtenteils diesem Menschen zuliebe hatte er nicht nur sein eigenes reines Herzensglück opfern müssen, sondern, in Selb und Jammer auch das einer anderen, wenn auch Erna der Borwurf nicht erspart werden konnte, daß sie in leidenschaftlicher Verblendung vorschnell und töricht gehandelt hatte.
Als er an der Villa Auerbach vorbeiritt, sah er die ganze Front erleuchtet und glaubte Klaviermusik zu hören. Schatten huschten hin und her. Vermutlich gaben Erna und ihr Mann eine Gesellschaft. Die oft zurückgedrängte Frage: „Ist sie zufrieden?" denn von Glück konnte keine Rede für sie sein, kam ihm wieder in den Sinn. Konnte sie das selbst aufgebürdete Leben neben jenem öden Gourmand überhaupt ertragen? Und wenn sie es ertrug, war es nicht ein Zeichen, daß Auerbach begonnen hatte, sie zu sich herabzuziehen?
Sein ganzes Leid wachte wieder auf. Sie hätten beide so wundervollzusammengepaßt. Erhatte immer das Gefühl gehabt, als seien sie beide aus der ganzen Menschlichkeit ausdrücklich für einander bestimmt gewesen .. und dennoch! Da feierte sie Feste an Auerbachs Seite, und er ritt einsam in dunkler Nacht seinem öden Waldhaus zu. Es war ein schöner Abend, still, sternenklar und für die Jahreszeit warm. Die Säume ragten noch kahl zum Himmel auf, aber die Knospen regten sich schon, es lag Lenz in der Luft und die braune rissige Erde hatte jenen eigenen, unverkennbaren Frühlingsgeruch. Und mit dein Erwachen der Natur regen sich auch im Menschenherzen allerlei geheimnisvolle Kräfte. Mit schwerem Flügel-
an, daß 10 v. H. der Fläche für Kolonisation noch in Betracht kommt, so würden die übrigbleibenden 90 v. H. (928 800 Hektar) jährlich 2 786 400 Doppelzentner an Lebendgewicht erzeugen können. Unter der weiteren Annahme, daß von den für selbständige Wirtschaften bleibenden 103 2 00 Hektar rund 50 000 Hektar im Großbetriebe, der übrige Teil in 10 Hektar große Kleinbetriebe aufgeteilt und das in den 5320 Kolonien erzeugte Vieh gänzlich von den Inhabern aufgezehrt wird, entfällt nach dem Beispiel der Moorwirtschaft Wilhelmshof auf die 50 000 Hektar noch eine Leistung von 50 000 mal 1,97 d. i. 98 500 Doppelzentner Viehlebendgewicht. Die Gesamtproduktion an Lebendgewicht auf den bisher noch unkultivierten Niederungsmoor stellt sich demnach auf 2 884 900 Doppelzentner. Mithin kann von den bisher noch unkultivierten Flächen im ganzen eine Erzeugung von Marktviehlebendgewicht im Betrage von 8 183 900 Doppelzentner erwartet werden. Dabei würden auf dem Hochmoor 67 375, auf dem Niederungsmoor mindestens 5320, im ganzen mithin 72 695 Familien kleinerer und größerer Wirtschafter ihren Lebensunterhalt finden können.
Der Verfasser betont, daß die Angaben zwar nur Annäherungswerte darstellen, glaubt aber eine gewisse Gewähr dafür übernehmen zu können, daß sie weit eher hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, als sie über» schreiten werden.
Deutsches Reich.
— Die Kaiserin empfing am Montag im neuen Palais im Anschluß an die Audienz bei dem Kaiser den Generalsuperintendenten Blau aus Posen.
— Wie der „N. G- E." aus Nizza gemeldet wird, hat Prinz Heinrich von Preußen auf die Dauer von zwei Monaten die dem Mr. de la Brusse gehörige Dampfjacht „Radium" zu einer Fahrt im Mittelmeer gechartert.
— Der Reichstag erledigte am Donnerstag die erste Lesung des Kurpfuschergesetzes. Die Debatte brächte in der Hauptsache Wiederholungen, und die Vorlage wurde schließlich an eine besondere Kommission verwiesen. Dann folgten die Interpellationen des Zentrums und der Nationalliberalen über die Bekämpfung der Rebschädlinge. Staatssekretär Dr. Delbrück äußerte sich dahin, daß hier eigentlich mehr die Bundesstaaten tun müßten, versprach für das Reich aber tatkräftige Unterstützungen der wissenschaftlichen Erforschung der Krankheitserreger und ihrer Bekämpfung. Ab
schlage huschte eine Eule über den Weg, sonst begegneten dem einsamen Reiter weder Mensch noch Tier, um ihn von den Gedanken abzulenken, die ihm Bild auf Bild vor die Seele zauberten.
Wenn er heimkehrte und fände die Zimmer erleuchtet, und sie stünde auf der Schwelle, ihn zuempfangen...
Er ließ das Pferd gehen, wie es wollte, und be- merkte kaum, daß es endlich ganz still stand. „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib!" Er schreckte jäh zusammen. Hatte das jemand neben ihm gesagt, oder war es nur seines eigenen Gewissens Stimme gewesen? Er zog heftig die Zügel an und ritt nun in scharfem Trabe davon. Zu Hause angelangt, versorgte er selbst den Gaul,dann schloß er behutsam die Tür aufund stieg leise, um FrauHempel nicht zu stören, hinauf in sein Zimmer.
Der Junitag war drückend heiß gewesen und hatte den Schnittern bei ihrer Arbeit manchen Seufzer erpreßt. Erst mit dem Sinken der Sonne fam ein ersehntes kühles Lüftchen. Es strich erfrischend über Wald und Feld und fand auch seinen Weg in die rosenumrankte Veranda der Villa Auerbach und zu Erna, die lässig in einem der zierlichen Schaukelstühle lag. Eine bunte Handarbeit lag aufdem Bambustischchen neben ihr, aber wer konnte bei dieser Hitze sticken. Die Seide klebte ja wahrhaftig an den Fingern fest, und dann gab es ja der bunten Decken schon genug und übergenug im Hause, die Arbeit war schon allein durch ihre Zwecklosigkeit uninteressant, so uninteressant, wie das ganze müßigeLeben überhaupt. Die junge Frau seufzte tief auf. Der kühle Lufthauch brächte im Wehen einen leisen Geruch frischen Heus von einer fernen Wiese mit, und der Duft erweckte so manche Erinnerungen an das Leben und Treiben der Erntezeit, und ein sehnsüchtiges Verlangen nach der frischen Tätigkeit, dem Befehlen und Anordnen vergangener Tage, ja fast ein Gefühl des Neides gegen die, die da draußen im Sonnenbrand ihre Kräfte erproben konnten.
Na, an Arbeit hatte es in Kosenau nie gefehlt, daher
geordneter Naumann (forlsch. Volksparlei), regte vor allem die Einrichtung eines Weinlandtages an, der alle Weinfragen für das Parlament sozusagen vorzubereilen hatte. — Am Freitag wurden allerlei Wünsche und Vorschläge zur Bekämpfung des Sauer- wurms vorgebracht. Die meisten Redner stimmten in den: Verlangen nach Reichsgeldern für den Kampf gegen dieses Untier überein, das den sonderbaren Geschmack hat, die unreifen Weinbeeren auszuhöhlen. Im übrigen hatte die Interpellation kein Ergebnis-
— Die Weihnachtsferien des Reichstages dauern vom 15. Dezember bis zum 9. Januar.
— Daß die Sozialdemokratie den Terrorismus gegen Arbeitswillige als Koalitionsfreiheit betrachtet, hat der „Vorwärts" mit anerkennenswerter Offenheit ausgesprochen, indem es schreibt: „Das Recht auf Sireikpostenstehen nehmen, heißt das Koalitionsrecht nehmen! Zu einer anderen Anschauung kann nur gelangen, wer ein Feind des Koalitionsrechtes ist! Zum Koalitionsrecht gehört das Streikpostenstehen als Mittel zu seiner Ausübung. Wer die Geschichte insbesondere der englischen, französischen und deutschen Kämpfe um das Koalitionsrecht kennt, der weiß, mit welch ungeheuren Opfern sich die Arbeiterklasse das Recht auf Streikpostenstehen errungen hat. Und sie wird es sich nimmer nehmen lassen!"
— Die sozialdemokratischen Gewerkschaften haben jetzt die zweite Million erreicht. Für 1909 wird die Stärke der Gewerkschaften aus 1832 667 angegeben. Jetzt wird die zweite Million erreicht sein. Die großen führenden Verbände, Metallarbeiter, Maurer, Holzarbeiter, Fabrikarbeiter, sollen derartig an Mitgliedern zugenommen haben, daß trotz einzelner Verluste, die einzelne schwachen Verbände erlitten haben, ein Ueberschuß von WO 000 Mark zu Der» zeichnen ist. Das Vermögen, das Ende 1909 43 480 932 Millionen Mark betrug, hat sich aber bedeutend verringert; es sollen kaum noch 39 Millionen vorhanden sein. Die Riesenaussperrung der Bauarbeiter, die Aussperrung der Werftarbeiter und zahlreiche Streiks haben das Vermögen etwas angegriffen. Die Taktik der sozialdemokratischen Lokalvervände geht zurzeit dahin, allen drohenden Konflikten mit den Arbeitgebern nach Kräften aus dem Wege zu gehen. Die Bauarbeiteraussperrung habe, so führen die Gewerkschaftsführer an, den Beweis erbracht, daß die übrigen Arbeiterorganisation nicht in der Lage sind, durch das jetzige Sammelsystem sowie viel Gelder aufzubringen, um
hatte auch nie die Langweile aufkommen können, während sie hier in der eleganten Villa, in allen Ecken zu lauern schien. Und Langweile ist ein gefährlicher Gast. In den vielen unbeschäftigten Stunden hatten die Gedanken so viel Zeit, hin und her zu gehen und zu wühlen in der Vergangenheit und das, was war, zu vergleichen mit dem, was hätte sein können, und was dennoch verloren war.. unwiederbringlich.
„Nun, mein Engel, das nenne ich tief in Gedanken; wovon träumten wir denn eben?" fragte Auerbach.
Er war unbemerkt durch das Gartenzimmer in die Veranda eingetreten und legte Erna beide Hände über die Augen.
Sie fuhr ärgerlich auf: „Mein Himmel, Emil, wie Du mich erschreckt hast, tritt doch auf wie jeder andere Mensch, damit manDich kommen hört."
Er lachte. „Ich trete auf wie jeder andere, meinTäub- chen. Du bist nur ein bißchen nervös, das ist alles," sagte er und legte den Arm um sie. „Ist dies das neue Kleid? Steht Dir famos, ganz famos. Rosa solltest Du immer tragen. Dafür mußt Du notwendig einen Kuß extra haben."
Als er sein Gesicht dem ihren näherte, spürte sie wieder, wie schon vorhin, den leichten Weindunst, der ihr allemal zuwider war.
„Laß nur," wehrte sie, „ich sehe es für genossen an."
„Ich aber nicht, Du spröde, kleine Hexe," sagte er noch immer lacyend. „Na warte, Du bekommst Deine Strafe schon." Damit faßte er sie plötzlich an beiden Schultern und küßte sie über das ganze Gesicht ab. Erna ließ es achselzuckend geschehen. Als er sie endlich loslieb, setzte sie sich an das andere Ende des Tisches, nahm ihre Handarbeit auf und stichelte darauf los. 179,18
„Wie steht es in der Fabrik?" fragte sie. Erna wußte, daß sie hier einen wunden Punkt berührte. Denn Auerbach stand mit seinen Arbeitern fast stets auf gespanntem Fuße,währendsonstin denFabriken derStadtdas besteEin- vernehmen zwischen Besitzern und Angestellten herrschte.