WuchternerZettung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Mr. SS__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".___Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 97.
Samstag, den 3. Dezember 1910
61. Jahrgang.
Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist in Begleitung des Herzogs von Ratibor, des Oberpräsidenten und des Fürsten von Hatzefeldt am Dienstag um 8 Uhr 55 Min. von Raliborhammer nach Breslau abgefahren.
— Der Kaiser ist unter lebhaften Kundgebungen des Publikums Mittwoch Nachmittag 4 Uhr mit Sonder- zug von Breslau nach Wildpark abgereist. Zur Verabschiedung waren erschienen der kommandierende General, das Offizierskorps des Leib-Kürassierregiments Großer Kurfürst (Schlesisches) Nr. 1, sowie der Poli> zeipräsident. Die Truppen der Garnison bildeten auf dem Wege von der Kürassierkaserne bis zum Bahnhof Spalier. Der Kaiser traf abends 10 Uhr 35 Min. in Wildpark ein und begab sich nach dem Neuen Palais.
— Dem deutschen Kronprinzenpaar, das sich auf der Insel Ceylon bei Ausflügen, Sportsfesten und anderen Veranstaltungen vortrefflich unterhält, sagen fremde Zeitungen viel Schmeicheleien. „Auf die Gäste macht das Paar den Eindrück von Hochzeitsreisenden, es entzückt alle durch sein liebenswürdiges Wesen." Dabei haben der Kronprinz und die Kronprinzessin drei gesunde Söhne. Weiter wird berichtet, daß der Kronprinz auf Ceylon an einer Elchjagd teilnahm. Ein Elchhicsch wurde von ihm erlegt. Das Wetter ist mehrere Tage recht regnerisch gewesen, auch die Jagd fand zum Teil bei Regen statt.
—• Die Rückreise der Kronprinzessin aus Ceylon an Bord des Dampfers „Lützow" wird sich unter dem Schutz von Marinemannschaften vollziehen, die bisher in Ostasien kommandiert waren. Das Detachement hat bereits mit dem Dampfer von Tsingtau aus die Heimreise angetreten.
— Die Reichstagswahlen sollen im Oktoher die Stichwahlen im November 1911 stattfinden.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Sonnabend mit der sozialdemokratischen Interpellation über die Königsberger Kaiserrede. In seiner Beantwortung der Interpellation betonte der Reichskanzler von Bethmann Hollweg, die Rede enthalte nicht eine Bekundung absolutistischer, mit unserm Verfassungsrecht unvereinbarer Anschauungen, sondern lediglich eine starke Be>
Segen der Aröeil.
Roman von Klara Hellmuth.
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„In einer halbenStundebin ichzurück,"unterbrach er ihn. „Halte Dich bereit, mich dann zum Direktor zu begleiten."
„Ich lasse mich nicht kommandieren; sieh zu, ob ich mitkomme," rief Xaver und warf sich der Länge nach auf das Sofa. „Und wenn Du etwas tust, was mich blamiert, so jage ich mir eine Kugel durch den Kopf."
„Das wird sich finden," entgegnete Fedor kalt. Er war an solche Tiraden schon gewöhnt.
Der Giftberg war eine Gruppe von Häusern auf einer kleinen Anhöhe am Ende der Vorstadt. In einem dieser Häuser sollte vor einem Menschenalter ein Giftmord passiert sein, das halte dem ganzen Komplex den Namen eingetragen.
Es dunkelte bereits stark, aber Fedor kannte die Gegend und schritt durch Gassen und Gäßchen aus dem nächsten Wege seinem Ziele zu. Frau Danner ernährte sich seit dem Tode ihres Mannes durch Schneiderei. Sie besaß Geschick und Geschmack und erfreute sich immer zahlreicher Kundschaft. Ihre einzige Tochter stand in keinem besonderen Ruf. Ueber die Mutter war Fedor nie etwas zu Ohren gekommen, aber man konnte wohl annehmen, daß die Umtriebe ihrer Aurelie ihr nicht unbekannt seien. . Einmal auf dem Giftberge, hatte Fedor die Dannersche Wohnung bald erfragt und tastete sich nun über zwei dunkle Treppen und einen noch viel dunkleren Flur zu einer Tür, hinter der lautes Surren einer Nähmaschine ertönte. Im Zimmer plunderhafter Ausputz, wohin man : sah, billige Nippes an allen Stellen, wo solche nur stechen konnten. Türen und Fenster mit buntem Lavpenwert Dekoriert, an den Wänden, ja selbst an Spiegel undSchrän- ken ein wahrer Wald von papiernen Rosen und Schneebällen. Der billige Teppich auf dem schlechtgefegten Fußboden war an allen Seiten ausgefranzt und der Bezug laum eines Möbelstückes völlig heil und rein. DasZim-
tonung des monarchischen Prinzips, auf dem das preußische Staatsrecht beruhe. Frhr. v. Hertling (Z) und Dr. von Heidebrand (kons.) fanden nicht den mindesten Anlaß zu einer Kritik der Kaiserrede, auch der Abg. Basserniann (natl.) konnte an der Rede nichts Abso lutistisches finden. Abg. v. Dirksen (Rp.) stellte sich vollkommen aus den Standpunkt des Dr. v. Hydebrand. Bei der darauffolgenden volksparteilichen Interpellation über die Pensionsversicherung der Privatangestellten erklärte Staatssekretär Dr. Delbrück, daß der Entwurf einer Pensionsversicherung der Privatangestellten dem preußischen Staatsministerium vorliege. Seine Fertigstellung für den Reichstag soll möglichst bald erfolgen. Am Montag begann die Beratung der Vorlage über die Schiffahrtsabgaben. Reichskanzler v. Bethmann Hollweg streifte in seiner Begründung die historische Entwicklung der Frage und erörterte das Bedenken auf Grund § 54 der Reichsverfassung und die Ein- Wände wirtschaftlicher Natur. Der vorliegende Entwurf beruhe auf einem einstimmigen Beschluß des Bundesrats. Manches Opfer sei dabei im Interesse der Allgemeinheit nötig gewesen. Erst nach Verabschiedung des Gesetzes werde die Zeit gekommen sein, mit den in Frage kommenden Nachbarstaaten sich aus- einanderzusetzen. Man hoffe auf eine Verständigung, die den beiderseitigen Interessen nach Möglichkeit gerecht werde. Der preußische Eisenbahnminister von Breitenbach wies besonders darauf hin, daß für die Abgaben Maximalsätze vorgesehen seien, und sprach die Hoffnung aus, daß der Entwurf Annahme finden und dem Lande zu Nutzen gereichen werde. Die Redner der Rechten und des Zentrums äußerten sich zu der Vorlage zustimmend, die Linke verhielt sich ablehnend.
— Die neue Militärvorlage sieht, laut „Berl. Lok.- Anz.", eine Steigerung der durchschnittlichen Jahresstärke des deutschen Heeres ab April 1911 vor, sodaß sie im Jahr 1915 die Zahl von 515 321 an Gemeinen, Gefreiten und Obergefreiten erreicht.
— Bei den Stadtverordnetenwahlen in Posen wurden in der ersten und in der zweiten Abteilung sämtliche deutsche Kandidaten gewählt. Die deutschen Parteien hatten bei den diesjährigen Stadtverordneten- wahlen wie in früheren Jahren ein Wahlabkommen geschloffen. Im ganzen wurden bei den diesjährigen Stadtverordnetenwahlen 17 deutsche und 8 Polen gewählt.
— Kraftwagen und Zeugnisstempel. Für die den Führern von Kraftfahrzeugen von beamteten Aerzte»
mer schien in acht Tagen nicht gelüftet zu sein und die Gerüche von Sauerkohl und schlechtem Kaffee stritten sich
um die Oherhand.
Das erste, was Fedor in die Hände fiel, war eine PhotographieseinesBruders, die auf der Kommode aus einem Haufen Schneiderflicken hervorlugte. Die Frau an der Nähmaschine erhob sick, sie mochte Fedor für den Gemahl oder Bruder einer Kundin halten.
„Mein Name ist Busch, Revierförster Busch aus Ko- senau," begann er, bevor er aber seinen Wunsch, das Fräulein Tochter zu sprechen, äußern konnte, rief Frau Dan- ner schon zu seinem Erstaunen: „Aurelchen, Aurelchen!" und sofort erschien das Original des Bildes aus Xavers Zimmer, bunt und plunderhast aufgeziert wie die Stubeneinrichtung, mit viel Spitzen und unechtem Schmuck.
Eine gewisse ordinäre Schönheit konnte man ihr nicht absprechen, und es war in Anbetracht aller Umstände nicht so völlig unbegreiflich, daß sie Xaver angezogen hatte. Sie heftete die begehrlich blitzenden Augen auf Fedors Gesicht, während sie ihm mit ausgestreckter Hand entge- genkam und ihrer Freude wortreichen Ausdruck gab, den Bruder ihres geliebten Xaver kennen zu lernen.
Frau Danner stand völlig in der Stellung der segnenden Schwiegermutter daneben und wartete offenbar nur auf ein Stichwort. Aurelie war jedenfalls eine geriebene, junge Dame und gedachte Fedor mit einem fait accoinpli zu überrumpeln.
Dies war ja immer toller. Der Förster übersah den angebotenen Stuhl, und richtete sich zu seiner ganzen, schlanken Höhe auf. „Sie verkennen den Zweck meines Besuches vollständig," sagte er kalt. „Ich kam nicht, um mich Ihnen als Schwager vurzusteUen!"
In den Augen des Mädchens blitzte klares Verständnis der Situation auf, aber mit erstaunlicher Sicherheit völlige Ahnungslosigkeit heuchelnd, sagte sie mit affektiertem Lächeln und niedergeschlagenen Augen: „Nicht? O wie schade, aber das wäre am Ende auch zuviel verlangt gewesen. Vielleicht bringen Sie mir aber wenig
auszustellenden Zeugnisse, welche den Anträgen auf Gestaltung der Kraftwagenführung beizufügen sind, ist der Zeugnisstempel von drei Mark zu entrichten. Zwar ist anzuerkennen, daß bei diesen Zeugnissen insofern ein öffentliches Interesse obwaltet, als die Allgemeinheit vor unkundigen und untauglichen Fahrzeug- lenkern geschützt werden muß, anderseits ist aber zu berücksichtigen, daß die Zeugnisse dazu dienen dem einzelnen Führer zu einer gesicherten und in wirtschaftlicher Hinsicht viel begehrten Lebensstellung zu verhelfen. Die Erteilung der Zeugnisse erfolgt daher im Privat- interesse der' Führer. Dem Zeugnisstempel von drei Mark unterliegen auch die Bescheinigungen (Führerzeugnisse), durch welche die Führer den Nachweis der Erlaubnis zur Führung eines Kraftfahrzeuges zu erbringen haben, weil diese Urkunden ebenfalls im Privatinteresse der Führer erteilt worden. Diese Bescheinigungen haben nicht die Bedeutung bloßer Erlaubniserreilungen, sondern sie stellen sich inhaltlich als Zeugnisse dar, da die ausstellende Verwaltungsbehörde erklärt, daß der Inhaber auf Grund der abgelegten Prüfung zur Führung eines Kraftfahrzeuges ermächtigt ist. Ferner bedürfen des Zeugnisstempels von drei Mark die Bescheinigungen über die Zulassung des Kraftfahrzeuges zum Verkehr auf öffentlichen Wegen und Plätzen.
Ausland.
— In Oesterreich hat der bekannte Planslawist, Deutschenhetzer und Dreibundgegner Dr. Kramarsch eine schwere politische Niederlage erlitten. Die Tschechen des österreichischen Reichsrates kombinierten sich zu einem einheitlichen Klub, der ihre Macht im Parlament vergrößern soll. Bei der vorgenommenen Präsidentenwahl unterlag Kramarcz mit starker Minorität. , Die tschechischen Abgeordneten haben sich damit endgültig, wie dies schon aus den Delegattonsdebatten ersichtlich war, von Dr. Kramarsch losgesagt, der Jahrzehnte lang das tschechesche Böhmen beherrschte. Als Präsident wurde der Jungtscheche und ehemalige Minister Dr. Fiedler gewählt und zu Vizepräsidenten der Agrarier Udrzal, der katholisch-nationale Fruban und der tschechischradikale Klofatsch.
— Die Auflösung des englischen Parlaments ist mit einer Ansprache des Königs Georg erfolgte, in der er seinem Bedauern Ausdruck gab, daß die Konferenz zur Beilegung der Meinungsverschiedenheiten
e stens eine Bestellung, einen Gruß von meinem Xaver -
ver-
yen Augen gegenüber alle welchem Verhältnis Sie
Wir lieben uns so innig."
Die Röte des Unwillens stieg Fedor ins Gesicht: „Ich wiederhole, daß ich nicht als Postillon d'amour hier bin." Hatte er vor zehn Minuten noch mit Widerstreben diesen wenigstens etwas heiklen Gang angetreten, so schwanden diesem Mädchen, diesen Augen gegenüber alle Bedenken. „Ich weiß nicht, in welchem Verhältnis Sie zu meinem Bruder stehen," fuhr er fort, „ich möchte Ihnen nur zu bedenken geben, daß er leichtsinnig und unbedacht ist, und daß Versprechungen eines Minorennen, sie seien welcher Art sie wollen, wenig m bedeuten haben."
„O, jetzt verstehe ich," sagte das Mädchen von oben herab. „Sie wollen Zwietracht säen zwischen zwei liebende Seelen, aber ich kann Ihnen sagen, Sie bemühen sich umsonst. „Sein Herz von meinem Herzen, das bringet niemand los."
Der schöne Stormsche Vers von diesen Lippen, in die« 1 ser Umgebung, es klang wie Entweihung.
Wär' ich hier nur erst wieder mit Glück heraus, dachte Fedor, als er, seinen Widerwillen bezwingend, fortfuhr: „Ich bin Mitoormund meines Bruders und habe als solcher auch darüber zu wachen, daß er seine finanziellen Verhältnisse nicht überschreitet. Er hat sich verleiten lassen, Ihnen einen kostspieligen Ring zu schenken, ohne daß er im stande wäre, ihn zu bezahlen. Er hat nicht das mindeste Recht zu solchen Ausgaben, und ich, verstehen Sie wohl, bin nicht gewillt, für ihn einzutreten. Sie hätten solche Geschenke überhaupt nicht von ihm an*
nehmen sollen, mein Fräulein."
„Das geht uns nichts an," ließ sich jetzt die Mutter vernehmen. „Wirhaben ihn nicht dazu gezwungen.Wenn ein junger Mann meiner Tochter aus Liebe ein Geschenk macht, so kann sie ihn nicht fragen: „Können Sie 's auch
bezahlen?
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„Sie hätten das dennoch tun sollen," sagte Fedor. „Jedenfalls, es tut mir leid, muß ich Sie bitten, mir den Ring zur Rückgabe an den Juwelier zu übergebenl-