Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

SchlüchternerAitun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr «s Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".__Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

1^ 95. Samstag, den 26. November 1910 61. Jahrgang.

Advent.

Volk des Herrn, dein König naht Wieder deinen Hütten,

Wieder will er über dich

Seinen Segen schütten;

Nach den Tiefbekümmerten

Will er wieder blicken,

Will, die krank und traurig sind, Trösten und erquicken.

Volk des Herrn, dein König naht,

Du mußt ihn begrüßen,

Breite deine Kleider doch

Aus zu seinen Füßen;

Auf bestreue seinen Pfad

Doch mit Palmenzweigen,

Ruf ihm Hosianna zu,

Laß den Mund nicht schweigen!

Wo der König und sein Bolk

So einander finden,

Wo in Liebe und Treue so

Beide sich verbinden,

Da hat eine neue Zeit

Wieder angefangen,

Und der Tag des Heils ist da

Leuchtend aufgegangen.

Deutsches Reich.

Der Kaiser ist von Kiel kommend am Dienstag früh 7 Uhr 40 Minuten auf Station Wildpark cin- getroffen nnd hat sich nach dem Neuen Palais begeben.

Am Montag, dem Geburtstage der Kaiserin Friedrich legte die Kaiserin im Mausoleum in der Friedenskirche, das in üblicher Weise geschmückt war, einen Kranz aus Marechalnilrosen und mattroten Nelken nieder. Die weiße Schleife trägt die Initialen des Kaisers.

? Die Kaiserin ist mit der Prinzessin Luise am Montag nachmittag 1 Uhr 5 Minuten zum Besuche des Prinzen Oskar in Pasewalk eingetroffen. Zum Empfang waren am Bahnhof der Prinz sowie das gesamte Offizierskorps dcs Kürassierregiments Königin ,anwesend. Die Kaiserin fuhr dann mit dem Prinzen und der Prinzessin im Automobil durch die festlich 'geschmückte Stadt nach dem Hause des Regiments- ckoulmandeurs, wo das Frühstück eingenommen wurde 'an dem auch Las Gefolge teilnahm Die Abreise erfolgte um 6 Uhr 15 Minuten.

Segen der Arbeit.

Roman von Klara Hellmuth. 24

Schlimm genug, daß unser Vater kein besserer Wirt war."

Laß unseren Vater ruhen. Du bist der letzte, der das Recht hat, ihm Vorwürfe zu machen. Wir müssen die Dinge nehmen wie sie sind. Deine Extravaganzen kann ich nicht bezahlen und ich will es auch nicht. Das merke Dir jetzt ein für alle mal. Ich habe auch noch für Deine Schwestern zu sorgen."

Xaver schlug die ausdrucksvollen Augen zur Decke em­por.

Mein Himmel, was ists für ein Elend, von Wohl­taten anderer leben und sich das vorrücken lassen zu müs­sen. Als Du Deine Lehrjahre absolviertest, war der Beu­tel der Familie voll, und Vater knauserte nicht."

Fedor lachte bitter. Er dachte daran, daß der Vater ihm die Bitte, studieren zu dürfen, deren Erfüllung sich bei Xaver von selbst verstand, rundweg abgeschlagen hatte. Allein was tats. Das war längst vergangen und er hatte es verschmerzt.

Ich weiß selbst am besten, wie viel ich verbraucht habe," sagte er kurz.Vom Vorrücken von Wohltaten ist keine Rede. Ich weiß, daß es meine Pflicht ist, mich mei­ner Geschwister anzunehmen. Aber ich habe nichts als mein Gehalt für Euch alle und muß darauf halten, daß dies liederliche Leben ein Ende hat. In Schulden will ich Deinetwegen nicht geraten."

Du tust wahrhaftig, als stünde ich schon mit einem Fuß im Zuchthause," grollte Xaver.

Jedenfalls stehst Du dicht vor der Relegation, soviel ist sicher."

Fedor behielt den Bruder im Auge und sah, daß dmer nun doch zusammenzuckte. Aber noch einmal versuchte Xaver den Sorglosen zu spielen.

Der Kronprinz und die Kronprinzessin statteten am Sonntag nachmittag dem Gouverneur einen Besuch in Colombo ab und fuhren später im Automobil nach Mount Lavinia. Bei dem Diner am Sonntag abend brächte der Gouverneur Trinksprüche auf den König und aus den Kaiser aus. Ihre Kaiserlichen Hoheiten unternahmen am Montag früh eine Spazierfahrt in Rickschahs und dann in Begleitung des Gouverneurs eine Rundfahrt im Automobil durch ganz Colombo sowie durch die Eingeborenenstadt. Die Menge be­grüßte die hohen Reisenden an vielen Punkten mit Beifallrufen. Das Fest im Park des Gouvernements­palastes ani Montag nachmittag war außerordentlich stark besucht. Der Gouverneur, das Gefolge und der deutsche Konsul speisten am Montag abend zusammen im Galleface-Hotel. Ihre Kaiserlichen Hoheiten reisten Dienstag vormittag nach Kandy ab.

Der deutsche Kronprinz soll, wie es heißt, als Vertreter des Kaisers im Juni n. Js. zu den Krönungs­feierlichkeiten nach London reisen.

Die Frau des deutschen Reichstags-Abgeord- neten und Führers der Sozialdemokratie, August Bebel, ist am Mittwoch in Zürich gestorben. Sie weilte seit einigen Wochen in Zürich bei ihrer verheirateten Tochter. Frau Bebel stand im 60. Lebensjahre und stammt aus Leipzig. Politisch hat sie sich niemals betätigt. Die Feuerbestattung findet am Freitag nach­mittag im Krematorium zu Zürich statt.

Gegen die Aufstellung von Reklameschildern längs der Eisenbahn hat der Kreis Friedeberg in der Provinz Brandenburg als erste Verwaltungsbehörde Deutschlands eine nachahmenswerte Verfügung ge­troffen. Der Kreisausschuß beschloß in seiner letzten Sitzung, daß fortan die Anbringung solcher Reklame- schilder und sonstiger Aufschriften und Abbildungen, die das Landschaftsbild verunzieren, außerhalb der ge- schloffenen Ortschaften auf beiden Seiten der Eisenbahn­strecken, bis auf eine Entfernung von je 300 Metern vom Bahnkörper abgerechnet, verboten sein soll. Den Eigen­tümern der gegenwärtig ausgestellten Reklametaseln wird zu deren Beseitigung eine Frist gegeben, nach der die etwa noch stehengebliebenen Tafeln durch die zuständige Ortspolizeibehörde zu entfernen find. Zu« Widerhandlungen gegen die neue Verfügung werden mit Geld- oder Haftstrafe geahndet.

Mit Rücksicht auf die Fleischnot hat die preu­ßische Regierung die Veranstaltung einer außerordent­lichen Viehzählung am 1. Dezember angeordnet. Für

Ach was! Wer hat Dir das vorgeredet? So scharf schießen die Preußen nicht."

Meinst Du, daß ich scherze? Mir ist gerade danach zu Sinn. Ich weiß genau, daß es vorgestern abend in der Breitestraße zu einem völligen Skandal gekommen ist, daß Du in der Trunkenheit die Gattin Eures Ordi­narius angerempelt hast wie ein Lehrjunge, und daß die Geduld der Lehrer mit Dir erschöpft ist. Sie sind ein- ftimmig für Deine Relegation, trotzdem will es der Di­rektor mir zu Liebe für diesmal noch bei dem Konflikt bewenden lassen, wenn Du völlige Abbitte leistest. Erst vor ihm, dann vor Frau Dr. Distelkamp."

Xaver hatte sich zurückgelehnt und riß nervös an sei­nem hoffnungsvoll sprossenden Schnurrbart.Das kann ich nicht," murmelte er.

Du wirst es dennoch müssen. Wie man sich bettet, so schläft man."

Fedor stand auf und ging in dem kleinen Zimmer hin und her. Dabei warf er von Zeit zu Zeit einen Blick auf des Bruders Gesicht.

Xaver war ganz blaß geworden. Er schwieg und über­legte. Er war doch nicht so völlig verblendet, um nicht einzusehen, was eine Relegation zu bedeuten habe. Und außerdem, aber das durfte Fedor natürlich nicht wissen, hatte er so manche anderen Gründe, die ihm das Blei­ben sehr erwünscht machten. Nein, er wollte nicht fort. Aber freilich . . Abbitte .. sozusagenim Sünderhemd- chen Kirchbuß tun" .. er, der schöne Xaver, Xaver Busch, für den alle Backfische schwärmten ..! Schauderhaft das! DieSachemitderDoktorinDistelkampwar nicht soschlimm. Mit einer Frau war schon fertig zu werden, wofür hatte man denn seine schönen Augen! Aber der Direktor! Er schöpfte tief Atem.Gräßlich," sagte er halblaut."

Ganz meine Ansicht," sagte Fedor und nahm wieder am Tische Platz.Und nun noch eins."

Was! Noch nicht zu Ende?" sagte Xaver mürrisch.

'Mein, leider nicht. Was bedeutet das hier?" sagte Fedor und legte einen Brief auf den Tisch. Es war das

jeden Haushalt mit Viehbesitz soll eine Zählkarte aus­gefüllt werden; unter die Erhebung fallen Pferde, Rinder, Schafe und Schweine; die übrigen Tierarten werden nicht erhoben. Die Zählkarten sollen so rasch wie möglich im Statistischen Landesamt verarbeitet werden, damit das Ergebnis spätestens Ende Februar dem Ministerium mitgeteilt werden kann.

Ausland.

Die in Texas entdeckte Verschwörung gegen die mexikanische Regierung scheint doch mit Sen Wahlum­trieben zusammenzuhängen. Denn Meldungen aus Puebla besagen, daß zwischen den Bundestruppen und den Gegnern der Wiederwahl des gegenwärtigen Prä­sidenten Diaz ein Kampf stattgefunden habe, in dem die Bandest-tippen siegreich gewesen seien. Eine große Anzahl Aufrührer ist getötet worden, ebenso viele Frauen, darunter auch die, welche den Polizeichef er- schoffen hatte. Es wurden viele Gewehre mit viel Munition beschlagnahmt. Nach den letzten Nachrichten soll die Ordnung wieder hergestellt sein. Umfassende Vorsichtsmaßregeln sind getroffen worden. Auch in Zacatecas kani es zu Unruhen, bei denen Militär auf die Ausständigen Feuer von vernichtender Wirkung gab. Hundert Personen wurden getötet.

Jetzt hat der portugiesische Ministerrat endgül­tig die neue Flagge mit den Farben grün-rot genehmigt. Die ossizielle Einweihung findet am 1. Dezember statt. Die Lissaboner Regierung hat den Gouverneur und den Bischof von Macao angewiesen, keinerlei Nieder­lassungen der aus Portugal vertriebenen Mönche zu dulden. Das Ausweisungsgesetz gilt vielmehr auch für das Gebiet von Macao. In Honkong sind bereits zahlr. -he Jesuiten eingetroffen. Die Jesuitenschule in Macao ist bei der Abreise der Mönche geschloffen worden.

Die Unruhen in Uraguay sind beendigt, und der Friede zwischen der Regierung und den Aufstän­dischen ist endgültig gesichert. Die Regierung unter­zeichnete einen Erlaß zur Aufhebung aller außerordent­lichen Maßnahmen. Die Führer der Aufständischen erließen eine Kundgebung, die -besagte, die Bewegung sei ausschließlich gegen die Präsidentschaftskandidatur von Batele y Ordonez gerichtet gewesen. Die Aus­ständigen legten die Waffen nieder.

Die deutsch-ostafrikanische Zentralbahn schreitet im schnellsten Tempo vorwärts. Im Monat Oktober sind 22,5 Kilometer Gleis weiter gelegt worden.

Schreiben eines Juweliers, der in höflichen Ausdrücken mitteilte, Herr Xaver Busch habe vor längerer Zeit einen Türkisenring im Wert von 30 Mark bei ihm auf Rech­nung genommen und erlaube sich nun Herrn Remerför- ster Busch, als Bruder und Mitvormund des jungen Man­nes, die Nota zu präsentieren.

Xaver verfärbte sich und streckte hastig die Hand nach dem ominösen Schriftstück aus, aber Fedor legte die seine fest darauf.

Nichts da, dies gehört mir. Was solldas aber-frage ich. Antworte gefälligst."

Xaver schwieg und setzte eine trotzig verstockte Miene auf.Das geht Dich nichts an," brummte er endlich.

Also es geht mich nichts an, wenn ich Rechnungen für Schmucksachen bekomme. Das wußte ich noch gar nicht," sagte Fedor ironisch.

Ich habe es dem Kerl nicht geheißen. Weshalb tut ers. Ich werde doch mal einen Ring verschenken dürfen, wenn ich es für angemessen halte."

Wenn Du ihn bezahlen kannst, immerhin. Solange Du auf meine Kasse angewiesen bist, muß ich mir der­artiges ernstlich verbitten. Ich habe weder Lust noch Geld, Deinen . . Freundinnen Präsente zu machen. Wer hat diesen Ring bekommen. Xaver?"

Keine Antioort.

Wer hat ihn bekommen? Ich will es wissen.*

Abermaliges Schweigen.

Xaver saß mit dem Gesicht eines Donnergottes in seiner Ecke und nagte wütend an der Lippe. 179,18

Fedor fühlte, daß es in ihm zu kochen begann, aber er nahm sich zusammen.Ich bin hierher gekommen, um auch diese Sache heute noch zu ordnen," sagte er so ruhig wie möglich, indem er auf die Uhr sah.Es ist jetzt halb sieben. Ich habe keine Zeit zu vertrödeln. Ich gebe Dir zehn Minuten. Hast Du mir bis dahin den Namen nicht genannt, so gehe ich zum Direktor und Du magst die Folgen tragen." Damit legte er die Uhr vor sich auf den Tisch und sah den Bruder scharf an.