SchlüchternerMun g
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «s vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. SS.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 29. Oktober 1910
Amtliches.
J.Nr. 5946 K.,A. Neuerdings bewilligen der Staat, die Landwirlschaftskammer und der Kreis zui Neuanlegung von Düngerstätten und Jauchegruben Beihülfen bis zur Höhe von zusammen 100 Mk. für jede einzelne Anlage vorausgesetzt, daß sie den hierfür gestellten Vorschriften entspricht. Ich verweise dieser« halb auf die in Nr. 28 des Amtsblatts der Land- wirlschaflskammer enthaltenen Bestimmungen und fordere zur Einreichung von Anträgen bis zum 15. Dezember j. Js. auf. Den großen Nutzen einer guten Düngerstätte und Jauchegrube kann ich wohl als bekannt voraussetzen.
Schlüchtern, den 21. Oktober 1910.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.
Des Landwirtes wahre Selbsthilfe.
In den landwirtschaftlichen Versammlungen wählt man häufig das Thema: „Des Landwirtes Selbsthilfe" zum Vortrag.
Man weist dabei darauf hin, daß sich der bäuerliche Landwirt heute nur mehr selbst helfen kann, wenn er seine ganze Kraft, sein ganzes Können bei dem immer komplizierter und schwieriger werdenden landwirtschaftlichen Betriebe aufbietet; zeigt an traurigen Fällen, wie sich jetzt Fehler in der Wirtschaftsführung härter rächen als je; warnt vor den alten Fehlern; weist auf die Neuerungen hin, und gibt Tausende von guten Ratschlägen, die aber — leider nicht befolgt werden!
Da liegt nun m. E. der Fehler hauptsächlich darin, daß die Landleute ihre Söhne genau so im Betriebe „heranwachsen" lassen wie sie selbst herangewachsen sind; schon der Großvater steckte den Buben vom 10. Lebensjahre bald da, bald dort hin, und zeigte ihm, wie „man" es macht, d. h. wie es dessen Vater und Großvater schon machte. Daß dies heute nicht mehr angängig ist, liegt auf der Hand.
Darum, meine ich, ist der beste Rat zu obigem Thema, über das man freilich lange schreiben könnte, dieser: Landwirte, schickt Eure Söhne in die Winterschule! Landwirlssöhne, bittet Eure Eltern, die landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu dürfen!!
Was helfen dem Bauern die besten Ratschläge, wie er wirtschaften soll, wenn er nicht ein klein wenig landwirtschaftliche Vorbildung genossen hat? Wie soll er sich selbst helfen, wenn er zwar die Kräfte, auch
die Mitteln hat zu einem „heutigen" Betriebe, aber keinerlei Vorbildung, kein Wissen?
Nicht mehr lange und die Hauptarbeiten sind für dieses Jahr erledigt; dann ist die Zeit gekommen, wo die Winterschulen beginnen, der November; die Zeit ist ja so günstig- November bis Ende März!
Mit geringen Kosten kann der Vater den Söhnen diejenigen Kenntnisse zu teil werden lassen, die ihr zukünftiger Beruf heute — Selbsthilfe!! — voraussetzt.
Gerade die Winterschulen sind die geeignetsten Anstalten zur Erteilung des Unterrichts an Landwirtssöhne. Denn sie erfüllen das, was die Väter von ihr verlangen müssen: Geringe Kosten (30 Mk. für den Winter); keine Entfremdung der ländlichen Verhältnisse ; Ausrüstung mit den nur wirklich nötigen landwirtschaftlichen und allgemeinen Kenntnissen u. a. m Die Schüler besuchen die Schule zu einer Zeit, wo die Väter die Söhne leichter entbehren können.
Der junge Mann lernt Denken, lernt Rechnen. In jedem Erwerbszweige rechnet man heute; und der Landwirt will ohne Rechnen sehen können, welche Zweige im Betriebe sich rentieren oder nicht?
Die Schüler der Winterschule lernen die richtige Anwendung der Düngemittel, der Kraftfuttermittel kennen, werden in die wichtigsten Gesetze der Tierzucht eingeweiht; das Wichtigste aus Wiesenbau, Ackerbau, Tiefkultur rc wird derart gelehrt, daß die nachhause Zurückkehrenden die Scholle nicht nur mit erhöhtem Fleiße bearbeiten, sondern, auch imstande sind, die Reinerträge zu erhöhen, damit auch den Wert des Grundstückes zu steigern.
Die Anstalt verlangt von den Schülern, daß sie
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vor ihrem Eintritt schon praktisch in der Landwirtschaft tätig waren, also wenigstens das 15. Lebens- jahr überschritten haben (Geburtsurkunde), genügende Kenntnisse in den Elementarfächern besitzen (Zeugnisse über den Erfolg geschehenen Besuch der Elementarschule),
3. regen Fleiß und Ausdauer an den Tag legen,
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deshalb auch
die Schule 2 Wintersemester besuchen,
5. eine Bescheinigung der Orlsbehörde über den uu- bescholtnen Leumund vorlegen.
Ohne theoretische Ausbildung kommt heute der Landwirt nicht vorwärts; daher nochmals: Landwirte schickt Eure Söhne zur Winterschule! Die geringen Kosten kommen sicher in wenigen Jahren wieder herein.
Warnen möchte ich vor dem zu frühen Besuch der
Segen der Arbeit
Roman von Klara Hellmuth.
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Ein Tisch, ein Geldschrank und ein paar Stühle vervollständigten die Einrichtung deS Raumes, der für Fedor und sämtliche Geschwister vorwiegend mit Erinnerungen an schmerzliche Momente aus ihrer Kindheit verknüpft war. Der Befehl: „Komm ins Kontor!" war mit der Aussicht auf eine Tracht Prügel beinahe gleichbedeutend gewesen, und während Fedor mit halbem Lächeln daran dachte, fragte er sich, ob das Kontor seinen alten Ruf, der Schauplatz unangenehmer Erörterungen zu sein, auch heute wieder rechtfertigen würde. Es war ihm in den letzten Tagen manches aufgefallen, das ihm
zu denken gab. , .. . ,
Erner und er matten sich also an ine Arbeit such- tenund notierten, schrieben und verglichen. Es war schwie- rig, sich zurechtzufinden, und ohne des Senators Verstand wäre Fedor völlig ratlos gewesen.
Er sah bald, was übrigens die ganze Stadt schon seit Jahren wußte, daß sein Vater ein Geschäftsmann von unverzeihlicher Nachlässigkeit gewesen war Der alteBusch war ein passionierter Gartenfreund gewesen der ganze Tage bei seinen Rosen und Obstbäumen Zubrachte. Eru Vergnügen muß der Mensel) haben, memteu auch die Kom- mis wenn sie aus der wenig kontrollierten Ladenkasse bald dies bald das für ihre Privatbedürfnisse eutn"hmen. Früher hatten vier bis fünf junge Leute der zahlr^a" Kundschaft kaum gerecht werden können, fett^ Wenba gegen genügten schon zwei, und wenn Fedor emma. seine Verwunderung darüber aussprach, so erklärte ihm der Va 1 ter, daß er seinen Betrieb absichtlich eingeschiank habe.
Bis hierher waren Exner und Fedor mit ihren Unter suchungen gekommen, als Rosa die Herren zu Tisch bit- ’ W - - geren Kinder fühlten sich, nun das Begräbnis vorüber, ganz offenbar wie von schwerem befreit, und ihre potent ängstlich gedämpften Stimme
ten lief
61. Jahrgang.
Schule; ein 17—18 jähriger Schüler, der nach Abgang von der Schule körperlich wie geistig entwickelt ist, wird ein tüchtiger Bauer werden! Wo ein früherer Winterschüler dominiert, da pflegt der rechte Wind zu wehen!
Den Besuch einer Winterschule halte ich daher für das beste Mittel zu „des Landwirtes wahrer Selbsthilfe"!
Landwirtschaftslehrer Steppels-Gelnhausen.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar ist in Begleitung der Prinzessin Viktoria Luise in Brüsser eingetroffen und dort feierlich empfangen worden.
— Der Kaiser, die Kaiserin, Prinzessin Luise, der König und die Königin der Belgier besuchten Mittwoch vormittag die Ausstellung für alte belgische Kunst im Jubelpark. Sie wurden empfangen und geführt von dem früheren Minister Baron Descamps-David. Anwesend waren u. a. die Gräfin von Flandern, Prinz Karl Anton von Hohenzollern, Prinzessin Clementine, Kardinal Erzbischof Merster, alle Minister, der Bür- germeister von Brüssel und der Gesandte von Flotow. Die Besichtigung der wundervollen und schön angeordneten Kunstschätze dauerte 2 Stunden. Die Majestäten fuhren im offenen Vierspänner mit einer Kavallerieeskorte und wurden überall freudig begrüßt. Vor dem Museum hatte eine Ehrenwache von Guides und im Saale Hellebardiere in der Tracht aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts Aufstellung genommen. Um 12'/, Uhr fand im Schloß intimes Frühstück und Marschalltafel statt.
— Die Abreise des kronprinzlichen Paares nach Ostasien findet am 2. November, früh 8 Uhr, vom Anhalter Bahnhof aus statt.
— Das Zarenpaar ist von Friedberg nach Schloß Wolfsgarten bei Darmstadt übergesiedelt.
— Die Zarin hat am Samstag ihre Badekur in Bad Nauheim beendet. Beini Abschied beschenkte sie ihre beiden Badefrauen reich und stellte ihnen ihre Wiederkehr int nächsten Jahre in Aussicht.
— Die Handelskammer zu Oppeln ist in eine Prüfung der Frage eingetreten, aus welchen Gründen das zur Einfuhr in bestimmte oberschlesische Schlachthäuser zugelassene Kontingent ausländischer Schweine trotz der Klagen über angebliche Fleischnot nicht voll ausgenutzt wird. Zur Versorgung des oberschlesischen Jndustriebezirks mit Schweinefleisch ist für eine Anzahl oberschlesischer Schlachthäuser ein Kontingent von
hatten schon wieder so ziemlich den gewohnten Klang. Bei Xaver war es besonders auffallend. Er kam langsam, aber sicher obenauf und wäre nicht abgeneigt gewesen, schon wieder ein paar Schulanekdoten zu erzählen, wenn nicht die Anwesenheit Exuers und das ernste Gesicht des Aeltesten doch etwas auf seine Stimmung gedrückt hätten.
Rosas Augen gingen unruhig von einem zum andern. Sie verstand nichts von Geschäften, aber so viel war ihr doch klar, daß des Vaters Tod einschneidende Veränderungen in ihrem und der Kleinen Leben herbeiführen mürbe. Ein Loßreißen von vielem Lieben, Altgewohnten wurde imuermeiblid) sein. Darüber hinaus gingen ihre Gedanken freilich noch nicht, sie legte liebkosend ihre Hand auf die des Bruders, der schweigsam dasaß, als stecke er tief in Rechenexempeln.
„Wie ist es, Fedor, seid Ihr bald fertig?" fragte sie ihn.
„Bestes Kind, wo denkst Du hin? Kaufmännischer Nachlaß ist nicht so im Handumdrehen geordnet."
„Aber es ist doch alles in Richtigkeit, wickelt sich glatt ab?" fragte sie in einer unklaren Anwandlung von Be-
^„Na," sagte Exner bedächtig. „Auf einige Enttäu« schungen werdet Ihr Euch wohl gefaßt machen müssen. Das ist meine Ansicht. Aber wir sind einstweilen noch bei den Anfängen, können noch nicht klar sehen. Morgen spätestens werden wir Euch das Resultat vorlegen können." _ _. . ...
In Wahrheit ahnte er den Stand der Singe bereits zur Genüge, aber es war sein Grundsatz, bei Tische niemals von unangenehmen Dingen zu reden. Das nutzte
unangenehmen Dingen zu reden. Das nutzte nichts und schädigte nur die Verdauung. .
„Morgen?" fragte Xaver. „Na, das ist gut, am Freitag gedachte ich nach Steinbrück zurückzukehren. Ich sehne mich nach meinen Büchern."
Aedor warf ihm einen erstaunten Bück zu. Regte sich jetzt endlich bei dem Bruder der Lernbetrieb, nachdem
die Lehrer bisher immer seinen Mangel an Eifer, trotz seiner großen Begabung, bedauert hatten? In Wahrheit empfand der Leichtfuß die Stimmung des ganzen Hauses als drückend und sehnte sich nur nach etwas freie«
rer Atmosphäre.
„Wenn Du nach Steinbrück koinmst, wirst Du gut tun, Dich hinter Deinen Büchern energisch auf die Hosen zu setzen, mein liebes Jungchen," sagte Exner.
„Weshalb betonst Du denn das „Wenn" so, Onkel?"
„Nun, so auf alle Fälle. Der Tod Eures Vaters könnte doch am Ende manche Veränderung bedeuten."
„O, aber meine Karriere laß ich mir nicht verderben. Vater mürbe sich ja noch im Grabe umdrehen, wenn ich nicht wenigstens mein Abiturium machte. Das war sein ausdrücklicher Wille. Nein, dafür muß auf jeden Fall Sät -"^^kk^ mmha„ "
geschafft werden."
Gut, gut, das wird sich alles finden," sagte Exner mit unerschütterlicher Ruhe. „Einstweilen müssen wir nun wieder an die Arbeit. Wir haben noch viel vor unS.
Komm, Fedor."
Sie gingen und die übrigen Familienmitglieder zerstreuten sich. Xaver stärkte seine Nerven nach all dem Erschütterndem der letzten Woche an einem Roman von Sacher-Masoch, Paul, ein geistig und körperlich zurück- gebliebenerJunge, verkroch sich mit der kleinen Laura ins Kinderzimmer, und Jda folgte Rosa zu allerhand häuslichen Anordnungen. Das arme Kind empfand von den jüngeren Geschwistern den Tod des Vaters weitaus ant tiefsten. Sie fürchtete sich allein zu sein und folgte der Ael- testen, Schutz und Anhalt suchend, treppauf, treppab, glücklich, wenn man ihr einen Auftrag erteilte und nach ihren Kräften zu helfen erlaubte.
Inzwischen nahmen die Untersuchungen im Kontor ihren Fortgang, aber das Resultat war nicht befriedigender. Das erste, was sich beim Oeffnen des Pultes präsentierte, war ein zusammengeschnürtes Bündel unbezahlter Rechnungen,einige vom Vorjahre, die meisten^aber viel weiter zurückdatiert. 179,18