Ausland.
— Die deutsche Schutzherrschaft über die MarschaU- Jnseln besteht jetzt 25 Jahre. Am 15. Oktober 1885 stellte der Kommandant des „Nautilus" Kapitän Röt- ger durch feierliche Flaggenhiffung auf der Insel Ja- luit sämtliche Inseln der Marschallgruppe sowie die Brown- und Providence-Jnseln unter deutschen Schutz, nachdem ein Vertrag mit den Häuptlingen unterzeichnet worden war. Der Flächeninhalt dieses Gebietes betrug 1500 englische Quadratmeilen. Auf Jaluit gehörten die bedeutendsten Handelsniederlassungen schon längst der Deutschen Handels« und Plantagen-Gesellschaft. In der Zeit vom 17. Oktober bis 7. November erfolgte die Flaggenhiffung auch auf den übrigen größeren Inseln dieser Gruppe. Seit dem 1. Avril 1906 ist die Verwaltung der Marschall-Jnseln, die bis dahin in den Händen der Jaluit-Gesellschaft lag endgültig vom Reiche übernommen.
— In Wien hat die österreichisch-ungarischen Delegation mit einer Thronrede des Kaisers Franz Josef stattgefunden, der u. a. sagte: „Mit Beruhigung kann ich ihnen mitteilen, daß unsere Bündnisse mit dem Deutschen und mit dem Königreich Italien wennmöglich noch fester u. inniger geworden sind. Sehr befriedigend sind auch unsere, Beziehungen zu allen anderen Mächten." Der Kaiser empfahl sodann die Bewilligung der neuen militärischen Forderungen, bei denen sich die Heeres- und Marineverwaltung aufs notwendigste beschränkt habe.
— In Prag ist eine von der dortigen Anarchisten einberufene Ferrer-Gedenkfeier polizeilich aufgelöst worden. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen vor. Die Menge zog darauf johlend vor das Polizeikommissariat, beschipfte die Polizei und gab ihrer Wut über die aufgelöste Versammlung dadurch Ausdruck, daß sie mehrere Fensterscheiben des Polizeigebäudes durch Steinwürfe zertrümmerte. Der Polizei gelang es, die Demonstranten zu zerstreuen, ohne daß es zu ernsteren Zwischenfällen kam.
— Der Ausstand auf den französischen Bahnen hat noch eine weitere Ausdehnung erfahren. Die Regierung hat das Streikkomitee verhaften lassen. Teilweise wollen die zur Fahne einberufenen Reservisten dem Befehl nicht Folge leisten. Bisher wird freilich nur damit gedroht. Der Personen- und Güterverkehr zwischen Frankreich und Deutschland hat fast völlig aufgehört, und die in den Verkehr eingestellten Automobile können nur wenig dieser Kalamität abhelfen. Nach neueren Nachrichten scheint der Ausftand schon im Abflauen zu sein. Das tatkräftige und zielsichere Einschreiten der Regierung hat seine Wirkung nicht verfehlt. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, so dürfte bereits jetzt die Niederlage der Ausständigen im Prinzip entschieden sein. Was jetzt noch kommt, werden in der Hauptsache Rückzugsgefechte sein.
— In Paris ist der Sympathiestreik der Elektri- zitätsarbeiler zur Wirklichkeit geworden. Infolgedessen war die Stadt ohne öffentliche Beleuchtung. Gegen den „Lichtkönig" Pataud, dem Führer der französischen Elektrizitätsarbeiter, ist ein Haftbefehl erlassen worden. Auch die Bediensteten der Straßenbahn streiken.
— Wiederum werden Unruhen in China gemeldet. Wie aus Peking gedrahtet wird, haben 500 Mann der Grenztruppen gemeutert und mit Hilfe von Partei- gängeru des Lama Tschung tien im nordwestlichen Teile der Provinz Pünan besetzt. Truppen sind zum Entsatz der Stadt abgesendet worden, und man erwartet nicht, daß sie auf ernsten Widerstand stoßen werden.
— In Athener politischen Kreisen gibt man der! —* In nächster Zeit werden Noten der Reichsbank
Hoffnung Ausdruck, daß die Lage von Griechenland über 20 Mark zur Ausgabe gelangen, die vom 21.
April 1910 datiert sind und deren Unterschrift lautet: Reichsbankdirektorium: Havenslein, v. Glasenap, Schmiedicke, Korn, Maron, v. Lumm, v. Grimm, Kauffmann, Schneider, Budczies.
—* Herr Lehrer Gärtner-Marjoß wurde vom 1. Oktober d. I. als I. Lehrer nach Wilhelmshausen bei Casfel versetzt; mit Versetzung der 2. Schulstelle in Marjoß wurde der Schulamtsbewerber Herr Braun aus Weißenvorn Kr. Rotenburg beauftragt.
—* Sohnrey's Dorfkalender 1911. Herausgegeben vom Deutschen Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege. Berlin SW 48, Trowitzsch & Sohn. 50 Pfg., bei 20 oder 100 Expl. 40 bezw. 35 Pfg., größere Partien entsprechend billiger. Der gibt dem Volke wirklich, was es brauchen kann! Dies Wort, das dem Dorfkalender Heinrich Sohnrey's bei seinem ersten Erscheinen entgegen gerufen wurde, hat sich nun in neun Jahrgängen bewährt, und der zehnte, bereits vorliegende Jahrgang, bestätigt es auf neue. Die Liebe zur heimatlichen Scholle zu pflegen und dem Landmann das Bewußtsein zu wecken, wie reiche Vor- züge sein Leben noch immer besitzt und wie sie zu erhalten sind, das lehrt dieses echt ländliche Hausbuch, wie kein Anderer. Und wie erfrischend und stärkend ist dabei die Lektüre: hier wird aus dem Borne des deutschen Volkstums geschöpft, hier finden wir Rosegger, Sohnrey und wie unsere großen Volksleute sonst heißen, am Werke. Mächte jeder, der dem Landvolke nahe steht, mithelfen, den Kalender bekannt zu machen, damit sich jedes Haus in unseren Dörfern seiner freuen und feinem segensreichen Einfluß erschließen kann. Der billige Partiepreis macht es leicht möglich.
—* Spanien. Ursprungszeugnisse für die Waren- einfuhr. Die Spanische Regierung hat zum Schutze gegen die Cholera und die Pest am 3. Oktober d. I. verfügt, daß bis auf weiteres alle auf dem Land« und Seeweg in Spanien eingeführten Waren von konsularischen Ursprungszeugnissen begleitet sein müssen.
* Beim Ausgraben am Bahngelände in Fliedeu stießen die Arbeiter auf einen großen Schicht. Jedenfalls bestand in hies. Gegend ein größeres Eisenbergwerk das infolge des 30 jährigen Krieges wieder eingestellt wurde. Vielleicht findet sich ein Unternehmer, der das ergiebige Gelände wieder seiner früheren Bestimmung zuführt, was im Interesse der hiesigen Bevölkerung sehr zu begrüßen wäre.
* Seit kurzem ist die vierte neue Glocke im Turme der Marienkirche zu Gelnhausen montiert worden und damit das neue Geläut vollendet, zu dessen Beschaffung die Schenkung der Kaiserglocke durch Se. Maj. den Kaiser bei seiner Anwesenheit in Gelnhausen Anlaß gab.
* Hanau. Zwei Handelsleute, welche ein Nichtraucherabteil dritter Klasse mit brennender Zigarre bestiegen und darin weitergeraucht, erhielten einen gerichtlichen Strafbefehl von je 10 Mk. Während der eine diese 10 Mk. zahlte, legte der andere Berufung ein welche vom Schöffengericht verworfen wurde. Das Strafmaß wurde sogar auf 15 Mk. erhöht.j
* Hanau. Wie es gemacht wird, um den Landwirt um den wohlverdienten Preis seiner Erzeugnisse zu bringen, geht aus nachstehender Zuschrift hervor: Die Aepfelweinproduzenten von Frankfurt a. M. und Umgegend hatten in diesem Jahre einen Ring gebildet, in dem beschlossen worden war, daß keiner bei Strafe die Aepfel (Kellerobst) teurer als 5 Mk. pro Malter einkaufen sollte. Verboten war auch die Landwirte zu
sick> nach und nach wieder normal gestalten werde. Besonders setzt man seine Hoffnungen auf das neugegründete Kabinett, das allgemein als auf der Höhe seiner Aufgabe stehend betrachtet wird.
— Kronprinz Alexander von Serbien ist nach seiner Rückkehr aus den Manövern bedenklich erkrankt. Außer dem Leibarzt des Königs wurden noch zwei Aerzte.an das Krankenlager berufen, welche nach eingehender Untersuchung Unterleibstyphus feststellten. Der König hat sofort Befehl erteilt, einen Wiener Spezialisten nach Belgrad kommen zu lassen. Das am Freitag früh ausgegebene Bulletin besagt, daß der Zustand des Kranken stationär ist; die Temperatur beträgt 40,6 der Puls 92.
— Die Zahl der bei dem Orkan auf Kuba und andern Inseln des Golfes unigekommenen Personen wird auf hundert geschätzt.
— Aus Havanna wird berichtet: Der Orkan wütet weiter. Der Hafenort Batabona steht unter Wasfer. Die größten Verheerungen hat der Orkan in der Provinz Pinar del Rio angerichtet. Wie verlautet, hat auch die Zuckerernte Schaden erlitten.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 18. Oktober 1910.
—* In der Nacht vom Freitag auf Sonnabend voriger Woche versuchten Diebe in der Schreiner Kreß'schen Wohnung Bahnhofstr. einzubrechen. Sie erbeuteten nur die im Schlafzimmer liegenden Kleider. Man nimmt an, daß sie bei der Arbeit gestört wurden.
—* Ein verkanntes Volksnahrungsumtel. Die Zeit ist da, wo die Nüsfe reif sind. Die meisten Menschen freilich sind es gewohnt, diese Früchte nur in der Weihnachtszeit als Leckerei zu genießen und horchen erstaunt auf, wenn sie von dem großen Nährwert der Nüsfe hören und von dem Rat, sie täglich zu verwenden. Aber Untersuchungen, wie die des spanischen Psychologen Munoz erweisen die physiologischen und therapeutischen Eigenschaften, und man sollte niehr und mehr dafür sorgen, daß Nußbäume und -sträucher in größerer Zahl, als bisher, in unseren Gärten angepflanzt werden. Was die chemische Zusammensetzung betrifft, so enthält die Nuß, wie andere ähnliche Früchte, Fett, Kohlehydrate, Zellu» lose, anorganische Salze, Wasser usw. Als bei den Versuchen ein gesunder Mensch mittags und abends als Nachtisch je acht große Nüsse verzehrte, so stellte sich bereits nach mehreren Tagen vermehrter Blutzufluß nach der Haut und den Schleimhäuten ein. Gesichtsfarbe und Lippen wurden intensiver rötlich Wurde die Nußmenge gesteigert, so trat Nasenbluten, auch Kopfschmerz oder Schwindel auf. Daraus ergibt sich, daß für Bluiarmut eine derartige Nußkur vorzüglich ist; doch soll man überall da recht vorsichtig sein, wo allgemeine oder lokale Blutüberfüllung sich zeigt. Der amerikanische Professor Dr. Hafa hat gefunden, daß die Nüsse an Nährgehalt sogar verschiedene Käsesorten übertreffen. In den meisten Fällen ist es ratsamer, wenn man die Nüsse nicht als Zukost oder Ergänzung zu einer Mahlzeit genießt, sondern als regelmäßigen Bestandteil einer solchen betrachtet. Die Ernährung mit Nüssen hat den Vorzug von einer ganzen Reihe von Nahrungsmitteln, da eine besondere Zubereitung nicht nötig ist. Natürlich müssen sie vor Fäulnis, Verderben und vor Einwanderung von Insekten geschützt sein.
‘, Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 9
Hastig lohnte er den Boten ab und riß das kleine Papier auf. Nur sechs Worte im dicken Blaustift starrten ihm entgegen. „Vater verunglückt. Hoffnungslos. Komm sofort Rosa."
Seine Hand sank herab. Eine Weile stand er regungslos im kalten Flur, dessen Dunkelheit durch das trübe flak- kernde Kerzchen nur unheimlicher erschien. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können und als die Kuckucksuhr mit schrillem Schlage in die Stille hineinschrie, zuckte er zusammen wie bei einem Kanonenschuß. Halb eins! Um 4 Uhr schon ging in der Stadt der Zug, den er benutzen mußte. Es war keine Zeit zu verlieren. Sein Vater im Sterben! Bor dieser Nachricht trat für den Augenblick alles andere zurück. Vor Kälte und Erregung schauernd ging er in sein Zimmer, um sich anzukleiden und dann wieder hinaus, um den Knecht zu alarmieren. Es war Neumond, aber der Schnee, wenn er einesteils auch das Borwärtskommen erschwerte, erhellte dafürdenWeg durch , den Wald. Die Laternen warfen nach rechts und links I flackernde Lichter und wenn ein besonders schneebelade- ner Zweig hell aufglitzerte, scheute der Braune und warf sich hin und her. Fedor, der sich neben den Kutscher ge- , setzt, hatte genug damit zu tun, das aufgeregte Tier zu ! beruhigen.
Der Tag, den er so ungeduldig herbeigesehnt, war angebrochen und er befand sich auf der Reise, aber wie anders war alles gekommen, als er es erwartet hatte.
Der Bahnhof der kleinen Stadt Wildhausen lag ein- geschneil im fahlen Licht des Dezembermorgens. Alles sah mißmutig und verschlafen aus, vom Bahnarbeiter bis zum Herrn Stationsvorsteher, der, den gestrigen Ball noch in den Gliedern, verdrießlich in seinem Bureau stand, die Feder verkehrt hinter dem Ohr.
Zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr reiste
niemand, den nicht unumgängliche Notwendigkeit dazu trieb, und so warteten an diesem Morgen nur ein paar gähnende Hoteldiener und zwei bepelzte ältere Herren auf den fälligen Zug.
„Guten Morgen, Richthof," sagte der eine. „Was tun Sie denn hier in aller Hergottsfrühe?"
„Ich will meinen Aeltesten abholen, er hat erst zu Neujahr seinen Urlaub bekommen. Wen erwarten Sie, wenn man fragen darf?"
„Ich habe mir gedacht, daß der junge Busch mitdiesem Zuge kommen wird und bin hierhergegangen, damit der arme Junge doch wenigstens einen findet, der ihn empfängt und etwas vorbereitet. Er ist mein Pate, er nennt mich Onkel, und ich habe auch immer so etwas wie onkelhafte Gefühle für den Jungen gehabt."
„Was sagen Sie zu diesem Unfall?" fragte Richthof.
Der Advokat und Senator Exner zog mit dem Stock bedächtig ein paar Striche in dem Schnee. „Je nun .. was soll man sagen. Schlimme Geschichte das. Was sagen Sie dazu?"
Richthof machte ein verschmitztes Gesicht. „Ich meine, diese Flinte ist sehr sorgfältig zu rechter Zeit losgegangen."
„Der alte Busch sollte wirklich auf Hasenjagd gegangen sein, bei dem Wetter, bei seinem Rheumatismus? Glauben Sie das? Glauben Sie das wirklich?"
„Warum soll man's nicht glauben?" versetzte Exner, der sich niemals aushorchen ließ und eine Frage stets gern mit einer Gegenfrage beantwortete. „Er wäre nicht der erste, der mit dem Gewehr stolperte und zu Schaden kam. Das ist alles schon dagewesen."
„Na, ich merke schon, Sie wollen sich nur nicht ver- reden, Juriste," lachte der andere, „aber ganz wie Sie wollen. Es muß ja doch alles an den Tag. Der Fedor wird noch seine liebe Not bekommen."
„Wohl möglich, das hat der Aelteste einer verwaisten Familie fast immer."
„Komisch, wie das mit den Buschschen Kindern ist,
begannRichthofwieder.„Jmmerabwechselnd:klug,dumm, klug, dumm, klug, dumm!"
„Ja, das muß ich zugeben," sagte Exner. „Rosa ist noch soeben auf der Grenze, aber im übrigen haben Sie recht. Paul und Laura sind bejammernswürdig unbegabt und Jda hört wieder das Gras wachsen. Fedor ist jedenfalls der Gescheiteste und Beste von der ganzen Familie und es ist unbegreiflich, daß der Vater ihn nicht hat studieren lassen."
„Ja, für diesen Sohn hatte er nie etwas übrig, kaum daß er ihn das Einjährige machen ließ. Dagegen war er in den Leichtfuß den Xaver rein vernarrt und blind gegen all feine dummen Streiche. Es lag wohl an dem hübschen Gesicht und dem betulichen Wesen des Bengels. Sein Aeltester war ihm immer zu ernsthaft veranlagt. Aha, da ist der Zug ja."
„Na, der Junge ist wenigstens mitgekommen."
„Onkel Exner!"
„Mein lieber Fedor," sagte der Senator, indem er dem jungen Manne herzhaft die Hand drückte. „Das ist ein böses Wiedersehen, aber ..."
Er hielt inne, beim besten Willen wollte ihm nichts für die Gelegenheit so recht Passendes einfallen, und Sentimentalitäten hielt er zwischen Männern für gänzlich überflüssig.
„Ich komme doch nicht zu spät?"
„Nein, ich hoffe nicht, aber ich fürchte, Du mußt Dich beeilen, lieber Junge," sagte Exner, indem er sich in Trab setzte.
„Um Gottes willen, Onkel, erkläre mir, was ist hier geschehen? Ich weiß von nichts. Im Telegramm hieß es nur, Vater sei verunglückt."
„Ja, viel kann ich Dir leider auch nicht sagen. Er ist fast sprachlos und war lange Zeit ohne Besinnung. Wir sind größtenteils auf Vermutungen angewiesen. Er ist gestern nach Tisch mit dem Bemerken fortgegangen, er wollte einen Hasen zum Neujahrsbraten schießen, er hatte ja so 'ne kleine Jagd, weißt Du? i79,l§