WüchtemerMun g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65.______________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Die Jubelfeier der Berliner Universität ist in gewissem Sinne ein großes politisches Ereignis gewesen. Sie war in ihrem ganzen Verlauf eine höchst eindrucksvolle Widerlegung der im Ausland so gern geglaubten Redensart unserer radikalen Parteien von dem „reaktionären Preußen". Dem freisinnigen Zeitungsleser muß es ganz merkwürdig porgekommen sein, daß in diesen Tagen an die Stelle der ewig wiederholte» Betrachtungen über die verschiedenen Blockgebilde und den philosophischen Kanzler, der sich angeblich in „gottgewollter Abhängigkeit" unter das Joch der finstersten Reaktion beugt, lange Berichte über den Verlauf der Berliner Nniversitätsfeier getreten waren.
Welch anderer Geist trat da aus allen den vielen Reden hervor! Kaiser, Kanzler, Rektor, Dekane, deutsche und fremde Gäste waren einig in der Feier der freien Wissenschaft und Forschung, neben dem Ernste waltete der Humor und neben der nationalen Bedeutung deutschen Denkens kamen die großen Kulturinteressen der Menschheit zu ihrem Recht. So konnte der Jubiläumsrektor bei dem Festakt sein Kaiserhoch in die Worte des Goetheschen Götz von Berlichingen fassen: Es lebe die Freiheit! Es lebe der Kaiser! Und bei dem großen Festmahl zündete das Wort des Kanzlers: Wer immer um den geistigen Fortschritt ringt, schafft politisch mit an der Größe der Nation. Ohne den freischaffenden Geist, ohne den Idealismus, der sich wie vor hundert Jahren in Stunden der Prüfung als reale Macht erweist, haben die materiellen Taten einer Nation keinen Bestand.
Diese Tage haben uns emporgehoben aus dem Tägesbereich der politischen Phrase und den Blick auf Höheres gelenkt. Aus dem Kaiser und seinen Räten wie aus den Trägern wissenschaftlicher Arbeit sprach das Bewußtsein und der Wille, in der Pflege der idealen Güter das Höchste zu leisten. Möge sich dieser Idealismus wieder inmitten eines zerfahrenen Parteigetriebes als reale Macht für das nationale Leben erweisen! Wir hoffen, daß sich der Wunsch des Dekans der philosophischen Fakultät erfülle und alle Gäste, namentlich die süddeutschen, andere Begriffe von dem preußischen Geiste mit nach Hause nehmen als sie radikale Versammlungsredner, Zeitungsschreiber und Münchener Witzblätter darbieten.
Deutsches Reich.
— Sonnabend nachmittag kurz nach 3 Uhr traf
Segen der Arbeit.
Ronian von Klara Hellmuth. 8
Daß auch jeder Laffe das Recht hatte, den Arm um sie zu legen und mit ihr davon zu wirbeln .. es war doch eine verkehrte Welt. Es glückte ihm zwar, sie zu Tisch führen, aber die Tafel war sehr schmal, und diegegen- »ersiüenden Paare zogen sie fortwährend ins Gespräch.
su fuhren, aver Die ^aiei idul seyr jujimu,unu uityvycu- übersitzenden Paare zogen sie fortwährend ins Gespräch. Einmal stand er auf, holte ihren leichten Seidenschal und legte ihn ihr um die Schultern.
„Warum das?" fragte sie erstaunt.
Fühlen Sie nicht, wie es hier zieht ? Sie haben, furchte ich, den ungünstigsten Platz am ganzen Tisch, gerade unter dem Ventilator."
„Aber es ist mir gar nicht unangenehm, ich merke kaum etwas davon," sagte sie und zog unschlüssig an dem leich
ten Gewebe.
,Jch bitte dringend, nehmen Sie ihn nicht ab," sagte er besorgt. „Gerade dieser feine Zug ist so schädlich. Sre dürfen mir nicht krank werden," setzte er fast unhorbar hinzu mit einem so sprechenden Blick, daß sie verwirrt die Augen senkte und ein paar Minuten lang kein Wort hervorbringen konnte.
Während des ganzen Abends umgab er sie mit der sattesten, unmißverständlichsten Sorge. Mit keinem Gedanken wich er von ihr, und sein ganzes Wesen war etn einziges wortloses Geständnis. Die Erklärung brannte . ihm förmlich auf den Lippen, aber Gott mochte wissen, wie es zuging, daß sich dennoch keine ruhige Minute zur Aussprache finden lassen wollte. Der Abend, von dem er sich so viel versprochen hatte, verstrich wie ein Traum unaenübt und Fedor sah endlich ein, daß er sich wohl oder übel in sein Schicksal ergeben müsse Es sollte heute offenbar nicht sein. Er mußte sich also bis übermorgen gedulden, aber es ward ihm maßlos schwer und erpreßte Ernas Hand zum Abschied in einer ihm selbst ganz unverständlichen Bewegnng. - _
....«JL
Mittwoch, den 19. Oktober 1910
Seine Majestät der Kaiser, in dessen Begleitung sich der Oberhofmeister Graf Eulenburg und zwei Flügeladjutanten befanden, in Kraftwagen in Buch ein. Dort wurde der Kaiser vom Oberbürgermeister Kirschner, dem Bürgermeister Dr. Reicke, dem Stadtbaurat Dr. Ludwig Hoffmann und den Stadträten Marggraff, Mielentz und Namskau sowie dem Stadtverordneten- Vorsteher P. Michelet empfangen. Nach der Vorstellung begab sich der Kaiser, geführt vom Oberbürgermeister und dem Geh. Rat Hoffmann, nach dem „Alten-Leute-Heim", dem „Hospital-Buch", wo alle Insassen an den Wegen und Stegen Aufstellung genommen hatten. Der Kaiser sprach die alten Leute mehrfach an und unterhielt sich besonders leutselig mit den alten Kriegern, die ihre Kriegsdenkmünzen und -Medaillen, Ordensauszeichnungen angelegt hatten. Sie mußten Rede und Antwort stehen, gaben auch über alles zum Wohlgefallen des Kaisers Auskunft. Nach der sehr eingehenden Besichtigung des sehr schönen, nach Plänen des Geh. Rat Hoffmann erbauten Heims, das zahlreiche Bauten inmitten wunderschöner Anlagen umfaßt, bestiegen die Herren die bereitstehenden Kraftwagen und fuhren nun nach der 3. städtischen Irrenanstalt, der Zentrale Buch, der Heimstätte und anderen Anstalten, die aber nicht betreten wurden. Nach dieser Rundfahrt wurde im Schloß Buch der Tee eingenommen. Im Hause der Familie des Oberbürgermeisters blieb der Monarch 1'/, Std. im lebhaften Gespräch mit den Herren. Diesen gegenüber sprach der Kaiser mehrfach seine Anerkennung für das von der Stadt Berlin in Buch Geschaffene aus und fesselte jeden der Herren durch seine das Thema beherrschende Unterhaltung. Beim Abschied reichte der Kaiser allen mit verbindlichsten Worten und freundlichsten Grüßen an die zahlreich Erschienenen die Hand.
— Der Aufenthalt des deutschen Kaiserpaares in Brüssel wird drei Tage umfassen. Das Programm für den Besuch des Kaiserpaaies sieht unter anderem ein großes Galadiner zu 200 Gedecken im Schlosse vor, ferner einen Besuch des Palastes zu Laeken und Besichtigung der im dortigen Park befindlichen bekannten Treibhäuser. Dann sind ferner ein Diner bei der Gräfin von Flandern, ein offizieller Besuch in der Ausstellung, sowie Empfang der deutschen Kolonie entweder im Palaste oder auf der deutschen Legation vorgesehen.
— Der deutsche Kronprinz wird auf seiner Ost-
„Leben Sie wohl," sagte er schwermütig, „und vergessen Sie mich morgen nicht in ihrem Vergnügen."
Sie sah ihn erstaunt an. Was war ihm nur? „Gewiß nicht, wie sollte ich?" sagte sie, während eine feine Röte ihr ins Gesicht stieg. „Mir liegt gar nichts an dieser Reise und ich bliebe viel lieber zu Hause, aber wir durften Papas einzige Schwester doch nicht kränken. Also adieu und auf Wiedersehen!"
„Auf baldiges Wiedersehen!" wiederholte er, aber es klang gedrückt und er fand keinen Trost in seinem eigenen Worte.
Fedor fuhr an diesem Abend in schwer zu beschreibender Erregung nach Hause. Er sagte sich zwar immer wieder: Torheit, sei doch ruhig. Was bedeutet denn ein Aufschub von höchstens achtundvierzig Stunden? Uebermor- gen um diese Zeit bist Du, wills Gott, glücklicher Bräutigam. Umsonst! Immer wieder überfiel ihn eine abergläubische Furcht, daß der richtige Augenblick nicht nur für heute, sondern für alle Zeit verpaßt sei, daß irgend etwas Unvorhergesehenes zwischen ihn und Erna treten und sie für immer trennen könnte.
Und diese Furcht begleitete ihn durch den stillen Winterwald und verließ ihn nicht die ganze schlaflose Nacht hindurch. Er war froh, als endlich der Morgen herauf- dämmerte, das Tageslicht mußte doch all diesen nervösen Hirngespinsten ein Ende machen.
Den halben Tag stieg er durch dick und dünn, kreuz und quer im ganzen Revier herum; nur Bewegung und frische Luft, oder er erstickte. Der starke Marsch verfehlte seine beruhigende Wirkung nicht. Als er heimkam, fühlte er sich im stande, den Rest der Wartezeit zu ertragen. Seine Phantasie zauberte ihm jetzt freundlichere Bilder vor.Wäh- rend er in der Dämmerung im Zimmer hin und her schritt, malte er sich aus, wie es sein würde, wenn Erna erst hier im Waldhaus wäre. Die Vorstellung war so deutlich, daß er ihren Arm in dem seinen zu fühlen meinte. „Siehst Du, liebes Herz," sagte er unwillkürlich ganz laut, und mußte dann über sich selbst und seine verlieb
61. Jahrgang. asienreise einer Einladung nach Manila folgeleisten-
— Ein bemerkenswertes Bekenntnis über die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter findet sich in dem offiziellen Organ des Zentralverbandes der Maurer, an dessen Spitze der Reichstagsabgeordnete Bömelburg, der Erwählte von Dortmund-Hörde, steht. Es heißt da in gerechter und objektiver Beurteilung der Verhältnisse u. a.: „Seit einigen Jahrzehnten beobachteten wir ein, wenn auch langsames, so doch unaufhörliches Emporsteigen der proletarischen Massen. Die wirtschaftliche Lage der Arbeiter hebt sich zusehends, und der moderne Proletarier ist heute in der Lage, mehr Ansprüche an das Leben zu stellen und seine Bedürfnisse besser und reichhaltiger zu befriedigen, als dies jemals der Fall gewesen ist; auch seine soziale Wertung ist gestiegen." — Sollte ein Staat, in dem dieses Emporsteigen des Proletariats möglich ist, oder sein Witschaftssystem wirklich so schlecht sein, wie die Sozialdemokraten sonst stets behaupten? Und ist ein Wirtschaftssystem so sehr von Grund aus reformbedürftig, das den Arbeitern ermöglicht, ihre erhöhten Ansprüche an das Leben „besser und reichhaltiger als jemals" zu befriedigen?
— Zu den Straßenkrawallen in Berlin-Moabit wird von polizeioffiziöser Seite mitgeteilt, daß von den wegen der Ausschreitungen - der Staatsanwaltschaft vorgeführten 77 Personen 40 den sozialdemokratischen Gewerkschaften angehören. Davon sind 20 Mitglieder der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins. Auch die Verletzten sind zu einem sehr großen Teil politisch und gewerkschaftlich organisiert. — Ob die sozialdemo- kralische Presse auch jetzt noch behaupten will, daß die Sozialdemokratie mit den Moabiter Unruhen nichts zu tun habe?
— Wie weit der sozialdemokratische Terrorismus geht, das mußte ein Friseur mit adligem Namen im Norden Berlins erfahren. Zu dem Friseur, einem ordentlichen Geschäftsmann und ruhigen Bürger, kam ein „Genosfe" vom sozialdemokratischen Wahlverein mit der Forderung, der Friseur solle sein Adelsprädikat vom Firmenschild entfernen und dem Wahlverein beitreten, andernfalls würde er boykottiert werden. Der um seinen Lebensunterhalt besorgte Geschäftsmann kam diesen unverschämten Wünschen nach, allein ohne Erfolg. Er gilt nun einmal als „Junker", und kein „Genosse" will sich von ihm rasieren laffen. Es bleibt ihm nicht anderes übrig, als sein Geschäft — wahrscheinlich mit Schaden — zu verkaufen.
ten Torheiten lachen. Was doch solch Mädel alles auS einem Manne machen konnte.
Der Tag ging endlich zu Ende.
Gottlob, jetzt noch ungefähr vierzehn Stunden, dachte Fedor, als er sich zur Ruhe begab. Nur aus alter Gewohnheit, denn schlafen würde er ja doch nicht können. Darin irrte er nun freilich. Die Anstrengung des Vormittags machte sich geltend, eine wohltuende Müdigkeit umfing ihn, sobald er das Licht ausgelöscht hatte, und ehe er sichs versah, warerfesteingeschlafen. Erträumte, er hätte einen Crimson Rambler zu Ernas Empfang gepflanzt, aber die Rosen wollten trotz aller Mühe nicht gedeihen, und ihre Blätter fielen ihm unter den Händen ab, wie die Rosen von Siebels Strauch.
„Rosen gedeihen nicht im Schatten," sagte plötzlich eine Stimme. Er wandte sich um und sah Auerbach lachend hinter sich stehen. Es war ein fatales Lachen, grell und klappernd, beinahe mephistophelisch und es schwoll und ward lauter und lauter, bis der Wald und das ganze Haus davon widerhallten ...
Verwirrt und schlaftrunken fuhr er auf. Wo war er eigentlich, und was für ein Geräusch war das? Mit Anstrengung sammelte er seine fünf Sinne und horchte. Jemand rüttelte mit Gewalt an dem Drücker der HauStür. Was wars. Wer kam mitten in der Nacht aus Forsthaus? Jetzt wurde der Lärm mit verstärkter Heftigkeit am Schlafzimmerfenster fortgesetzt.
„Ich komme schon," rief er, fuhr hastig in die Kleider und schloß die Tür auf. Ein Mann in Pelzmütze und Wasserstiefeln,den Knotenstock in der Hand, stand davor.
„Na, haben Sie einen Totenschlaf," brummte er, „ich dacht schon, ich müßt hier bis zum jüngsten Tag stehen. Hier is ’ne Depesche." 7
Eine Depesche? Um diese Zeit? Von wem?Fedors eigene Familie lag ihm momentan sehr fern. Er konnte nur an Erna denken. War ihr Vater krank oder sonst ein Unglück geschehen, und rief sie nach ihm? 179,18