Schluchterner^eitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr «s___________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".__Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen tosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 83. Samstag, den 15. Oktober 1910 61. Jahrgang.
Simmentaler Vieh-Ankauf in der Schweiz.
In der nächsten Woche begiebt sich eine Kommission in die Schweiz, um einige Simmentaler Original- Bullen für die Zuchtgenossenschaft anzukaufen.' Ich gebe hiervon mit dem Hinzufügen Kenntnis, daß die Ankauss-Kommission gern bereit ist, auch etwaige Bestellungen aus Rinder und Kühe auszuführen. Die Viehzüchter des Kreises, welche diese günstige Gelegenheit benutzen wollen, ersuche ich, etwaige Bestellungen bis spätestens 18. ds. Mts. bei mir einzu- reichen.
Schlüchtern, den 7. Oktober 1910.
Der Vorsitzende der Zuchtgenoffenschaft. Valentiner.
Friedhofsordnung.
für den Friedhof der Stadt Salmünster.
1. Die Grabstellen werden in verschiedenen Größen angelegt und zwar:
a) Für Erwachsene ausschließlich der Wege, aber einschließich des allseitigen Gräberabstandes von 30 cm auf 2,5 qm zu 2 m Länge und 1,25 m Breite.
b) Für Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren auf 1,5 qm zu 1,5 m Länge und 1 m Breite.
c) Für kleine Kinder auf 0,80 qm ju 1 m Länge und 0,80 m Breite.
2. Die Gräber erhalten eine solche Tiefe, daß der Abstand des im Grabe stehenden Sarges bis zur Bodenkante ein Meter betrüg'.
3. Die Beisetzung zweier Leichen in einem Grabe ist nur gestattet, wenn eine Wöchnerin mit ihrem totgeborenen oder gleich nach der Geburt gestorbenen Kinde beerdigt wird, oder wenn gleichzeitig oder kurz nach einander in. einer Familie zwei kleine Kinder verstorben sind; in solchen Fällen ist die Grabstelle entsprechend zu vergrößern.
4. Die 3 usstattung und Unterhaltung der Gräber mit Grabsteinen, Kreuzen, Einfriedigung, Blumen usw. bleibt den Angehörigen der Verstorbenen überlassen. Es dürfen dabei aber nur solche Einrichtungen getroffen werden, welche der guten Sitte nicht zuwiederlaufen, und welche die gegebene Größe der Gräber nicht überragen.
5. Der Umschlagsturnus soll 30 Jahre betragen.
6. Die nach Ablauf dieser Zeitperiode auf den Gräbern nach vorhandenen Grabdenkmäler und Aus- stattungsgegenstände müssen alsdann nach Aufforderung
Segen der Aröeit
Roman von Klara Hellmuth.
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Fedor zählte auch. Er gab sich alle Mühe, denn die Sache machte ihm wahrlich nicht weniger Vergnügen als ihr, und das einleitende Andante ging ohne Mißgeschick zu Ende.
„Sehen Sie wohl, Sie können," triumphierte Erna. „Nun das Allegro." Aber damit hatte es seine Haken. Es war so viel Verwirrendes dabei. Zunächst der schwierigere Satz, dann das schnellere Tempo, das von Erna obenein noch etwas überhastet wurde, und .. last not least .. die kleinen weichen Hände, die die seinen beständig streifend, zuweilen mit kühnem Satz darüber hinweggreifend, auf den Tasten herumflitzten. Er konnte es nicht lassen, nach ihnen zu sehen, und verlor dabei die Noten aus dem Gesicht.
„Sie sind heraus," lachte Erna. „Total."
„Ja allerdings," gab er zu. „Ich weiß nicht, rote es zuging. Eben hatte ich die Stelle noch. Ich sagte Ihnen ja, daß ich ein schlechter Spieler bin."
„O, das tut nichts," sagte sie. „Fallen ist keine Schande, aber liegen bleiben. Fangen wir also nochmals an. Hier beim FF. Hier also bitte."
Sie begannen von neuem. Fedor nahm sich sehr zusammen, und so kamen sie gelegentlich stolpernd, bis zur vierten Seite, aber dann wars auch zu Ende. Diese Hände .. es war zu toll.. machten ihn ganz konfus. Ihm wurde siedend heiß. Er brach ab.
geht wahrhaftig nicht, Fräulein Gedding, sagte ihr sich mit dem Tuch über die Stirn. „Jch^mochte , aber es geht nicht. Es ist die reine Katzenmu-
er und fuh.____________ ,
so gerne, aber es geht nicht. Es ist die reine
Auerbach schadenfroh. ...
„Ja, und totale Entgleisung," sagte Fedor gutmütig. «Bitte, Fräulein Gedding seien Sie so gnädig und heuen
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der Ortspolizeidehörde entfernt werden, andernfalls der Stadt das Recht zusteht, sie entfernen zu lassen.
7. Die Stadt ist Eigentümerin des Friedhofs, ihr daher die Nutznießung zusteht; die ordnungsmäßige. Verwaltung und Beaufsichtigung untersteht der Stadtverwaltung.
Salmünster, den 12. Januar 1910.
Der Magistrat: Schröer.
Landespolizeilich genehmigt.
Casfel, den 2. März 1910.
Der Regierungs-Präsident J. V. v. Ries.
A II. 650 a. Wird hiermit zur allgemeinen Kenntnis gebracht.
Salmünster, den 13. Oktober 1910.
____Der Magistrat: Schröer.
Die 100 jährige Jubiläumsfeier der Berliner Universität
Die Jubelfeier der Berliner Universität begann am Montag mit einem Festgottesdienst im neuen Dom. Die Predigt hielt der Dekan der theologischen Fakultät Geh. Konsistorialrat D. Kaftan, der die Aufgaben und das Wirken der Universität unter Zugrundelegung der Bibelworte 1. Korinther 12,4; „Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist, und es sind mancherlei Aemter, aber es ist ein Herr, und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket in allen" schilderte. Der Abend zuvor brächte den studentischen Fackelzug, an dem sich etwa 3000 Vertreter und Vertreterinnen der Alma mater beteiligten. Der Zug bewegte sich vom kleinen Stern im Tiergarten über die Charlottenburger Chaussee und die Linden entlang nach der hell erleuchteten Universität, auf dem Balkon über der Haupttüre hatte der Rektor der Universität Platz genommen. DerZug wurde durch eine Regi- mentskavelle eröffnet, der die lange Reihe der Kutschen der Chargierten, von Fackelträgern flankiert, folgte, dann kam die unabsehbare Lichtschlange des Zuges, der von einer zweiten Militärkapelle unterbrochen war. Der Zug machte gleich nach der Universität kehrt, marschierte noch einmal vor der Hochschule vorüber und bog dann in eine Seitenstraße nach dem Hofe der Alexanderkaserne ein, wo er sich auflöste. Die Vertreter der Studentenschaft waren während des Vorbeimarsches aus dem Zuge getreten und hatten sich in die Universität begeben, wo aus ihrer Mitte und vom Rektor Ansprachen gehalten wurden.
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Sie die angegriffenen Ohren, indem Sie etwas Hübsches hinterher spielen."
Erna war bereit und spielte mit mittlerer Fertigkeit, was ihr gerade unter die Finger kam, den Tannhäusermarsch, Händels Largo und die Klosterglocken. Fedor wandte ihr die Blätter um und fühlte sich in diesem Amt so glücklich, als ob er das große Los gewonnen hätte. Die ganze heiße Zärtlichkeit eines unverdorbenen Herzens lag in seinem Blick, als er von seiner stattlichen Höhe auf sieherabsah. Wie lieb hab ich Dich, lieber als mein Leben dachte er, und ich wage nur noch nicht, es Dir zu sagen. Ich muß erst sicherer sein, wie Du über mich denkst, Erna.
Auerbach fühlte sich an seinem Schachbrett weniger behaglich. Er betrachtete das Paar am Klavier mit mißvergnügten Blicken und fand die Sache ganz und garnicht nach seinem Geschmack. Dadurch bot er seinem Partner einen Angriffspunkt nach dem andern.
„Gardez!" sagte der alte Gedding triumphierend. Er war es nicht gewohnt, so schnell ans Ziel zu kommen. Meistens hatte er an Auerbach einen zähen Gegner.
„Wahrhaftig, da hab ich nicht aufgepaßt. Na, seis drum."
Er nahm sich darauf zusammen, aber der Fehler war nicht mehr gut zu machen; und sehr bald hieß es „Schach" und „Matt."
„Ja, das ist wahr, so leicht habe ich es Ihnen lange nicht gemacht. Das nenne ich kolossales Pech," sagte er, indem er seine Gefallenen zusammenraffte. „Na, ich hoffe, Sie geben mir Revanche, wenn Sie mich demnächst in Steinbrück besuchen. Für heute ist's nun doch zu spät."
Ihm kam das schnelle Ende der Partie sehr gelegen. Dieser Grünrock dapoussiertewirklich allen Ernstes, und wenn es ihm, Auerbach, schließlich auch ein Leichtes sein würde, ihn auszustechen, sobald er sich nur erst wirklich dahinterklemmte, so lag doch in dem Anblick der beiden am Klavier etwas, das ihn nervös machte.
Deutsches Reich.
— Wie die „Neue Freie Presse" erfährt, wurde anläßlich des letzten Besuches Kaiser Wilhelms in Wieu bereits festgesetzt, daß der deutsche Kaiser auch im nächsten Herbst, wahrscheinlich im Monat September, einen Besuch am Wiener Hofe abstatten wird.
— Der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg ist nach Berlin zurückgekehrt.
— Attentat gegen ein Denkmal Kaiser Wilhelms I. In Osterfeld versuchte der polnische Bergmann Pechusky das Kaiser-Wilhelm-Denkmal mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Das Denkmal ist schwer beschädigt. Ein Bein der Figur ist abgerissen. Der Täter wurde sofort verhaftet, ebenso zwei Schießmeister, die im Verdacht standen, dem Polen das Dynamit verschafft zu haben. Sie wurden jedoch nach kurzem Verhör wieder entlassen. Die Spitzen der Behörden befinden sich am Tatort.
— Ueber die Ausbildung von Gewerbeschullehre- rinnen hat der preußische Handelsminister neue Be- stimmungen erlassen. U. a. muß danach die vorge- schriebene Seminarausbildung nebst Fachprüfung für jede Lehrbefähigung geschehen. Es findet indessen bei einer zweiten Ausbildung eine Befreiung von solchen Unterrichtsfächern statt, die bereits Gegenstand der ersten Ausbildung waren; die späteren Prüfungen erstrecken sich daher nur aus diejenigen Unterrichtsfächer, in denen die weitere Ausbildung erfolgt ist. Die freie 3'k- ist zur Vervollkommnung der pädagogischen Ausbildung zu verwenden. Die Auswahl der Fächer, für welche die Lehrbefähigung erworben werden soll, ist beliebig. Von dem Probejahr wird, wenn es sich um zwei Lehrbefähigungen handelt, die Hälfte erlassen. Es wird ganz erlassen, wenn mehr als zwei Lehrbefähigungen in Frage kommen. Für den Fall, daß die Schülerinnen beim Eintritt in das Gewerbeschullehre- rinnen-Seminar sowohl die Prüfung als Handarbeits- als auch als Hauswirtschaftslehrerin abgelegt haben, wird die Hälfte des Probejahres erlassen. Wollen solche Schülerinnen mehrere Lehrbefähigungen erwerben, so wird das Probejahr ganz erlassen.
— Das Ende des Berliner Kohlenarbeiterstreiks ist nunmehr herbeigeführt worden. Nachdem zwischen den Arbeitern der Firma Kupfer u. Co. und der Firma selbst Einigungsverhandlungen angebahnt worden sind, hat sich auch der Transportarbeiterverband an die boykottierte Firma Leopold Pauly Nächst. gewandt,
Endlich brachen die Gäste auf, und Vater und Tochter traten mit auf die Freitreppe hinaus. Auerbachs edle Grauschimmel scharrten ungeduldig mit den schlanken Hufen und schüttelten die feinen Köpfe. Erna war zu sehr Landkind, um die schönen Tiere nicht zu würdigen.
„Ja, sie können sich sehen lassen," sagteAuerbach selbstgefällig auf ihre bewundernde Bemerkung, „Sie können mir aber glauben, daß ich sie aber auch nicht für ein Butterbrot gekauft habe. Graf Goustein hatte ebenfalls ein Auge auf sie geworfen, aber ich habe ihn bei der Auktion ausgestochen. Darf ich Sie nicht mal zu einer Spazierfahrt mit ihnen abholen? Es wäre mir eine große Freude. Was meinen Sie dazu?"
Erna fühlte Buschs Blick auf sich gerichtet. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte freundlich: „Sehr gütig, aber ich muß wirklich danken. Ich bin in der nächsten Zeit sehr beschäftigt."
„Ach .. Damenarbeit," meinte er wegwerfend.
„Frauenarbeit ist behend. Aber niemals nimmts ein End', was versteht ein Mann davon? Gute Nacht, Herr Auerbach."
Trotz des vorhergegangenen milden Nachmittags spürte man jetzt die Oktoberluft. Scharf strich es von den Feldern herüber. Auerbach hüllte sich umständlich in seinen eleganten Herbstpaletot und schlug auch noch den Kragen hoch.
„Gehen Sie im bloßen Rock?" fragte er Busch. „Mich friert, wenn ich Sie nur ausehe."
„Ein Jäger darf nicht so frostig sein," meinte Fedor indem er sich die Büchse umhängte. „Gute Nacht, meine Herrschaften, und bestenDankfürden angenehmen Abend."
Gedding warf einen prüfenden Blick rings um den Hof, überzeugte sich, daß alles in Ordnung sei und folgte dann seiner Tochter ins Haus.
„Ist doch ein netter Mensch, dieser Busch was, Erna?" fragte er, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl setzte.
„Ja Vater." ... _ ’ _ 179,18