SchlüchternerZeitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr «s Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".______________Telef-r, Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 80.
Mittwoch, den 5. Oktober 1910
61. Jahrgang.
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da sie die grötzte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen ^besitzt.
Ein Vierteljahrhundert Unfallversicherung.
Am 1. Oktober 1885, also vor einem Vierteljahrhundert, ist das Unfallversicherungsgesetz in Kraft getreten, die Unfallversicherung kann also ihr 25 jähriges Jubiläum feiern, ein in der ganzen Welt einzig dastehendes Fest; denn Deutschland ist der erste Staat gewesen, der mit der staatlichen Arbeiterversicherung vorangegangen ist und damit allen übrigen Kulturstaaten die Wege gezeigt hat. Zum erstenmal nahmen am 1. Oktober vor 25 Jahren die Berufsgenossenschaften ihre Tätigkeit auf, und sie haben sich in dieser Zeit glänzend bewährt.
Die Berufsgenossenschaften sind eine ureigenste Schöpfung des Fürsten Bismark, der damit in geradezu klassischer Weise das so schwierige Problem der Durchführung der Unfallversicherung gelöst hat. Wie richtig diese Lösung war, das beweist die Geschichte der Berufsgenossenschaften. Kein Zweig der Arbri .<^'7- sicherung hat sich derart bewährt tote gerade die Be- rvfsgenossenschaflen. Sämtliche Lasten werden von den Unternehmern allein getragen, von einem Reichszuschuß und von Beiträgen der Versicherten selber ist keine Rede. Jeder Betriebsunternehmer hat es mit einer ganz enormen Belastung zu tun. Ohne Rücksicht darauf, ob der Unfall durch Zufall oder durch ein Verschulden des Verletzten oder irgend eines Dritten herbeigeführt ist, hat die Berufsgenoffenschaft Schadenersatz zu leisten. Aus den jährlichen Geschäftsberichten des Reichsversicherungsamtes ist zu ersehen, daß auch in der Rechtsprechung die Unfallversicherung am wenigsten zu Beanstandungen Anlaß gibt. Von ganz besonderer Bedeutung sind die Unfallverhütungs- Vorschristen, in denen die Berufsgenossenschaften vorbildlich vorangegangen sind, für die aber leider einem
stäten mit ihren Gästen dem Gottesdienst bei, am Nachmittag wurde eine Fahrt nach Szittkehmen zur Besichtigung des Johanniterkrankenhauses unternommen.
— Nach amtlicher Meldung wird der Reichstag erst am 21. November wieder zusammentreten.
— In der Borkumer Spionageaffäre steht nunmehr fest, daß die Ausspionierung der nördlichen deutschen Befestigungen schon feit Jahren im Gange ist. Das Treiben der schließlich auf Borkum gefaßten Spione wurde immer kecker. In einer Segeljacht, auf der die englische Flagge gehißt war, segelten sie tagsüber und suchten unter dem Schutze der Nacht die wichtigsten Befestigungsanlagen auszuspionieren, um dann ebenso rasch wieder zu verschwinden. Höheren Orts wird dem Gange der Untersuchung großes Interesse zugewendet und das Kriegsministerium wird ständig auf dem Laufenden erhalten.
— Die Berliner Straßenkrawalle sind zu Ende, und die Ruhe ist wieder hergestellt. Bis jetzt ist bereits gegen 50 Personen ein Strafverfahren eingeleitet worden. Die Anklage lautet auf Landfriedensbruch, Aufreizung, Beleidigung und Widerstand.
— In Berlin ist eine Anarchistenversammlung aufgehoben worden, die in Moabit, wo die Straßenkrawalle stattfanden, abgehalten wurde. Als ein Poli- lizeitrupp von 40 geheimen und uniformierten Schutzleuten unter Führung eines Polizeileutnants in das Lokal eindrangen, wurden die Beamten mit lautem Geschrei empfangen. Die Anarchisten setzten sich zur Wehr, wurden aber bald überwältigt und zum größten Teil verhaftet. Bei dem Handgemenge sind glücklicherweise nur leichtere Verletzungen vorgekommen.
— Der Streik der Hamburger Caffeekellner hat mit einer Niederlage der Streikenden geendet. In einer Sitzung des Vereins der Caffeetiers wurde ein Schreiben der streikenden Caffeekellner verlesen, in dem diese mitteilen, sie wären bereit, mit den Cafeetiers in Unterhandlungen einzutreten. Die Versammlung beschloß, diesen Vorschlag abzulehnen, da Unterhandlungen nunmehr wegen der bereits erfolgten Besetzung aller durch den Streik freigewordenen Stellen zwecklos seien. Die in der Versammlung anwesenden Vertreter der andern Wirte-Vereinigungen erklärten sich mit bitt Caffeetiers solidarisch. Damit hat der ganze Streik seine endgültige Erledigung gefunden.
— Schwere Ausschreitungen streikender Werftarbeiter sind in Lübeck vorgekommen. Eine ganze Anzahl Verhaftungen wurden vorgenommen.
Teile der Arbeiterschaft noch immer das richtige Verständnis fehlt, so daß aus Bequemlichkeit oder Leichtsinn noch immer gegen sie gesündigt wird.
Die Berufsgenossenschaften dürfen also mit Freude und Stolz auf eine segensreiche 25 jährige Tätigkeit zurückblicken trotz mancherlei Anfeindungen, die sie ganz mit Unrecht über sich crgehen lassen mußten. Namentlich ist ihnen von sozialdemokratischer Seite der ganz ungerechtfertigte Vorwurf gemacht worden, sie nutzten ihr Selbstverwaltungsrecht dazu aus, die dem Arbeiter gesetzlich gewährleistete Rente möglichst zu beschneideii, um auf diese Weise finanzielle Ersparnisse zu erzielen. Wie unwahr das ist, sondern wie segensreich die Berufsgenossenschaften gewirkt haben, mögen nackte Zahlen zeigen. Vom Jahre 1885 bis zum Jahre 1909 gelangten zur Anmeldung 8 745 905 Unfälle, von denen 6 743 909 ausscheiden mußten, da die Verletzungen nur geringfügig waren und von den Folgen noch vor dem Ablauf der ersten 13 Wochen nichts mehr zu merken war. Als entschädigungspflichtig anzusehen sind 2 001 996 Unfälle, von denen 163 267 tödlich verliefen, 42 430 eine dauernde völlige Erwerbsunfähigkeit und 958 548 eine dauernde teilweise Erwerbsbeschränkung zur Folge gehabt haben. Nicht weniger als 837 751 Unfälle hatten nur eine vorübergehende Erwerbsunfähigkeit verursacht. Die Gesamtsumme der gewährten Entschädigungen belauft sich auf 1 636 364 857 Mark.
Das ist eine ganz gewaltige Summe, gegenüber der die vor dem Inkrafttreten der Versicherungsgesetze gezahlten Entschädigungen vollständig erblassen müssen. Im Jahre 1886 wurden kaum 2 Millionen Math für Entschädigungen ausgegeben, zehn Jahre später fast 60 Millionen Mark und im Jahre 1908 über 157 Millionen Mark. Das sind Summen, die kein Land der Welt in der Arbeiterfürsorge aufzuweisen hat, aber trotzdem sind diese gewaltigen Sunimen in den Augen der Sozialdemokratie, die vorgibt, die einzige und alleinige Vertreterin der Arbeiterintereffen zu sein, nichts weiter als ein „bißchen Sozialreform" und eine „Bettelsuppe"!
Deutsches Reich.
— Zur Tafel in Roniinten am Sonntag waren beim Kaiserpaar geladen: General der Infanterie v. Kluck, Oberpräsident v. Oettingen, der Gouverneur von Suwalki, Sremoulaff, sowie Rittergutsbesitzer Seydel-Chelchen. Am Vormittag wohnten die Maje
Segen der Arbeit.
Roman von Klara Hellmuth. 2
„Das wäre wohl das letzte," murmelte derjungeMann. „Adieu, Mutter Peppner, gute Besserung, und Sie, Jette, nehmen Sie künftig Ihr Mundwerk besser in acht."
Das Mädchen antwortete nicht. Sie zog den Strick fester über die Schulter und gab mit vorgeneigtem Oberkörper der Karre einen Ruck. Als der Förster den Rücken gewandt hatte, steckte,sie die Zunge^hinter ihm aus.
Fedor Busch schritt unterdessen so eilig vorwärts, als gelte es, ein Versäumnis einzuholen. Als er bis in die Mitte des Dorfes gekommen war, bog er in eine breite Allee uralter Linden ein, die auf einen altmodischen Gutshof mündete. Zu beiden Seiten standen gut erhaltene Wirtschaftsgebäude, den Platz dazwischen füllte ein großes Rondell mit einfachen Blumenanlagen. Die Schmalseite nahm das Herrenhaus ein. Es war eines jener langgestreckten schmucklosen Gebäude, wie man sie zu Anfang des verflossenenJahrhunderts nach kaum überstandenen Kriegsnöten aüfzuführen pflegte. Einpaar Sandsteinlöwen neueren Datums zu beiden Seiten der bescheidenen Freitreppe und ein adliges Wappen über der Haustür bildeten den einzigen Schmuck. Nur die rechte Seite des Hauses schien bewohnt zu sein, auf der linken waren sämtliche Läden geschlossen.
„Ist der Herr Administrator zu Hause?" fragte Busch eine des Weges kommende Magd.
Das Mädchen nickte.
„Gahn's man rin," sagte sie lakonisch und auf die Haustür deutend. Dennoch schritt der Besucher am Hause vorbei zu einer kleinen Gittertür und betrat den Garten. „Aber Waldine, wo kommst Du denn her?" hörte man eine helle Mädchenstimme zu dem Dackel sagen, der sich in tollen Freudensprüngen vergebens bemühte, zu der Sprecherin hinauf zu gelangen.
Diese balanzierte auf einer Querstange des Weinspaliers, hatte an dem einen Arm ein Körbchen und hielt sich mit der freien Hand an den Längsstangen fest.
„Guten Abend, Fräulein Gedding, wie finden Sie es eigentlich, daß ich schon wieder hier bin?1' sagte der Förster in entschuldigendem Ton. „Bitte, sagen Sie es ja, wenn ich Ihnen irgendwo ungelegen komme. Ich wollte eben nur fragen, wie Ihr Herr Vater mit dem neuen Jagdhund zufrieden ist."
„Sie kommen gar nicht ungelegen," lachte die junge Dame. „Sehen Sie mich nur an, langend und bangend in schwebender Pein. Ich wollte Trauben schneiden, und dabei ist der Tritt heimtückischerweise hinter mir umge- fallen. Ich dachte gerade darüber nach, wen ich wohl zu meinem Beistand herbeirufen könnte, als ich Waldine heranschwänzeln sah."
Busch schob schnell den leichten Tritt ans Spalier und reichte dem jungenMädchen die Handhinaus. Sie legte die ihre hinein und schwang sich gewandt hinunter.
„So wären wir also wieder Gleichgestellte; und nun schönen guten Abend und willkommen!"
„Ich störe also wirklich nicht?"
„O keine Spur; im Gegenteil, Vater wird sich sehr freuen."
„Dann gestatten Sie mir, Ihnen die Trauben zu schneiden?"
„Sehr gerne, wenn Sie sich denn durchaus nützlich machen wollen."
Der Förster stieg jetzt hinauf, und Fräulein Erna reckte ihr zierliches Figürchen auf die Fußspitzen, um ihm den Korb hinzuhalten. Dabei kommentierten sie jede Traube.
„Sehen Sie, da hängt noch ein Prachtkerl. Da ..rechts
von Ihnen."
„Ja, wahrhaftig. Warte, Du sollst mir . .."
Die Traube ward geschnitten, gehörig bewundert und wanderte dann zu ihren Gefährten in den Korb. Des Försters Diensteifer schien unerschöpflich.
„So, danke bestens," sagte das junge Mädchen end
lich. „Für heute ist es genug, sonst verdirbt Auerbach sich den Magen."
Buschs eben noch so strahlendes Gesicht verfinsterte sich. „Auerbach?" sagte er, indem er vom Spalier her- unterstieg. „Was will denn der schon wieder?"
„Ich 'glaube, er wollte über Lieferungen von Zuckerrüben für seine Fabrik mit Vater reden, oder irgend so etwas. Was weiß ich! Sie scheinen über das Zusammentreffen nicht gerade entzückt. Ist er Ihnen so unange« nehm?"
„Das will ich nicht gerade sagen, aber ...“
„Er ist wirklich nur; ein harmloser Narr."
„Narr gewiß, aber ob harmlos ? Ich weiß nicht. Er gehört zu den Menschen, mit denen ich nicht im Bösen zu tun haben möchte."
„Im Bösen habe ich mit niemand gern zu tun," sagte das junge Mädchen. „Aber, gehen wir nicht noch einmal durch den Garten? Auerbachs Bericht über das letzte Klubdiner höre ich noch immer früh genug."
Buschs Mienen erhellten sich wieder. ‘„0, mit dem allergrößten Vergnügen," sagte er, indem er an Ernas Seite trat.
Sie ging langsam am Spalier entlang, dann und wann einen prüfenden Blick hinauf werfend, er trug ihr das Körbchen und das Messer; Waldine folgte als Dame d'honneur.
„Ich glaube, es gibt dennoch eine Persönlichkeit, mit der sie es im Bösen zu tun haben, so unglaublich es» klingen mag," begann er, auf ihre Bemerkung zurückgrei- fend.
„O wirklich, wer könnte das sein?" ftagte sie harmlos.
„Es ist zwar keine, auf die es besonders ankäme, aber es ist doch inimerhin eine, Jette Peppner. Ich sprach heute mit der Großmutter, und hatte dabei Gelegenheit, zu sehen, daß die Dirne Sie beinahe haßt. Was haben Sie der wilden Katze getan?"
Erna zuckte die Achseln. „Ach, wenns nur Jette ist, dann will ich mich trösten," meinte sie. 179,18