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Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

mit amtlichem Rreisblatt.

Telefon Nr 65.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitRreisblatt" vierteljährlich 1 M. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 71.

Samstag, den 3. September 1910

61. Jahrgang.

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Amtliches.

J.-Nr. 5328 K «A. Mit Rücksicht auf die zurück­gebliebene Ernte wird zur Ersparung von Zeit die nächste Bullenkörung mit der Kreistierschau in Schläch­tern verbunden. Die Körung findet daher nicht am 10. September in Steinau, sondern am 7. September in Schlächtern auf dem Ausstellungsplatze statt.

Schlächtern, den 31. August 1910.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

Deutsches Reich.

Von seiner - Reise nach Ost« und Westpreußen ist Kaiser Wilhelm wieder nach Berlin zurückgekehrt.

Drei Hohenzollerngenerationen wohnten Donners­tag der historischen Herbstheeresschau des Garde-Korps auf dem Tempelhofer Felde bei: das Kaiserpaar, das Kronprinzenpaar und zum ersten Male dessen beide ältesten Söhne, die Prinzen Wilhelm und Louis Fer« dinand. Das Erscheinen der jüngsten Hohenzollern- sprosse bildete den Mittelpunkt der Unterhaltung vor und nach der großen Heeresschau. Neben ihnen er­regten besondere Aufmerksamkeit die kaiserlichen Gäste aus fernen Landen, Präsident Hermes da Fonseca von Brasilien mit seinem Gefolge, und der türkische Ge­neralstabschef Marschall Jzzet Pascha mit seiner mili­tärischen Begleitung. Schon sehr früh waren am Donnerstag die Straßen von Erwachsenen und Kin­dern belebt. Schon um 5 Uhr rückten aus den süd­westlichen Vororten die Potsdamer Kavallerie und die Artillerie von Breskow, die dort einquartiert gewesen waren, nach dem Paradefelde aus. Zwischen 6 und 7 Uhr trafen auf dem Potsdamer Bahnhof, dem Mili« tärbahnhof, und dem Lehrter Bahnhof die Fußtrap^.a aus Potsdam, Lichterfelde und Spandau ein. Die Charlottenburger kamen zu Fuß. Um 7 Uhr begann der Ausmarsch der Berliner Truppen. 20 Minuten spater rückte die Leibkompanie des 1. Garde-Regiments z. F. unter Hauptmann v. Goerne, die ihre Feldzeichen aus Potsdam mitgebracht hatten, unter den Klängen des Torgauer Marsches durch Portal 5 in das Schloß ein, um die Fahnen der Berliner Fußtruppen, abzu- holen. Kaum Halle sie mit dem Desiliermarsch von Faust das Schloß wieder verlassen, als unter den Klängen des Möllendorfmarsches, die von dem Ritt­meister Prinzen zu Solms befehligte Leibschwadron der Garde du Korps herangeritten kam, um die Standarte nach dem Paradefeld zu bringen.

In der Schule des Lebens.

Roman von Editha v. Welten. 49

Beide verneigten sich und wechselten ein paar höf­liche Worte.

Frau Köhler forderte Lina auf, sich zu ihnen zu setzen, aber die Zeitung nur liegen zu lassen, sie wollte heute nichts hören, sie habe bessere Unterhaltung.

Dabei blickte sie mit stolz leuchtenden Blicken auf den herrlichen Sohn, der liebkosend ihre weiche weiße Hand nahm und an die Lippen führte.

Sie haben mein Mütterchen gewiß schon erkannt, Fräulein Willfurth," wandte er sich heiter an diese,sie hat nur eine Passion, sie heißt Arthur, und das bin ich."

Was er sich einbildet, der große, eitle Mensch, glau­ben Sie ihm nicht, Kind, sagen Sie ihm lieber, daß ich nie ein Sterbenswort von ihm gesprochen habe, außer, wenn ich über ihn schalt."

Er sah Lina lächelnd an.

Sie wurde verlegen unter seinem Blick und wußte zuerst nicht, sollte sie auf den Scherz eingehen? Es wäre schwerfällig gewesen, wollte sie es nicht tun.

Kein gutes Haar hat Ihre Frau Mutter an Ihnen gelassen," sagte sie errötend,und wie unliebsam sie durch Ihr Kommen überrascht worden ist, sehen Sie ihr doch den strahlenden Augen an."

Mutter und Sohn lachten fröhlich auf.

'*Eine Ueberraschung aber war es doch, nicht, Ma- machen, als mich der Märzwiud plötzlich hier herein wehte, während Du mich noch in der lustigen Kaiser­stadt glaubtest? Der Abstecher nach Wien geschah über­haupt bloß auf Kerstens Wunsch, der mich dazu über redete, weil fein Lieblingsmaler gerade aus stellt. Mich aber packte die Sehnsucht nach Mutter und Heimat, ich ließ den Freund sitzen und fuhr davon."

Frau Köhler fühlte sich geschmeichelt, und in ihrem Blich den sie auf Lina richtete, lag die stolze Frage, ob

Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland sind mit ihren Kindern in Friedberg eingetroffen. Sie wurden am Bahnhof vom Großherzog und der Groß- Herzogin empfangen und fuhren nach herzlicher Be­grüßung in offenen Automobilen zum Schloß. Die Stadt hat reichen Schmuck angelegt, die Bevölkerung bereitete den Majestäten einen herzlichen Empfang. DerBoss. Ztg." wird aus Friedberg berichtet; Der Empfang des russischen Kaiferpaares vollzog sich in den einfachsten Formen und hatte ausgesprochen fami­liären Charakter. Nur das hessische Großherzogpaar und die nächsten Verwandten waren erschienen, der Großherzog in Zivil. Die Absperrung wurde streng durchgeführt. Der ganze Bahnhofsplatz war von Militär, Polizei und Gendarmerie abgesperrt. Als die Kaiserin von Rußland mit der Großherzogin von Hessen, dem kleinen Großfürsten-Tronfolger und der jüngsten Tochter zum Schloß fuhren, erschollen stür­mische Hochrufe. Die Kaiserin sieht blaß aus, der Zar, der gebräunt und gesund aussieht, freute sich offensichtlich über die Hochrufe. Er trug einen hellen Reiseanzug und grauen Filzhut. Ein riesiges Gefolge in russischen Automobilen beschloß den Zug zur Burg. Das Wetter war sehr günstig, so daß die Fürstlich­keiten in offenen Landauern zum Schloß fuhren. Montag abend wurde in einer Friedberger Wirtschaft ein junges Mann verhaftet, der mit einem Dolche hantierte und Drohungen ^gen den Zar ausstieß. In Nauheim wurde ein Russe unter dem Verdachte, der anarchistischen Partei anzugehören, festgenommen und ausgewiesen. Wie gerüchtweise verlautet, hat die Polizei die Nachricht bekommen, daß eine gefährliche Anarchistin auf bem Wege nach Friedberg sei. Sämt­liche , Bahnhöfe sind deshalb angewiesen worden, die ankommenden Fremden genau zu kontrollieren.

Der Zar hat den König Nikolaus von Mon­tenegro zum Generalfeldmarschall der russischen Armee ernannt. Erbprinz Danilo wurde zum russischen Ge­neralmajor und Prinz Mirko zum Oberstleutnant be­fördert. Der Fürst Nikolaus gehörte bisher nur als Chef des 15. Schützenregiments der russischen Armee an. Kein europäischer Monarch außer ihm besitzt die Würde, die ihm am Dienstag von dem L-ohne Alex­ander III. am Tage seiner Erhebung zum König ver­liehen wurde.

Zum Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika ist der bisherige Gorverneur von Kamerun Dr. Seitz ernannt worden; an feine Stelle tritt als Gouverneur

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sie zu viel gefragt, ob ein solcher Sohn nicht das höchste Glück auf Erden verdiente.

Das junge Mädchen bei richtete ihn verstohlen, wäh­rend er lebhaft von seinen Reise-Erlebnissen erzählte.

Nein, sie hatte nicht zu viel gesagt, auch was seine äußere Erscheinung aiibetraf.

Lina hatte selten einen so vollkommen schönen Mann gesehen. Eine kraftvoll entwickelte Gestalt, ein feinge­bildeter Kopf mit dunklem Haar und sieghaften Augen, aristokratisch schlanke Hände und Füße waren die Ein- zelzüge, die sich zu einem tadellosen Gesamtbilde ver­einigten. Dazu eine tiefe, angenehme Stimme, form­vollendete Bewegungen.. ein Mann, dem alle Frauen- herzen zufliegen mußten.

Ein Gedanke verursachte ihr einen förmlichen Stich. Konnte nicht der sehr mögliche Fall eintreten, daß sie auch ihr Herz an den Unwiderstehlichen verlor? Törin, die sie war, sich vor dem Umgekehrten gefürchtet zu ha­ben, dieser Adonis hatte die Wahl unter den Schön­sten und Besten des Landes, Lina Willfurth kam da nicht in Betracht.

Ach, Fräulein, Sie vertreten mich wohl heute im Haushalt," sagte Frau Köhler mitten in ihr Sinnen hinein.Ich möchte noch ein Weilchen mit meinem Sohne plaudern. Sagen Sie doch, bitte, der Köchin, daß sie das Roastbeef recht saftig brät, und legen Sie von dem Aprikosenkompot auf."

Lina erhob sich sofort, nahm die Schlüssel und noch ein halbes Dutzend Weisungen in Empfang und ver­ließ das Zimmer.

Wie sie so nach der Tür schritt, leichten Ganges, das blonde Haupt über der schwarzen Krepprüsche mit Anmut getragen, folgten ihr Arthur Köhlers Blicke mit Wohlgefallen, und ein Zug von Befriedigung legte sich um seinen Mund. Das neueFräulein" sagte ihm durchaus zu, seine Mutter hatte sich sonst immer die greulichsten Vogelscheuchen ausgesucht, diesmal .aber ausnahmsweise bei der Wahl ihrer Gesellschafterin Rück­

von Kamerun der Geheime Oberregierungsrat im Reichskolonialamt Dr. Gleim.

Nach den vom preußischen Statistischen Landes­amt in landwirtschaftlichen Kreisen eingezogenen Er­kundigungen wird sich der voraussichtliche Ertrag der Ernte im Königreich Preußen nach dem Stande um Mitte Angust 1910 belaufen für Winterweizen auf 2 112 022 Tonnen gegenüber einem tatsächlichen Ernte- ertrag von 1 876 254 im Jahre 1909, für Sommer­weizen auf 277 444 Tonnen (388 538), für Winter­roggen auf 8 129 456 Tonnen (8471007), für Som­merroggen auf 69 372 Tonnen 170 597), für Sommer­gerste auf 1 565 995 Tonnen (1 935 891), für Hafer auf 5 290 231 Tonnen (6 050 504). Danach hat sich die Ernte an Winterroggen gegen das am 15. Juli d. J. abgegebene Urteil um 132 095 Tonnen ver­schlechtert, auf die übrigen Früchte, besonders auf die Sommerung, hat das in ihre spätere Erntezeit fallende schlechte Wetter offenbar ungünstig eingewirkt.

Ausland.

Zu blutigen Zusammenstößen zwischen tschechi­schen Sokols und Deutschen kam es anläßlich des Sotolfestes in Lobositz bei Teplitz. Eine tausendköpfige Menge zog dieWacht am Rhein" singend durch die Straßen. Sie wurde jedoch von der Gendarmerie zurückgeworfen. Bei der Abfahrt der tschechischen Turnvereine entspann sich am Bahnhof ein förmlicher Kampf. Viele Deutsche wurden durch Hiebe mit sog. Totschlägern und durch Messerstiche verletzt. Da die vorhandenen 50 Gendarmen nicht ausreichten, wurde schließlich eine Eskadron Kavallerie aus Theresienstadt requiriert, worauf die Ruhe wiederhergestellt werden tarnte.

Zum spanisch-vatikanischen Konflikt teilt der MailänderCorriere della Sera" mit, daß die päpst­liche Antwortnote keine neuen Vorschläge enthält. Sie ist weiter nichts als eine Bestätigung der erste Note, und von einemRückzug" der Gurie kann im Ernst also noch kaum die Rede fein, ebensowenig freilich von einem Rückzug der Regierung. Ministerpräsident Canalejas gab die Erklärung ab, die Regierung werde das Cadenas-Gesetz nicht zurückziehen, weil das Sache des Senats sei, dessen Mehrheit das Gesetz angenom« men habe. Canalejas fügte hinzu, in dem Cadenas- Gesetz läge weder eine Herausforderung noch eine Beleidigung des Vatikans, und die Regierung könne es ohne Verletzung der Verfassung nicht zurückziehen.

sicht auf seinen Schönheitssinn genommen. Die Photo­graphie, welche Lina auf Verlängern ihrem Gesuch um die Stelle beigefügt gehabt, hatte sie ihm so hübsch nicht erscheinen lassen, sie gewann noch beim Sprechen.

Der Gegenstand seiner ästhetischen Betrachtungen : sorgte indessen geschäftig für sein leibliches Wohl, i Lina war immer glücklich, wenn sie in der Wirtschaft i tätig sein konnte, hier fühlte sie sich sicher und die reiche Gediegenheit dieses Haushalts machte es zur Lust darin i zu wirken. Schon allein der mächtige Wäscheschrank war i eine Schatzkammer für sich allein, sie entnahm ihm auch i heute wieder mit einer Art von Ehrfurcht das blendend- i weiße, feine Damastgedeck, das dem Heimgekehrten zu i Ehren aufliegen sollte.

Sie ordnete selbst die Tafel mit besonderer Zierlich­keit und schickte nach frischen Blumen und Früchten, da sie gehört hatte, daß Herr Köhler das liebte. Es war ihr fast, als sorgte sie für einen Bruder, und sie gelobte sich, daß sie nie andere als schwesterliche Gefühle fürihnhegen wollte.

Da waren sie schon wieder, die dummen Gedan­ken. Mußte sie denn diesen Mann, der erst heute ihren Weg gekreuzt hatte, immer mit sich selbst in Verbindung zu bringen? Entsetzt glaubte sie in einen Abgrund ; zu blicken, wenn sie ihr Selbst zergliederte; sie wußte . nichst daß teils natürliche weibliche Regungen, teils ihre ! auf Heirat und Ehe gerichtete Erziehung sie beeinflußten.

Im Laufe des Tages machte sie eine sonderbare Be- ; merkung. Es stellte sich heraus, daß nicht allein zärtliche i Sohnesliebe den jungen Köhler vorzeitig von seiner : Reise zurückgeführt hatte, sondern auch ein Telegramm, I nach dem seine Anwesenheit in der vom Vater ererbten Fabrik dringend erwünscht war. Welches Interesse das stärkere gewesen, blieb unentschieden. 168,18

Frau Köhler legte kein Gewicht auf die Nebensache, ihr genügte es, oen Sohn wieder zu haben, und wenn er ihr versicherte, er habe es fern von ihr nicht mehr ausgehalten, so glaubte sie es ihm nur zu gern, und Lina hatte kein Recht, ihm eine Unwahrheit zuzutrauen.