SchlilchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Telefon Nr. «s__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «L.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
.M 67. Samstag, den 20. August 1910 61. Jahrgang.
Amtliches.
Die Kreisverwaltung beabsichtigt, im kommenden Herbste in verschiedenen Höhenlagen des Kreises einige Musterobstpflanzungen von Aepfelhochstämmen auf Privatgrundstücken für Kontrollzwecke anzulegen.
Bewerber, nur Mitglieder von Obstbauvereinen, wollen sich bis zum 1. September schriftlich beim hiesigen Landratsamt anmelden, damit die Grundstücke vor dem Herbste durch den Kreisgärtner geprüft werden. — Die Bäume werden in bestem Material in 5 Sorten, je 5 Stück, für je ein Grundstück unentgeltlich gelieferi. Als Sorten kommen nur die vom Bezirksverein Riffel empfohlenen Handelssorten in Betracht, deren Auswahl dem Kreisgärtner, den Verhältnissen angepaßt, zu überlassen ist.
Die Pflanzung und der sachgemäße Schnitt ist den ersten 3 Jahren nach der Pflanzung werden durch den Kreisgärtner ebenfalls unentgeltlich ausgeführt. Dafür muß sich der Grundstücksbesitzer verpflichten, alle Erd-, Dünge- und Pflegearbeiten nach Angabe des Kreisgärtners auszuführen. Ebenso hat der Besitzer, bei der Pflanzung für Ausheben der Baumgrude, für Baumpfahl und Baumband mach Vorschrift zu sorgen. —
Nur Grundstücke, von etwa 1 Morgen Größe, die eine gleichmäßige, musterhafte Pflanzung von 25 Bäumen zu lassen, die in bester Kultur sich befinden und in den letzten 10 Jahren keine Obstbäume getragen haben, werden berücksichtigt. Oedländereien oder Huten kommen nicht in Betracht.
Schlüchtern, im August 1910.
Für den Kreis-Ausschuß: Valentiner.
Deutsche Reich.
— Kaiser Wilhelm hat sich von Wilhelmshöhe über Mainz, wo er die Parade abnahm, und Cron- berg nach Homburg v. d. Höhe begeben.
— Veteranen auf dem Schlachtfelde von Metz. Die fünftägige 40 jährige Gedenkfeier der Schlachten um Metz nahm am Montag ihren Anfang. Allein gegen 15 000 Veteranen waren außer den sonstigen Gästen zur Teilnahme erschienen. 3500 kleinere Kränze sind von der Vereinigung zur Schmückung und fortdauernden Erhaltung der Kriegergräber und Denkmäler bei Metz gestiftet worden und etwa 400 prachtvolle große Kränze von Vereinen, Regimentsstädten, Familien usw. Morgens von 7 Uhr ab wurden die Kriegergräber und Denkmäler auf den Friedhöfen von
In der Schule des Lebens.
Roman von Editha v. Welten. 44
Erst in reiferen Jahren hatte er eine liebenswürdige Tochter dieser Stadt geheiratet, nachdem er sich vom ar- men Sprachlehrer zumVorsteher eines angeseheuenPrivat- Jnstituts für Knaben heraufgearbeitet, und lebte nun- niehr in den denkbar günstigsten Verhältnissen als glücklicherBesitzer von drei stattlichen Häusern in South- Boston, die ihm seine Gattin mit in die Ehe gebracht, und als Vater von ebensoviel reizenden Töchtern.
Als besondere Lockmittel hatte er Bilder dieser Töchter dem Briefe beigefügt, und Frau Charlotte hatte sich denn auch flugs in die amerikanischen Cousinen verliebt.
Anfang August ging der Dampfer von Hamburg ab, der sie über das Weltmeer tragen sollte.
Lina machte der Reiseplan großen Schnierz. Wie leicht war es möglich, daß ihre geliebte Charlotte für immer in dem fremden Lande blieb, daß sich ihr im Hause der Verwandten der gewünschte Wirkungskreis bot? Sie Liebe fand und Liebe geben durfte. Was war ihr dann noch Lina Willfurth und wie schlecht stand es um ein Wiedersehen. Lebhaft bereute sie, nicht längst eine Reise nach Hamburg oder wo sich Frau Eibig sonst gerade aufhielt, ermöglicht zu haben, eine heftige Sehnsucht nach der Freundin erfaßte sie. Um sie noch einmal zu sehen, beschloß sie, eines ihrer vielen Schmuckstücke zu verkaufen und von dem Erlös die Reisekosten zu bestreiten, damit Mama keine Einbuße habe. Es gab ja bald Ferien und die kleinen Jnspek- tormädel reisten nach Hause. Dann würde sie Nerlings bitten, sich ihrer einsamen Mutter etwas anzunehmen. Nur zwei Tage wollte sie fort, ein kurzes Wiedersehen feiern, ein Lebewohl für lange sagen.
Doch wie so oft im Leben, sollte auch dieser mit Liebe gehegte Wunsch sich nicht erfüllen.
Als die Ferien kamen, gab es bei Willfurths eine Kranke. Das kleine Elschen hatte sich bei einem wilden Sprunge auf der Flucht vor einem scheu gewordenen Pferde das linke Bein gebrochen und lag mit Wasserglasverbänden auf dem Schmerzenslager. Der Transport ins Vaterhaus war vorläufig unmöglich und so hieß es für Lina sich in Geduld zu fassen und die Reise aufzuschieben. Zwar kam die Jnspektorin und nahm Lina die Pflege ihres Töchterchens ab, dafür mußte aber diese untergebracht und versorgt werden.
Ein kläglicher Brief meldete Frau Charlotte die guten Absichten und ihre Vereitelung und schilderte Linas Furcht, daß die neuen Eindrücke ihrer Freundschaft Einbuße tun könnten.
Nach Wochen erst kam eine Antwort, Elschen ging es schon besser, und Lina sann unablässig darüber nach, warum ihre Charlotte garnicht schreibe; nämlich diese selbst trat eines schönen Tages ins Zimmer zu Linas freudiger und Frau Willfurths unangenehmer Ueber« raschung. Letztere fühlte sich der Freundin ihrer Tochter gegenüber, die Willfurths noch in den Tagen ihres Glanzes kennen gelernt hatte, durch die veränderten Verhältnisse sehr "geniert, und wie sie diesen Gast noch aufnehmen sollte, war ihr gänzlich unklar.
Davon war indessen keine Rede. Frau Eibig logierte . . selbstverständlich .. die drei Tage, die sie bleiben wollte, im Hotel, machte auch an Lina weiter keine Ansprüche, als daß sie sie vormittags ein Stündchen besuchen und nachmittags einen Spaziergang mit ihr machen wollte. Nur die Einladung zu einer Tasse Tee mit Gebäck nahm sie an, für die Ablehnung eines Uebri- gen gab der Krankheitsfall im Hause den besten Vorwand.
„Ich konnte doch Europa nicht verlassen," sagte sie zu Lina, als sie mit dieser allein war, „ohne mich persönlich von meiner jungen Freundin zu verabschieden und ihr die Grillen auszureden, die sie sich in das törichte Köpfchen gesetzt hat."
„Meinen Sie denn wirklich, liebe Kleine, daß einige
Metz und auf den östlich von Metz gelegenen Schlachtfeldern geschmückt, wobei Freund und Feind gleich bedacht wurden.
— Nach Mitteilung in der Presse soll als neuer Präsident des deutschen Kriegerbundes der Generalmajor a. D. von Fleck ausersehen sein. v. Fleck war zuletzt leitender Direktor der Gewehrfabrik von Loewe und vorher Oberst und Bezirkskommandeur des Landwehrbezirks Hannover. Von ihm schreiben die „Han- noverschen Tages-Nachrichten:" „In dieser Eigenschaft hat v. Fleck ganz Hervorragendes im Interesse des deutschen Kriegervereinswesens geleistet. Auch bis heute hat v. Fleck die Fühlung mit den deutschen Kriegervereinen nicht verloren; er ist nach wie vor ihr eifriger Förderer. Sein gediegenes reichhaltiges Wissen auf allen Gebieten, verbunden mit seiner eminenten Redekraft hat er von jeher mit großem Erfolg in den Dienst der Kriegervereinstätigkeit gestellt. Seine Ernennung zum Präsidenten des Deutschen Kriegerbundes würde mit besonderer Freude und Genugtuung begrüßt werden nnd für das Kriegervereinswesen eine große Errungenschaft bedeuten."
— Der unter dem Vorsitze des Reichstagsabgeordneten von Vollmar tagende Parteitag der bayrischen Sozialdemokratie ist von 140 Delegierten, darunter 5 Frauen, besucht. Die sozialdemokratische Landtagsfrakiton Badens hat einen Abgeordneten entsandt. Der vom Landtagsabgeordneten Auer lMünchen) erstattete Bericht des Landesvorstandes erklärt, die nächste Aufgabe der Partei sei die Erziehung der Mitläufer zu organisierten und überzeugten Sozialdemokraten, ebenso die w>r!- schaftliche und politische Erziehung der Frauen. Mit dem Freidenkertum habe die Partei nichts zu tun.
— Zu dem beabsichtigten österreichischen Verbot der Schlachtviehausfuhr nimmt die „Fleischerzeitung" Stellung, indem sie eine gänzliche Sperrung der österreichischen Grenze für einen furchtbaren Schlag für die deutsche Vieh- und Fleischversorgung erklärt. Mehr als 1000 Stück Ochsen würden jede Woche aus Oesterreich nach Deutschland eingeführt. Sehr hart würden vor allem die Märkte von München, Nürnberg, Fürth und Augsburg, in weiterer Reihe von Frankfurt a. M., Dresden, Köln und anderen süd- und westdeutschen Plätzen betroffen werden. In München seien 64,51 Prozent aller dort geschlachteten Ochsen österreichischer Herkunft. Die Vieh- und Schlachthofdirektion in München erklärt telephonisch, daß die Grenzsperre für österreichisches Rindvieh einen ganz gewaltigen Einfluß
auf die Münchener Fleischversorgung ausüben würde. Zunächst würde eine große Kalamität die Folge sein. Ersatz aus dem deutschen Reiche, zu beziehen würde außerordentlich schwer sein. Die unmittelbare Wirkung wäre, daß die Ochsenpreise um 20 Prozent in die Höhe gehen. Die deutsche Reichsregierung müßte alle Mittel aufbieten, um die Sperrung zu verhindern. Ein gleiches Urteil gab für Nürnberg Magistratsrat Friedrich, Vorsitzender des Bezirksvereins des Königreichs Bayern im deutschen Fleischerverband ab. Nürnberg beziehe im Durchschnitt wöchentlich 120 Ochsen schwerer und bester Qualität aus Oesterreich, wie sie sonst in Deutschland nicht zu haben sind. Zunächst würde eine kolossale Notlage eintreten. Bei dem allgemeinen Rind- viehmangel im deutschen Reich würde es kaum möglich sein, Ersatz für den Ausfall der österreichischen Einfuhr aus andern deutschen Gebieten zu schaffen. Viele Nürnberger Viehhändler, die in letzter Zeit in Berlin anzukaufen versuchten, seien unverrichteter Sache heimgekehrt. In Nürnberg würde man einfach ratlos dastehen. Ein Preisaufschlag von 20 Prozent wäre unausbleiblich. Man sollte sofort eine Massenbewegung anregen, um die Reichregierung zu veranlassen, gegen den von der österreichischen Regierung geplanten Schritt, der obenein gegen den deutschen Handelsvertrag verstoße, zu protestieren. In gleicher Weise äußerten sich die Vieh- und Schlachthofdirektoren von Köln, Augsburg und Mainz. Bei der ungeheuren Wichtigkeit der Sache für die deutsche Volksernährung sei dringend geboten, daß, die ganze Bevölkerung sofort die deutsche Reichsregierung anrufe, sie möge alles aufbieten, um bei der österreichisch-ungarischen Regierung die drohende Sperre zu verhindern.
Ausland.
— Ein furchtbares Eisenbahnunglück hat sich im Südwesten von Frankreich auf dem Bahnhöfe Saujon, 9 Kilometer von dem Seebade Royan ereignet. Das Unglück forderte sofort 32 Menschenleben, außerdem zählt man etwa 100 Verwundete, von denen drei auf dem Transport starben. Es ist somit eine der schwersten Eisenbahnkatastrophen der letzten Zeit. Eine Schar junger, lebenslustiger Mädchen, die von einem Sonntagsausflug aufs Land nach Bordeaux zurückkehren wollten, ist ihr zum Opfer gefallen.
— In der Umgegend von Tokio sind infolge der jüngsten UebersHwemmungen 1112 Personen umge- kommen bezw. werden vermißt. 3953 Häuser sind
hundert Meilen Entfernung mehr zwischen uns, meine Freundschaft aufheben oder daß die vorausgesetzte Liebenswürdigkeit meiner neuen Verwandten Ihr Bild in meinem Herzen verdunkeln oder auslöschen könnte? So leicht bin ich nicht zu beeinflussen. Habe ich mich einmal für einen Menschen entschieden, so halte ich auch an ihm fest, so lange ersnicht selbst sich von mir löst."
Lina schämte sich ihres Kleininutes. Mit staunenden Blicken betrachtete sie ihre Freundin, deren Erscheinen sie wieder, wie bei der ersten Begegnung vollständig bezauberte. Sie war noch schöner, noch interessanter geworden, als hätte die linde Hand der Zeit einen Schleier von diesem Antlitz gezogen, so leuchtete es in seinen reinen Linien. Die herrlichen Augen, der zarte Mund, das nachtschwarze Haar .. Lina konnte sich nicht satt sehen. Fast trug sie Scheu, von ihren kleinen Sorgen, Freuden nnd Leiden zu reden, erst Char- lottes liebevolles Entgegenkommen schloß ihr das Herz auf.
Nun konnte sie erzählen von dem Umschlag in ihrem Leben, und wie sie aus der verwöhnten Erbin und umschmeichelten Braut ein armes, arbeitsames Mädchen geworden war, und daß sie gar nicht so schrecklich unglücklich sein könne, wie Mama es von ihr verlange. Alles das hatte sie der geliebten Freundin schon brieflich gesagt, aber so von Mund zu Mund klang es ganz anders, unmittelbarer und überzeugender.
Charlotte hörte stumm zu, drückte sanft die kleinen Hände, die deutliche Spuren von Haus- und Küchen- arbeit aufwiesen und warf nur ab und zu eine Frage ein.
„Sie haben sich in der Prüfung bewährt," sagte sie, als Lina eine Pause machte. „Wer so gefaßt aus Glanz und Schimmer ins Dunkel tritt, trägt ein unvergängliches Licht in sich. Erröten Sie nicht, es soll keine Schmeichelei sein, dazu sind Sie mir zu schade. Aber ich möchte Ihnen gern weiter helfen, ich finde, daß Sie erst am Anfänge stehen." 168,18