SchlüchtemerMung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Telefon Nr «s Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1U Pfg.
JW. 66. Mittwoch, den 17. August 1910 61. Jahrgang.
Fahnenweihe und Ueteranen-Appell in Cassel.
Festliche Tage liegen hinter uns. Tage voll militärischen Glanzes und Prunkes, aber auch Tage ernsten Gedenkens und dankbaren Erinnerns an Deutschlands große Zeit und alle, die vor nunmehr 4 Jahrzehnten für das Vaterland gekänipft und gelitten haben. Es lag ein tiefer Sinn in der erhebenden Feier am Sonntag auf dem weiten Friedrichsplatz. Mehr denn 5000 zum Appell erschienene Kriegsteilnehmer blickten auf den obersten Kriegsherrn, den Sohn und Enkel der ersten Kaiser des geeinten Vaterlandes, die sie auf blutiger Wahlstatt zum Siege geführt. Sie sah'n neue Fahnen zur Weihe gesenkt. Sahen ihre Söhne strammen Schrittes vor deni Kaiser defilieren, ein neues Geschlecht, dem Deutschlands Ehre und Gedeihen an- vertraut ist. Und als sie dann selbst ungebeugt bei den Klängen der Wacht am Rhein im Parademarsch vor dem obersten Kriegsherrn vorbeimarschierten, gaben sie den Söhnen ein ernstes Vorbild männlichen Pflichtbewußtseins und ungebrochener Treue zu Kaiser und Reich.
Unabsehbar schienen schon am Sonnabend die Scharen der Veteranen, die die festlich geschmückten Straßen der Straßen belebten. Es war ein buntes bewegtes Treiben, wie es Cassel nur selten sieht. Bis spät in die Nacht hinein wogte die festlich gestimmte Menge in den Hauptstraßen der Stadt.
Die Feier auf dem Friedrichsplatz.
In den frühen Morgenstunden des Sonntags trafen die Hauptmassen der Veteranen mit den von der Kgl. Eisenbahndirektion gestellten Extrazügen auf den Bahnhöfen ein, um sofort nach dem Ständeplatz zu marschieren, wo die Ausstellung nach Regimentern erfolgte. Es war keine kleine Aufgabe, diese Massen zu ordnen, waren doch 5250 Mann zum Appell angetreten Vom Ständeplatz aus rückten dann die Veieranen durch die mit dicht gedrängten Menschenmassen umsäumten Straßen zum Friedrichsplatz, wo sie in 2 Abteilungen mit dem Rücken nach der Königsstraße und der Südwestseite des Friedrichsplatzes bis zur Frankfurterstraße, 12 Glieder tief, aufgestellt wurden. Sie hatten so freien Ausblick nach dem vor dem Residenzpalais aufgestellten Feldaltar, der in üblicher Weise mit Lorbeerbäumen umstellt und von Geschützen und Trommelpyramiden flankiert war. Kurz vor '/Jl Uhr war die Aufstellung der Veteranen, die in ihrer dunklen Kleidung eine ernste, fast finstere
Mauer bildeten, beendet. Doch jetzt erhielt das fesselnde Bild frohere, leuchtendere Farben. Mit klingendem Spiele zog die von Hauptmann Bachmann geführte Ehrenkompagnie des Jnf.-Regts. Nr. 83 (6. Komp.) auf und nahm hinter dem Feldaltar, mit der Front nach dem Schloß, Stellung. Es folgten die zur Zeit anwesenden Truppen der Casfeler Garnison, die vor dem Museum, dem Theater und herumgeschwenkt bis zum Anschluß an die Veteranen an der Frankfurterstraße in folgender Reihenfolge Aufstellung nahmen: Jnf.-Rr. 83, Jnf. Regt. 167, Feldart.-Regt. 11, Trainbataillon 11. Zuletzt marschierten die Kreiskriegerverbände Cassel-Stadt und Cassel-Land mit ihren Fahnen an und nahmen hinter den Truppen Aufstellung.
Die Fahnennagelung und Weihe.
Wenige Minuten vor 11 Uhr kam Bewegung in die ungezählten Menschenmassen, die die Königsstraße erfüllten und aus den Häusern, ja von den Dächern herab winkten. Unter brausenden Zurufen fuhren die Allerhöchsten Herrschaften mit dem Gefolge in Automobilen auf der Rampe des Palais vor. Der Kaiser trug die Uniform des 1. Garderegiments mit den Abzeichen eines Generalftldmarschalls Die Kaiserin über einem schwarzen Kostüm das Orangeband des Schwarzen Adlerordens, Prinzessin Viktoria Luise ein graues Kostüm, Prinz Oskar war in der Uniform des 1. Garderegiments. Bei der Ankunft der Majestäten erwies die Ehrenkompagnie, an deren rechtem Flügel die direkten Vorgesetzten bis zum kommandierenden General Ausstellung genommen hatten, die militärischen Ehrenbezeugungen. Elastischen Schrittes schritt der Kaiser die Stufen zum Palais empor, gefolgt von den Herren des Hauptquartiers und den Damen und Herren der Umgebungen mit dem Oberhofmarschall Grafen Eulenburg an der Spritze. Im Thronsaal des Residenzpalais waren versammelt: Kriegsminister v. Heeringen, kommandierender General des ' 1. Armeekorps v. Ktnck, komm. General des 17. Armeekorps v. Mackensen, in der Uniform der Totenkopfhusaren, komm. General des 2. Armeekorps v. Linsingen, Chef des Ingenieur- und Pionierkorps General v. Beseler und Inspekteur der Infanterie- Schulen General v. Wartenberg.
Die Fahnennagelung wurde im grünen und blauen Saal für folgende Truppenteile vorgenommen: Vom 1. Armeekorps des Pionierbataillons Fürst Radziwill (Ostpr. Nr. 1), vom
2, Armeekorps des ersten und dritten Bataillons des sechsten Pommerschen Jnf.-Regts. Nr. 49 und ersten, zweiten und drillen Bataillons des 4. westpr. Jnf.- Regts. Nr. 140, vom 17. Korps des ersten, zweiten und dritten Bataillons des Danziger Jnf.-Reg. Nr. 128, des ersten, zweiten und dritten Bataillons des dritten westpr. Jnf.-Regts. Nr. 129, des ersten, zweiten und dritten Bataillons des Kulnier Jnf.-Regts. Nr. 141, ferner der ehemaligen Landwehrbataillone Mühlhüusen i. Th. und Erfurt und der Unteroffizierschule Jülich. Es folgte
der Weiheakt auf dem Friedensplatze.
Neben dem Feldaltar hatte die Militärgeistlichkeit des Standortes Cassel Aufstellung gefunden. Während die Fahnen auf den Platz gebracht wurden und ihre Träger in offenem Halbkreis zu Seiten des Altars Aufstellung nahmen, erschien der Kaiser mit dem Prinzen Oskar zu Fuß auf den Platze. Die Kaiserin wohnte dem Weiheakte mit der Prinzessin vom Balkon des Palais aus bei. Die Kapelle des Jnf.-Regts. Nr. 167 spielte das Tedeum. Der evangelische Feld- propst der Armee Wölfing hielt eine Ansprache und vollzog dann in Gegenwart des katholischen Feld» Propstes Dr. Zollmar die Weihe. Eine Batterie des 1. kurh. Feldart.-Regts. Nr. 11 gab den Salut von 101 Schuß ab. Das niederländische Dankgebet schloß die Feier. Hiernach stieg der Kaiser auf dem Hofe des Residenzpalais zu Pferde, erschien auf dem Platze und ritt die Fronten der Truppen" und im Anschluß daran diejenigen der Veteranen ab. An der Spitze der glänzenden Kavalkade ritten die beiden Flügeladjutanten Major Frhr. v. Holzing und v. Dommes. -Neben dem Kaiser, etwas zurück rechts, ritt der kommandierende General des 11. Armeekorps v. Scheffer- Boyadel. Es folgte der Kommandant des kaiserlichen Hauptquartiers Generaloberst v. Plessen und der Chef des Militärkiabnetts General Frhr. v, Lyncker. Die Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria Luise folgten in offenem, a la Daumont gefahrenen Wagen. Die Veteranen begrüßten die Majestäten durch andauernde stürmische Hurrarufe. Der Kaiser zeichnete eine große Anzahl der Krieger durch Ansprachen aus. Es folgte ein Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie mit den neuen Feldzeichen und der übrigen Truppen in Kompagnie- front in der Reihenfolge, wie sie Aufstellung genommen hatten.
Der Vorbeimarsch der Veteranen erfolgte nach Regiinentern geordnet und in Zügen, in
In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 43 !
So liebenswert sie selbst die junge Freundin fand, j so sehr hegte sie Zweifel an der aufrichtigen Gesin- | nung einer Erbin gegenüber und im vorliegendem Falle war der Zweifel nur zu berechtigt gewesen.
Sie ermähnte Lina stets von neuem, sich ganz auf eigene Füße zu stellen, ließ die Pensionärinnen nur als einen vorläufigen Notbehelf gelten und forschte unermüdlich nach verborgenen Anlagen bei Lina, die eine Ausbildung gelohnt hätten.
„Ich muß Sie gründlich enttäuschen, liebe Charlotte," schrieb ihr Lina zurück, „ich bin ein ganz unbegabtes Wesen. Nicht einmal ein bißchen Zeichentalent besitze ich, von der Musik ganz abzusehen. Ich kann kochen und Zimmer reinigen, mache auch feine Handarbeiten, tanze gut, spiele vorzüglich Tennis und soll einige Befähigung zur Krankenpflege haben. Das sind entweder brotlose Künste, oder ich müßte, um zum Beispiel Krankenpflegerin zu werden, mein Mütterchen verlassen, das aber ist ausgeschlossen. Zum Schneidern hätte ich Lust und ..vielleicht.. Anlage; ich habe mir schon einmal eine Bluse ganz allein' gemacht nach einem Schnitt aus dem „Bazar," davon darf ich mit Mama aber schon gar nicht reden. So wird uns denn wohl die Pension bleiben, die ja auch, Gott sei Dank, einen schüchternen Anfang genommen hat.
Die Kinder sind lieb und hängen sehr an mir, ich wünschte, wir brauchten, um auszukommen, nie mehr als diese beiden. Schade, es geht nicht, jetzt zehren wir noch von den Resten unseres Wohlstandes, haben Kleider, Wäsche usw. in Hülle und Fülle, wenn das aber einmal ausgebraucht ist und erneuert werden muß, dürften wir faum das nötige Geld dazu haben."
Recht kränkende Erfahrungen machten Willfurths mit ihren ehemaligen Bekannten. Unter den vielen
Menschen, die es sich in ihrem gastfreienHause hatten wohl I sein lassen, waren saunt zwei oder drei wirkliche Freunde, I welche sich auch ferner um sie kümmerten. Seit die ver- !, mögende Dame sich in eine arme Witwe verwandelt s hatte, waren die Leute so kurzsichtig oder so schwach von Gedächtnis geworden, daß sie beim Grüßen immer nicht genau wußten, kannte man sich, war man sich vorgestellt? richtig .. da und da war man zusammengewesen .. oder war es ein Irrtum? Frau Will- furth empörte sich noch nach Jahr und Tag über solche gelegentliche Heucheleien, Lina nahm es weniger tragisch. Sie freute sich, daß es keine gesellschaftlichen Verpflichtungen mehr gab, hatte sie doch in den ersten Jugendjahren Vergnügen genossen bis zum Ueberdruß. Leid tat es ihr nur, daß sie Grete Nerling nichts mehr bieten konnte.
Mit Nerlings war. man seit dem großen Unglück weit intimer geworden. Tante Laura nahm sogar für sich und ihre Familie Einladungen zu Tee und Butterbrot bei Willfurths an, und Lina und ihre Mutter gingen ebensogern zu Nerlings, wie sie früher zu Dieners und Soupers gegangen waren.
In ähnlichem Maße, wie Willfurths Verhältnisse sich verschlechtert hatten, ging es bei Nerlings bergauf. Sie hatten auf ein Zehntellos bei der Preußischen Klassenlotterie einen hübschen Gewinn gemacht, Amalie war glücklich verheiratet und hatte schon ein Baby, ; Grete hatte die Stellung bei Seidel und Weingärt- ! ner aufgegeben und eine andere angenommen, in der sie sich' besser stand. Ottilie bekam längst Tagegelder und schrieb immer heiter und zufrieden. Sie sparte zwar wenig, kleidete sich aber gut und lebte nicht schlecht. Emil endlich hatte ein glänzendes Examen gemacht und war Assistenzarzt in einem großen Krankenhause, in spätestens fünf Jahren hoffte er sein Bräutchen heimzuführen.
Frau Willfurth dachte manchmal, ob, wenn sie da- nials Lina mit dem Walter Schneider verlobt hätte,
aus den beiden nicht noch eher ein Paar geworden wäre, als aus Emil und Eveliue.
Jetzt scheint ihr der „Schulmeister" gar nicht mehr so übel. . so ändern sich die Ansichten im Laufe der Zeit. Sie hatte lange nichts von dem jungen Manne gehört. Er konnte schon angestellt sein mit einem Gehalt, das ihre Witwenpension sicher um die Hälfte über- stieg.
Ach, daß Lina den Leopold Seidel nicht genommen hatte, diese Torheit war doch durch nichts wieder gut zu machen. Welch anderes Leben würde sie als seine Gattin führen, verglichen mit ihrer jetzigen Existenz. Und dies heldenhafte Mädchen trug Arbeit und Entbehrung mit einer Würde, wie eine Fürstin ihre Krone. Nie klagte sie, nie war sie übler Laune und selbst der kurze Traum ihrer Verlobung schien wie weggewischt aus ihrem Gedächtnis.
Zwei Jahre waren vergangen, seit Lina in Pyr- mont Frau Charlotte Eibig kennen gelernt hatte; sie ! feierte die Wiederkehr des Tages, an dem sie sich im ? Walde begegnet waren, durch einen langen Brief an ihre ferne Freundin. Ihr konnte sie alles sagen, was ihr äußerliches und was ihr Innenleben anging, sie war stets gewiß,auch für das Kleinste liebevolles Verständnis zu finden.
Bald darauf kam eine überraschende Nachricht. Frau Eibig hatte sich entschlossen, eine Reise nach Amerika zu machen. Ein Bruder ihrer Mutter, dem vor vielen Jahren eine unglückliche Jugendliebe Heimat und Vaterland verleidet hatte, war nach langem Verschollensein wieder ausgetaucht. Er hatte Erkundigungen nach noch lebenden Verwandten eingezogen und an die einzige Nichte, eben Frau Charlotte Eibig, einen herzlichen Brief geschrieben. Er gab ihr einen kurzen Umriß seines abenteuerlichen Lebenslaufes und forderte sie mit । großer Dringlichkeit auf, falls sie momentan nichts ' Besseres vorhabe, ihn in Boston zu besuchen. 168,18