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SchlüchternerAitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

Telefon Nr. 65.__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".Telefon Nr. SS.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum W Pfg.

X 63.

Samstag, den 6. August 1910

61. Jahrgang.

Msche GM<d-ia,d.

Die Reichshauptstadt ist das Ziel vieler Tausende aus allen Teilen des Reiches und darüber hinaus. Hier, meint namentlich die Jugend, liege das Geld auf der Straße, und man brauche nur hinzureisen und es aufzunehmen, um sich dann die mancherlei erlaubten und unerlaubten Genüsse zu verschaffen, an denen die Reichshauptstadt so verschwenderisch reich ist. Wie es aber so manchem jungen Mann dort ergeht, zeigen die nachfolgenden Bilder, welche die Gesellichaft zur Für­sorge für die zuziehende männliche Jugend aus ihrer Jugendarbeit folgendermaßen zeichnet:

Da kommt ein junger Kaufmann und erzählt: Sein Vater ist tot^die Mutter wohnt in Oppeln. K. hat früher gute Stellungen bekleidet und zeigt sehr gute Zeugnisse. Er kam nach Berlin und fand nicht gleich Stellung. Dann wurde er krank und kam in Schöneberg ins Krankenhaus: Hier wurde er an einem Bruchleiden operiert und hat mehrere Monate gelegen. Nach seiner Entlassung aus dem Kranken­hause konnte er wieder infolge des starken Arbeits« angebotes nicht Stellung finden. Verschiedentlich war er auf kurze Zeit als Reisender tätig, konnte aber nicht soviel verdienen, um sich entsprechend zu kleiden. Seil zwei Monaten ist er außer Stellung und wechselt sein Nachtlager zwischen Herberge,' Asyl und Tiergarten. Die Stiefel sind zerrissen und die Strümpfe vollstän­dig durchnäßt, das Hemd ist in fünf Wochen (!) nicht gewechselt, der Gesichtsausdruck blaß und leidend. Ein verdächtiger Husten unterbricht fortgesetzt seine Sprache. Unsern Borschlag nachMuttern" zu fahren, leky er zunächst aus Scham über seine trostlose Lage und seine reduzierte Kleidung ab, ist aber schließlich verständig genug, schweren Herzens auf unsern Vorschlag einzu- gehen. Wir lösen die Fahrkarte und überzeugen uns von der Ausführung seines Vorhabens. Ein schlesi- scher Geistlicher gab die erforderlichen 8,30 Mark Reisegeld.

Ein anderer junger Mann mit guter Schulbildung erzählt und belegt seine Angaben mit Papieren: Ich wollte Stellung in Königsberg i. Pr. annehmen, wes­halb ich meine Stellung in Magdeburg aufgab. Auf meiner Reise von Magdeburg nach Königsberg wurden mir hier (Berlin) meine Ersparnisse (240 Mark) ge­stohlen, so daß ich nicht weiter konnte. Ich versuche nun irgendwelche Arbeit zu bekommen, aber umsonst. Mein Hunger trieb mich zu einem Bettelgange zum Krankenhause in der Karlstraße, wo ich nur äußerst

In der Schute des Leöens.

Roman von Ediths v. Welten. 38

Kein Zug verändert gegen sonst das Gesicht einer Brautmutter mit vollem Portemonnaie.Ich dachte nur, es könnte Dir lieb sein, wenn einer von uns käme, weil..." sie stockte.

Frau Willfurth wurde aufmerksamer. Es war so gar nicht Lauras kurze, euergische Art; sie schien fast verlegen.

Ja, was hast Du denn? Ist etwas Unangeneh­mes passiert?" .

Uns nicht, nur .. aber möchtest Du nicht etn Vier­telstündchen mit zu mir herauf, ich bin ganz allein, da können wir ungeniert sprechen."

Du machst mir förmlich Angst, Laura. Mtt zu Dir .. ich habe eigentlich keine Zeit, ich wollte zu Soden- berg wegen der Draperien, aber wenn es wichtig ist, und Du es mir nicht auf der Straße..."

Nein, nein, nicht hier," fiel Frau Nerling hastig ein, es ist besser oben, komm nur."

Noch immer ahnungslos, nur etwas neugierig und verwundert, stieg Frau Willfurth mit ihrer Schwä­gerin die drei Treppen empor, ließ sich auf den ersten besten Stuhl nieder und sah erivartungsvoll zu ihr auf, die, vor ihr stehend, nach Worten suchte.

Ja, weißt Du denn noch gar nichts, ist Dir nichts ZU Ohren gekommen, wovon die ganze Stadt heute voll ist. Von Volkmar Ronfeld?"

Volkmar Ronfeld? Nein, was ist mit ihm?"

' Bankerott ist er, vollständig, auf und davon ist <r mit allen Geldern, die er zusammenraffen konnte. Seine Geschäftsräume sind schon versiegelt, und viele kleine Leute jammern um ihr Erspartes."

Laura!" schrie Frau Willfurth entsetzt und sprang auf" ist das wahr? Gott, o Gott, das kann ich nicht glauben. Ronfeld, das alte Geschäft, nein, nein, Du mußt

schüchtern um etwas Essen bat-; aber gleich ereilte mich das Geschick. Nachdem ich einige Zeit in Unter­suchungshaft gesessen, erhielt ich 1 Tag Haft. Nach meiner Entlassung wandte ich meine Arbeitsbemühung mit doppeltem Fleiße an, ich habe sogar zwei Tage am Straßenbahndebot die Straßen von Eis und Schnee gesäubert. Aber auch diese Arbeit ist zu Ende. Bitte, helfen Sie mir nach Königsberg. Gute Menschen haben uns geholfen, das Reisegeld aufzubringen, und er ist gestärkt an Leib und Seele davongefahren mit einem ingrimmigen Haß auf Berlin.

Bei einem dritten war der erste Teil der Tragödie ähnlich. Leider ging sie noch weiter. Der junge Mann hatte sich für seine letzten Groschen einen Re­volver gekauft und auf einem einsamen Platze ihn gegen das ungestüm schlagende Herz gerichtet. Ihm erschien sogar der Revolver unbarmherzig, er hatte nicht getötet, sondern schwer verletzt. Im Kranken­hause erwachte er, und sein erster Gedanke war an die trostlose Zukunft. Aus dem Krankenhause ging's in die Irrenanstalt, und von dort war er eben ent­lassen. Ein ehemaliger Arbeiter in Freudenberg hatte ihm geschrieben, er könne zu ihm kommen, wenn er wolle. Er zeigte den diesbezüglichen Brief vor und die Bescheinigungen über seinen Aufenthalt. 3 Mark sind ihm in der Anstalt geschenkt, der Rest fehlt. Er jviü's noch einmal mit dem Leben versuchen, aber der Unternehmungsgeist ist dahin, Tränen schimmern in seinen Augen.

~ Hann kommen zwei polnische Jünglinge. Sie haben unsern Anschlag in ihrer Sprache auf dem Schlesischen Bahnhof gelesen und sind arg verstimmt über ihr Er­lebnis in der letzten Nacht. Sie wollten in Hamburg arbeiten und sind des Nacht auf dem Schlesischen Bahnhof angekommen. Sie haben ihre Koffer nur so lange unbewacht stehen lassen, als sie austraten, und als sie wiederkamen, waren schon beide samt den Geldbeuteln, die darin lagen fort. Nun haben sie keine Arbeitsanzüge und kein Reisegeld, aber einen knurren« den Magen; denn in 24 Stunden hatten sie nichts genossen. Vorwürfe nützen nichts mehr. Sie erhalten zu essen und treten nun den Weg um viel klüger ge« worden zu Fuß nach Hamburg an oder nehmen unter­wegs andere Arbeit an.

Die hier mitgeteilten traurigen Erfahrungen junger Leute, die in der Reichshauptstadt das Glück zu er­jagen hofften, sollten doch wahrlich eine ernste War­nung sein und eine Mahnung, die heimatliche Scholle

Dich irren, es ist ja nicht möglich! Erst vor acht Tagen war ich bei ihm und hob wieder zweitausend Mark ab .. ."

DiesezweitausendMark werden wohl das letzte sein, was Du von Deinem Guthaben zu sehen bekommst. Liebe Schwägerin, begreife es doch und glaube mir, es ist alles, alles verloren. Ronfeld war ein Schuft, mit seinen großen Prozenten hat er den Leuten das Geld aus der Tasche gelockt, wie wahnsinnig spekuliert und unglücklich dazu, und mit dem Rest . . viel wird es nicht fein .. hat er das Weite gesucht." -

Frau Willfurth griff sich an die Schläfen.Alles ver­loren, sagst Du?" flüsterte sie tonlos.Mein Ver­mögen hin? Dreimal hunderttausend auf einen Schlag? Hin? Alles hin? Lina, mein armes, armes Kind!"

Sie taumelte und wäre zu Boden gestürzt, hätte Frau Nerling nicht schnell zugegriffen und sie auf das Sofa getragen. Sie war nicht ohnmächtig, sie blickte mit er­loschenen Augen um sich. Ihren Lippen entrang sich ein wilder Aufschrei, und sie brach in heftigen Wein- krämpfen zusammen. Frau Nerling tat ihr möglich­stes, sie zu beruhigen, sich fortwährend innerlich Vor­würfe machend, daß sie die Unglückskunde nicht scho­nender herausgebracht. Nun war es zu spät; sie be­reute zum ersten Male im Leben ihr rasches Vorge­hen. Zwar, die Aermste, erfahren mußte sie es ja doch, und je eher, desto besser. Daß ihre Schwägerin ihr ganzes Vermögen dem Bankier anvertraut gehabt, hatte Frau Nerling nicht gewußt, sie glaubte höch­stens die Hälfte. Sie sagte ihr das und bat sie, sich doch zu fassen, vielleicht sei noch, ein Teil zu retten.

Gestern war Herr Nerling früher als sonst von sei­nem Skatabend heimgekehrt und hatte in großer Auf­regung, da er wußte, wie nahe es seine Verwandten anging, von dem Zusammenbruch des alten, soliden Bankhauses berichtet. Nun die Geschichte zum Klappen gekommen, wollte es beinahe jeder vorher geahnt ha­ben, hatte man vielfach munkeln hören, daß Volkmar

nicht leichtsinnig zu verlassen, es sei denn, daß eine bestimmte Stellung in der Großstadt in sicherer Aus- sicht steht._________________________________________________

Deutsches Reich.

Mittwoch früh ließ sich der Kaiser von Bord derHohenzollern" zumSleipner" übersetzen, der nach Hissung der Kaiserstandarte unter dem Salut bet Festung nach Stettin abfuhr. Das Publikum brächte dem Kaiser lebhafte Abschiedsgrüße dar. Das Wetter ist schön. DieHohenzollern" und dieStettin" gingen unmittelbar nach Abfahrt desSleipner" nach Kiel in See.

Der Kaiser traf um 10 Uhr auf demSleip­ner" vor der Hakenterrasse in Stettin ein. Am Lan­dungssteg erwartete Prinz Eitel Friedrich, der um 9 Uhr 15 Minuten in Stettin angekommen war, seinen kaiserlichen Vater. Ferner waren Oberpräsident Frhr. v. Maltzahn und Polizeipräsident v. Wuthenau zu­gegen. Der Kaiser bestieg am Bollwerk mit dem Prinzen Eitel Friedrich ein Automobil, um sich nach dem Exerzierplatz Kerkow zu begeben. Bei der Bor- beifahrt des Kaisers brach das zahlreiche Publikum in lebhafte Hochrufe aus. Das Wetter ist schön, doch sehr schwül.

Die Kaiserin ist Mittwoch früh in Berlin ein­getroffen und hat sich in das Königliche Schloß be­geben.

Das Kaiserpaar traf sich am Mittwoch in Ber­lin, die Kaiserin traf von Wilhelmshöhe aus ein.

Das Zarenpaar wird auf zwei Monate in Darmstadt erwartet und soll auf der Reise dorthin eine Zusammenkunft mit Kaiser Wilhelm haben.

Die Kriegervereine Deutschlands haben durch den Tod des Generals der Infanterie z. D. V. Spitze einen schweren Verlust erlitten. Exz. v. Spitz war nicht nur der einflußreichste Berater und anerkannte Führer der Kriegervereine, der einen großen Einfluß ausübte, sondern auch der engnergischste Förderer ihrer Interessen. Nur mit seiner Hülfe und seinem großen Einfluß war es möglich, so manche Krisis zu über­winden und andere zu vermeiden. Oft hat der Ge­neral mit seinem Vermögen, das er zum größten Teil den Kriegern hinterlassen hat, ein Loch zugestopft, ein Defizit beseitigt, und manchen alten Krieger hat er über Wasfer gehalten. Obgleich der General nicht immer Dank geerntet hat, war er immer wieder bereit, Kameraden zu helfen, Vereine zu stützen und für sie

Ronfeld schon lange nicht mehr so ganz fest stehe; seit der alte Ronfeld tot sei und der junge die Firma selb­ständig führe, habe er die tollste Verschwendung getrie­ben und sich in allerhand faule Geschäfte eingelassen. Trotzdem hatten gerade in der letzten Zeit zahlreiche kleine Kapitalisten ihm ihre Gelder anvertraut, da er hohe Zinsen zahlte und überdies für goldsicher galt.

Zu Professor Willfurths 'Lebzeiten hatte Ronfeld schon alle Geldgeschäfte für ihn besorgt, aber erst seine Witwe ließ das gesamte Vermögen von ihm verwal­ten. Es war ja so viel bequemer, als das lästige Couponschneiden selbst zu tun, und beim Einkauf und Umtausch von Papieren mußte man ja doch zum Ban­kier. Die Abrechnung am Jahresende hatte noch im­mer gestimmt und trotz des großen Verbrauches all­jährlich Ueberschüsse ergeben.

Welch eine unvorsichtige Frau, welch eine gewissen­lose Mutter war sie gewesen. Als ob es keine Reichs­bank gäbe, wo man das Geld deponieren konnte, wenn man es nichtimHausebehalten wollte. Nun war es da­hin, das schöne, schöne Geld, das ihrem Liebling den Weg durchs Leben so angenehm und leicht hätte ma­chen können.

Nicht mehr reich sein, nicht mehr aus dem Vollen leben, sich einschränken, darben, wie entsetzlich! Und dann die Hochzeit, die Ausstattung, die fast fertig, aber erst zur Hälfte bezahlt war. Immer deutlicher wurde ihr die Erkenntnis, was dieser Verlust für sie besagen wollte, und für Lina. Sieschluchzte und rang die Hände, ihre glückgewohnte Natur bäumte sich auf gegen das Ge­schick, in keiner anderen Gestalt wäre es ihr so grauen­haft gewesen, als in dieser: der Armut und Entbehrung.

Endlich war sie soweit beruhigt, daß Frau Nerling ihr Trost und Rat zu bieten wagte. Sie tat es mit Taktgefühl und ernster Freundlichkeit und bot ihr an, zunächst mit ihr an Ort und Stelle Erkundigungen ein- zuziehen und ferner mit einem Rechtsanwalt, etwa Dr. Niel in Verbindung zu treten. 168,18.