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Schlüchtemer^eitun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

Telefon Nr 65.__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".______________Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 60. Mittwoch, den 27. Juli 1910 61. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr. 4697 K.-A. Auf dem am 9. ds. Mts. in Sterbfritz stattgehabten Körungstermin sind folgende Bullen Siwmentaler Reinzucht angekört worden:

1. ein Bulle, 14 Monate alt, des Johannes Strott Hopfenmühle,

2. ein Bulle, 15 Monate alt, des Heinrich Löffert in Breunings,

3. ein Bulle, 12 Monate alt, des Johannes Blum in Sterbfritz,

4. ein Bulle, 14 Monate alt, der Freiherrlich von Stumm'schen Verwaltung Vollmerz,

5. ein Bulle, 13 Monate alt, des Johannes Müller in Oberkalbach,

6. ein Bulle 14% Monate alt, des Nikolaus Schlag in Züntersbach,

7. ein Bulle, 12 Monate alt, des Oberleutnants Roth in Ahlersbach,

8. ein Bulle, 14 Monate alt, des Adam Gottfried Gerlach in Elm,

9. ein Bulle, 13 Monate alt, des Nikolaus Köh­ler in Hohenzell,

10. ein Bulle, 12 Monate alt, des Ludwig Hil­debrandt in Schlüchtern.

Drei Bullen wurden zurückgestellt.

Schlüchtern, den 25. Juli 1910.

Der Königliche Landrat: I. V. Berta.

Deutsches Deich.

Der Kaiser traf an Bord derHohenzollern" am Donnerstag in Molde ein.

Nach demHann. C." wird der Kaiser seinen vor einigen Wochen wegen einer leichten Erkrankung verschobenen Besuch in Hannover am Sonnabend, 6. August verwirklichen, um auf der Vahrenwalder Heide das Königs-Ulanen'Regiment zu besichtigen und darauf an einem Frühstück dieses Regiments im Offiziers­kasino der neuen Ulanen-Kaserne teilzunehmen.

Die Vorbereitungen für einen deutsch japanischen Handelsvertrag sind, nachdem der bisherige vor kurzem von Japan gekündigt worden ist, schon im Gange. Japan hat in letzter Zeit einen neuen Zolltarif auf­gestellt und wird auf Grund der neuen Bestimmungen die Verhandlungen führen. In Voraussicht dessen sind bereits vor einig.» Monaten die deutschen Jnter- essenkreise vom Staatssekretär des Reichsamts des Innern aufgefordert worden, ihre Wünsche bezüglich

der sie angehenden neuen japanischen Zollpositionen kundzugeben. Es hat sich infolge der Umfrage auch bereits im Reichsamt des Innern ein umfangreiches Material angesammelt, das gesichtet und geprüft wird. Nach Abschluß dieser Arbeiten wird für die deutschen Forderungen die Grundlage gegeben sein. Je eher die Verhandlungen zwischen beiden Reichen beginnen können, um so mehr ist die Aussicht vorhanden, daß der neue Handelsvertrag sich im Juli nächsten Jahres an den alten wird anschließen können.

Durch die von der landwirtschaftlichen Ver­waltung eingerichtete Obstbaukurse für Lehrer wird beabsichtigt, die Kenntnisse der ländlichen Volksschul- lehrer auf dem Gebiete des Obstbaues zu vertiefen, um sie zu werktätigen Hilfskräften zur Hebung des Obstbaues heranzubilden. Vermöge ihrer Vorbildung und im Hinblick auf ihre Berufstätigkeit erscheinen sie zu einer solchen Mitarbeit besonders geeignet. Der preußische Staat wendet deshalb alljährlich nicht un­beträchtliche Mitteln für die Entsendung von Lehrern zu Obstbaukursen auf. Die Termine für die Kurse werden durch die Schulbehörden rechtzeitig den Lehrern mit der Aufforderung zur Anmeldung bekanntgegeben. Vonseiten der zuständigen Regierung erfolgt dann die Einberufung zu einem Lehrgang, für welchen Lehr- Honorare nicht erhoben werden. Dagegen erhalten die Lehrer, die an einem Kursus teilnehmen, aus Staats­mitteln eine Entschädigung von 3 Mark täglich sowie Ersatz für die Hin- und Rückreise.

Es ist an maßgebender Stelle bekannt ge­worden, daß die Propaganda für die Bestrebungen der Mormonen in Deutschland vor allem von Zürich aus betrieben wird wo die Zentralstelle der von den Mormonen in Deutschland und der Schweiz unter­haltenen Missionsstationen ihren Sitz hat und der Chef dieser Stationen Thomas E. Mc. Kay wohnt. Mc. Kay besucht regelmäßig die Mormonengemeinden in Preußen und agitiert bei solcher Gelegenheit für die Mormonenideen sowie für die Mormonenliteratur, Er ist Herausgeber von Mormonenschriften. Mc. Kay ist am 28. Oktober 1876 geboren, in Galt Lake im Staate Utha heimatberechtigt und besitzt das ameri- kanische Bürgerrecht. Er wohnt in Zürich, Höschgasfe 68. Um die Fortsetzung der agitatorischen Tätigkeit des Mc. Kay im Jnlande zu verhindern, sind dem Vernehmen nach die Polizeibehörden angewiesen, im Betrelungsfalle gegen ihn ohne weiteres mit Landes­verweisung vorzugehen.

Der Ausstand der Berliner Schmledegesellen ist ins Wasser gefallen. Ein Teil der Ausständigen hat die Arbeit schon wieder ausgenommen, und der andere wird wohl noch längere Zeit feiern müssen, weil die meisten Plätze der Ausständischen mit Arbeits» willigen besetzt worden sind.

Eine Genossenstadt ist nunmehr Mühlheim in Hessen geworden, wo, nachdem bei der letzten Ge­meinderatswahl nur Sozialdemokraten gewählt wurden, sämtliche 15 Gemeinderatsmitglieder Sozialdemokratin sind. Man kann gespannt darauf sein, ob und wie die sozialdemokratischen Stadtvätern den Ort jetzt einer glücklicheren Zukunft entgegenführen.

Ein schönes Beispiel von Arbeiterfürsorge wird aus Dresden gemeldet. Eine der bedeutsamsten Ar­beiter-Invaliden- und Pensionskassen in der Großin­dustrie ist die der Dresdener Firma Seidel und Nau- mann. Nicht nur, daß die Arbeiter keinerlei Beiträge zahlen, sie steht auch mit einem Vermögen von 400 000 Mark wohlgerüstet da. Heute hat die Kasse bereits jährlich 24 000 Mark aufzuwenden, da jeder Arbeiter, der zehn Jahre ununterbrochen bei des Firma be­schäftigt ist, im Jnvaliditätsfalle eine fortlaufende Rente von 300 Mark steigend bis auf 900 Mark bezieht. 37 alte Arbeiter beziehen bereits die höchsten Rente.

Ansland.

Aus Rom werden Gewalttaten streikender itali­enischer Landarbeiter gemeldet Eine große Schar strei­kender Landarbeiter wollte in Jniola die Ausfahrt einiger Dreschmaschinen aus einem Magazin ins Feld verhindern. Truppen besetzten daher die Zugänge zu der Magazinstraße. Eine größere Menschenmenge nahm aber gegen die Truppen Partei, die sich durch eine Attacke Luft schaffen mußte. Dennoch blieb die Menge unruhig. Am andern Morgen versperrten 200 Karren barrikadenmäßig die Feldchaussee, um die Ausfahrt der Dreschmaschinen zu verhindern. Es er­folgte ein Angriff der Kavallerie gegen die Barrikade. Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Dresch- maschinen setzten sich nun, von Kavallerie eskortiert, in Bewegung. Unterwegs aber traf der Zug zwei neue Barrikaden, die wiederum von der Kavallerie gewaltsam entfernt werden mußten. Der Erfolg des Militärs führte zur Erklärung des Generalstreiks in Jmola und zum allgemeinen Schluß der Läden.

In der Schule des Leöens.

Roman von Editha v. Welten. 35

Wie viele Blumen waren ihr schon ins Haus ge­schickt worden, vor und nach großen Gesellschaften, ohne daß sie ihr etwas Besonderes bedeutet hätten, warum war es heute so anders? Nur, weil es dunkel­rote waren? Mehrere Verlobungen, von denen sie wußte, waren ebenfalls mit dunkelroten Rosen eingeleitet wor­den.

Ach, Unsinn! Das war ja Aberglaube! Der Gärt­ner hatte wahrscheinlich keine anderen vorrätig gehabt. Sie wollte lieber ernstlich überlegen, was sie sagen würde, wenn er nun kam, und ...

Es war ein Freier nach der Mutter Herzen, zwei­fellos, und Lina ahnte schon im voraus die heftig­sten Kämpfe, wenn sie ihn abweisen wollte. Ja, mein Gott, kann ich dennJa" sagen, fragte sie sich mit klopfenden Pulsen, liebe ich ihn denn?

Nein, sagte das ehrliche Herz, ich kenne ihn ja kaum.

Die Erinnerung wachte auf an ihre erste Liebe. Ja, da war kein Zweifeln und Fragen gewesen, klar wie das Sonnenlicht lag alles vor ihr da, jubelnd in Glück und Seligkeit eilte ihr ganzes Fühlen dem Erwählten entgegen.

Nein, so würde sie nie wieder lieben können, das war unwiederbringlich dahin. In der Stille ihres Mäd- chenstübchens saß sie, und auf den dunklen Sammet der Rosenblätter fielen ihre Tränen, die dem Jugend­geliebten galten.

Wann der Assessor wohl kam?

Vor Mittag sicher nicht, er mußte sich lagen, daß am Morgen nach einem solchen Feste Besucher entwe­der störend waren oder nicht angenommen wurden. Aber nach Mittag. Da konnte sie davonlausen, irgend­

wohin, nur ihn nicht sehen, vor dessen Blick und Stimme ihr so bange war.

Mama würde schelten, natürlich, da ging sie eben heimlich. Wenn dann das Verhängnis hereinbrechen sollte . . so lange wie möglich wollte sie es aufhalten.

Kurz vor fünf Uhr schlich sie verstohlen davon, leise, ganz leise über den Korridor; wie auf der Flucht vor etwas Schrecklichem, ging es die Treppe hinab, zum Hause hinaus, da erst atmete sie auf und kam sich vor, wie ein Kind, das hinter die Schule geht.

Allerlei tolle Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, während sie eilig durch den Schnee stapfte. Sie würde nasse Füße bekommen und sich erkälten, dann lag sie morgen krank im Bett, und von Verloben konnte keine Rede sein. Oder sie ging gleich auf und davon, weit fort, nach Rom, zu Charlotte Eibig, schade, daß sie nicht mehr Geld mitgenommen hatte. Mit den acht oder neun Mark, die sie in der Tasche hatte, kam sie höchstens bis nach Berlin.

Berlin! Da war Ottilie Nerling, was die wohl sa­gen würde, wenn Lina so unvermutet vor ihr auf- lauchte, noch dazu als Durchgebrannte. Vor ihrer eige­nen Verlobung durchgebranntl Was dazu wohl die Welt meinte?

Weiter, durch den schneehellen Abend; die Later­nen blitzten und die Flocken fielen dichter.

Jetzt saß er vielleicht bei Mama im Salon und diese mußte ihm in der größten Verlegenheit bekennen, daß der lose Vogel ausgeflogen sei und er sich mit seiner Sehnsucht gedulden müßte.

Ob er sie überhaupt liebte oder ihr Geld?

Schließlich schien ihr das gar nicht das wichtigste, sondern auf ihre eigenen Empfindungen kam es an. Um ihres Geldes willen begehrt zu werden, darin hatte sie sich längst ergeben; seit sie Walter entsagen mußte, be­saß sie keine Illusionen mehr.

Aber wenigstens gern haben mußte sie denjenigen,

dem sie angehören sollte, kein Fremder durft« er ihr sein, vor dem sie Scheu hatte.

Das war es! Sie wollte ihn erst kennen lernen, so wie sie Walter gekannt hatte; also Bedenkzeit. Nicht Jahre, aber Wochen, Monate; er konnte ihr das nicht abschlagen.

Gott sei Dank, daß sie auf diesen Ausweg gekom­men war. Nun wollte sie auch umkehren und Mama, die gewiß schon in tausend Aengsten war, aus aller Unruhe befreien.

Sie fah sich um in der Straße, wo war sie nur hin­geraten ? Richtig, da stand es: Mühlstraße. Am andern Ende der Stadt; in einer ganz verlassenen Gegend irrte sie umher, eine halbe Stunde brauchte sie bei dem hohen Schnee mindestens bis nach Hause.

Ebenso eilig wie sie ausgerissen war, kehrte sie jetzt zurück.

Sie wußte nicht recht, war sie angenehm oder un­angenehm enttäuscht, als siebeim Eintritt in das Wohn­zimmer auf ihre leicht hingeworfene Frage:Ist Besuch hier gewesen?" ein kurzes Nein! zur Antwort bekam. Das GefühU der Befreiung, das sie nun hätte emp­finden müssen, wollte nicht recht kommen, resigniert oachte sie: ist es nicht heute, so ist es morgen.

Doch auch der nächste und der nächstfolgende Tag vergingen, und der Freier kam nicht. Um so mehr be­schäftigte er die Gedanken von Mutter und Tochter.

Als am Sonntag vormittag die Mehrzahl der auf dem Balle Gewesenen ihren Quittungsbesuch machte und er auch da nicht erschien, konnte Frau Willfurth ihre Empörung nicht länger unterdrücken und stellte Lina ernstlich zur Rede.

Was soll das heißen? Hast Du wieder selbststän- dig entschieden? Ich will nicht hoffen!"

Nein, nein, Mama," versicherte die schwer zu ver­lobende Tochter.Diesmal bin ich wirklich ganz un­schuldig. Laß Dir nur Zeit, es wird schon einer kom­men, der mich Dir abnimmt." 168,18