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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

Telefon Nr. «3.__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".__Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 59.

Samstag, den 23. Juli 1910 61. Jahrgang.

Englische und deutsche Torpedoboote.

In der englischen Presse, zumal der Fachpresse, macht sich eine gewisse Beunruhigung geltend, ob die Leistungsfähigkeit der im Bau befindlichen und neu vergebenen Torpedosahrzeug tatsächlich auf der Höhe stehen werde, Man weist darauf hin, daß trotz er­heblich höheren Daplacements die Geschwindigkeit der englischen Boote bedeutend geringer sei als die der neuen deutschen. Diese hätten bei ihren Probefahrten Geschwindigkeiten von 33 und 34 Knoten mit Leichtig­keit erreicht, während die neuesten englischen weniger als 30 Knoten zu laufen bestimmt wären. Wenn nun auch die englischen Konstrukteure sich offenbar zum Ziel gesetzt hätten, einen Typ zu erreichen, der besonders seefähig und solide gebaut sei, so ließe sich der ange- deutete Unterschied nur so erklären, daß die deutschen Boote zn leicht gebaut seien und auf die Dauer nichts leisten würden, oder aber daß bei dem englischen Zerstörer trotz des großen Deplacements nicht die unbedingt nötige Leistung herausgeschlagen würde. Wie wäre es sonst möglich, daß ein deutsches Boot von 600 Tonnen bei ungefähr gleichen Pferdestärken viel mehr liefe als ein englisches von 900 Tonnen? Es' wäre, so meint ein Fachblatt, sehr erwünscht, wenn die den Torpedobau als Spezialität treibenden englischen Werften sich zu diesem Punkte äußerten, um so mehr, als einige erfahrene Torpedobootsbauer der Ansicht wären, daß man bei den neuesten Konstruktionsplänen englischer Torpedoboote die Geschwindigkeit viel zu niedrig gehalten habe. Gute Seefähigkeil sei sicher notwendig, aber Geschwindigkeit für Torpvdofahrzeuge nicht weniger. England würde seine jetzige erfreulm-e Uebermacht an Torpedofahrzeugen in kurzem einzubüßen wenn tatsächlich derartige Fehler gemacht worden wäre». Die Admiralität müsse sich unter allen Um­ständen versichert halten, daß sie für dem Kostenauf­wand auch einen im Sinne des Wortes vollen Kriegs­wert enttäusche.

Diese Aeußerungen, welche wie gesagt, nicht verein­zelt dastehen, sind interessant genug. Als neu können sie freilich nicht angesehen werden, den England hat schon seit einer langen Reihe von Jahren viel mit seinen Topedofahrzeugen experimentiert. In den ersten Jahren des Jahrhunderts stellte sich durch eine lange Reihe von Havarien und teilweise schweren Unfällen heraus, daß die englischen Boote jenen Fehler zu leichter Bauart besaßen, den man heute gerne den

deutschen Bauarten zufchiebe» möchte. Daraufhin wurde die Geschwindigkeit von Neubauten zugunsten soliderer Bauart erheblich herabgesetzt, erwies sich aber in der Praxis als entschieden ungenügend. Dann ging man zur Schaffung von zwei verschiedenen Klassen von Torpedobootszerstörern über, deren -eine mehr auf den Küstendienst, die andere für den Hoch- seedienst bestimmt sein sollte. Seit dem Jahre 1907 hat man nicht weniger als neun erheblich voneinander verschiedene Typen gebaut und ist offensichtlich auch heute noch nicht im klaren, ob man sich auf dem richtigen Wege befindet oder nicht-

Der englische Torpedobootszerstörer soll aus­gesprochenermaßen vor allem in der Lage sein, die deuschen Hochseeboote während eines Krieges zu ver­nichten. Die Grundbedingung hierfür ist natürlich eine entsprechende Geschwindigkeit auch bei bewegter See und ungünstigem Winde. Die erhebliche Ver- größerung des Deplacements führt sich hauptsächlich auf die Erwägung zurück, daß ein größeres Fahrzeug bei schlechtem Wetter weniger an Geschwindigkeit ein= büßt als ein kleines, und deshalb beunruhigt man sich in England jetzt über die Frage, ob die Geschwindig­keit der neuen deutschen Boote nur eine sogenannte Schönweltergeschwindigkeit ist, oder gar überhaupt nur auf dem Papier steht, oder ob sie andererseits in jder Front und unter ungünstigen Verhältnissen tatsächlich durchgehalten werden kann. Ein anderer grundsätz­licher Unterschied zwischen den deutschen und den eng­lischen Booten besteht darin, daß die letzteren eine erheblich stärkere Artillerie, aber eine um ein Drittel schwächere Torpedoarmierung führen als die deutscher . Der Unterschied erklärt sich dadurch, daß der Haupt- verwendungszweck des deutschen Fahrzeuges der Torpe­dobootsangriff ist, während das englische seinen Namen als Zerstörer durch die Wirkung seiner Artillerei den deuschen Booten gegenüber erweisen soll.

Im Gegensatz zu dem sprunghaften Vorgehen des englischdn Torpedobootsbaues zeigt der deusche eine konsequente und ruhige Stetigkeit bei viel geringerer Deplacementssteigerung. Daß die Geschwindigkeit unserer Boote auf dem Papier stehe, brauchen wir nicht zu besorgen, denn in keiner Marine ist der Entwicklung des Torbedobootes technisch und militärisch eine so große und so langjährige Sorgfalt gewidmet worden, wie gerade in Deutschland; nirgends auch werden so hohe Anforderungen an Boote und Besatzungen gestellt.

(Mitteilungen des Deutschen Flotten-Vereins).

Deutsches Reich.

Nach ruhiger Fahrt traf dieHohenzollern" am Dienstag früh 10 Uhr in Dromheim ein, wo der mit Depeschen aus Berlin eingetroffene Kurier an Bord kam. Der Kaiser nahm verschiedene Meldungen, darunter die des Konsuls Jenssen und des Komman­danten von Drontheim, entgegen, erledigte Regierungs­geschäfte und hörte nachmittags einen Vortrag des Oberst Dickhut über die Königin Luise: Gegen Abend wurde ein Späziergang unternommen. Wetter etwas kühler, aber schön.

In der Garnisonkirche zu Potsdam fand Diens­tag morgen die Trauung von zwölf Mädchen dienenden Standes, den sogenannten Luisenbräuten, statt. All­jährlich werden nämlich sechs Potsdamer Mädchen aus der im Jahre 1810 ins Leben gerufenen Luise- Gedächtnisstistung mit einer Beihilfe von 450 Mark ausgestattet; die Trauung findet am Todestage der Königin statt, die Auswahl des Mädchen trifft ein Familienrat, dessen Entschüsse vom Kaiser bestätigt werden müssen. In diesem Jahre wurden ausnahms­weise zwölf Mädchen ausgestattet; der Feier wohnte die Prinzessin Viktoria Margarete, die Tochter des Prinzen Friedrich Leopold, bei. Auch drei Silberbräute, die vor 25 Jahren das Luisengeschenk erhalten hatten, wurden getraut. Bei der Trauung, die Hofprediger Richter vollzog, waren zahlreiche Potsdamer Bürger anwesend.

In Gegenwart des Kronprinzen ist Dienstag 12 Uhr anläßlich des hundertsten Todestages der Königin Luise das Geschenk des Kaisers für die Stadt Hannover, den Geburtsort der Königin, die groß- $i«moWß!^onm(fl)un^5tfai>iTn^8t^ zessinnengruppe feierlich enthüllt worden. Das Denk­mal, ein Werk des Berliner Bildhauers Valentino Easal, erhielt in der Hohenzollernstraße gegenüber der Dorkstraße ganz in der Nähe der Villa des Grafen Waldersee seinen Platz. Das Doppelstandbild stellt bekanntlich die Kronprinzessin Luise und ihre Schwester Friederike, die, Gemahlin des Prinzen Louis von Preußen und spätere Königin von Hannover dar.

Am Dienstag um 6 Uhr nachmittags fand im Lustgarten zu Potsdam eine öffentliche Gedenkfeier statt In Vertretung des Hofes waren Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich erschienen.

Vor 40 Jahren, am 19. Juli 1870, mittags halb 2 Uhr wurde in Berlin die französische Kriegs­erklärung übergeben.

In der Schute des Lebens.

Roman von Editha o. Welten. 33

So war er kein Fremder," hieß es dann in dem Briefe weiter,als er eines Frühlingsabends in unser Haus trat. Welch ein Wiedersehen zwischen den beiden Männern. Paul konnte es zuerst nicht fassen, daß diese Ruine eines Menschen, die da zitternd, blöde lächelnd, vor ihm saß, sein Gustav sein sollte, den er als blühenden Jüngling verlassen hatte. Ich sah den starken Mann weinen vor Schmerz und Mitleid um den Freund, und aus Schmerz und Mitleid geboren, erstand die Liebe zu dem armen Weibe, dem ein solches Los ge­worden. Auch ich liebte ihn, schon nach Stunden, kaum, daß ich ihn kannte, ich liebte in ihm die Kraft, die Ge­sundheit, den strebenden Geist, die reiche Bildung, das tiefe Gemüt. Ich fühlte wieder, daß auch ich noch jung und hoffnungsfähig war und daß mein Anteil an Le­bensglück bis jetzt noch .. ach . . so klein gewesen war. Mit der Erkenntnis unserer Liebe begann auch der Kampf. Er beschwor mich, den Kranken einer Heilanstalt zu übergeben und mich scheiden zu lassen. Der Grund, unheilbare Geisteskrankheit, war ja gegeben. Ich wi­derstand. Ich sagte mir, daß der letzte Rest von Emp­findung, der in'der kranken Seele war, mir gehörte, ich sah es ja, wie meine Gegenwart und Pflege ihn auf­rechterhielt, und ich glaubte zu wissen, daß eine plötz­liche Veränderung in der gewohnten Umgebung und namentlich eine Trennung von mir, die Auflösung be­deuten mußte. Und wäre ich dann etwas besseres als eine Mörderin gewesen? Ich widerstand. Paul bat und flehte, er wurde zornig und zweifelte an meiner Liebe. Ich lag schluchzend an seiner Brust und sagte ihm mit heißen Küssen, wie sehr ich ihn liebe, aber ich wider- -stand. Da riß er sich los von mir und ging wieder in die weite Welt. In ryeiner Nähe zu leben und mein Elend anzusehen, ging über sein Vermögen; der trö­

stende Freund zu sein, der nichts begehrt, war er nicht geschaffen. Seine Briefe warenvon nun an die Lichtpunkte in meinem Leben. Wohl erschreckte mich oft der leiden­schaftliche Ton, indem er mich wieder und wieder bat, die Seine zu werden, aber da ich auf meiner Weige­rung beharrte, äußerte er seine Wünsche zuletzt nicht mehr. Gustavs Zustand wurde bedenklicher. Ich um­gab ihn mit der größten Sorgfalt, ich hätte mir nicht das geringste Versehen verziehen, wo es sich um seine Pflege handelte, noch weniger als früher, hatte ich doch das Gefühl, etwas gegen ihn gut machen zu müssen. War er auch nur noch der Schatten eines Mannes, ich war doch sein Weib und durch Gesetz und Pflicht an ihn gebunden, daß mein Herz nicht mehr ihm, sondern Paul gehörte, das war meine Schuld.

Ich weiß nicht, ob andere Menschen meine Auffassung teilen würden, mir war sie die Richtschnur meines Han­delns. Die letzte Nacht meines Kranken war ent­setzlich. Als er nicht mehr ausgehen konnte, da seine Füße ihn nicht mehr trugen, nahmen seine Kräfte rasch ab. Aber wie schwer, wie widerwillig löste sich die­ser Geist aus seiner irdischen Hülle, es war ein mo- natelangesSterben. Lange schon waren die Briefe Pauls ausgeblieben; an die bevorstehende Wendung in meinem Leben neue Hoffnungen zu knüpfen, vermochte ich auch aus diesem Grunde nicht. Am Sarge meines Mannes traf mich die Nachricht, daß der Geliebte, bei der Er­forschung eines noch ganz unbekannten Landstriches im Innern Afrikas von Eingeborenen ermordet wor­den war Nun hatte ich nichts mehr zu verlieren. Es war, dumpf und tot in mir in jenen Tagen. Die langen Leidensjahre hatten meine Widerstandskraft gebrochen, nicht einmal mehr aufbäumen konnte ich mich gegen mein Geschick, kaum, daß ich noch Verzweiflung zu emp­finden vermochte. Kein Freundeswort richtete mich auf, in hastloser Einsamkeit gingen die Wochen dahin, bis die Natur sich selbst zu ihrem Rechte verhalf. Aus dem eigenen Innern heraus erwuchs mir die Ueberzeugung,

daß ich noch Pflichten gegen mich selbst habe, daß ich mich aufraffen müsse und versuchen, mir aus den Träu­men meines vergangenen Lebens eine neue Zukunft auf- zubauen, so gutesginge.Nunsuchteich.Was?EineAuf- gabe, ein Ziel, einen Wirkungskreis, Freunde.. Liebe. Das ist viel auf einmal, vielleicht zuviel verlangt, ich will mich auch gern bescheiden, wenn ich nur das eine oder das andere finde. Ich bin gesund und erst fünf­unddreißig Jahre alt, zu jung noch, um wunschlos den Rest meiner Tage zu vertrauern. Vorläufig will ich reisen. Ich kenne noch wenig von der Welt, und meine Mittel reichen eben hin, mir ein Wanderleben ohne Schäbigkeit zu gestatten. Das von meinem Vater hin­terlassene Vermögen schützt mich vor allen NahrungS- sorgen; wie viele arme Witwen gibt es, die übler da­ran sind, die arbeiten und sich einschränken müssen, um nur leben zu können. Ich habe mehr als einmal den frevelhaften Wunsch gehabt, ganz arm zu sein, so daß ich mir in hartem Ringen mein Brot selbst verdie­nen müßte. Es wäre doch ein Lebenszweck, nur, daß ich dann auch wieder denke, es müsse noch einen edleren geben, als den, für Essen und Trinken zu arbeiten, einen, der mir innere Befriedigung verschaffte und auch den Menschen wieder näher brächte. Hätte ich ein Kind, so wäre mir in ihm alles gegeben; es zu erziehen und zu bilden, würde mein Dasein ausfüllen. Es ist mir ver­sagt geblieben. Liebe Lina, ich bin viel ausführlicher geworden als ich beabsichtigt hatte. Wenn Sie das lange Schriftstück zu Ende gelesen haben, werden Sie dann noch dasselbe für Ihre neue Freundin fühlen wie vorher? Vielleicht kann Ihre junge, unberührte Seele mich noch nicht ganz verstehen, aber lieben dürfen Sie: auch ferner, ohne selbst Schaden zu nehmen Ihre Char­lotte Eibig." 168,18

Lina ließ die Hände mit dem letzten Blatt in der» Schoß sinken und blickte verwirrt um sich. Sie hatte während des Lesens ihre eigene Existenz vollständig ver­gessen und sich ganz in die Seele der Schreiberin versetzt.