SchliichternerMtung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
_____Oirrteljährliche Beilage: „Unsere Heimat^.__
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JM 58. Mittwoch, den 20. Juli 1910 61. Jahrgang.
Die englische Ilottendebatte.
Im vorigen Jahre erreichte die englische „Flotten- panik" mit der Marinedebatte im Unterhause ihren Gipfel. Der Premierminister selbst war es, der durch eine auf unrichtigen Informationen aufgebaute Darstellung des Kräfteverhältnisses zwischen der englischen und der deutsche» Flotte den Alarmrufen recht zu geben schien, mit der die englischen Flotientreiber seit Jahren das britische Publikum geängstigt hatten. Jetzt hat sich das Bild geändert. Die Marinedebatte dieses Jahres hat keinerlei panikartigen Züge getragen. Mr. Asquith hat sich zwar nicht entschließen können, seine frühere falsche Darstellung des deutschen Flottenbaues preiszugeben, aber er hat dafür die Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritanien mit einer Herzlichkeit besprochen, die wir mit großer Befriedigung zur Kenntnis nehmen können.
Es klingt in seiner Rede ein neuer Ton. Man gewinnt den Eindruck, daß mau in England darauf verzichtet hat, auf unsere Flottenpolitik durch die verschiedenen Methoden des Bluffs, über die man dort verfügt, einzuwirken. Das ist eine Folge der ruhigen, konsequeten und loyalen Durchführung unseres Bauprogramms. Man ist nun endlich in Großbritanien soweit, daß man dieses Programm als etwas Unabänderliches hinnimmt, und man richtet sich danach ein. Dabei befinden sich die Engländer, abgesehen von Zahl und Leistungsfähigkeit der Schiffe, uns gegenüber dadurch in starkem Vorteil, daß sie Jahr für Jahr genau über den Stand unseres Flottenbaus durch unser Programm unterrichtet sind, während sie durch kein Programm eingeschränkt, in jedem Jahre feststellen können, wieviele Schiffe zur Erhaltung ihrer maritimen Uebermacht erforderlich sind.
Wir brauchen uns aber darüber nicht zu beklagen. Für unsere deutschen Verhältnisse, wo das Verständnis für die Flotte erst zu schaffen war und auch bei großen Parteien sich nur langsam durchgesetzt hat, war der Weg des auf Jahre festgelegten Bauprogrammes der geeignetste. Auf diese Weise hat es erreicht werden können, daß unsere Flottendebatten sich immer ruhiger gestalteten, anstatt daß man sich jedesmal erneut über die Notwendigkeit der Schaffung einer tüchtigen Seemacht hätte auseinandersetzen müssen.
Auch nach außen hin hat sich das deutsche Verfahren als richtig erwiesen. Wären die Engländer alle Jahre erneut in Unsicherheit darüber, was wir
In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 32
„Zwei kurze Jahre seligsten Glücks," so hieß es in dem Briese weiter, „waren uns nur beschieden. Dann kam das grausame Geschick vernichtend über uns. Gustav hatte sich auf einer kleinen Reise erkältet,- sein Zustand hätte der Schonung bedurft, er konnte und wollte sich dieselbe nicht gestatten, da er mitten in einem Prozesse steckte, dem ersten großen, der für seine Zukunft entscheidend sein konnte, wenn erden Mörder, das heißt, den des Mordes Angeklagten, den er zu verteidigen hatte, und von dessen Unschuld er, trotz einer seltsamen Verkettung von Umständen überzeugt war, freigesprochen bekam. Während der eine Woche dauernden Verhandlungen war Gustav in fieberhafter Erregung, die sich auch mir mitteilte. Ich widmete den Sitzungen, größte Aufmerksamkeit, und ich muß noch heute sagen, daß ich nie eine glänzendere Verteidigung gelesen, geschweige gehört hatte. Wäre der Redner nicht mein Gatte gewesen, sein Feuer, seine Begeisterung wie seine sachliche Schärfe und sein klares Rechtsbewußtsein hätten mich hingerissen, wie Geschworene, Richter und Zuschauer hingerissen wurden. Obgleich der Staatsanwalt das „Schuldig" beantragte, erfolgte einstimmige Freisprechung. Der wirkliche Mörder wurde später entdeckt. Dieser schöne Erfolg hätte uns sehr beglücken Sönnen, wenn er für meinen Mann nicht unheilbringend gewesen wäre. Er verfiel infolge der Ueberanstren- gung in ein schweres Nervenfieber, von dem er zwar wieder genas, um einem viel schlimmeren Leiden ent- gegenzugehen. Erwürbe wahnsinnig. Da steht es, das schreckliche Wort, noch immer hat es seine Schrecken für mich nicht verloren; Sie, meine junge Freundin, können nicht ermessen, was es damals für mich bedeutete. Nicht plötzlich erschien das unheimliche Gespenst im Hause, monatelang umlauerte es sein unglückliches
an Schiffen bauen wollten, so hätten wir wahrscheinlich noch ganz andere Campagnen erlebt. Auch so schon hat das Mißtrauen lange genug gedauert. Die Asquithsche Rede und ihre Aufnahme im englischen Unterhause zeigt, daß diese Periode vorbei ist. Wir wollen hoffen, daß sie nicht wiederkehrt. Gegenseitiges Vertrauen ist bei den so vielfachen Beziehungen zwischen uns und England ein Erfordernis, das durch nichts anderes ersetzt werden kann. Von deutscher Seite wird gewiß nichts geschehen, was dies neu erwachte Vertrauen gefährden könnte.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser unternahm Donnerstag vormittag einen längeren Spaziergang von Balestrand und besuchte den hier in Balholm wohnenden Maler Hans Dahl, der mit seiner Familie, ebenso wie der einge- troffene Bildhauer Pros. Unger, zur Abendtafel, geladen wurde. Nachmittags verblieb Seine Majestät wegen der großer Wärme an Bord. Freitag vormittag besichtigte Seine Majestät das Schulschiff „Hansa" und unternahm mit den Herren der Umgebung bei schönstem Wetter eine Fahrt auf dem „Sleipner". Die Umgebung der Ankerstelle bei Balholm gehört besonders bei diesem Sonnenschein zu dem schönsten, was Norwegen bieten kann. Sonnabend früh um 9 Uhr ging die „Hohenzollern" in See nach Olden, wo die Ankunft etwa um 7 Uhr abends erfolgte. An Bord ist alles wohl.
— Montag vormittag hielt der Kaiser Gottesdienst an Bord der „Hohenzollern", erledigte Regierungs- geschäfie und nahm die Vorträge der Kabinettschefs und des Gesandten v. Treutler entgegen. Am späten Nachmittag lies der Kaiser die Hochseeflotte an sich vorüber passieren.
— Die Kronprinzessin hat sich Sonnabend früh mit den Prinzen Söhnen zu mehrwöchigem Aufenthalt nach Heiligendamm begeben. Der Kronprinz rückt mit seinem Truppenteil am 18. ds. Mls. nach dem Truppenübungsplatz Döberitz aus.
— Der ehrwürdige Prinzregent Luitpold feiert bekanntlich im nächsten Jahre seinen 90. Geburtstag. Die bayerischen Städte haben nun beschlossen, dem Regenten zu diesem Tage eine Adresse mit oder ohne kunstgewerblichen Gegenstand zu überreichen. Der auf München treffende Teil würde etwa 6000 bis 8000 Mark betragen, die in der geheimen Sitzung des Gemeindekollegiums am Mittwoch genehmigt wurden.
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Opfer, verschwand und kam wieder, bis es endlich sich fest eingenistet hatte und unser vorhersoglücklichesHeim zu einer Stätte des trostlosesten Elends machte. In der Zeit, als immer neue Heilversuche und Kuren mir immer wieder Hoffnungen erweckten, die stets zu neuen Enttäuschungen wurden, als ich nach langem Sträuben erkennen mußte, daß dieser klare Geist in unheilbare Umnachtung gesunken, da habe ich erlitten, was ein Menschenherz an Leid ertragen kann, ohne zu brechen. Mein guter Vater, der sein einziges Kind so unglücklich werden sah, und meine Tante standen mir getreulich zur Seite.
Beide starken, noch ehe die Aerzte die Aussicht auf Heilung für ausgeschlossen erklärten. Nun stand ich allein, allein mit einer wandelnden Leiche, deren Pflege und Wartung von da an meine einzige Lebensaufgabe war. Zehn Jahre lang habe ich sie gewissenhaft erfüllt, nur einmal. . doch davon später. Sie werden jetzt vielleicht fragen, warum ich den Kranken nicht in eine Anstalt tat? Ich konnte mich nicht von ihm trennen, zwar erkannte er mich niemals mehr, aber doch schien es mir, als ob die Berührung meiner Hand ihm wohltue und meine Gegenwart allein schon ihn heiterer stimme. Darum behielt ich ihn bei mir. Unterstützt von einem zuverlässigen Wärter, war es kein schwieriges Amt, einen so vollkommen Unschädlichen zu hüten. O, wie diese Unschädlichkeit, dies seelenlose Lächeln und Lallen mir ins Herz schnitt; hätte er, von Wahnideen verfolgt, gerast, getobt, vor Wutgeschäumt, ich glaube, noch eher hätte ich darin meinen Gustav wiedererkannt, als in dieser jammervollen Kraftlosigkeit. Es wurde sehr einsam um mich her. Die früheren Bekannten mieden unser Haus, seitdem der unheimliche Gast darin weilte. Teils fürchteten sie sich vor dem Wahnsinnigen, obgleich er selbstverständlich nie mit Besuchern in Berührung kam, teils ließ auch ich in meiner traurigen Stimmung allen Verkehr einschlafen. Lange schon hatte sich meine Liebe zu Gustav in grenzenloses Mitleid verwandelt, und aus ihm schöpfte ich die Kraft, das all
Die Entscheidung über das, was gegeben werden soll, ist dem Städtetag überlassen. Weiter soll eine Sammlung durch ganz Bayern veranstaltet werden, deren Ertrag dem Regenten zu einer Stiftung übermittelt wird. München will sich dabei vorbehalten, das Erträgnis aus der hiesigen Sammlung selbst zu überreichen, um damit einen besonderen Wunsch an den Regenten zu verbinden.
— Das Fürstenpaar von Bülow ist Freitag früh von Wiesbaden in Berlin eingetroffen und hat im Hotel Adlon für einige Rasttage Aufenthalt genommen. Der Empfang vollzog sich in einfachen Formen. Es war derselbe Tag, wo sich der frühere Reichskanzler vor einem Jahre vom Bundesrat verabschiedet hatte. Das Fürstenpaar, das auf dem Bahnhof Friedrichstr. vom Bruder des Fürsten, dem Flügeladjutanten und Oberst von Bülow und Kommerzienrat Fromberg von der Deutschen Kolonialgesellfchaft empfangen wurde, begab sich vom Bahnhof aus sofort zum Hotel.
— Nach amtlicher Meldung ist der Wirtschaftliche Ausschuß um zwölf Mitglieder verstärkt, und drei Stellen sind infolge des Rücktritts bisheriger Mitglieder neu besetzt worden. Die Verstärkung erfolgte aus Wünsche hin, die aus industriellen Kreisen geäußert worden sind. Der Wirtschaftliche Ausschuß ist zusammenberufen zur Hälfte aus Vorschlägen der drei Verbände, auf deren Anregung er zurückzuführen ist (des Zentral» Verbandes deutscher Industrieller, des Deutschen Handelstages und des Deutschen Landwirtschaftsrats), zur anderen Hälfte aus der Initiative des Reichskanzlers. Von den nunmehrigen 48 Mitgliedern sind sonach 24 auf Vorschlag der erwähnten Verbände, und zwar je zu einem Drittel (8) und 24 vom Reichskanzler im Benehmen mit den Bundesregierungen berufen worden.
— Die Unfallpension eines unmittelbaren Staatsbeamten ist nur dann eine auf Lebenszeit gewährte Pension, wenn der Unfallverletzte Beamte wegen dauernder Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt worden ist. Das Gesetz vom 2. Juni 1903 betreffend die Fürsorge für Beamte infolge von Betriebsunfällen be« stimmt im § 1 Abs. 1, daß unmittelbare Staatsbeamte, welche in reichsgesetzlich der Unfallversicherung unterliegenden Betrieben beschäftigt sind, als Pension 66% v. H. ihres jährlichen Diensteinkommens erhalten, wenn sie infolge eines itn Dienste erlittenen Betriebs» Unfalles dauernd dienstunfähig werden, Die bei einer derartigen Pensionierung vorgesehene Unfallpension als eine auf Lebenszeit gewährte Pension anzusehen und
mähliche Hinsiechen, den körperlichen Verfall des einst Geliebten mitanzusehen. Als Sie mich in Pyrmont kennen lernten, hatte ihn ein sanfter Tod vor einem Vierteljahr von allen Schmerzen erlöst. Ich wollte versuchen, mich wieder an die Menschen zu gewöhnen, und weil ich Pyrmont auf meiner Hochzeitsreise mit Gustav berührt und dort ein paar glückliche Tage verlebt hatte, suchte ich es seiner Erinnerungen wegen auf. Ob mein Versuch gelungen war? Sie werden sich diese Frage selbst beantworten können. Ich bin recht schwerfällig geworden in den zehn Jahren; ich habe zu viel gelesen und zu viel nachgedacht, namentlich über Ernstes, als daß ich mich gleich wieder in den ge« wohnten, leichten Umgangston finden könnte. Nur Sie, liebe Lina, mit dem leisen Hauch von Schwermut über dem sonnigen Leben, hatten sich gleich bei der ersten Begegnung meine Sympathie erobert, und ich danke dem Schicksal, der mir ein Wesen zuführte, dem ich etwas sein kann. Und nun, nachdem ich Ihnen mein Glück und mein Leid erzählt habe, will ich Ihnen auch das Bekenntnis meiner Schuld nicht vorenthalten.
Erschrecken Sie nicht, liebes Kind, über das Wort Schuld, ich bin feine Mörderin und auch keine Ehebrecherin. Beides hätte ich werden können, wenn nicht das Bessere in mir stärker gewesen wäre, als die Versuchung, und sie war groß und stark genug. Hören Sie. Vor drei Jahren besuchte uns ein Jugendfreund meines Gatten. Er und Gustav hatten sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit nicht gesehen, da ihn angeborene Abenteuerlust in ferne Länder getrieben und er die Heimat nur selten besucht hatte. Unsere Vermählungsanzeige war die letzte Mitteilung gewesen, die ihm Gustav senden konnte, sein Aufenthalt wechselte häufig, und Briefe schrieb er nicht. Aber keineswegs hatte er den Freund vergessen, und auch dieser sprach sehr häufig von ihm. Mit stolzem Interesse verfolgte Gustav die Zeitungsnachrichten, die von den Reisen des geachteten Afrikaforschers erzählten." 168,16