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Graf Lisza erwiderte, der Ministerpräsident verdiene schon deshalb das Vertrauen der Partei, weil er zu einer Zeit der Niedergeschlagenheit den Mut besaß, den Kampf auf^unehmen. Der große Wahlsieg sei mit seinem Namzn eng verknüpft. Desider Perczel, der frühere Präsident des Abgeordnetenhauses, wurde zum Präsidenten der Regierungspartei gewählt.

Bei einer Ersatzwahl zum französischen Senat ist General Andrö als Kanditat der radikalen Sozia- listen wiederum unterlegen. Die abermalige Wahl­niederlage des ehemaligen Kriegsministers hat in der konservativen Presse Frankreichs Befriedigung hervor­gerufen. DerFigaro" schreibt:General Andrö wird vielleicht doch einsehen, daß er dem französischen Volke die Erinnerung an einen Krieg zurückgelassen hat, der die französische Armee beinahe zugrunde gerichtet hätte. So etwas vergißt man in Frankreich nicht. Die Schlappe des Generals Andre ist auch eine Schlappe der Combisten, die auf eine Gelegenheit lauern, um ihr Werk von neuem beginnen zu können. Hoffentlich wird ihnen das nicht gelingen."

Gegen die englischerseits erhobenen Anschuldi­gungen wegen der Kretafrage verteidigt der Konstan- tinopelerTanin" die demsche und die östereichische Presse. Die englische Presse solle sich erst mit der Haltung einiger englischer Blätter, z. B. mit der Westminster Gazette," befassen, ehe sie an der Presse anderer Nationen Kritik übe. Das türkische Ministe­rium des Innern richtete an die Provinzbehörden ein Rundschreiben, in dem erklärt wird, daß die Blätter endgültig die Wahrung der Souveränität der Türkei auf Kreta sowie der Rechte der Mohammedaner be­schlossen. Weiler wird in dem Schreiben der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Bemühungen der Pforte für eine endgültige Lösung der Kretafrage erfolgreich seien. Schließlich wird die Bevölkerung aufgefordert, den Bemühungen der Regierung zu vertrauen und jede Aufregung zu vermeiden, durch welche die türkischen Interessen nur geschädigt werden.

Nach einer Meldung aus Saloniki haben neue Kämpfe gegen die Albanesen stattgefunden. Der Einmarsch der Truppen in das Gebiet von Malcista ist auf Schwierigkeiten gestoßen, weil die Arnauten an mehreren Orten Widerstand leisteten. Die Truppen verjagten schließlich die Arnauten und nahmen eine Anzahl von ihnen fest. Es wurde damit begonnen, die Bevölkerung zu entwaffnen. Die Truppen, die zumeist von den Höhen herab beschossen wurden, ver­loren zwei Offiziere und 16 Mann. Das Expeditions­korps besteht aus 27 Bataillonen.

In St. Paul in Minnesota Veranstaltern der Roosevelt-Klub kürzlich ein Festmahl, bei welchem die Bildung einer neuen Partei beschlossen wurde, welche die Rechte des Volkes gegenüber den Bestrebungen, die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu monopoli­sieren, vertreten soll. An die Spitze der neuen Partei, welche noch keinen Namen führt, werden Roosevelt, der frühere Sekretär des Innern Garfield sowie Pin- chot, ein von Präsident Taft entlassener Beamter, treten.

Der deutsche Botschafter Graf Bernstorsi wohnte Montag der Schlußfeier des Deutsch-Amerikanischen Lehrer-Seminars, der bedeutendsten amerikanischen. Lehranstalt zur Ausbildung deutscher Lehrer in Ml» waukee, bei. Bei dieser Gelegenheit hielt er einen Pyrtrag über deutsche Schulbildung. Dem Botschafter sind während seines Aufenihalts in den verschiedensten Universitätsstädten vonseiten der ProfessoreNl-KosteAe» und der Studentenschaft sowie aller Kreise, mit denen er auf seiner Vortragsreise in Berührung kam, die größten Aufmerksamkeiten zuteil geworden. Seine. Vorträge, welche zur Förderung des Verständnisses für deutsche Verhältnisse in Amerika wesentlich bei- trugen, sind mit größtem Beifall ausgenommen worden Er ist der erste Botschafter welchem innerhalb so kWM Zeit soviele Auszeichnungen seitens amerikanischer Universitäten zuteil wuroen.

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern, 24. Juni 191Ü.

* Herr Seminar-Oberlehrer Kolb ist zum S'e- minar-Direktor ernannt.

* Als Folge der im Januar o. I: im Reichs- Postamt in Berlin mit Vertretern von Handel-, Ge­werbe- und Landwirtschaft abgehaltenen Befprechnngen über Fragen des Postdienstes treten bei der Postver- Waltung mehrere Neuerungen in Kraft, die eine Mit­wirkung des Publikums zur Beschleunigung der Abfer­tigung an den Postschal'ern bezwecken. So wird für die Versendung von Karten und Paketen mit Nachnahme im inneren deutschen Verkehr die Benutzung von Nach­nahmekarten und Paketadressen mit anhängendervom Absender vorzuschreibender Postanweisung zugelassen. Beim Ausfüllen der Postanweisung ist zu beachren, daß der Nachnahmebetrag um den Betrag der Post­anweisungsgebühr gekürzt werden muß. Der Absender ist nun in der Lage, seine Buchungsvermerke selbst anzugeben, sodaß Weiterung infolge Weglassens oder undeutlicher Niederschrift seitens der bisher die Post­anweisungen ausfertigenden Postbeamten fortan auf­hören werden. Die Formulare zu den Nachnahmekarten und Nachnahmepaketadressen werden auf hellbraunem > Kartonpapier hergestellt und von allen Postanstalten zum Preise von 5 Pfg. für 10 Stück vom 1. Juli ab!

verkauft. Es ist aber auch gestattet, beide Formulare durch die Privatindustrie herstellen zu lassen und schon jetzt zu verwenden die von der Privatindustrie gefertigten Formu­lare müssen indessen in Größe, Form, Vordruck, Stärke und Farbe des Papiers genau den amtlichen Formularen entt sprechen. Nicht vorschriftmäßige Formulare werden von den Postanstalten zurückgewiesen. Musterformulare können bei den Postanstalten eingesehen und von Interessenten kostenfrei bezogen werden. Die Benutzung der neuen Formulare wird vorläufig in das Belieben der Absender gestellt. Vom 1. Januar 1911 sollen aber zur Versendung von Paketen und Karten mit Nachnahme aber nur noch die Formulare mit anhängender, vom Absender vorgeschriebener Postanweisung zuge­lassen werden. Zur Beschleunigung des Schalterverkehrs soll ferner vom 1. Juli ab Einliefern von nachzu- weisenden Postsendungen das Vorschreiben der Post­einlieferungsscheine gestattet werden. Die hierbei zu benutzenden Formulare werden in Schwarzdruck herge­stellt und in Blocks zu 100 Stück mit vorgedruckter Blattzahl geliefert. Die Abgabe der Blocks erfolgt kostenfrei durch die Postanstalten. Die Scheine sind vom Absender so weit auszufüllen, daß der Annahme­beamte nur noch den Postvermerk auszufertigen und mit einem Abdrücke des Tagesstempels zu versehen sowie bei Wertsendungen das Gewicht einzurücken hat Weiterhin werden vom genannten Tage ab Postan­weisungen mit anhängendem, vom Publikum vvrzu- schreibenden Posteinlieferungsscheine sowohl mit einge­drucktem Wertstempel zu 10 und 20 Pfg. als auch ungestempelt zum bisherigen Preise (5 Pfg. für je 10 Stück) ausgegeben werden. Die neuen Formulare sind für die Einzelaustieferung von Postanweisungen, be­stimmt, während die seitherigen Formulare künftig nur in den Fällen verwandt werden sollen, wo Postan­weisungen auf Grund von Einlieferungsbüchern oder Verzeichnissen eingeliefert werden. Bis auf weiteres können indessen die seitherigen Formulare für einzeln aufzuliefernde Postanweisungen auch nach Einführung der Neuerung noch benutzt werden. Die Neuerungen ermöglichen es den Absendern, die Angaben in den Einlieferungsscheinen vollständiger niederzuschreiben, als dies den Postschalterbeamten in der großen Eile, mit der sie oft arbeiten müssen, möglich ist. Die Maß­nahmen, die dem Absender keinerlei Kosten verursachen werden, scheinen geeignet, eine beschleunigte Abfertigung des Publikums an ' den Postschaltern herbeizuführen. Es kann daher den Aufliefern von Postsendungen im eigenen Interesse nur angeraten werden, von diesen be­vorstehenden Neuerungen im ausgedehntesten Umfange Gebrauch zu machen.

* Fahrten an die Wasserkante verunstaltet der Flottenverein, um das Verständnis und Interesse des Deutschen Volkes für die Bedeutung und die Aufgaben der Flotte zu wecken, zu pflegen und zu stärken; sie dienen also idealen Zwecken, sind keine Geschäftsunler- nehmen. Sorgfältige Vorbereitung, fachmännische Lei­tung Wen den Teilnehmern genußreiche Tage in Aussicht, umsomehr als der Flottenverein auch da weitgehendes Entgegenkommen findet, wo Anderen Be­schränkungen auferlegt werden. Der Hessische Landes­ausschuß, Darmstadt Waldstraße 4, nimmt zu seiner Gesellschaftsfahrt vom 16. bis 23. Juli nach Ham- burg--HelgolandKiel jetzt noch Anmeldungen ent- gegen; Gtch von Damen und Herren, die noch nicht Mitglieder sind. Nur diese Fahrt wird aus dem Be­reiche Großherzogtums Hessen vom Flottenverein Veranstalter.

* Hühner muß man so früh wie irgend möglich morgens aus dem Stalle lassen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß alles Gewürm, wie Käfer, Regenwürmer, Larven und dergleichen Kerbtiere, des Nachts und ganz in der Frühe an der Erdoberfläche erscheinen, um sich Nahrung zu suchen. Damit nun der Stall nicht die ganze Nacht offen bleibt, sind in neuerer Zeit soge­nannte Stallöffner in den Handel gekoinmen, die sich recht gut in der Praxis bewährt haben. Diese Oeffner bestehen aus einem Schieber, einem Gewicht und einer Schale. Der Stallöffner ;wird vor dem Eingang des Hühnerstalles befestigt. Die Schale wird nun abends, sobald das Geflügel im Stall ist, mit ungefähr einem Viertelpfund Gerste oder Mais gefüllt. In der Morgenfrühe werden die Hühner sehr bald das Futter finden und schnell verzehren. Hierbei wird der Schieber leichter, er geht nach oben und die Hühner können ohne jede menschliche Hülse ins Freie gelangen.

* Zur Einlösung der alten 50 Pfennigstücke. Mit dem 30. September d. I. läuft die Frist ab, innerhalb der die außer Kurs gesetzten 50 Pfennig­stücke der alten Geprägeformen mit der Wertangabe 50 Pfennig" durch die Reichs- und Landeskassen noch einzulösen sind. Auf diesen Fristtermin wird nochmals hingewiesen.

* Hauau. Am Montag begann die diesjährige Schwurgerichtsperiode unter dem Vorsitze des Herrn Landgerichtsrats Heldmann. In der ersten Verhand­lung stand unter der Anklage des Sittlichkeitsverbrechens, § 176, 2 d. D. Str.-G.-B., begangen an der geistes­gestörten Anna H. aus Spielberg, der Schuhmachergeselle Peter Wilhelm aus Wiesbaden. Der Angeklagte ist 'am 27. Januar 1891 zu Schlierbach geboren, erlernte bei Schuhmachermeister H. in Spielberg das Schuh­macherhandwerk und verging sich im Sommer 1909

an der geistig nicht ganz normalen Tochter seines Meisters. Ueber 20 Zeugen, zum größten Teile aus Spielberg, sind geladen, und als Sachverständiger Herr Dr. Hensel-Schlierbach. Bei Beginn der Ver­handlung wird die Oeffentlichkeit für die ganze Dauer der Verhandlung ausgeschlossen. Das Urteil, das nachmittags '/-2 Uhr gesprochen wurde, lautete auf 1 Jahr Gefängnis; die sofortige Verhaftung wurde an­geordnet, der Verurteilte trat die Strafe sofort an.

* In Kirchhain fand am Sonntag der achte Ver­tretertag der Innungen, Handwerker- und Gewerbe­vereine im Handelskammerbezirk Cassel statt. Etwa 700 Handwerksmeister waren zur Teilnahme erschienen. Als Vertreter der Kgl. Staatsregierung wohnte Herr Regierungsassessor Dr. Bredt den Verhandlungen bei, die vom stellvertretenden Vorsitzenden, Zimmermeister Zimmermann, geleitet wurden. Herr Syndikus Than- Heiser erstattete den Jahresbericht und gab einen Rück­blick auf die nunmehr zehnjährige Wirksamkeit der Handelskammer auf dem Gebiete der Regelung des Lehrlingswesens, der Verbesserung des Gesellenmaterials durch die Gesellenprüfungen, die sich steigender Aner­kennung erfreuen, daß von 3000 Ausgelernten sich 2700 zur Prüfung unterzogen. An Fortbildungskursen be­stehen jetzt über 300. Herr Bäckermeister Bilsing-Cassel berichtete über die Bestrebungen der Kammer auf dem Gebiete des Submissionswesens. Es wurde eine Re­solution einstimmig angenommen, nach welcher der Handwerks- und Gewerbekammertag ersucht wird, dahin zu wirken, daß der § 100 q der Reichsgewerbeordnung dahin abgeändert wird, daß den Zwangsinnungen für gleichbleibende Leistungen und Lieferungen die Fest­setzung von Mindestpreisen zugestanden werde. Herr Schuhmachermeister Kohlus-Cschwege sprach über die Notwendigkeit der Einrichtung einer Krankenunter­stützungskasse für Handwerksmeister, eine dahingehende Resolution wurde einstimmig angenommen. Herr Schneidermeister Russack-Homberg sprach über die Bildung eines deutschen Handwerkerbundes; seine Aus­führungen wurden mit Beifall ausgenommen und in einer einstimmig angenommenen Resolution das Er­gebnis niedergelegt. Als On der nächsten Tagung wird Melsungen oder Hofgeismar bestimmt werden.

* Das königliche Schloß Wilhelmshöhe ist seit Dienstag geschlossen und vorläufig nicht mehr zu be­sichtigen. Es werden Vorbereitungen zum Empfange der Kaiserin getroffen, die voraussichtlich am 10. Juli hier eintreffen wird. _____

Menschengröße.

Wenn der Blitz den Wald zerschmettert, Wenn der Hagel niederwettert, Wenn die Flösse überlaufen, Städte und Dörfer schier ersaufen, Wenn Hungernot im Volke haust, Wenn Kriegsgeschrei das Land durchbraust, Wenn Typhus, Cholera und Pest Vor Angst die Menschen sterben läßt, Wenn Feuersbrunst die Häuser frig, Dann sieht der Mensch, wie groß er ist., Hermann Haas e'Gcinha,üsen.

Vermischtes.

Vogelkäfige im Sonnenbrand sind ein trauriges Zeichen für die Gleichgültigkeit und Herzenshärte ihres Besitzers. Man denke sich die armen Vögel, welche früher von Bau zu Bau flattern, sich nach Belieben schattige Plätzchen aussuchen konnten, nun­mehr dazu verurteilt, in unerträglicher Gluthitze schutz­los ausharren, während der dies Elend gar nicht be­denkliche Eigentümer des Vogels seine werte Persön­lichkeit jedenfalls sorgfältig ins Kühle setzt und durch einen kühlen Trunk noch weiter für seine Behaglichkeit sorgt. Die Polizeibeamten sollen das Heraushängen von Käfigvögeln in den Sonnenbrand als Tierquälerei zur Anzeige bringen, denn es ist eine öffentlich, be­gangene, Aergernis erregende Quälerei, die als eine rohe Mißhandlung angesehen werden muß.

Bitte an die Feuerwehren! Der II. Branden­burgische Provinzial-Feuerwehr-Unterverband hat durch ein Rundschreiben die Feuerwehren des Deutschen Reiches ersucht, durch Ankauf der zur Probe mitge- sandlen Wohlfahrtspostkarle, welche die Bildnisse Ihrer Majestät der Kaiserin und Ihrer Kgl. Hoheit bet' Prinzessin Viktoria Luise darstellt, (Bromsilberphow-- gramm von der Originalaufnahme des Hofphotographem Sandau) mit dazu beizutragen, der leidenden Mensche Heit zu helfen und zwar insofern, als UeberschüM die, durch den Verkauf der Wohlfahrtskarte erzielt werden zur Bekämpfung der Säuglingsterblichkeit der Tuber­kulose und sonstiger Volkskrankheiten an den Verein für Wohlfahrtsmarken, Berlin W., abgeführt werden. Diese künstlerisch ausgeführte Postkarte ist zu dem billigen Preise von 10 Pfennig das Stück zu haben, wir bitten die Kommandos der Feuerwehren welche bis jetzt von dem Angebot noch keinen Gebrauch ge macht haben, durch möglichst baldige Bestellung ihr Scherflein zur guten Sache mit beizutragen. Sammel­bestellungen nimmt der Vorsitzende dcs II. Branden­burgischen Provinzial-Feuerwehr-Unterverbandes Ober­brandmeister Jacob, Teltow bei Berlin, Neue Straße 6, jeder Zeit noch entgegen. Der Gegenwert dafür ist an die Teltower Bank in Teltow bei Berlin, Linden- straße 17, zu richten.