SchlüchterimMung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
M 49.
Samstag, den 18. Juni 1910
61. Jahrgang.
Der Rückzug des Vatikans.
Seit langen Jahren ist dem deutschen Volk? kaum ein Ereignis so an Herz und Nieren gegangen als die Schmähungen der Reformation und der ihr zugetanen Fürsten und Völker in der jüngsten päpstlichen Enzyklika. Allgemein war die Spannung, wie die von der preußischen Regierung eingeleitete diplomatische Aktion beim Vatikan ausgehen werde. Die Parteitaktischen Bestrebungen, die alsbald in die Protest« bewegung gegen die Enzyklika hineinspielten, richteten sich besonders auch gegen die Person des leitenden Staatsmannes Herrn v. Bethmann Hollweg, dessen Geschicklichkeit und Engergie augezweifelt wurde. Ein Redner in der Versammlung im Zirkus Busch, der Abg. Naumann, behauptete sogar, von dem gegenwärtigen Reichskanzler sei weniger zu erwarten als von allen seinen Vorgängern, sogar den katholischen Fürsten Hohenlohe eingeschlossen. Das Wort war schon insofern unbedacht, als unter der Kanzlerschaft des Fürsten Hohenlohe, zur Zeit, als schon Herr von Bülow Staatssekretär war, die Kanisiusenzyklika eine ganz ähnliche Erregung hervorgerufen hatte, ohne daß irgend welcher amtliche Schritt gegen die Verletzungen der Gefühle der evangelischen Bevölkerung nachgefolgt wäre. Herr v. Bethmann dagegen hatte sofort, nach« dem ihm der Urtext der Borromäus-Enzyklika zugegangen war, Protest in scharfer diplomatischer Form bei der Kurie erhoben.
Und der Erfolg? Ein Rückzug des Vatikans, wie ihn kein früherer Kanzler erlebt hat. Auf Verlangen der preußischen Regierung hat der Papst nicht nur in Worten sein Bedauern über die durch die Enzyklika bewirkte Störung des konfessionellen Friedens ausgesprochen, sondern auch durch die Tat anerkannt, daß die begangene Kränkung und Beunruhigung nicht fortwirken soll. Diese Tat besteht darin, daß der Papst die Verkündigung der Enzyklika von den Kanzlern und durch die geistlichen Amtsblätter untersagt hat, und zwar nicht bloß für Preußen, sondern für das ganze Deutsche Reich. Damit hat Herr v. Bethmann einen bedeutenden Erfolg errungen, der es der radikalen Presse erschweren wird, das geflissentlich genährte Uebel- wollen gegen seine Person weiter zu verbreiten.
Deutsches Reich.
— Im preußischen Abgeordnetenhaus wurde am Sonnabend die zweite Beratung des Gesetzentwurfs
In der Schute des Leöens.
Roman von Edith« v. Welten. 20
Frau Willfurth fand vor Empörung keine Worte. Es war ja zu unerhört, was dieser Tag ihr brächte. Ihr Kind, Ihre Lina wagte es, so zu ihr zu sprechen. Was war aus dem lieben, sanften Mädchen geworden?
Sie vergaß, wie sie selbst einst ihre Eltern durch Bitten und Tränen, durch Trotz und Verstocktheit bezwungen hatte, wie sie geschworen hatte, nie einen anderen zu nehmen, als den jungen Doktor Willfurth, wie sie gedroht mit Flucht und Selbstmord, und die Erschreckten sich gefügig gemacht. Jetzt vertrat sie das besonnene Alter und Lina war die unbesonnene Jugend, beide waren überzeugt, das heiligste Recht auf ihrer Seite zu haben.
„Du wirst vielleicht die Freundlichkeit haben, Dein unartiges „Nein" etwas zu motivieren," hob sie in schneidendem Ton wieder an.
„Die Briefe gehören mir, sie sind mein größtes Gut, mein einziges Andenken an Walter, wenn Du uns aus- einanderreißest."
„Nur nicht so tragisch, Liebste, ich nehme das Ganze für eine Kinderei von Euch beiden unbedachten, jungen Menschen, und wenn Du mich auch heute für eine böse Mutter hältst und von „Auseinanderreißen" sprichst, es kommt wohl die Zeit, wo Du mir diese Stunde danken wirst."
„Nie! .. nie!"
Sie überhörte denzitterndheroorgestoßenen Einwurf.
„Ich will nicht unnötig hart sein, Lina, Du magst die Briefe behalten.. als Andenken .. nun sei aber auch ein gutes Kind, schlage Dir den Studenten aus dem Kopf, und nimm den Mann, den ich Dir zuführen werde."
Lina starrte ihre Mutter fassungslos an. Somit einer Handbewegung sozusagen, sollte es abgetan sein? Eine Episode in ihrem Mädchenleben, wovon sie geglaubt, daß es ihre ganze Zukunft bedeute?
zur Abänderung der Vorschriften über die Wohnungs- geldzuschüffe und Mietsentschädigungen fortgesetzt. Der Gesetzentwurf wurde in dritter Lesung in der Fassung der Regierungsvorlage unter Ablehnung der Kommissionsanträge angenommen. Es folgte die zweite Beratung des Gesetzentwurfs betreffend den Rogat- abschluß. Ag. Lusensky (natl.) begründete einen von den Abgg. v. Brandenstein (kons.) und Klocke (Z) mitunterzeichneten Antrag, welche für Schäden, die durch die Anlagen trotz fehlerfreier Ausführung entstehen, jeden Deichverband ersatzpflichtig machen will und für die der Fischerei entstehenden Schäden dem Staate die Ersatzpflicht auferlegt. Der Antrag, den auch die Regierung akzeptierte, wurde angenommen und danach das ganze Gesetz in dritter Lesung en bloc. Nach Erledigung einer Reihe von Petitionen vertagte sich das Haus auf Montag. — Am Montag wurden bei der dritten Beratung des Eisenbahnanleihegesetzes wieder eine große Reihe Wünsche lokaler Natur zwecks Verbesserung und Anlage neuer Verbindungen für den Verkehr vorgebracht. Die Vorlage wurde in dritter Lesung angenommen. Alsdann begründete Abg. Dr. von Liszt (Vp) einen Antrag Aronsohn u. Gen., der die gesetzliche Neuregelung der Rechtsstellung der Studierenden an den Hochschulen fordert. Die Studierenden sollen dem Vereinsgesetz unterstellt werden. Der Antrag wurde angenommen.
— Im Zirkus Busch in Berlin fand eine infolge der Borromäus-Enzyklika vom Vorstand des evangelischen Bundes einberufene Volksversammlung statt, die von mehr als 4000 Personen besucht war, darunter von Professor Harnack und einer Reihe von Theologieprofessoren und Geistlichen. Es sprachen u. a. unter großem Beifall der Anwesenden Landtagsabgeordneter Stroffer, Professor Dr. Hans Delbrück, Reichstagsabgeordneter Friedrich Naumann, Professor Dr. Kahl. Sämtliche Redner wiesen darauf hin, es sei bedauerlich, daß gerade in der jetzigen Zeit, wo das deutsche Volk des konfessionellen Friedens am meisten bedürfe, eine derartige Kundgebung erlassen sei. Schließlich wurde eine Protest-Resolution angenommen'
— Die jetzt geltende Haftpflichtgesetzgebung und namentlich die Einbeziehung von Verfehlungen ihrer Beamten hat die Gemeinden veranlaßt, sich gegen die unter Umständen hohen Regreßansprüche zu versichern, und spornen sie neuerdings an, zur Verminderung der Prämien, sich zu eigenen Haftpflichtverbänden zusam- menzuschließen. So schweben zwischen den Großstädten
Unmöglich! Das konnte nicht das Ende dieser Unterredung sein. Hatte sie denn schon versucht, zum Herzen ihrer Mutter zu dringen, hatte sie nicht im Gegenteil ihren Unwillen durch kurze, unfreundliche Antworten herausgefordert?
Sie warf sich vor Frau Willfurth auf die Knie nieder und umfaßte ihre beiden Hände. Mit tränener- stickter Stimme flehte sie: „Mama, liebe Mama, nimm ihn mir nicht, gib ihn mir, meinen Walter, laß uns glücklich werden! Du weißt nicht, Du kannst es nicht wissen, was er mir ist. Du hast nie geliebt, wenn Du meinst, ich könnte jetzt zu ihm sagen, leb' wohl, ich habe mich geirrt, heiraten werde ich einen anderen. O, Mama, hast Du mich denn gar nicht mehr lieb? Bin ich Dir nicht immer gefolgt? Bin ich nicht Dein Geschöpf gewesen, das Du nach Deinem Willen formtest? War ich nicht immer so, wie Du mich haben wolltest?"
„Ja, in Kleinigkeiten warst Du mir gehorsam, Du trugst die Kleider, die ich Dir kaufte und nahmst die Stunden, die ich Dir geben ließ. Sogar kochen hast Du gelernt, ohne zu murren, aber als eine ernste Lebensfrage an Dich herantrat, galt Dir die Meinung Deiner Mutter nichts, und nun, wo ich Dich vor einer törichten Verlobung bewahren möchte, gebärdest Du Dich, als wäre ich Deine größte Feindin. Kind, Kind, Du dankst mir schlecht all meine Liebe."
Lina weinte still vor sich hin. Sie lehnte den Kopf an Frau Willfurths Schulter, ein krampfhaftes Zucken ging durch ihren jungen Leib.
Die Professorin fühlte, wie eine weiche Regung sich ihr ins Herz stahl, aber die Stimme der Vernunft flüsterte ihr zu: nicht nachgeben, nicht wankend werden! Später konnte sie ja durch verdoppelte Liebe die Wunden heilen, die sie heute schlug.
Sie machte ihre Rechte aus den sie umklammernden Fingern los und legte sie auf Linas Scheitel.
„Sieh mich einmal an, Kind, steh mir ins Auge, und sage mir, ob Du glaubst, daß ich es gut mit Dir meine."
Westdeutschlands Verhandlungen zwecks Gründung eines Haftpflichtverbandes der Städte. Die gegenseitige Versicherung bezieht sich besonders auf alle Verpflichtungen, die den Städten erwachsen aus den gewerblichen oder landwirtschaftlichen Betrieben, ferner auf die Haftpflicht der Beamten. Auf je 50 000 Einwohner soll ein Mitglied der Städte gewählt werden. Zu diesem Akte der Selbsthilfe sind die Städte gekommen, weil die Versicherungsgesellschaften ihre Prämien erhöht haben und außerdem für viele Schäden eine Haftpflicht nicht eingehen wollen.
— Aus Anlaß verschiedener Eisenbahnunfälle in letzter Zeit bringt die „Deutsche Versicherungs-Zeilung" eine vergleichende Zusammenstellung der Eisenbahnunfälle in den verschiedenen Ländern. Es entfallen im Jahre auf je eine Million Reisende in
Deutschland
0,08 Todesfälle
0,39 Verletzungen
Oestereich-Ungarn 0,12
tf
0,96
ff
Frankreich
0,13
ff
0,18
tf
England
0,14
ff
1,94
ff
Schweiz
0,15
tf
1,12
tf
Belgien
0,22
tf
3,02
ff
Vereinigt. Staaten 0,45
//
6,58
ff
Rußland
2,24
11,63
tf
Danach steht
Deutschland
inbezug
auf die Sicherheit
seiner Eisenbahnen an der Spitze aller Kulturländer, ein Erfolg, der in der Hauptsache der gewissenhaften Pflichterfüllung durch die deutschen Eisenbahnbeamten zu danken ist.
Ausland.
— Im österreichischen Abgeordnetenhause erklärte der Ministerpräsident zur Nationalitätenfrage, daß die Schlichtung des Steiles in Böhmen beginnen müsse, wo der Boden dafür am besten vorbereitet sei. Die Regier« ung habe daher eine Einladung zu einer vorläufigen Besprechung der böhmischen Frage erlassen, von der sie nach dem zustimmenden Beschlusse der Mehrzahl der beteiligten Parteien sich wertvolle Anhaltspnnkte für die Friedensaktion versprach. Leider habe eine böhmische Partei, die früher stets am wärmsten für eine Verständigung eingetreten fei, beschlossen, die Lösung der Sprachenfrage auf anderem Wege anzustreben und sich an den gegenwärtigen Besprechungen nicht zu beteiligen. Der Minister beklage dies aufs tiefste, gebe jedoch die Hoffnung nicht auf, daß es wenigstens zu unverbindlichen Besprechungen kommen werde. Sollte diese Methode nicht zum Ziele führen, dann
„Ja, Mama, das glaube ich." Lina sprach es sehr leise.
„Nun, dann glaube auch, daß ich in dieser Sache nur Dein bestes will. Daß ich Dir weh tun muß, ist mir selber leid, aber es geht nicht anders. Ich kann Dich keinem Studenten verloben, stände er auch durch Familie und sonstige Verhältnisse ganz anders da, als dieser Schneider."
„O, Mama, wenn es nur der Student ist, den Du nicht magst, Walter steht ja kurz vor dem Examen, dann ist er Kandidat und bekommt vielleicht bald eine Anstellung."
„Als jüngster Oberlehrer in irgend einem Nest womöglich. Du wirst begreifen, daß ich für Dich ein klein wenig höher hinauswollte."
„Er wird doch aber später Professor, wie Papa."
Das hätte Lina nicht tun sollen. Mit der Erinnerung an den Verstorbenen weckte sie zugleich die Abneigung gegen seinen Beruf, den Frau Willfurth nie lei- den gemocht, und der ihr an einem zukünftigen Schwiegersohn geradezu widerwärtig war.
„Auch das scheint mir nicht verlockend genug und das ist auch noch lange hin. Bevor der jnnge Mann eine Frau ernähren kann, sollte er sich auch nach keiner umschauen. Daß er sich in so jungen Jahren schon binden will.. er kann ja kaum drei bis vier Jahre älter sein als Du .. hat seine guten Gründe. Ein Gold- fischchen zur Braut läßt man sich schon gefallen, nur schade, daß das Goldfischchen noch eine Mutter hat, die den lästigen Angler verscheuchen wird."
„Mama!"
„Ja, Kind, blicke mich nichtso entrüstet an, wirwollen einmal die Dinge beim rechten Namen nennen. Deine Mitgift ist ja doch der Kern der ganzen Sache. Meinst Du, eine Arme hätte ihn so schnell gefesselt, auch wenn sie ihm ebenso gut gefiele, wie Du. Er würde hübsch gewartet haben, bis er ihr etwas zu bieten hatte. Bei Dir hat er es nicht für nötig gehalten, denn Du hast ja Geld." 168,18