Einzelbild herunterladen
 

MüchternerMmg

mit amtlichem Rreisblatl. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

_________ Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._________

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich I Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

«M 48. Mittwoch, den 15. Juni 1910 61. Jahrgang.

Deutsches Reich.

. In Berlin hat die Einweihungsfeier des Neu- baus der Kaiser Wilhelms-Akademie für das militär- ärztliche Bildungswesen stattgefunden. Das Kaiserpaar nahm persönlich an der Feier teil. Der Kaiser hielt folgende Ansprache:Ich entbiete der Kaiser Wilhelms« akademie für das Militär ärztliche Bildungswesen Meine Glückwünsche zur Vollendung ihres neuen Heims und spreche ihr gern Meine warme Anerkennung aus für die guten Dienste, die sie Meiner Armee und dem Vaterlande geleistet hat, und danke allen, die an der Entstehung und Vollendung dieses stolzen Neubaues mitgewirkt haben. Durch das ernste Streben aller ihrer Glieder hat die Kaiser Wilhelmsakademie ihre Aufgabe, ein jederzeit auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft und der ärztlichen Kunst stehendes Sani- tätsoffizierskorps heranzubilden und zu erziehen, voll und ganz gelöst. Möge dieser Geist, der unter schwierigen Aufgaben im Krieg wie im Frieden nie versagt hat, sich auch in dem neuen Hause belätigen, dann wird Gottes Segen auch ferner auf der Kaiser Wilhelmsakademie ruhen."

Im preußischen Abgeordnetenhause standen am Dienstag die Gesetzentwürfe betr. die Erhöhung der Krondotation um 2 Millionen Mark und betr. Erhö­hung der Betriebskosten für die Königlichen Theater um 1Millionen Mark, in erster und zweiter Lesung zur Beratung. Abg. Dr. v. Heydebrand und der Läse erklärte, daß die kons. Partei die Vorlage ohne vorherige Kommissionsberatung annehmen werde, da sie die ge­forderte Erhöhung für voll begründet erachte. Abg. Dr. Friedberg (natl.) und Abg. Fischbeck (Fortschr. Bpt.) stimmten namens ihrer Fraktionen ebenfalls den Vorlagen zu, empfahlen aber trotzdem Kommissionsbe­ratung. Die Abg. Dr. Dittrich (Ztr.) und Freiherr v. Zedlitz (freikons.) gaben die Erklärung namens ihrer politischen Freunde ab, daß sie den Vorlagen zustimm- ten und eine Kommissionsberatung eigentlich für un­nötig halten. Sie würden aber den Antrag auf Kom­missionsberatung annehmen, da sie von einer großen Partei verlangt werde. Abg. Hoffmann (Soz.) wandte sich in einer echt sozialdemokratischen Brandrede, voller Gehässigkeit, gegen die Annahme der Vorlagen. Als er im Verlaufe seiner Rede sagte, der König müßte vom Volk gewählt werden, rief ihn der Präsident von Kröcher wegen dieser hochverräterischen Bemerkung unter dem Beifall des Hausts zur Ordnung. Minister

ZN der Schule des Lebens.

Roman von Editha v. Welten. 19

Hast Du Geduld?" so hieß es in dem Briefe wei­ter.Wirst Du mit mir ausharren? Habe ich Dir auch nur eine bescheidene Existenz zu bieten .. wahre Liebe frägt nicht nach Glanz und Prunk, und trätest Du arm und mittellos in mein Haus, so brächtest Du doch das Glück herein, und das Glück wäre unser Glück. Aber wozu sage ich Dir das noch, es ist ja selbstverständ­lich, nur aussprechen muß ich es immer wieder, daß Du mein Leben, mein Stern, meine Zukunft bist. Bald wer­den wir uns wieder sehen, in Deinen Augen werde ich es lesen, ob ich Dir noch teuer bin. Dieses Schrei­ben erhälst Du wie gewöhnlich durch Wilhelmine, auch ihretwegen wünsche ich, daß bald eine Aenderung ein- träte, sie hat die schrecklichsten Gewissensbisse. Lebe wohl, meine Lina, meine .. meine, ja, darf ich es denn schon sagen? Dein Walter.

Lina konnte durch ihre strömenden Tränen nichts mehr sehen. Die feinen, zierlichen Schriftzüge verschwammen vor ihren Augen zu einem undeutlichen Gekritzel.

Sie legte den Kopf auf die verschränkten Arme und schluchzte leise in sich hinein. Und allmählich fühlte sie ihr Herz leichter werden, und neues Hoffen begann sich zu regen, ganz heimlich erst, aus Schmerz und Ver­zagtheit geboren.

Was war denn schon verloren? War das nicht der Kampf, den sie herbeigesehnt, um ihn bestehen zu kön­nen? War das ihr ganzer Mut, die Treue und Un= wandelbarleit, die Walter von ihr erwartete?

O, wie schwach und feige war sie gewesen, sich gleich von der ersten Ueberraschung so niederbeugen zu las­sen.

Das Weihnachtsfest stand nahe bevor. Walter konnte jeden Tag kommen, er mußte vor allen Dingen erfah­

Frhr. v. Rheinbaben bereitete alsdann in längerer Aus­führungen dem sozialdemokratischen Brandredner eine gründliche Abfuhr. Die Vorlage ging an die Budget­kommission. Am Mittwoch wurden kleinere Vor­lagen erledigt. Ferner begründete Abg. Strosser (kons.) einen von Mitgliedern fast aller Parteien unterzeichneten Antrag betr. den Verkehr mit Kraftfahrzeugen. Es müsse mit aller Energie im Interesse von Leben und Gesundheit des Publikums auf die Befolgung der Verordnungen gedrungen werden, die vom Bundesrat und vom Berliner Polizeipräsidium auf Grund des Gesetzes vom 1. Mai 1909 erlassen worden sind. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Die Denkschrift über die Ausführung des Ansiedlungsgesetzes in den Ostmarken wurde durch Kenntnisnahme erledigt. Das Haus vertagte sich danach auf Donnerstag vor­mittag 11 Uhr. In der Donnerstagssitzung standen die Interpellationen betr. die Borromäus-Enzyklika auf der Tagesordnung. Abg. v. Pappenheim (kons.) begründete die Interpellation der Konservativen. Bei der Enzyklika handele es sich um Beschimpfungen schlimmster Art gegen die evangelische Kirche, die wohl geeignet seien, den konfessionellen Frieden zu stören. Abg. Dr. Hackenberg (natl.) vertrat die nationalliberale Interpellation. Ministerpräsident v. Bethmann Holl- weg verlas eine Erklärung, wonach der Gesandte beim Vatikan sofort beauftragt worden sei, Ver­wahrung gegen die Enziklita bei der Curie einzulegen. Die Regierung sei entschlossen, das Ihrige zu tun, um den konfessionellen Frieden im Lande zu wahren und zu schützen. Abg. Herold (Z.) verlas eine Erklärung seiner Fraktion, wonach sie eine Be­teiligung an der Debatte über diese Angelegenheit als eine rein kirchliche ablehnt. Ein Schlußantrag machte der weiteren Debatte ein Ende. Bei der zweiten Be­ratung der Erhöhung der Krondotation gaben die Redner der bürgerlichen Parteien kurze zustimmende Erklärungen ab, während der Sozialdemokrat Hoffmann die Geschäfte des Hauses wieder durch eine endlose Rede gegen die Krondotation aufhielt. Die Vorlage wurde in zweiter uno dritter Lösung angenommen. Am Freitag wurden zunächst Wahlprüfungen erledigt. Sodann folgte die Beratung des Gesetzentwurfs betr. die öffentlichen Feuerversicherungsanstalten. DasGesetzwurde in zweiter und dritter Lesung angenommen. Den Schluß der Sitzung bildete die zweite Beratung des Gesetzent­wurfs über Wohnungsgeldzuschuß und Mietsentschädi- ungen. Minister Frhr. v. Rheinbaben erklärte, daß

raffl5mßs»®ww«OTW3TO®

ren, was geschehen war. Sie wollte zu Wilhelmine eilen, vielleicht war er schon da, halten die Ferien nicht schon begonnen?

Unschlüssig stand sie noch, da klopfte es, und das Mädchen rief sie zum Mittagessen. Eilig kühlte sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser, ehe sie hinüberging in das riesige Eßzimmer, wo so oft Gläserklingen und frohes Gelächter ertönt war, und wo sie heute mit der schweigenden Mutter ein stummes Mahl einnahm. Beide aßen fast nichts, nur der Dienstboten wegen legten sie sich von den Speisen auf den Teller. Auf Frau Willfurths sonst so wohlwollender Miene lagerte eine finstere Wolke, und nach einer qualvollen Vier­telstunde erhob sie sich, ohne die mißratene Tochter eines Wortes oder Blickes zu würdigen.

Lina blieb wie versteinert sitzen. Das ertrug sie nicht. Mochte die Mutter schelten und zürnen, nur nicht diese schweigende Verachtung. Die hatte sie nicht verdient. War es denn nicht ihr ganzes Verbrechen, dem Zuge ihres Herzens gefolgt zu'sein? War nicht Mama auch einmal jung gewesen, hatte sie nicht auch den Vater geliebt, wenn sie sich auch später nicht mehr verstanden?

Sie stieß den schweren, eichenen Stuhl zurück und sprang auf. Eine plötzliche Leidenschaft fam über sie; die schlanke Gestalt dehnend, streckte sie die Arme in die Höhe und rief:Gott, lieber Gott, gib mir Kraft, daß ich meiner Liebe treu bleibe, daß ich noch heute sage, was gesagt werden muß. Gib mir Kraft, Vater im Himmel."

Die Stunden gingen langsam hin.

Lina saß grübelnd in ihrem Zimmer und überlegte immer von neuem, wie sie die Mutter von der Fe­stigkeit ihrer Gesinnung überzeugen sollte. Sie dachte sich die schönsten Redewendungen aus, die eindringlichsten Beteuerungen, die süßesten Schmeichelworte. Sie wollte sich demütigen um ihrer Liebe willen, es war ja ihre Mutter, zu der sie als Bittende kam.

Die bleiche Dezembersonne warf ihren letzten Strahl

diese Frage im Reich und in Preußen gleichmäßig geregelt werden müßte. Sollten die Anträge der Kommission, die Disparitätschaften, angenommen wer« den, so müßte die Vorlage als gescheitert betrachtet werden.

Der Kaiser hat dem Staatssekretär des Reichs« kolonialamts, Wirklichem Geheimen Rat Dernburg, unter Verleihung der Brillanten zum Roten Adlerorden erste Klaffe die nachgesuchte Dienstentlassung erteilt. Dem Staatssekretär Dernburg ist anläßlich des Aus­scheidens aus seinem Amte das nachstehende Allerhöchste Handschreiben zugcgangen:Da Sie zu Meinem Be­dauern auf dem Wunsche bestanden haben, aus Ihrem Amte als Staatssekretär des Reichskolonialamts ent­lassen zu werden, habe Ich Mich entschlossen, Ihnen durch Order vom heutigen Tage den erbetenen Abschied in Gnaden zu bewilligen. Ich spreche Ihnen hierbei Meine vollste Anerkennung für die hervorragenden Verdienste aus, die Sie sich in vierjähriger, an Er­folgen reicher Arbeit um die Entwicklung der deutschen Schutzgebiete erworben haben. Als Zeichen dieser Meiner Anerkennung habe Ich Ihnen äe Brillanten zum Rote» Adlerorden erster Klasse verliehen und die Generalordenskommission beauftragt, Ihnen die Dekoration zugehen zu lassen. Ihr wohlgeneigter Kaiser und König Wilhelm, I. R.

Der Unterstaatssekretär im Reichskolonialamt von Lindequist ist unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz zum Staatssekretär des Reichskolonialamts ernannt und mit der Stellvertretung des Reichs­kanzlers im Geschäftskreise des Reichskolonialamts nach Maßgabe des Gesetzes vom 17. März 1878 be­auftragt worden. Herr von Lindequist hat sich in einer langen Laufbahn auf kolonialem und diploma­tischem Gebiete bereits reiche Erfahrungen und viel Vertrauen erworben. Friedrich von Lindequist ist 1862 geboren. 1892 trat er als Regierungsassessor in die Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes ein, 1894 wurde er Hilfsarbeiter beim Landeshauptmann in Windhuk und 1896 dessen Stellvertreter. Von 1900 bis 1905 verwaltete er das Generalkonsultat in Kapstadt, wurde dann Gouverneur von Deutsch- Südwestafrika und 1907 Unterstaatssekretär im Reichs- kolonialamte.

Gegen den bekannten Agitator in Sachen einer Erziehungsreform Prof. Dr. Ludwig Gurlitt ist wegen eines in Dresden gehaltenen öffentlichen Vortrages

über das spitzenbehangene Himmelbett und den zier­lichen, von Silber und Krystall funkelnden Toiletten­tisch, da kam ein schneller Schritt vom Wohnzimmer her, Lina schreckte empor, jetzt galt es, mutig und klug zu sein.

Frau Willfurth trat ein und schloß die Tür hinter sich mit einem festen Druck. Schon daran hätte ein besserer Menschenkenner, als das neunzehnjährige Mäd­chen war, wahrnehmen können, daß sich in ihren Ent­schlüssen nichts geändert hatte.

Sie setzte sich Lina gegenüber und sah ihr kühl in die verweinten Augen.

Ich muß noch einige Fragen an Dich richten und bitte, daß Du mir unumwunden und aufrichtig ant­wortest. Seit wann stehst Du mit .. mit dem .. Wal­ter Schneider" es wollte ihr keine passende Bezeichnung einfallen.,in Briefwechsel?"

Seit.. dem Herbst."

So, und Wilhelmine war so freundlich, Dir die Liebesbriefe zuzustellen?"

Ja."

Und wie oft ist das vorgekommen?"

Dreimal im ganzen."

Oefter nicht?"

Nein."

Du hast selbstverständlich diese Briefe noch?"

Du wirst sie mir geben."

Nein, Mama."

Was soll das heißen?" Frau Willfurth stieg die Zornesröte in die vollen Wangen.Du verweigerst mir den Gehorsam? Auf der Stelle gibst Du mir die Wische!"

Nein, Mama."

Linas Lippen beben. Der letzte Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht, aber ihre (stimme klang fest und ihre Blicke wurzelten in denen der Mutter. 168,18