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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 46.
Amtliches.
J.-Nr. 1017 L. U. Im vorigen Jahre hat ein Beamter der Hessen-Nassau'schen landwirtschaftlichen Be- rufsgenossmschaft, über die Befolgung der im Jahre 1905 und 1907 erlassenen Unfallverhütungsvorschriften für landwirtschaftliche Maschinen u. s. w. Untersuchungen angestellt. Hierbei hat sich herausgestellt, daß die Schutzvorrichtungen fast überall fehlten und daß somit die Unfallverhütungsvorschriften höchst mangelhaft beachtet worden waren. Der Herr Landeshauptmann beabsichtigt infolgedessen in etwa 2 Monaten eine Nachuntersuchung über die Befolgung der erlassenen Unfallverhütungsvorschriften vornehmen zu lassen und dabei die säumigen Unternehmer in entsprechende Geldstrafen nehmen zu lassen.
Im Interesse der Betriebsunternehmer bringe ich dies Vorhaben des Herrn Landeshauptmanns hiermit zur Kenntnis, damit die Landwirte Gelegenheit haben die etwa noch bestehenden Mängel vorher zu beseitigen.
Die Unfallverhütungsvorschriften können bei den Herren Bürgermeistern eingesehen werden.
Schlüchtern, den 1. Juni 1910.
Der Kgl. Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 3759. K. A. Nach Anzeige des Kreisobergärtners tritt seit kurzer Zeit die Blutlaus im Kreise sehr stark auf.
Sie befindet sich heute noch meist am Stamm und an Hauptastteilen vor, sodaß ihre Bekämpfung jetzt noch, solange sie die kleinen Zweige noch nicht ergriffen hat, leicht möglich ist. Ich mache auf die im Amtsblatt vom 1. 8. 83. Nr. 34 und im Kreisblatt Nr. 54 für 1906 veröffentlichte Belehrung über die Bekämpfung der Blutlaus aufmerksam und ersuche die Ortspolizeibehörden, ungesäumt das Erforderliche zu veranlassen. Als neustes und bestes Mittel wird Baum- karbolineum und Petroleum empfvhlen, welches mit einer Bürste oder kräftigem Pinsel auf die Blutlauskolonien aufgebracht und verrieben werden soll. Die von der Blutlaus befallenen Stellen zeichnen sich durch einen weißen w ollartigen Ueberzug aus und sind meistens an Krebswunden, Frostrissen und dergl. zu finden.
Schlüchtern, den 6. Juni 1910.
Der Königl. Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser tritt am 4. Juli seine Nordlandsfahrt an.
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In der Schute des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 17
Sie wollte genau dieEinzelheiten desVorgangs wissen, was er gesagt und was Lina geantwortet habe; doch diese erwiderte auf alles Drängen bestimmt : „Ich kann das nicht wiederholen, Mama, es ging auch so schnell, nur die Ueberzeugung darfst Du haben, daß es wirklich ganz aus ist; Herr Leopold Seidel auch gar nicht auf den Gedanken kommen wird, ich könnte meinen Sinn je ändern. Und da er bis zuletzt geblieben ist und sich so gar nichts merken ließ von irgend welcher unangenehmen Aufregung, so hoffe ich, daß ihm die Sache nicht allzunahe gegangen ist."
„O Du eingebildetes, törichtes Mädchen," schalt Frau Willfurth heftig, „er sollte sich wohl aus Verzweiflung gleich erschießen oder sich und Dich durch auffälliges Benehmen kompromittieren? Dazu ist er zu vornehm und zu gebildet. Du kannst ihm nur dankbar sein, statt ihm noch ironische Bemerkungen nachzuschicken. Du wirst es vielleicht noch einmal schwer bereuen, ihn nicht genommen zu haben. Bei ihm waren wir wenigstens sicher, daß es ihm nicht um Dein Vermögen zu tun war, da er selbst so reich ist."
„Dann mag er um Grete freien, die soll mir ja ähnlich sehen. Herr Geller nannte sie gestern eine dunkle Ausgabe von mir."
„Lina!"
„Ja, Mama, ich kann doch nicht anders, soll ich denn einen Mann heiraten, den ich nicht liebe, den ich ..." sie brach in Tränen aus.
Frau Willfurth ließ sich indessen nicht wie sonst dadurch rühren. Ueberhaupt war sie lange genug eine zu nachgiebige Mutter gewesen, wenn das einfältige Kind nicht einsah, was zu seinem Besten diente, so mußte man es eben dazu zwingen. Natürlich nicht mit mittelalterlichen Gewaltmaßregeln, die waren bei
Mittwoch, den 8. Juni 1910
— Ueber das Handleiden Sr. Majestät des Kaisers bringt die Deutsch medizinische Wochenschrift folgenden Bericht: Se. Majestät der Kaiser bemerkte am Abend des 24. Mai auf der Rückreise von Vlissingen eine kleine Hautabschlürfung an der radialen Seite des rechten Handgelenks — wahrscheinlich entstanden durch Reiben der Manschette. Die Umgebung zeigte einige Rötung und Schwellung. Trotz sofortiger sachgemäßer Pflege und Ruhigstellung entwickelte sich in den nächsten Tagen ein Furunkel von ansehnlicher Größe mit leichter Beteiligung der Lymphbahnen des Armes, jedoch ohne wesentliche Störung des Allgemeinbefindens und ohne Temperatursteigerung. Am 26. Mai wurde Geheim rat Pros. Dr. Bier hinzugezogen, am 28. Mai öffnete er unter lokaler Betäubung mit CRoräthyl den Furunkel. Vor diesem Tage wurde ein Eingriff, von dem irrtümlicherweise ein Berliner Blatt berichtete, nicht gemacht. Die entzündlichen Erscheinungen gehen in erwünschter Weise zurück, so daß über die Gutartigkeit des Verlaufs kein Zweifel besteht. Se. Majestät ist außer Bett, nimmt die Mahlzeiten im gewohnten Kreise ein und geht an die Luft, muß sich jedoch in der Betätigung diejenigen Schranken auferlegen, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, die rechte Hand zu schonen.
— Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Donnerstag der Staatsvertrag zwischen Preußen und Elsaß-Lothringen betr. Regelung der Lotterieverhält- nisse nach unwesentlicher Debatte genehmigt. Ferner wurde der Gesetzentwurf betreffend das Höferecht im Kreise Grafschaft Schaumburg in zweiter Lesung angenommen. Der Antrag Borgmann (Svz.) und Gen. betr. Aufhebung der Bestimmungen des sogenannten „Vagabunden-Paragraphen" wurde nach kurzer Debatte abgelehnt. Ein zweiter Antrag Borgmann und Gen. forderte, daß dem Treiben der Beamten und Agenten der politischen Polizei außerdeutscher Staaten in Preußen ungesäumt ein Ende gemacht werde. Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) hatte mit seiner anderthalbstündigen Rede zur Begründung des Antrags lediglich den Erfolg, daß er sich zweimal einen Ordnungsruf zuzog und im Verlauf seiner Rede sämtliche bürgerlichen Parteien fast bis auf den letzten Mann den Saal verließen. Der Antrag wurde glatt abgelehnt. Nach Erledigung einiger Petitionen vertagte sich das Haus um 43/4 Uhr. — Am Freitag wurde zunächst die Vorlage betreffend das Höferecht im Kreise Grafschaft Schaumburg in dritter Lesung debattelos genehmigt. Zum
der neuzeitlichen Jugend nicht niehr am Platze, aber sie traute es sich zu, durch Ueberredung und Vorstellungen, durch Scheltworte und Drohungen eine Widerspenstige zu zähmen. Sie ließ dabei außer acht, wie hart sie gegen ihr einziges Kind verfuhr, es war schon fast zur fixen Idee geworden, Linas Verlobung möglichst bald und möglichst glänzend in Szene zu setzen.
Zunächst sollte eins der milderen Mittel angewandt werden: Ueberredung.
„Weine nicht, mein Kind," sagte sie freundlicher als bisher, „es ist nun einmal geschehen. Du hast einen Fehler begangen, aber vielleicht ist er wieder gut zu machen; prüfe Dich ernstlich, was Du gegen Leopold Seidel hast. Er ist jung, hübsch, liebenswürdig .. ich will von der guten Partie noch ganz schweigen .. er hat sich seit Jahr und Tag um Dich bemüht, und Du hast es Dir gefallen lassen..."
„Das ist es ja eben, was ich mir selbst nicht verzeihen kann, hätte ich nur geahnt, daß er solche Absichten hatte, ich wäre ja ganz anders gegen ihn gewesen. Muß man sich denn immer gleich heiraten, wenn man sich oberflächlich gern hat?"
„Vom Gernhaben bis zur Liebe ist oft nur ein kleiner Schritt. Hätte er sich und Dir nur etwas Zeit gelassen, so wärest Du wohl zur Einsicht gekommen. Ich hoffe, er wird sich mit dem Bescheid noch nicht beruhigen."
„Wie, Mama, Du hoffst? Ja, meinst Du denn, ich wäre ein so schwankendes Rohr, daß ich heute so und morgen so dächte? Leopold Seidel hat mich besser verstanden, er kommt nicht wieder, niemals."
„Das wird die Zeit lehren, liebes Kind. Du bist noch jung und unerfahren; in Zukunft werde ich mich eingehender um Deine Angelegenheiten kümmern, mir scheint, ich darf Dich nicht eigenmächtig handeln lassen. Uebrigens setze ich voraus, daß Du von der ganzen Geschichte Deinen Vertrauten, Grete und Wilhelmine, keine Silbe erzählst"
61. Jahrgang.
Gesetzentwurf betreffend die Reisekosten der Staatsbeamten, der in zweiter Lesung zur Beratung stand, bemerkte Abg. Frhr. von Maltzahn (kons.) daß das Zustandekommen des Gesetzes sehr wünschenswert sei, da die herrschenden Zustände veralten wären. Die Reiseentschädigung für die Volksschullehrer wäre zu gering. Die Beamten müßten alle in der Lage sein, die Reisekosten ohne Inanspruchnahme der eigenen Kasse decken zu können. Der Gesetzentwurf wurde in der Kommissionsfasfung angenommen. Alsdann ver- tagie sich das Haus auf Sonnabend.
— Im preußischen Herrenhause wurde am Dienstag die Etatsberatung zu Ende geführt. Der letzte Tag der Aussprache der ersten preußischen Kammer über den Staatshaushaltsplan galt in erster Linie den Ressorts des Justizministers und des Ministers des Innern. Beim Justizetai verlangt der Nestor der deutschen Nationalökonomen, Professor Dr. Adolf Wagner, verstärkte nationalökonomische Vorbildung der jungen Juristen, welchem Verlangen Minister Beseler durchaus zustimmte. Beim Etat des Ministeriums des Innern führte Graf Finck von Finckenstein heftige Klage über die maßlose Agitation der Nationalliberalen, die noch ärger sei als diejenigen der Sozialdemokratie, und Herr von Buch unterstützte ihn hierin. Der letzte kritisierte ferner unter dem Beifall des Hauses das Verhalten des Abgeordnetenhauses in Sachen der Gewährung von Freisahrkarten. Die übrigen Etats gaben zu Debatten keine Veranlassung, und so vertagte sich das Haus bis Mitte Juni.
— Im preußischen Abgeorgnetenhause trat der freisinnige Abgeordnete Eickhoff wiederum für gemeinsame Erziehung der beiden Geschlechter auf den höheren Nnt^nchtsanftalten ein. Unterstaatssekretär D- Schwartz- kopff erklärte daß die Regierung diesem Verlangen gegenüber nach wie vor einen ablehnenden Standpunkt einnehme. Ebenso wurde der Antrag Eickhoff von den Abgeordneten Dr. Kaufmann (Ztr.) und von Kessel (kons.) bekämpft. Es fand sodann die Beratung der Denkschrift über die Ausführung des Ansiedlungs- gesetzes in den Provinzen Westpreußen und Posen statt. Abg. von Kessel bewies als Berichterstatter durch ein umfangreiches Zahlenmaterial die erfolgreiche Tätigkeit der Ansiedlungskommission. Abg. von Tilly (kons.), von Kardorff (freikons.) und Wamhoff (natl.) traten für eine Fortführung der Polenpolitik der preußischen Regierung ein, während die Abgeordneten Graf Spee (Zentr.), von Jagdzewski (Pole) und Strö-
Damit ging sie aus dem Zimmer und ließ Lina in geteilter Stimmung zurück. Wohl atmete sie auf, daß die gefürchtete Beichte nun vorüber und noch glimpflich genug abgelaufen war, aber die letzten Worte ihrer Mutter riefen lebhafte Unruhe in ihr wach. Klang es nicht, als hätte sie eine Ahnung von Dingen, die ihr geradezu als ein Verbrechen erscheinen mußten, im Vergleich zur Ablehnung eines Heiratsantrages? Hatte sie sich verraten? Zu liebevoll von ihrem Geliebten gesprochen? Aber nein! Sie hatte es ja seit Wochen vermieden, auch nur seinen Namen zu nennen, und das konnte ebensogut auffällig gewesen sein. Ach, ein böses Gewissen ist leicht geängstigt, ein harmloses Wort, eine Miene allein wird ihm zum Ankläger! Sie rang mit dem Entschlüsse, sich ein Herz zu fassen und der Mutter alles zu bekennen, es war ja im Grunde so wenig, und doch, doch so viel.. sie vermochte es nicht. Und jetzt, heute, war sicher nicht der günstigste Zeitpunkt für ein solches Geständnis, sie verschob es auf einen gelegeneren; bis Walter das Examen gemacht, war ja sowieso an keine Verlobung zu denken.
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Frau Professor Willfurth war außer sich. 168,18 Nun lag es klar zu Tage, warum Lina sich gegen ehrenhafte Bewerbungen ablehnend verhielt: sie hatte ein heimliches Liebesverhältnis, seit Monaten! Und natürlich .. ob ihr mütterlicher Scharfblick da nicht von Anfang an das richtige vermutet hatte.. mit diesem grünen Jüngling, dem nur Privatstunden und Stipendien das Studium möglich machten, dessen Mutter und Schwester in den ärmlichsten Verhältnissen lebten, sodaß letztere durch Handarbeits-Unterricht und bezahlte Stickereien dem kümmerlichen Witwengehalt zu Hilfe kommen mußte. Und mit diesem Mädchen, das so liebenswürdig die Zwischenträgeringemacht, hatte sie Lina verkehren lassen, trotzdem sie ein inneres Gefühl vor der ganzen Familie gewarnt hatte. Das war ein unverzeihlicher Fehler gewesen, der sich jetzt rächte.