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Hollweg, daß die Regierung, da eine Lücke im Gesetz entstanden sei und nach Stellungnahme der Parteien eine Verständigung nicht mehr zu erwarten stehe, die Vorlage zürückziehe.

— Im Herrenhause fand die Beratung des Etats statt. Bei dieser Gelegenheit machte Bankdirektor von Gwinner Vorschläge betreffs einer anderweitigen Etats- aufstellung. Seine Vorschläge wurden aber sowohl vom Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben wie vom Eisenbahnminister von Breitenbach zurückgewiesen. Den Bericht über den Kultusetat erstattete Professor Hille- brandt, der mit Wärme für das humanistische Gym­nasium eintrat. Professor Borchers-Aachen unternahm einen heftigen und gänzlich unmotivierten Vorstoß gegen die Geistlichen beider Konfessionen. Der Kultusminister wies diese haltlosen Angriffe mit aller Schärfe und unter dem lauten Beifall des Hauses zurück. Vollendet aber wurde die Niederlage des Angreifers durch einige treffende Ausführungen des Herrn von Wedel-Piesdorf. Den Schluß der Sitzung bildete eine kurze Diskussion zwischen Oberbürgermeister Rive und dem Vertreter der Staatsregierung, Geheimrat Reinhardt, über die lateinische Klassikerlektüre auf den höheren Schulen.

Auslanö.

— Ein ziemlich starkes Erdbeben wurde, wie aus Bern gemeldet wird, im Schweizer Juragebiet von Olten bis Neuenburg wahrgenommen. Es war von unterirdischen Rollen begleitet. Die Häuser erzitterten, die Fensterscheiben klirrten, und Spiegel und Bilder fielen von Wänden. Wie weiter gemeldet wird, wurde das Erdbeben auch in Luzern, Aarau, Zürich und Basel deutlich wahrgenommen.

— Calais. Das Unterseeboot Pluviose ist infolge Zusammenstoßes mit einem Postdampfer gesunken. Die 23 Mann starke Besatzung ist ertrunken.

— Der italienische Minister des Aeußern Marquis di San Giulianv ist in Berlin eingetroffen, um sich Sr. Majestät dem Kaiser vorzustellen. Wir begrüßen in diesem Besuche nicht nur eine Bestätigung der bundestreuen Gesinnungen des neuen italienischen Ka­binetts die in der Programmrede des Ministerpräff- denten Luzatti bereits Ausdruck gefunden haben, wir freuen uns auch, daß die Leiter der auswärtigen Ge­schäfte der beiden Dreibundmächte bei diesem Anlaß Gelegenheit finden werden, in vertrauter Aussprache die persönlichen Eindrücke zu vertiefen, die sie bei ihrer Unterredung in Florenz gewonnen haben. Marquis di San Giuliano ist in Berlin der sympatischen Auf­nahme sicher, die den freundschaftlichen und vertrauens­vollen Beziehungen des Deutschen Reichs zu dem ver­bündeten Italien entspricht wie der hohen Achtung, die seiner Person in Deutschland entgegengebracht wird. Wir heißen den hervorragenden italienischen Staats­mann herzlich willkommen.

— Der großbritannische Minister des Aeußern hat auf Befehl des Königs Georg von England den deutschen Botschafter in London ersucht, dem Reichs­tage miizuteilen, wie tief S. M. die sympathische Kundgebung des Reichstages bei dem Hinscheiden König Eduards empfunden haben.

— Die an der Berliner Börse verbreitet gewesenen Gerüchte von einer Verschlechterung des Gesundheits­zustandes des Kaisers Franz Josef von Oesterreich sind vollständig haltlos. Ihre Entstehung verdanken sie lediglich der Falschmeldung eines Berliner Blattes, das im Solde gewisser Interessengruppen steht, und das daher vom Anbeginne an gegen die Reise des Mo­narchen nach BoSnien und der Herzegowina Stimmung gemacht hat. Erfreulicherweise läßt der Gesundheits­zustand des greisen Monarchen nicht das mindeste zu wünschen übrig. Der Kaiser hat erst ganz kürzlich zwei kroatische Bischöfe in Audienz empfangen und ihrer Vereidigung beigewohnt. Persönlichkeiten, die den Monarchen vor seiner Abreise nach Pest gesehen haben, stellten mit Befriedigung fest, daß er sich bei bester Gesundheit befindet, und in Pest hat der Kaiser von seinem Wohlbefinden durchaus nichts eingebüßt.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 31. Mai 19 J0.

—* Herr Bahnhofsvorsteher Knipp von Schlüchtern wird zum 1. Juni als kom. Eisenbahn-Sekretär nach Darmstadt versetzt. An dessen Stelle kommt Herr Bahnhofsvorsteher Korell von Rennerod.

—* Verlegung der landw. Versuchsstation. Im Laufe dieses Monats wird die landwirtschaftliche Ver­suchsstation von Marburg nach Harleshausen-Cassel verlegt. Vom 9. Juni ab sind alle Zusendungen von Proben, Briefen usw. nach Harleshausen bei Cassel zu richten. Adresse für Postsendungen: Harleshausen bei Cassel. Adresse für Bahnsendungen: Station Casfel-N.

— Von einem Zuge überfahren und getötet wurde am Montag nachmittag in der Nähe des Bahnüber­gangs am Weinberg der Arbeiter Wirt von hier.

—* Der große Wosserkrieg am kleinen Hinkelhof! Aus Wunsch verschiedener Bürger der Gemeinde Hinkel­hof zum bauen einer Wasserleitung beantragte Herr Bürgermeister Knauf von V. eine Generalversammlung für dieselbe Gemeinde an. Herr Techniker Philippi entwarf einen Kostenanschlag, welcher so befriedigend gussiel, daß man hätte annehmen können es würde

jeder hocherfreut Zustimmung erteilen. Trotz des so geringen Kostenaufwandes entstand durch 3—4 An­wesende die mit der Angelegenheit nicht einverstanden waren ein Streit. Einer derselben wurde tätlich, er­griff ein Bierglas und versuchte zu werfen. Doch ge­lang es Herrn Bürgermeister K. durch sein beruhigen­des Wesen die Ruhe wieder herzustellen. Hoffen wir, daß dieselben andere Meinung werden, wenn Sie erst im Besitze des guten Quellwassers sind.

— Ein bedauerlicher Unfall ereignete sich in Flieden bei einem Jagdvergnügen. Als Herr Dr. Foelle am Mittwoch Morgen mit seinem zu Besuch hier weilen­den Schwiegervater auf der Jagd war, vernahm er plötzlich einen ächzenden Ruf. Seinem betagten Be­gleiter war der Schuß fehlgegangen und war in den Arm gedrungen. Der Daumen hing noch lose an der Hand. Zum Glücke konnte der Arzt seinem Jagdge- führten sogleich einen Verband anlegen.

—* Die Arbeiten am hies. Bahnhöfe schreiten rüstig fort. Zwei neue Dienstgebäude mit Stallungen sind bereits im Rohbau vollendet. Auch die Arbeiten am Tunnel werden momentan mit Volldampf betrieben.

* Frankfurt a. M. Im Alter von 41 Jahren verstarb an den Folgen einer Operation der angesehene Rechtsanwalt Dr. Braunfels, der Syndikus der Metallurgischen Gesellschaft. Der Verstorbene genoß in weiten Kreisen den Ruf eines bedeutenden Juristen.

* Marburg. Der Direktor der hygienischen Uni» versitäts-Klinik, Geh. Rat Pros. Dr. Friedrich, wurde von der amerikanischen Gesellschaft für Chirurgie (American Surgical Association) zum Ehrenmitglied ernannt. — Das Landgericht verurteilte einen Hand­werksmeister, der seine Arbeiter nicht rechtzeitig zur Versicherung angemeldet und die Marken nicht geklebt hatte, wegen Vergehen gegen das Krankenversicherungs­Gesetz zu 140 Geldstrafe.

* Cassel. In der Nacht zum Sonntag gegen 7,1 Uhr verstarb im Landkrankenhause im Alter von 55 Jahren Herr Stadtral Boedicker, der Finanzdezernent und Vorstand des gesamten Kassendienstes unserer Stadt an den Folgen einer Gallensteinoperation.

* Ockstadt. Am Freitag wurden hier die ersten Frühkirschen, die bei der günstigen Witterung der letzten Tage zur Reife gekommen sind nach Bad-Nau- Heim auf den Markt gebracht. Im Vergleich zu bett Vorjahren ist das ein sehr früher Termin.

* Frankenberg Ein bedauerlicher Unglücksfall er­eignete sich am Montag nachmittag auf der hiesigen Beschälstation. Der Gestütwärter Heeb hatte sich in den Stall begeben, um einen Hengst zur Beschälung vorzuführen, als er plötzlich aus dem Stall heraus- stürzte und besinnungslos lieb. Der Hengst hatte nach hinten ausgeschlagen und den Wärter gerade vor die Brust getroffen. Die ärztliche Untersuchung ergab außer einer Verletzung des Armes den Bruch einiger Rippen.

Krühkonsert auf dem Acisbrunnen.

Gestern lasen wir im Blättchen: „Zieht hinaus nur aus dem Städtchen, Ihr lieben Leutchen macht Euch auf Zum Acisbrunnen nehmt den Lauf, Denn Konzert soll es ja geben Kaffee in dem grünen Wald -- Drum hinaus laßt uns jetzt streben Wer nur kann von jung und alt." — Um 6 Uhr zogen wir hinaus Ach herrlich wars zu wandern! Die Sonne kam zwar nicht heraus Doch gings auch so selb andern Schon dachten wir es sei zu früh Denn niemand sahen wir dort oben Der Wirt der gab sich schrecklich MUH Man muß ihn darob loben.

Der Kaffee der war schnell zur Stell' — Wir ließen ihn uns munden Die Aeuglein wurden davon hell — Nur fehlten noch mehr Kunden. „Wo bleibt die holde Musika"?" So fragten wir uns Alle Einige waren ja wohl da Doch nicht genügt's in diesem Falle. Man wartete ne ganze Stund, Man sprach auch von „blamieren" — Schließlich hieß es in der Rnnd „In Schlüchtern nur kann das passieren."

Landwirtschaftliche Kreisschau;u Lauterbach.

Auf Veranlassung des Landwirtschaftskammer- Ausschusses und unter dem Vorsitze des Herrn Land­tagsabgeordneten Korell fand am Donnerstag zu Lauterbach eine Besprechung über die Abhaltung der landwirtschaftlichen Kreisschau statt an der sich etwa 40 Vertreter aus den verschiedensten Orten den Kreises und insbesondere die Herren Kreisrat von Bechtold, Bürgermeister Stöppler und die Vorsitzenden der Provinzial-, Landespferdezucht-, landwirtschaftlicher Be­zirks-, Kreisrinderzucht-, Kreisziegenzucht- und Kreis­geflügelzuchtvereine; beteiligten. Als. Vertreter der Frei­herren Riedesel war Herr Forstrat Eulefeld anwesend. In gemeinsamer Beratung wurden in einmütiger Weise folgende Beschlüsse gefaßt:

Die landw. Kreisschau erstreckt sich über den Kreis

Lauterbach und dehnt sich auf die wichtigsten Betriebs­zweige des landwirtschaftlichen Gewerbes aus, umfaßt also Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen, Geflügel, die Produkte des Acker- und Obstbaues und als landw. Hilfsstoffe die Maschinen. Auf besondere Anregung hin sollen auch Schafe, Molkerei- und Jmkereierzeug- nisse auf der Aufstellung zugclassen und mit besonders gestifteten Preisen oder Diplomen ausgezeichnet werden.

Mit Rücksicht auf den großen Unterschied, der im Kreise Lauterbach in bezug auf die Entwickelung der Simmentaler Zuchten, die klimatischen wirtschaftlichen Verhältnisse bestehen, soll ein getrennter Preisbewerb für Simmentaler aus den Bezirken Angersbach und Maar und für solche aus den Bezirken Schlitz, Herb­ein , Grebenhain und Nieder-Moos eingerichtet werden. Aus denselben Gründen soll das Obst nach den durch das Obslsortiments des Landwirlschaftskammer-Aus- schusses gebildeten Obstbauzonen ausgestellt und prämi­iert werden.

Als Ausstellungszeit wird mit Rücksicht auf die im Kreise stattfindenden Herbstmannöver die Zeit vom 24.-26. September und als Ausstellungsplatz die neue Turnhalle mit dem umliegenden Gelände bestimmt. Das Ausstellungsprogramm sieht für Freitag schon die Prämiierung in den Ackerbau-, Obst-, Maschinen- und Geflügelausstellungen vor, für den Samstag ist die eigentliche Eröffnung der Ausstellung, die Vieh- prämiierung, Vorführung der prämiierten Tiere, öffentliche Versammlung und Konzert in Aussicht ge­nommen, am Sonntag soll ein landwirtschaftlicher Festzug, geselliges Zusammensein und Tanzbelustigung staltfinden u. der Montag bildet den Schluß mit der Preis- ausbezahlung und Konzert. Zur Vorbereitung der Aus­stellung wurden ein geschäflssührenver Ausschuß, ein Bau- und Platzausschuß und ein Wutschaffs- und Ver- gnügungsausschuß gebildet. Die im Kreise ansässigen und wirksamen Fachvereine erklärten alle ihre Bereitwillig­keit am Zunandekommen einer imposanten landwirt­schaftlichen Kreisausstellung mitzuwirken und stellten zahlreiche Ehrenpreise schon in Aussicht. Die Prämi- ierungsminel des Laudwulschaftskammer-Ausschusses belaufen sich auf er 9000 Mark und werden in den einzelnen Gruppen so verwandt, daß in der Tierab­teilung 7., der ausgestellten Tiere Geldpreise, 7s An­erkennungen mit Geld erhalten und 7, unprämiiert bleiben. In der Ackerbau- und Obstausstellung ist das Preisverhältnis derartig, daß 7s der Ausstellungs­nummern durch Geldpreise, '/, durch Diplome und lobende Anerkennungen ausgezeichnet werden und 7S unberücksichtigt bleiben. In der Maschinen-, Molkerei- und Jinkereiabteilung werden Diplome und Ehren- diplome verliehen.

Nach Beendigung der Sitzung fand eine gemein­schaftliche Besichtigung des Ausstellungsplätzes statt, der allgemein als sehr zweckmäßig und schön anerkannt wurde. Zweifellos wird die geplante Veranstaltung mit großer Freude seitens der Bevölkerung begrüßt werden und einen vorzüglichen Einblick in die land­wirtschaftlichen Betriebsverhältnisse des Kreises Lauter­bach gewähren.

Vermischter.

— Verblüffend einfach stellt man heute — ohne Fleisch — fertige Fleischbrühe allerbester Qualität her; Man übergießt „Maggi's Bouillon-Würfel" mit kochendem Wasser! Jeder Würfel kostet nur 5 Pfg. und gibt V« Liter feinste Bouillon. Beim Einkauf achte man aber auf den Namen Maggi und die Schutz­marke Kreuzstern. Andere Würfel sind nicht von Maggi.

— Haynau (Schlesien). Im Mehl erstickt. Einen schrecklichen Tod fand der fünfzehnjährige Lehrling Kretschmer, der in der Rackwitzschen Mühle in Peters­dorf beschäftigt war. Einer der großen Mehltrichter war plötzlich verstopft und deshalb mußte der Lehrling hineinkriechen, um die Störung zu beseitigen. Der Mühlengehilfe band dem Lehrling einen Strick um den Leib und ließ ihn an diesem in den Trichter hinab. Als der Junge unten war, stürzte von oben Mehl nach, und als der Gehilfe den Lehrling wieder hochziehen wollte, riß der Strick. Der unglückliche Knabe blieb unten stecken und mußt im Mehl ersticken. Der Gehilfe fiel infolge des ausgestandenen Schrecks in Krämpfe, so daß seine Ueberführung in das Hay- nauer Krankenhaus notwendig wurde.

— Deutschamerikanische Landsleute am Grabe Bismarcks. In Hamburg sind mit der „Pennsyl­vania" 125 Mitglieder der amerikanischen Kriegerver­eine und deutscher Gesang-, Schützen- und sonstiger patriotischer Vereine Newyorks mit 56 Damen ein­getroffen. Sie unternehmen jetzt eine Rundreise durch Deutschland. Am Mittwoch mittag kamen sie in Friedrichsruh an, wo sie am Sarge des Fürsten Bis- marck nach einer Ansprache des Führers der Krieger, Müller, einen Kranz niederlegten. Sie besichtigten dann das Schloß, wobei sie die Fürstin Herbert Bismarck begrüßten. Unter den Teilnehmern befinden sich viele Veteranen, die die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mitgemacht haben.

— Die Löwenjagd in Stendal. Aus einem Wan­derzirkus in Stendal sind am Freitag vier Löwen ausgebrochen und haben zwei Pferde zerfleischt. Ein Augenzeuge gibt von dem aufregenden Vorfall folgende