SchlWernerZitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Vreis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 44 Mittwoch, den 1. Juni 1910 61. Jahrgang.
Das Ende der Mahlvorlage.
Die Wahlreform ist gescheitert. Schon in der entscheidenden Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde, namentlich von Rednern der Mittelparteien, viel darüber gesprochen, wer die Schuld an dem ergebnislosen Berlauf der Angelegenheit trage. In der Hauptsache wird man die Schwierigkeit der Materie und die Koni- pliziertheit der Parteilage dafür verantwortlich machen müssen. Das Natürlichste wäre gewesen, wenn die überzeugten Anhänger des abgestuften Wahlrechts, d. h. Gegner der Uebertragung des Reichstagswahlrechts, eine Verständigung untereinander gesucht hätten. Deni aber stand die Verbitterung entgegen, welche aus dem Verlauf der Reichsfinanzreform zurückgeblieben ist. Durch ein Kompromiß zwischen den Konservativen und dem Zentrum war die Basis der Regierungsvorlage, die das öffentliche Wahlrecht beibehalten und an Stelle des indirekten das direkte Wahlrecht einführen wollte, vollständig umgeändert worden. Die darauf von der Regierung mit Hilfe des Herrenhauses unternommenen Versuche, das an und für sich schwer durchführbare indirekte Wahlrecht mit geheimer Ur- und öffentlicher Abgeordnetenwahl erträglich und haltbar zu machen, mißlangen, weil sich das Zentrum gegen die Herren Hausbeschlüsse erklärte, und weder die Konservativen noch die Nationalliberalen entschlossen dafür eintreten wollten.
Obgleich die Vorlage auch in der Gestalt der Herrenhausbeschlüsse noch unleugbare Mängel hatte, muß es doch in allen ernsten, für eine ruhige Entwicklung eintretenden Kreisen bedauert werden, daß nichts zustande gekommen und die Wunde offen geblieben ist. Denn die leidenschaftliche Agitation für eine extreme Heilmethode, die wichtige und gesunde Organe unseres Staatslebens nicht schont, wird nun erst recht fortdauern, und selbst der entschiedenste Vertreter des geltenden Wahlrechts kann sich nicht der Hoffnung hingeben, daß es auf lange Jahre hinaus beim Alten bleiben werde. Darum ist auch die Freude der radikalen Parteien über das Schweigen der Reform so groß. Im ersten Jubel haben sich einige freisinnige Organe sogar zu der Torheit hinreißen lassen, von der Regierung zu verlangen, daß sie den von ihnen selbst erhobenen Vorwurf der Schwäche durch die Auflösung des Abgeordnetenhauses und scharfe Bekämpfung der konservativen Partei beseitigen müsse. Das Wahl- rechtsprogamm, das nicht agitatorischen, sondern den preußischen Staatsinteressen gerecht würde und zugleich
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In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 14
„Unterbrich mich nicht, bitte, sondern höre mich erst an. Du bist jetzt ein verständiges Mädchen von neunzehn Jahren, wirst im nächsten Frühjahr zwanzig, da kannst Du nicht mehr so in den Tag hineinleben, Du mußt wissen, was Du willst. Ich meine.es wäre Deine Pflicht, Dich im Laufe des Winters zu verloben."
„Meine Pflicht!" wollte Lina ausrufen, besann sich noch rechtzeitig und drückte die Lippen fest zusammen.
„Ich gebrauche absichtlich das Wort Pflicht, mein Kind, eine Pflicht mir, Deiner Mutter gegenüber, die ich Dich erzogen und geleitet habe bis diesen Tag, Dich in allem unterwiesen, was eine gute Hausfrau wissen muß, und die nun auch die Früchte ihrer Bemühungen ernten will, indem sie Dich glücklich sieht."
„Aber ich bin ja glücklich, mir fehlt nichts, nichts, Mama, was sollte ich mirdenn anderes wünschen?"
„Du willst mich nicht verstehen, Lina, und Du weißt doch recht gut, was ich meine. Also deutlich gesprochen, es ist mein sehnlichster Wunsch, Dich bald mit einem angesehenen Mann, der Dir ein standesgemäßes Auskommen zu bieten hat, verheiratet zu sehen. Deine ganze Mädchenzeit war doch nur eine Vorbereitung auf die Ehe, sie ist der eigentliche Beruf jedes weiblichen Wesens, und wenn Du das noch nicht erkennen willst, so sind wohl nur die Ideen schuld, die I Du bei Nerlings aufgeschnappt hast."
„Ich . . nein, ich habe mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht, ich weiß auch überhaupt nicht, was ich dazu tun kann, ein Mädchen muß doch warten, bis einer kommt, ich kann doch nicht hingehen ..
„Kind, Kind, wo gerätst Du hin in Deinem Eifer. Das verlangt ja kein Mensch von Dir, und ich am wenigsten. Aber einen Unterschied kannst Du machen unter den
die nachdrückliche Unterstützung großer Parteien hätte, soll erst noch gefunden werden. Wegen eines Streites um die beste Art der Drittelung kann eine verständige Regierung keinen Wahlkampf führen, und vollends nicht gegen eine Partei, die gleich der konservativen trotz einzelner sachlicher und auch parteitaktischer Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung doch ernstlich bestrebt war, ein positives Ergebnis zu erzielen.
Deutsches Reich.
— Berlin. Der Kaiser leidet an einem Ferunkel in der Gegend des rechten Handgelenks und ist deshalb genötigt, die Hand zu schonen.
— Der Kaiser der sich auf ärztlichen Rat für einige Tage Schonung der rechten Hand auferlegen muß, hat den Kronprinzen für die Dauer der Behinderung beauftragt, diejenigen Schriftstücke unterschriftlich zu vollziehen, die er dem Kronprinzen zu diesem Zwecke zugehen lassen wird. Dies diesbezüglichen Erlasse erschienen am Samstag im Reichsanzeiger.
— Potsdam. Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der zweite Sohn des Kronprinzenpaares, ist seit 24. d. M. an fieberhaftem Bronchialkatarrh, verbunden mit rechtsseitiger Mittelohrentzündung, erkrankt. Der bisherige Verlauf ist befriedigend.
— Robert Koch f. Der Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Koch ist Samstag nachmittag in Baden-Baden nach längerer Krankheit gestorben. Die Nachricht vom Tode dieses Mannes, der in Wahrheit ein Wohltäter der Menschheit geworden ist, wird in der ganzen Kulturwelt mit großem Bedauern vernommen werden. Mit rastlosem Eifer und Selbstaufopferung hat er nicht bloß in der Heimat im engen Laboratorium, sondern jahrlang in wilden tropischen Ländern seine wissenschaftlichen Forschungen zur Bekämpfung ansteckender Krankheiten und Seuchen betrieben, indem er die Ursachen, die Erreger dieser Krankheiten zu entdecken und zu bekämpfen suchte.
— Das preußische Abgeordnetenhaus hat am Dienstag, den 24. ds. Mts. seine Arbeit wieder ausgenommen. An erster Stelle stand der Gesetzentwurf über die Bewilligung zwölf weiterer Millionen zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisfe der Staatsarbeiter und der Unterbeamten zur Beratung. Das Gesetz fand auf allen Seiten freundliche Aufnahme. Die Vorlage wurde darauf in erster und zweiter Lesung erledigt. Alsdann trat der Sozialdemokrat Dr. Liebknecht auf den Plan, um einen Antrag auf Aufhebung
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Leuten, damit nicht solche, die keinen Anspruch auf Beach- tung haben, sich unter die respektablen Bewerber drängen."
„Ja, hab' ich denn Bewerber? Ich weiß nur von dem einen, der uns beiden nicht gefiel. Hat etwa Leopold Seidel..
„Nein, nein doch, nichts hat er. Daß Du ihm aber sehr gefallen hast, schon voriges Jahr, und er sich Dir jetzt auffallend zu nähern sucht, ist doch Tatsache. Du bist recht naiv, daß Du das nicht merkst."
„Weil er mir total gleichgültig ist. Ich habe mit ihm getanzt und mich auch neulich prachtvoll mit ihm unterhalten, doch .. ihn heiraten . . nie!"
„Lina, sprich nicht unbedacht, denk' an die Herren in Heringsdorf, die Du nur durch Deine Kälte verscheucht hast."
„Der Doktor war ein Geck, und die beiden andern hab ich nicht einmal ernst genommen, sie dachten wahrscheinlich nicht daran, mir Herz und Hand zu bieten."
„Das weiß ich besser," sagte Frau Willfurth mit Betonung.
Lina sah ihre Mutter groß an. Was mochte die hinter ihrem Rücken gespielt haben? War sie denn wirklich naiv über ihre Jahre?
„Lassen wir Heringsdorf, das ist abgetan. Mir wär's auch lieber, Du wähltest Dir einen Mann aus unserem Kreise, den man kennt, und dessen Familienver- Hältniffe klar vor uns liegen; die besten Badebekanntschaften haben manchmal einen Haken. Ich denke, wir werden eine recht belebte Saison bekommen, und da möchte ich von Dir das Versprechen, daß Du Dir die Sache überlegst und meinen Wünschen nicht entge- genhandelst. Zwei von Deinen Freundinnen sind schon verlobt, sogar Amalie Nerling, das arme, unschöne Mädchen hat es verstanden, einen Mann zu fesseln, willst Du Dich von allen überflügeln lassen?"
„Nein, einen besonderen Ehrgeiz, mich so jung wie möglich zu verloben, habe ich nicht. Das ist mir im
des Preßgesetzes einzubringen. Der Antrag wurde, nachdem der konservative Abgeordnete Mertin-Oels Herrn Liebknecht gründlich heimgeleuchtet hatte, abgelehnt. Dasselbe Schicksal widerfuhr auch einem weiteren sozialdemokratischen Anträge auf Aufhebung des sogenannten „Vagabunden-Pharagraphen." — Mittwoch, dem 25. ds. Mts. wurde zunächst das Ar- beiter-Wohnungsgesetz nach den Beschlüssen der zweiten Lesung in dritter Lesung entgültig angenommen. Es folgte alsdann die erste Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die öffentlichen Feuerversicherungsanstalten. Durch den Entwurf soll Gewähr geschaffen werden, daß die Rechte der Versicherungsnehmer bei den preußischen öffentlichen Feuerversicherungsanstalten nicht hinter denjenigen zurückbleiben, welche nach dem neuen Reichsgesetz den Versicherungsnehmern bei den deutschen privaten Feuerversicherungsgesellschaften zustehen. Die Vorlage wurde einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Den Schluß der Sitzung bildete die zweite Lesung des Gesetzentwurfs betr. Abänderung des preuß. Gerichtskostengesetz, die aber nicht zu Ende geführt wurde. — Am Freitag hat die erneute Beratung der Wahlrechtsvorlage stattgefunden. Gleich nach Eröffnung -der Sitzung nahm der Ministerpräsident Herr v. Beth- mann-Hollweg das Wort, um zu erklären, daß die Regierung auf den Herrenhausbeschlüffen bestehe. Nach Nach ihm sprach der Führer der Konservativen, Herr v. Heydebrand u. d. Läse. Er führte aus, daß es den Konservativen nicht möglich sei, hinsichtlich der Drittelungsfrage auf die Herrenhausfasfung einzugehen, weil dadurch der mittelstandsfreundliche Charakter des preußischen Wahlrechts eine schwere Beeinträchtigung erfahren würde, und bemühte sich alsdann, einen neuen Kompromißvorschlag zu begründen. Sofort nach oieser Rede erklärte der Ministerpräsident, daß auch die neu vorgeschlagene Lösung für die Regierung unannehmbar sei. Im Namen des Zentrums gab der Abg. Herold die Erklärung ab, daß seine Partei plutokratische Verschlechterungen des Wahlrechts nicht mitmache und deshalb an den bestehenden kleinen Driltelungsbezirken festhalte. Nachdem darauf noch die Abgg. Friedberg (natl.), Fischbeck (freik.), Ströbel (Soz.) den ablehnenden Standpunkt ihrer Fraktionen begründet hatten und Frhr. v. Zedlitz-Neukirch (frkons.) sich vergebens bemüht hatte, ein positives Ergebnis herbeizuführen, wurde in die Einzelberatung eingetreten. Dieselbe gedieh bis zum Paragraphen 6. Nachdem dieser abge« lehnt war, erklärte der Ministerpräsident V. Bethmann-
mer höchst albern vorgekommen. Das Versprechen kann ich Dir auch nicht geben. Mama, ich kann nicht heucheln, nicht freundlich sein, wo ich keine Sympathie für einen Menschen habe, und wenn mir einer gefällt, werd' ich ihn nicht schlechter behandeln als seinen Nachbar, nur weil er keinen so guten Rock an hat. Laß mich nur ruhig meinen Weg gehen, ich bleibe noch gern bei Dir, mir ist auch gar nicht bange vor dem Sitzenbleiber!, ich kenne mehrere sehr vergnügte alte Jungfern."
Da hörte man die lieben neunzehn Jahre, mit neunundzwanzig sprach Lina wohl anders. Frau Willfurth wollte indessen ihr einziges Kind nicht bis zum offenen Widerstände treiben und begnügte sich für heute mit dem Gesagten.
Sie war sehr zufrieden mit sich, auf den ihr durchaus zusagenden, sehr wohlhabenden jungen Mann hingewiesen zu haben und ahnte nicht, daß sie ihn Lina gründlich verleidet hatte.
Als Grete Nerling am Morgen des 1. Oktober mit zaghaftem Fuß in das Kontor von Seidel u. Weyn- gärtner trat, meinte sie, mit der Tür, die sie hinter sich zudrückte, sich von der übrigen Welt und ihren lachenden und frohsinnigen Menschen für immer abgeschlossen zu haben.
Zu lange war sie von der Mutter stets auf den Ernst des Lebens, auf Arbeit und Genügsamkeit hingewiesen worden, als daß ihr weiches Gemüt nicht die Lehre in sich ausgenommen hätte. Sie kam sich, trotz aller Gegenvorstellungen, wie eine Ausgestoßene, Geopferte vor, und sie verstand ihre Schicksalsgenossinnen nicht, die mit frohem Mut morgens ihr schweres Tagewerk antraten und abends unter Scherz und Neckereien davoneilten. War's nur die Gewöhnung? Beide hatten schon ein Jahr in einer Stadt gearbeitet und besaßen gute Zeugnisse, zu Seidel u. Weyngärtner waren sie gekommen, weil sie gern nach Lobnitz zurück gewollt, wo ihre Eltern lebten. 168,18