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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
_______Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 43.
Amtliches.
J.-Nr. 3425/3431 K. Ä. Dem Schweinehirten Heinrich Weigand in Marjoß ist eine Prämie von 20 Mark und dem Dienstmädchen Louise Daum in Schlüch- tern eine solche von 10 Mark für langjährige treue Dienstzeit aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 17. Mai 1910.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses Valentiner.
Deutsches Reich.
— Kaiser Wilhelm hat vor seiner Abreise von London, seinen Dank über die herzliche Aufnahme in England ausgesprochen.
— Potsdam. Der Kaiser traf Mittwoch morgen 7 Uhr im Sonderzug auf Station Wildpark ein. Zum Empfang hatten sich cingefunden die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise. Die allerhöchsten Herrschaften und die Prinzessin begaben sich dann ins Neue Palais.
— Wie verlautet, sind die Bestimmungen über die diesjährige Nordlandsreise des Kaisers nunmehr getroffen worden, wenn auch der Tag der Abreise noch nicht genau festgestellt werden konnte. Der Monarch wird alsbald nach Beendigung der Kieler Woche Anfang Juli die Nordlandsfahrt antreten und am 31. Juli wieder in der Heimat eintreffen.
— Erkrankung des zweiten Kronprinzensohnes. Die Gerüchte über eine Erkrankung des zweiten Sohnes des Kronprinzen werden dem Depeschenbureau Herold auf zAnfrage vom Hofmarschallamt bestätigt. Prinz Louis Ferdinand ist an einem fieberhaften Bronchial- Katarrh mit gleichzeitiger Mittelohrenentzündung erkrankt. Der Verlauf des Krankheitsprozesses ist jedoch ein befriedigender.
— Die Heeresverwaltung hat der Luftfahrzeugbau- ^gesellschaft zu Bitterfeld den Bau eines neuen Parseval- Luftschiffes in Auftrag gegeben.
— Der König und die Königin von Belgien treffen am 30. d. Mts. auf Station Wildpark ein und werden als Gäste des Kaisers im Neuen Palais Wohnung nehmen. Es ist großer Empfang vorgesehen und die hohen Herrschaften werden auch an der Frühjahrsparade teilnehmen. Der Besuch des belgischen Königspaares wurde erst bei dem Zusammentreffen des Kaisers mit dem König Albert während der Londoner Trauertage verabredet. Am 1. Juni wohnt das belgische Königspaar der großen Frühjahrsparade auf dem Tempelhofer Felde bei.
Samstag, den 28. Mai 1910
— Die Großherzogin Luise von Baden leidet seit etwa 10 Tagen an einem Bronchialkatarrh, der im ganzen einen normalen Verlauf zeigt. Ihre Königl. Hoheiheit wird infolgedessen für die nächste Zeit genötigt sein, sich vollkommene Schonung aufzuerlegen.
— Königin Mary Regimentschef. Durch Kabinettsordre vom 24. ds. Mts. ist Königin Mary von England zum Chef des Husaren-Regiments in Stolp i. P. ernannt worden.
— Im preußischen Herrenhause hat die wiederholte Abstimmung über die Wahlrechtsvorlage stattgefunden, die auf Antrag des Herrn von Hertzberg eine namem- liche war. Die Vorlage wurde mit 127 gegen 82 Stimmen angenommen. Sie geht nunmehr wieder in das Abgeordnetenhaus zurück. Danach wurde noch über eine Reihe anderer Gegenstände verhandelt. Eine längere Debatte entstand über eine Petition des Vereins für Feuerbestattung in Preußen. Die Petitionskommission hatte die Ueberweisung der Petition als Material beantragt, dagegen lag ein Antrag Loening und Bvrchers vor, die Petition der königlichen Staatsregierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Das Plenum entschied im Sinne der Petitionskommission.
— In Regensburg fand unter dem Vorsitz des Dr. Heim und Freiherrn v. Aretin eine Massenkundgebung bayerischer Bauern für das Zusammengehen aller deutschen Landwirte und gegen Hansabund und Deutschen Bauernbund statt. Es sprachen Dr. Heim und Erzberger. Alle deutschen Bauernorganisationen hatten Vertreter gesandt, in deren Namen Graf Oppersdoro-Schlesien, Abg. Eisenberger sowie der Tiroler Reichsratsabgeordnete Nigritz Grüße über- brachten. An der Kundgebung nahmen gegen 14000 Landwirte teil.
— ■ Wie die Sozialdemokratie über die Anbiederungsversuche des Evangelisch-sozialen Kongresses denkt, zeigt recht gut ein Artikel der Frankfurter „Volksstimme". Darin werden die Aeußerungen über die Verwandtschaft von Christentum und Revolution als „aller An- kennung wert" gelobt. Die auf gänzlicher Unklarheit des Denkens beruhende Auslassung des Pastor Liebster über sozialistischen und christlichen „Mehrwert" wird von dem sozialdemokratischen Blatte mit folgender Liebenswürdigkeit bedacht: „Dieser geblümte Unsinn, der aus dem wohl sozial fortgeschrittensten Kopf des ganzen Kongresses üppig herauswucherte, zeigt zur Genüge deutlich, daß es diesen Herrschaften nur darauf ankommt, das brackige Wasser ihrer Konfusion in den
61. Jahrgang. nHMKOttM
starken Wein unseres Sozialismus yineinzugießen. Dafür danken wir entschieden!" Wir können nur finden, daß sowohl das Lob wie die höhnische Kritik des sozialdemokratischen Blattes wohl verdient sind.
Ausland.
— Durch den Thronwechsel in England hat auch der Verfassungskonflikt einen Aufschub erfahren. Wenn es zu einer Auflösung des Parlaments und zu einer neuen Entscheidung durch die wahlberechtigte Bevölkerung kommt, werden die Neuwahlen nicht, wie man bisher annehmen durfte, im Spätsommer oder im Frühherbste des laufenden Jahres stattfinden können; sie würden voraussichtlich im Anfang des nächsten Jahres vorgenommen werden niüssen. Im Hinblick darauf dürfen alle Vorentscheidungen, die durch Nachwahlen veranlaßt sind, eine erhöhte Bedeutung beanspruchen. Eine der nächsten dieser Vorentscheidungen ist die Nachwahl ' fLewes in der Grafschaft Sussex. Im Jahre 1906, in dem Jahre der Niederlage der konservativen Partei — die liberale Partei ging aus diesen Wahlen in solchem Maße siegreich hervor, daß sie aus eigener Kraft eine Mehrheit im Unterhause bilden konnte —, erhielt Sir Fletcher eine Mehrheit von 1700 Stimmen, während in allen früheren Wahlgängen die konservative Mehrheit weit über 3000 Stimmen betragen hatte. Im Jahre 1910 stieg dann allerdings die Mehrheit für Sir Fletcher auf nahezu 4600 Stimmen. Das Mandat ist durch den Tod des bisherigen Inhabers erledigt. Voraussichtlich wird das Mandat in konservativem Besitz bleiben, aber an der größeren oder geringeren Mehrheit der Stimmen, mit der dies geschieht, wird man annehmen können, ob die Wählerschaft des Landes in dem nunmehr 3'/, Fahre andauernden Verfassungskonflikt zugunsten der Konservativen oder der Liberalen und Radikalen Stellung zu nehmen gedenkt.
— Der griechische Ministerrat beschloß, den König Georg wegen des Ernstes der Lage um sofortige Rückkehr nach Griechenland zu ersuchen.
— Die Pforte hat den Botschaftern der Kretamächte eine Verbalnote übergeben, in der die Aufmerksamkeit der Mächte darauf hingelenkt wird, daß der neuernannte Kadi von Rhethymo infolge seiner Weigerung, den Eid auf den Namen des Königs der Hellenen zu leisten, von der kretischen Regierung nicht anerkannt wird. Sichere Informationen besagen, daß die Schutz« möchte über Maßregeln verhandeln, die gegen die
5« der Schule des Leöens.
,^ Roman von Edith« v. Welten. 18
„Mir scheint, das ist nicht nötig," sagte Lina scherzend,, „denn so oft ich hier bin, führst Du doch hauptsächlich das Wort."
Frau Nerling sab ihre Dritte tadelnd an, die aber rief unverfroren: „Es ist, die Gabe, die der Himmel mir für meinen zukünftigen Beruf mit in die Wiege gelegt hat, ebenso wie meine Mauseohren. Heissa, wird das ein Spaß, wenn ich in Berlin hören kann, was sie f in Königsberg sprechen."
r „In Berlin? Willst Du Dich nicht hier melden?"
„Möchte ich schon, geht aber nicht. Hier werden noch keine Mädels angenommen, in Berlin aber schon lange. Ich soll dann^zu Vaters Cousine in Pension."
„Du fort, und Grete den ganzen Tag beschäftigt, ach, wird das h«r einsam werden, wie werdet Ihr beide mir fehlen."
„Liebes Kind," bemerkte Tante Laura spitz, „ist das nicht ein ganz klein wenig egoistisch gedacht?"
„Du hast recht, Tantch en, ich denke nur an mich, und ich sollte doch lieber die armen Mädchen bedauern." „Dazu hast Du gar keinen Grund. Kein gesunder, junger Mensch ist zu bedauern, nur, weil er arbeiten muß. Stolz können sie sein, wenn sie im stände sind, sich selbst ihr Brot zu verdienen, und auch in der Arbeit selbst ruht ein Segen, den freilich nicht jeder begreift."
„Und nicht jede ist mit seidenen Strümpfen gebo- i ren, wie Du, liebes Cousinchen."
„Aber Ottilie!"
„Bildlich gesprochen, meine ich. NerlingS Töchter müssen sich eben nach der Decke .strecken und sie sind nicht verwöhnt, gelt, Gretchen?"
, Grete antwortete nicht.
Sie begleitete Lina, als diese aufbrach, beschwert
mit dem Neuesten vom Tage, noch die halbe Treppe | hinunter, und gestand ihr im Vertrauen, daß sie von ihrem Engagement gar nicht so entzückt sei, inte die | Mutter, sie wäre viel lieber m eine andere Stadt gegangen, oder am allerliebsten noch diesen Winter stellenlos zu Hause geblieben, aber die Eltern hätten es so eilig mit der Bewerbung gehabt und meinten es ja I nur gut mit ihr. „Und so ist es denn freilich am besten, ; so wie es ist," schloß sie resigniert.
Lina ahnte wohl, was dem hübschen Kinde das Herz schwer machte. Sie hätte so gern eine einzige kurze Zeit hindurch ihr junges Leben genossen, statt sich in ein dumpfes Kontor sperren zu lassen, wo sie dicke Kladden aufrechnen mußte, Seite für Seite, trockene Geschäftsbriefe nachstenographieren oder an der Schreibmaschine arbeiten. Lina hatte das tiefste Mitgefühl mit ihr, und suchte sie durch Versprechungen und liebevolles Zureden zu trösten. Auch sie däuchte ein solches Dasein schrecklich, sie konnte sich gar nicht hineindenken, fast schien es ihr noch leichter, schöner und dankbarer, Lehrerin oder Erzieherin zu sein, als Buchhalterin. Wenn die arme Grete nur ein bißchen mehr Arbeitslust gehabt hätte, oder einen Charakter wie Ottilie, die fand sich schließlich in alles und wußte jede Sache von der besten Seite zu nehmen.
Bei ihrer Mama fanden ihre Nachrichten keine besonders günstige Aufnahme. Sie sah es als eine persönliche Rücksichtslosigkeit gegen sich an, daß Nerlings ihre Tochter bei einer Firma untergebracht hatten, deren Mitinhaber, wie sie wissen konnten und wahrscheinlich sehr wohl wußten, zu dem Willfurthschen Umgangskreise gehörte.
„Ich weiß nicht, wie meine Schwägerin sich das denkt; Dir hat sie auf Dein vieles Bitten versprochen, daß Grete unsern kleinen Hausball mitmachen soll, ich kann doch aber nicht Leopold Seidel mit seiner Buchhalterin zusammen einladen."
„Ja, warum denn nicht, Mama? Ist Grete nicht ein gebildetes Mädchen mit guten Manieren? Ist sie nicht Deine Nichte, meine Cousine?"
„Ach, Kind, das verstehst Du nicht. Du allerdings mit Deinem Idealismus, Dir sind alle Menschen gleich, die Welt denkt anders, glaube mir, und der junge Seidel .. ."
„Dann lassen wir ihn fort."
„Auf keinen Fall, der gehört zu Deinen besten Tänzern."
„Daran habe ich bisher noch keinen Mangel gehabt."
Frau Willfurth drohte ihrem Töchterchen mit dem Finger. „Nicht so übermütig, Kleine. Nicht jeder von Deinen Tänzern ist auch zugleich eine so gute Partie wie Leopold Seidel."
„Aber er will mich doch gar nicht."
Frau Willfurth lächelte geheimnisvoll. „Eine Mutter sieht manchmal tiefer und erkennt einen Bewerber um die Tochter eher als diese."
„Mama," rief Lina mehr bestürzt als erfreut, „Du willst doch nicht etwa sagen, daß .. ach, Unsinn, Du neckst mich ja nur. Und ich mache mir aus Herrn Seidel so wenig, wie er sich aus mir."
„Komm, Lina, setze Dich zu mir her, ich wollte schon immer einmal ernstlich mit Dir reden. Hier zu mir aufs Sofa setze Dich, da kannst Du mir nicht gleich wieder davonlaufen."
Lina wurde bei den feierlichen Anstalten etwas beklommen ums Herz und eine verräterische Glut färbte ihr Antlitz. Sie gehorchte und harrte mit niedergeschlagenen Augen einer erneuten Anrede.
„Siehst Du, mein Kind," begann die ältere Dame mit mütterlicher Salbung, „es wird nun Zeit, daß wir uns über Deine Zukunft klar werden."
„Meine Zukunft?" Lina war höchst erstaunt. Das klang ja wie bei Nerlings, wo auch immer von Zukunft, Beruf und Lebensweg die Rede war. 168,18