WilchternerAitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
32 4^ Mittwoch, den 25. Mai 1910 61. Jahrgang.
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Amtliches.
J.-Nr. 6391. Die diesjährigen Jmpftermiue für die Gemeinden Elm und Hütten werden hiermit anderweit festgesetzt und zwar: für Elm auf Sonnabend, den 28. d. Mts., vormittags v Uhr und für Hütten auf Sonnabend, den 28. d. Mts., vormittags 11 Uhr.
■ Die Nachschau findet am Sonnabend, dem 4. Juni d. Js. 9 Uhr vormittags in Elm und 11 Uhr vormittags in Hütten statt.
Schlüchtern, den 23. Mai 1910.
Der Königliche Landrat: Valentin er.
J.-N. 3358 K.-A. Zur Aufstellung einer Nach- weisung über die Steuerverhältnisse der Gemeinden für das Etatsjahr 1908 ersuche ich die Herren Bürgermeister des Kreises, mir bis spätestens 5. Jnni d. Js. anzuzeigen, wieviel Namraldienste Hand- und Spanndienste getrennt — nach Tagen berechnet, im Jahre 1908 in Ihrer Gemeinde geleistet worden sind.
Bei Nichteingang einer derartigen Anzeige wird angenommen, daß in der betreffenden Gemeinde im Jahre 1908 Hand- und Spanndienste nicht geleistet worden sind.
Schlüchtern, den 21. Mai 1910.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.
Zum Thronwechsel in England.
Die Beisetzung König Eduards in der St. Georgs« kapelle war nach der einstimmigen Erklärung vieler Anwesenden eines der eindruckvollsten Schauspiele, die das heutige Geschlecht gesehen hat. Die Kapelle des Hosenbandes mit den Bannern, Wappenschildern, Eyvr- stühleu und Emblemen der Ritter gab der ganz einzigen, glänzenden Versammlung von Monarchen und Füistensöhnen, Diplomaten, Staats» und Hoswürden« trägem, Generalen, Admiralen und hohen Offizieren aus aller Herren Ländern einen wirksamen Hintergrund. Die Königin-Mutter, die einzige Dame des Hosenbandordens, stand mit Band und Stern über dem Trauergewande an der Hand ihres Sohnes, die Rechte auf einen Stock gestützt, zu Häupten des Königssarges und hielt sich ziemlich aufrecht und gefaßt, als der Sarg vor den Augen der Trauerversammlung in die Gruft sank. Der einzige Zwischenfall während der Beisetzungsseier in der Kapelle war die plötzliche Unpäßlichkeit des Generalagenten der Kolonie Neuseelands,
In der Schute des Leöens.
RoMan von Editha o. Welten. 12
Ihre Mittler kam um so seltener, eigentlich nur, wenn eine besondere Gelegenheit dazu vorlag, wie etwa, um zu einer Verlobung zu gratulieren. Bei diesem Gedanken erhellte sich Frau Nerlings Laune etwas, darin war sie ihrer Schwägerin über, sie hatte schon eine verlobte Tochter und jene noch nicht.
„Nun erzählt aber auch Linchen unsere Neuigkeit."
Grete schreckte zusammen, wurde rot, schluckte erst ein paarmal und sagte dann leise: „Ich habe eine Stelle."
Lina sprang auf. „Eine Stelle? Eine gute? Und das sagst Du mit solcher Grabesstimme?"
„Sie hat nämlich Manschetten vor dem Stillsitzen," erläuterte Ottilie.
„Nein, nein, das ist nicht wahr. Ich freue mich ja riesig, daß ich solches Glück gehabt habe, die erste aus unserem ganzen Kursus zu sein, die anderen suchen immer noch und schreiben sich die Finger müde. Ich brauche nicht mal nach auswärts und in eine Pension, ich habe es ja zu Hause viel billiger."
Lina hätte weinen mögen über Gretes rührenden Versuch, ihr Glück recht glaubhaft zu machen, sich selbst vor allen Dingen.
„Und wo ist es denn und wie viel..."
„Wie viel Gehalt?" fiel Frau Nerling ein, als Lina stockte. „Siebzig Mark monatlich. Das ist für eine Anfängerin gar nicht so ivenig, sollte ich meinen."
„Es kommt auf Gretes Leistungen an, ob sie bald mehr verdient. Wenn sie nun zwanzig Mark für ihre Garderobe verbraucht, kann sie sich jeden Monat fünfzig Mark sparen, da sie, so lange ihr Vater imAmte ist, freien Unterhalt bei uns hat."
„Zwanzig Mark für Kleider, Hüte, Stiefel, ist denn das möglich, kann sie denn damit auskommen?"
«Reichlich sogar, wenn sie sich so einfach kleidet, wie
Hall Jones, der jüngst erst von einer schweren Krankheit genesen ist. Der Freitag hat zwar nicht unter den Teilnehmern des Trauerzuges, aber unter den Zuschauermassen sehr viele solcher Fälle gesehen. Es war ein sehr heiser Sommertag, der vielen um so mehr zu- setzte, als wir noch vor einigen Tagen kaltes Winterwetter hatten. Man schätzt die gesamte Menschenmenge, die bei dieser Gelegenheit an der ganzen Strecke zusammengeströmt war, auf etwa drei Millionen. Es sollen von dieser Zahl 12 bis 15000 zusammengebrochen oder ohnmächtig geworden sein. Mangel an genügender Nachtruhe, Uebermüdung durch das viele Stunden lange Stehen, Mangel an rechtzeitiger Nahrung und Erfrischung wirkten dabei mit der großen Hitze zusammen. Soviel bekannt, ist jedoch kein Todesfall zu beklagen. Unser Kaiser, der für Samstag die Rückkehr auf dem Programm hatte, hat sich durch das dringende Zureden des Königspaares bestimmen lassen, die Reise auf Montag zu verschieben.
Deutsches Reichs
— Die Kaiserin im Vaterländischen Frauenverein. Im Beisein der Kaiserin fand vorgestern vormittag, die Delegiertenversanimlung des Vaterländischen Frauen- vereins im großen Sitzungssaals des Abgeordnetenhauses statt. Das Damenparlament hielt die Plätze aller Fraktionen besetzt. Die hohe Protektorin erschien mit der Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff, der Palast - dame Gräfin Keller und der Hofstaatsdame Fräulein V. Gersdorff bereits um 10 Uhr und wurde von der Fürstin zu Wied, der Vereinsvorsitzenden Gräfin Jtzenplitz und den anderen Vorstandsdamen, denen sich Staatsminister von Möller anschloß, empfangen. Die greife Großherzoginwitwe Luise von Baden, die der Gründung des vaterländischen Frauenvereins durch ihre Mutter, die Kaiserin Augusta, beigewohnl hatte, entbot dem Verein auf telegraphischem Wege die wärmsten Glückwünsche, die seitens des Vorstandes auf gleichem Wege erwidert wurden. Mit großer Genugtuung wurde die Mitteilung begrüßt, daß die Zahl der Zweigvereine seit gestern auf 1500 gestiegen ist. An Immobilien besitzt der Verein ein Vermögen von 11 Millionen Mark. Nach diesen Mitteilungen hielt Oberpräsidialrat von Bülow vom Provinzial- verband Schleswig-Holstein einen Vertrag über „die Sommerpflegebestrebungen" in seiner Provinz. Nach den Berichten der Frau Geheimrat Moritz und des Oberstabsarztcs a. D. Dr. Falkenberg schloß Staats
es sich für eine Buchhalterin ziemt. Luxus verlangt keiner von ihr."
Lina überlegte. Der zierliche, neue Herbsthut, den sie heute trug, es war der einfachste, den sie hatte, kostete zwanzig Mark, was mochte ihre Mama da wohl das Jahr hindurch für sie beide ausgeben. Und wie würde die arme Grete sich mit zweihundertundvierzig Mark einrichten müssen. Doch beinahe hätte sie das wichtigste vergessen, sie umarmte Grete und küßte sie auf beide Wangen.
„Ich gratuliere Dir herzlich, kleine Maus, möchtest Du nur weiter Glück haben, daß es Dir nicht zu schwer wird und Dein Beruf Dich befriedigt. Wann mußt Du denn eintreten, am 1. Januar?"
„Nein, schon am 1. Oktober, außer mir noch zwei junge Mädchen, die aber schon Stellen gehabt haben. Bis jetzt haben Seidel u. Weyngärtner noch keine weiblichen Kräfte beschäftigt, es ist ein Versuch mit uns?"
„Seidel u. Weyngärtner. . Seidel u. Weyngärtner, das große Eisengeschäft?"
„Eisengeschäft en gros," verbesserte Ottilie, „in große Geschäfte geht unsere Grete nicht, nur Engrosgeschäfte."
Doch der seine Unterschied ging für Lina verloren.
„Den jungen Herrn Seidelkenneichja.dieWeyngärt- ners sind alte Leute, die ganz zurückgezogen leben, aber der Leopold Seidel ist in allen Gesellschaften, erst neulich noch bei Dittebrands, bei dem großen Diner, war er mein Tischherr. O, der ist sehr nett, gar nicht hochmütig, trotzdem er so reich ist."
„Und noch zu haben?" fragte Ottilie, „Du, Grete, da bekommst Du ja einen interessanten Chef."
Frau Nerling bebte vor Entrüstung.
„Ottilie, ich verbitte mir jetzt ein- für allemal Deine Dummheiten, ob Herr Seidel verheiratet ist oder nicht, ist für uns ganz gleichgültig. Und seine gesellschaftliche Liebenswürdigkeit.. im Salon wird er wohl anders austreten als im Kontor. Grete soll fleißig und pflichttreu sein, damit ihre Brotgeber mit ihr zufrieden sind,
minister v. Möller die diesjährige Tagung mit Dankesworten an die Delegierten, und mit den besten Wünschen für eine weitere gesegnete Vereinstätigkeit.
— Berlin. Die am Sonnabend im Herrenhause stattgefundene, verfassungsmäßig notwendige nochmalige Abstimmung über die Wahlrechtsvorlage hatte folgendes Resultat: Für die Vorlage stimmten 127, dagegen 82 Abgeordnete. Bei der ersten Abstimmung stimmten für die Vorlage 140, dagegen 94.
— Bieslau. Der Magistrat hat beschlossen, den Grafen Zeppelin und den Major Groß als Ehrengäste der Stadt Breslau einzuladen und das Ostdeutsche Flugamt ersucht, Vorbereitungen für eine Landung der beiden Luftschiffe zu treffen, die auf dem Flugplatz Wilhelmsruh slattfinden soll.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht wiederum eine Warnung an die deutschen Arbeiter vor der Ueberahme einer Beschäftigung bei dem Bau der Madeira—Hamore Eisenbahn im Gebiete des oberen Amazonenstroms. In der Warnung wird auf das äußerst ungünstige Klima sowie auf die ungenügenden Verpflegungsverhältnisse im Bahnbaubetriebe hingewiesen, wodurch in kurzer Zeit die Gesundheit der früher angeworbenen Leute aufgerieben wurde. Die Warnung schließt: Das Schicksal der im vorigen Jahre dahingereisten Deutschen sollte die Arbeiterschaft davon abschrecken, trotz der noch so günstig scheinenden Vertragsangebote der für die Eisenbahngesellschaft tätigen Agenten sich von diesen anwerben zu lassen.
— Die königliche Ansiedlungskommission hat von dem Baron von Eckhardstein auf Krojanten bei Konitz dessen etwa 24 000 Morgen umfassenden Acker und Wald für 3'/, Millionen Mark zu Besiedlungszwecken getauft.
— Das Gesetz über die Entlastung des Reichsgerichts wird bereits mit dem 1. Juni in Kraft treten. Von diesem Termine ab wird die Revisionssumme von 2500 auf 4000 Mk. erhöht. Man rechnet damit, dadurch etwa 1200 Streitgegenständen in Zukunft den Weg zum Reichsgericht zu versperren. Von kleineren Entlastungsmitteln treten in Wirksamkeit: der Revisionskläger ist verpflichtet, binnen einer zu bestimmenden Frist Gebührenvorschuß zu leisten, die Oberlandesgerichte sind zur vorläufigen Vollstreckbarkeit ihrer Urteile befugt, doch hat das Revisionsgericht auf Antrag anzuordnen, daß die Zwangsvollstreckung einstweilen einzustellen ist, wenn nachg:wiesen wird, daß die Vollstreckung einen nicht zu ersetzenden Nachteil bringen
und Du tätest auch besser, Dich auf Deine französische Stunde vorzubereiten."
„Es wird ja gar nicht so viel verlangt, ich quäle mich also ganz unnütz."
„Nichts, was man lernt, ist unnütz," entschied die Mutter, „der Unterricht für diesen Monat ist bezahlt und Du wirst ihn bis zur letzten Stunde besuchen. Du kannst heute noch nicht wissen, wo Du Deine Sprach- kenntnisse einmal nötig hast, wenn Du sie auch bei der Post nicht brauchen solltest."
„Wie, Ottilie," sagte Lina erstaunt, „Du willst zur Post gehen?"
„Zur Fernsprecherei, Linchen. Ja, auch mein Lebensplan ist jetzt ausgearbeitet. Ich trete, wenn nichts dazwischen kommt, wie vorsichtige Leute sagen .. ."
„Wenn Dein Gesuch Erfolg hat, solltest Du sagen," schaltete Frau Nerling ein.
„Also, wenn sie mich nehmen, trete ich am ersten Oktober nächsten Jahres als Fernsprechgehilfin ein, bekomme nach einigen Monaten Probezeit zwei Mark fünfundzwanzig Pfennige pro Tag, nach zwei Jahren zwei Mark fünfzig Pfennige, nach fünf drei Mark, und werde nach neun Jahren definitiv angestellt, mit, ich weiß nicht, welcher Unsumme von Gehalt. Führe ich mich nicht tadellos, plaudere ich die Geheimnisse der Fernsprechenden aus, oder werde ich zu oft krank, so hat die Postverwaltung das Recht, mich nach vier- wöchigerKündigung zu entlassen. Punktum!" 168,18
Lina hatte, überwältigt, der geläufigen Auseinandersetzung zugehört. „Das ging ja wie am Schnürchen, ich kann so schnell gar nicht folgen. Warum denn im nächsten Herbst erst? Das ist ja noch so lange hin."
„Es geht nicht früher, Schatz, dieweil ich erst heute über acht Tage siebzehn werde und die Post ein ehrwürdiges Alter von achtzehn Jahren verlangt. Ich werde nun vorläufig Greteim Haushalt vertreten, wenn sie bei Seidel und Weyngärtner hinter den Büchern sitzt, und mich das Jahr hindurch noch ein bißchen im Sprechen üben."
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