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Schlttchterner^eitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

___Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._______________

Erscheint Mittwoch und Samstag - Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 38.

Amtliches.

J.-Nr. 2108/2113 K.-A- Dem Knecht Johannes Breitenbach in Elm ist eine Prämie von 30,00 Mk. und dem Knecht Joh. Georg Eigenbrod in Schwarzen- fels eine Prämie von 10 Alk. für langjährige treue Dienstzeit aus Kreismitteln bewilligt worden.

Schlächtern, den 6. Mai 1910.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.

Der konservative Parteitag für Hessen-Nassau.

Wiesbaden. Der konservative Parteitag der Pro­vinz Hessen'Nassau fand am 1. Mai in der Wartburg statt. Er war aus allen Teilen der Provinz gut be­sucht. Der Vorsitzende Oberstleutnant a. D. Wilhelmi- Wiesbaden eröffnete denselben, begrüßte die Gäste Re­gierungspräsident v. Meister, die Vertreter der Kon­servativen Württembergs und Rheinpreußens, sowie die Delegierten. Nachdem v. Pappenheim die Besoldungs­gesetze im Reich und in Preußen gestreift ging er auf die preußische Wahlgesetzreform ein. Er bemerkte, daß seine Partei mit den Liberalen sich seither in diese Frage binnen Kurzem zusammenfinden werden, zum Wohle des Vaterlandes. (Lebhaftes Bravo!) Pfarrer Werner-Frankfurt a. M. hielt hierauf einen Vortrag über die politische Notwendigkeit und sieghafte Kraft eines deutschen und christlichen Konservatismus!" Aus der Fülle des Dargebotenen seien einige Gesichtspunkte hervorgehoben. Gegenüber einem wahren Liberalismus bilde der Konservatismus eine notwendige Ergänzung, aber gegenüber einem radikalen Liberalismus, der für einen Großblvck von Wassermann bis Bebel schwärmt, bilde der Konservatismus einen Gegensatz, dessen kraft­volle Geltendmachung sich als eine politische Notwen­digkeit erweise. Der Redner kennzeichnet nunmehr die Stellung der Konservativen und aller rechtsstehen­den Eleniente zum Königstum, zur Autorität und Wahlrechtsreform. Die Konservativen bekämpfen die sozialdemokratische Agitation, die in ihrem Endziel die Monarchie durch die Diktatur des Proletariats be­seitigen will. Auch die Ansicht neudeutscher Wirtschafts- Politiker, die Deniokratie und Kaisertum für gleiche Gewalten ansehen, ist verfehlt. Unser Ideal ist nicht römisches Cäsarentum, nicht französischerNapoleonismus, sondern Preußisches Königstuni, dessen Rechte und Pflichten durch die Verfassung wohl gesetzlich formu­liert, aber nicht erst geschaffen sind. Die konstitutio­nelle, soziale und volksfreundliche Monarchie rettet uns

Mittwoch, den 11. Mai 1910

Von der Klassenherrschaft von oben und unten. Im Interesse der Bolkswohlfahrt und der Staatserhaltung muß die Regierungsautorität, in der sich der gerechte, ausgleichende Staatswille verkörpert, gewahrt werden. Schlimmer noch als die freche Verhöhnung der Autori­täten in Witzblättern, revolutionären Zeitungen und Massenversammlungen ist es, wenn sogenannte Gebildete sich vom Alkohol der Phrasen berauschen lassen und von einer Knebelung und Versklavung der Volksmeinung rede i, während Agitation und Journa­listen mit dem Umsturz drohen und ganz ungeniert den Teufel der Revolution an die Wand malen. Freilich kann man die Autorität auch nicht mechanisch äußerlich aufrecht erhalten, es muß auch die innere moralische Ueberzeugung dazu kommen. In der Wahlrechtsfrage ist die Irreführung der öffentlichen Meinung am ärgsten. Was wie Gerechtigkeit aussieht, ist die größte Ungerechtigkeit und was man als Fortschritt anpreist, ist Rückschritt. Wer, wie die Demokratie für Ungleiches Gleiches fordert, begeht eine Ungerechtigkeit, zudem ist die Losung der Gleichheit in politischen Rechten ein Wahngebilde des Naturrechts und französischen Ur­sprungs. Der deutsche Konservatismus anerkennt das altgermanische Recht der Mitbeteiligung der Volksge­nossen an der Beratung und Erledigung der Volks­angelegenheiten, aber das Problem ist dieses einem jedem zustehende Recht in eine Form zu bringen, in der die Stimme t nicht nur gezählt, sondern auch gewogen werden, und jeder gemäß seiner persönlichen und sozialen Bedeutung zur Geltung kommt und der organischen Volksgliederung gerecht wird. Diese Wahl­rechtsausfassung, die in einem korporativen oder abgestuften Klassenwahlrecht zum Ausdruck kommt und bei dem der Mittelstand als Kern des Volkes ausschlaggebend wirkt, ist nicht reaktionär, wie die radikalen Forderungen, sondern dient einem gesunden wahren Fortschritt. Nach­dem der Redner noch die Bedeutung des Christentums als Faktor der Erziehung und als aufbauende und er­haltende Kulturmacht im Volksleben gewürdigt hatte, schloß er mit einem Apell zur Belätigung dieser An­schauung in einer großen konservativen Partei, die mit allen rechtsstehenden deutsch und christlich fühlenden Kreisen zusammenwirkt, die Arbeit sei schwer und der Kampf heiß, aber Begeisterung Tatkraft und Willens­stärke verbürge den endgültigen Sieg. Landwirt Hatz- mann-Niederneisen behandelte das ThemaFinanreform und Landwirtschaft." In der Debatte drückte Landrat v. Ditfurth-Rinteln zunächst die Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung mit den Natinalliberalen

61. Jahrgang.

zur gemeinsamen Zusammenarbeit aus. Gutsbesitzer von Bodelschwingh-Schwarzenhasel forderte zur ener­gischen politischen Arbeit auf. Albertsheim-Wiesbaden wünschte, daß dem Block von Bassermann bis Bebel, ein Block der Rechten, der deutsch, königstreu und christlich empfindet, entgegengesetzt werde. Amtsgerichts­rat Weyhe-Cassel erklärte, daß an einem Auseinander- fall der Konservativen nicht zu denken sei. Folgende Resolution fand Annahme: Die Provinzialversammlung der Konservativen Partei für Hessen-Nassau spricht dem Vorstände der deutsch-konservativen Partei ihr vollstes Vertrauen und ihren Dank für die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre aus. Sie hofft, daß es gelingen wird, die staatserhaltenen Parteien zu einer fruchtbringenden Tätigkeit für unser Vaterland wieder zu einigen. Gegen 6A Uhr schloß der Vorsitzende die Tagung. Um 12 Uhr vormittags fand eine Delegierten-Versammlung statt in der von Pappenheim« Liebenau über die Organisation der Partei in Hessen- Nassau referierte. Eine Verbesserung sei anzustreben, um keine Niederlagen hier wie die in Lyk zu erleben. Außerdem wurde über die konservative Presse im allge­meinen gesprochen.

Deutsches Reich.

Wildpark (Potsdam). Der Kaiser traf hier Sonntag vormittag nach 10'/a Uhr von Wiesbaden kommend ein. Zum Empfange fanden sich ein: die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise der Kron­prinz und die Kronprinzessin, Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich, Prinzessin August Wilhelm und Prinz Oskar. Die allerhöchsten Herrschaften begaben sich in Automobilen nach dem Neuen Palais.

Berlin. Der Kaiser hat im Einvernehmen mit Roosevelt wegen der durch den Tod des Königs Eduard eingetretenen Trauer das Programm für den Empfang Roosevelts eingeschränkt. Roosevelt wird mit Familie bei dem amerikanischen Botschafter Mr. Hill absteigen und alsdann mit Frau Roosevelt und seinen Kindern einer Einladung des Kaiserpaares nach dem Neuen Palais zum Frühstück folgen. Für den nächsten Vor­mittag ist eine militärische Uebung in Döberitz in Aussicht genommen. Für den 12. Mai hat der Reichs­kanzlers ein Diner in kleinerem Kreise zu Ehren Roose­velts geplant. Die Vorlesung in der Universität findet programmäßig statt.

Graf Zeppelin wurde während seines Aufenthalts in Berlin zum erstenmal Großvater; Graf Brandenstein- Zeppelin und Frau zeigen die Geburt einer Tochter an.

In der Schule des Leöens.

Roman von Editha v. Welten. 7

Ja, sie wollte ein modernes Mädchen sein, sich ihr Dasein formen mit starker Hand und dereinst selbstän­dig in der Welt dastehen. O, sie wollte nicht heiraten, nie, nie, ihr waren alle Männer so schnuppe, und wenn sich keiner in ihr häßliches Gesicht verlieben wollte., na, sie würde ihnen nicht nachlaufen. Die Grete, ja, mit der war's anders, das arme Ding hatte nicht den hellsten Kopf, wie quälte sie sich mit dem bißchen Buch- halterinnen-Examen, die mochte getrost auf eine Verlo­bung hoffen, vielleicht wurde ihr es nicht so sauer, mit ihren hübschen, braunen Augen einen Mann zu angeln, als die doppelte italienische Buchführung zu begreifen.

Der unreife Backfisch hatte so seine eigenen respekt­losen Gedanken, auch über seine Familienangehöri­gen. Ottilie war eben ohne rosige Brille auf die Welt gekommen und sah die Dinge klar und nüchtern wie sie waren. So hatte sie auch schon in jungen Jabren erkannt wie die Sachen standen, daß des Vaters Pas­sivität und der Mutter Rührigkeit sich glücklich er­gänzten, daß der eine tat, wie die andere wollte, daß man die Ehe darum eine glückliche nannte, und .. daß doch der rechte Sonnenschein im Hause fehlte. Ge­rade wie bei Willfurths, nur daß dort die Geister auf einander platzten, so lange Onkel Professor lebte. Jetzt war es das reine Paradies. Ja, die Lina, die hatte es gut, Taschengeld wie Heu, und immer Vergnügen und schöne Kleider und eine Mutter, wie sie in dem Buche stand

Aber auf ihre eigene ließ Ottilie nichts kommen, bewahre! Sie konnten Gott danken, daß sie sie hat­ten. Grete und der Vater mochten freilich im stillen manchmal seufzen,. doch auch sie hatten es längst auf- ge^eben, sich gegen die Gewaltige aufzulehnen.

Herr Nerling hatte überdies das geeignete Tempera­ment, sich beherrschen zu lassen, ihm war schließlich ganz wohl unter dem Zepter seiner Frau.

Trotz der mageren Kost hatte er ein ganz stattliches Bäuchlein bekommen, auch einem frischen Trunk unter guten Freunden war er durchaus nicht abgeneigt. Leider durfte er diesem Hange selten stöhnen, nur der Ke­gelabend einmal in der Woche, den er sozusagen mit in die Ehe gebracht und der sich im Laufe der Jahre in einen Skatabend verwandelt hatte, war ihm er­laubt. Das Rauchen hatte rhm die junge Gattin schon in den ersten Monaten nach der Hochzeit abgewöhnt, seitdem schnupfte er ganz vergnügt seinen Schneeber- ger. Er war ein fleißiger, pflichttreuer Beamter mit be­schränktem Untertanenverstand, eins der kleinen uner­müdlichen Rädchen im Betriebe des Staatswesens. Nach langjähriger Dienstzeit und tadelloser Führung winkte ihm der Rechnungsrat, vielleicht auch ein rotes Or- densbändchen, dann waren die Kinder groß, und er genoß die Ruhe des Alters.

Wohl dem der sich ein so bescheidenes Lebensziel gesteckt hat, er wird weniger Enttäuschungen erleben, als der, den Illusionen narren und auf schivindeln- den Pfaden bald in die Höhe führen, bald in die Tiefe stürzen.

Der Winter ging und *brachte nach zahllosen, rau­schenden Festen für den genießenden Teil der Mensch­heit endlich eine gewisse Müdigkeit in die geselligen Beziehungen. Erfahrene Leute wollten wissen, daß noch nie so viel los gewesen sei im Städtchen, wie in diesem Jahre; die'tanzlustige Jugend war beson­ders auf die Rechnung gekommen. Der Maskenball im Februar war glänzend verlaufen, und Lina, die nach Ansicht ihrer Mutter blendend schön ausgesehen hatte, erzielte durch ihn ihren ersten Heiratsantrag. We­nigstens mußte ihre Erscheinung so überwältigend auf den Betreffenden, einen jungen Kaufmann, gewirkt

haben, daß er, der sich von allen Verehrern am wenig­sten hervortat, am nächsten Tage den Mut hatte, bei Frau Willfurth um die Hand ihrer Tochter anzuhal- ten. Von Mutter und Kind einstimmig abgelehnt, wußte er sich sehr bald zu trösten, indem er einem an­deren wohlhabenden Mädchen seine Huldigungen zu- wandte und zwar mit besserem Erfolge. Als seine Verlobungsanzeige bei Willfurths einlief machte sie in­dessen wenig Eindruck, da eine andere, sehr überraschende sie gänzlich in den Schatten stellte.

Amalie Nerling hatte sich verlobt.

Mit dem neuen Lehrer des Gutes, der noch kein hal­bes Jahr die Stelle hatte, und dem das nicht hübsche, aber kluge und verständige Mädchen gleich bei der er­sten Begegnung sehr gefallen hatte. Ein schüchterner, kleiner Liebesroman, in dem ein vergessenes Buch, ein gemeinsamer Krankenbesuch und auch einige komische Zufälle eine Rolle spielten, schloß sich an diese elfte Begegnung, und ehe noch Amalie selbst über ihr Den­ken und Fühlen klar geworden war, sagte es ihr ihre Prinzipalin und zukünftige Patronin auf den Kopf zu, daß sie und der Lehrer ein Paar werden müßten. Und es war gekommen, wie es die gutherzige Dame vorausgesehen hatte, und obgleich es ihr leid tat, die tüchtige Lehrerin ihrer kleinen Mädchen zu verlieren, hatte sie doch große Freude an dem protegierten Bünd­nis.

Bei Nerlings rief die unerwartete Kunde nicht ge­ringe Aufregung hervor; die Eltern glänzten vor Be­friedigung, trotzdem es die Mutter nicht wahr haben wollte, und Ottilie war fast nicht zu bändigen vor Ueber- mut.

Hurra! Viktoria!" rief sie einmal über das an­dere.Unser Weizen blüht! Grete, freue Dich, wenn es so weiter geht, kommen wir alle an die Reihe, jetzt bist Du am dransten. Lerne nur fleißig Deine Schreib­maschine, gewiß tippst Du Dir noch mal einen gut situierten Prokurator an .. Prokuristen, wollt' ich sagen."