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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
________ Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis utit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 37. Samstag, den 7. Mai 1910 61. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 3016 K. A. Die Landwirtschaftskammer wird im Monat Juni d. Js. Stutfohlen in Rheinland und Belgien ankaufen und unter den Bestellern öffentlich versteigern lassen. Diejenigen Landwirte, welche Bedarf für Fohlen haben tun gut, etwaige Bestellungen so rasch wie möglich an die Landwirtschafts- tammir einzusenden. Die näheren Bedingungen sind imAtsbl. derLandwirtschaftskammer Nr. 18 veröffentlicht.
Schlüchtern, den 4. Mai 1910.
Der Königliche Landrat: Valentin er.
Sosialdemokratie und Landbevölkerung.
Schon seit Jahren ist die Sozialdemokratie eifrigst bemüht, auch die Landbevölkerung für sich zu gewinnen. Die Landleute sind nicht auf den sozialdemokratischen Leim gegangen, und sie tun recht daran; denn die Sozialdemokraten sind die ärgsten Feinde der Landbevölkerung. Weil die Landleute aber trotz ihres einfachen Wesens kluge und verständige Leute sind, blieben die Bemühungen der roten Apostel des Umsturzes bisher so gut wie fruchtlos.
Niemand spürt in seinem Berufe mehr die Abhängigkeit von Gottes Vaterland als der Landmann, mag er nun Besitzer oder Arbeiter sein. Sendet Gott nicht zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, so bleibt alles Sorgen und Mühen, des Landmanns umsonst. Er fühlt wie kein zweiter, daß an Gottes Segen alles gelegen ist, und deshalb sind die Landleute fromme Leute, denen die Religion innerstes Herzensbedürfnis ist, und die ihren frommen Christenglauben als ein yerrliches Kleinod und unschätzbares Erbteil ihrer lieben Eltern betrachtet. Was aber tut die Sozialdemokratie? Die Sozialdemokratie sucht den Menschen Religion und Christentum aus den Herzen zu reisen, und schon wegen dieser grundverschiedenen Stellung zur Religion kann ein Landmann niemals Sozialdemokrat sein.
Wenn man den roten Sendboten des Umsturzes, die der Agitation halber auf die Dörfer kommen, die religionsfeindliche Stellung ihrer Partei entgegenhält, so tun sie freilich sehr entrüstet und weisen auf einen Satz in ihrem Parteiprogramm hin, der da lautet: „Religion ist Privatsache!" Das heißt, so fügen sie erläuternd hinzu: bei uns kann jeder glauben, was er will. Nun ja, das Papier ist bekanntlich geduldig, und schreiben kann man viel. Jener Satz steht allerdings im sozialdemokratischen Parteiprogramm, aber er
wird nur nicht befolgt, vielmehr geschieht in Wirklichkeit das Gegenteil. Der große verstorbene Hofprediger Stöcker, der Zeit seines Lebens einer der furchlosesten und tapfersten Gegner der Sozialdemokratie war und ihr so manchesmal die heuchlerische Maske vom Antlitz gerissen hat, hat einmal gesagt, der Satz „Religion ist Privatsache" im sozialdemokratischen Parteiprogramm sei eigentlich kein vollständiger Satz, sondern nur die Hälfte eines Satzes und müßte vervollständigt vielmehr so lauten: „Religion ist Privatsache, Gottesleugnung und Christentumsseindlichkeit ist Parteisache." So ist es in der Tat. Die Sozialdemokratie duldet in ihren Reihen nur Leute, die zur Fahne des Unglaubens geschworen haben. Wer als organisierter Sozialdemokrat wagt, sich kirchlich trauen oder seine Kinder taufen zu lassen, der hat fortan keine ruhige Stunde mehr. Er wird in Werkstatt und Fabrik oder auf dem Bau'n einer Weise gehänselt und kujoniert, daß er des Lebens nicht mehr froh zu werden vermag. Und wer läßt denn auch fortwährend den Ruf erschallen: „Hinaus aus der Kirche!" und hält zu diesem Zwecke Versammlung über Versammlung ab? Niemand anders, als die Sozialdemokaten.
Auch haben die Führer der Sozialdemokratie aus ihrem Herzen keine Mördergrube- sondern oftmals frank und frei ihre Religionsfeindschaft eingestanden. So sagt das gefeierte Oberhaupt der Sozialdemokratie Bebel in einer seiner Schriften: „Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber, wie Feuer und Wasser", und am 31. März 1881 erklärte derselbe Bebel öffentlich im Reichstage: „Wir Sozialdemokraten erstreben auf religiösem Gebiete den Atheismus", das heißt auf gut Deutsch: „Wir Sozialdemokraten leugnen den lieben Gott". Engels aber, der mit Marx die Sozialdemokratie geschaffen hat, schreibt: „Wir haben der Religion und den religiösen Vorstellungen ein für allemal den Krieg erklärt und kümmern uns wenig darum, ob man uns Gottesleugner oder sonst irgendwie nennt.". Liebknecht ferner hat das Christentum als „Knechtseligkeit", „Fäulnis", „Tod" und als ein „Gespenst der Vergangenheit" beschimpft, und der einstige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Most endlich war so bodenlos gemein, die Biebel das „infamste aller Schandbücher" zu nennen.
Und mit solchen Gotteslästerern und Gottesleugnern 'ollten sich unsere Landleute, die samt ihren Familien eit altersher in Gottesfurcht und Frömmigkeit festgewurzelt sind, einlaffen? Nimmermehr! Schon wegen
des Religionshasses der Sozialdemokratie kann ein Landmann niemals Sozialdemokrat sein oder sozialdemokratisch wählen. ___
Deutsches Reich.
— Berlin. ^Die Kaiserliche Famile wohnte der Festoper, am 4. ds. Mts., im königlichen Hoftheater in Wiesbaden bei. Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise reisten dann nach dem Bleuen Palais bei Potsdam ab.
— Die Hochzeit des Prinzen Friedrich Wilhelm. Die Vermählung des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen mit der Prinzessin Agathe von Ratibor findet am 28. Mai in Potsdam statt. Am 29. Mai trifft das Paar auf dem zur Herrschaft Camenz gehörenden Schlosse Seitenberg ein, wo es sechs Wochen verweilen wird.
— Zeppelin-Nordpolfahrt. Zur Zeppelin-Polar- fahrt wird noch mitgeteilt, daß die Studienkommission bei der Vorexpedition kein Luftschiff mitnehmen wird. Die Frage eines Eisschiffes wurde gestern nochmals besprochen. Die Kommission hofft, vom Reiche den „Poseidon" gestellt zu bekommen. Graf Zeppelin trat gestern die 'Rückreise nach Friedrichshafen an.
— Der Reichstag beendete am Sonnabend die zweite Lesung des Gesetzentwurfs über die Aufstandsausgaben in Deutsch-Südwestafrika. Nachdem Staatssekretär Dernburg nochmal energisch gegen die Anträge, des Abgeordneten Erzberger (Z) Front gemacht hatte, wurde die Resolution der Kommission, einzelne Teile davon einstimmig, der Punkt betreffend Heranziehung der vor Ablauf des Aufstandes in Südwest domizilierten leistungsfähigen Personen und Gesellschaften gegen die Stimmen der fortschrittlichen Volksparteiler unter Ab- lehnung aller anderen Anträge angenommen. — Am Montag wurde nach ganz kurzer Debatte in erster und zweiter Lesung die Novelle zum Posttaxgesetz angenomipen, die für die Ausfertigung einer Einlieferungsbescheini- gung für Pakete mit Ausnahme der überseeischen die Erhebung einer Gebühr von 10 Pfg. vorsieht. Sodann wurde auch das Stellenvermittlungsgesetz nach Ablehnung aller Anträge der fortschrittlichen Volkspartei, die auf Verminderung der polizeilichen Kontrolle hinausliefen, in der Kommissionsfassung in zweiter Lesung angenommen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend zunächst den Etat der Medizinalverwaltung, wobei sich die Debatte im wesentl^en um die Neu-
- In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 6
„Ach, Puter!.. mit Kastanien oder mit Trüffeln?" Lina lachte. „Wenn ich das noch wüßte! Was magst Du denn lieber?"
„Ich? Du meine Güte! Trüffeln habe ich überhaupt noch nicht zu sehen bekommen und Kastanien .. echte .. nur von weitem. Ich las nur zufällig mal in Mut- ters Kochbuch, nachdem sie aber nicht kocht, daß es so etwas gäbe wie Puter mit Kastanien oder Puter mit Trüffeln."
„Kinder, ich habe einen Einfall!" Lina klatschte fröhlich in die Hände. „Hört mal zu. Ihr wißt doch, daß ich jetzt bei Mama ernsthaft kochen lerne .. Apfelmus kann ich schon .. da will ich mir rechte Mühe geben, bald auch die feinsten Geschichten zu machen, und dann lade ich Euch beide ein. Das soll uns aber schmecken! Auf Bällen und Gesellschaften hat unsereins so ganz andereJnteressen,da wünscht man nur, das Menü wäre erst zu Ende."
„Ich wollte mich schon durchessen," versicherte Ottilie.
Grete meinte zu dem Vorschlag traurig: „Mutter wird es nicht haben wollen."
Aber Ottilie war begeistert. „Angsthase! Du denkst wohl, sie denkt, daß uns dann unsere „bescheideneHausmannskost" nicht niehr schmecken werde? Da will ich ihr den Gegenbeweis liefern: ich verpflichte mich, für Dich mitzuessen, wenn es dicke Erbsen gibt. Mer, Lina, Dich nehme ich beim Wort, und sei hübsch aufmerksam und gelehrig bei Deinen Kochstudien, ich werde jedenfalls eine sehr sachverständige Kritik üben."
„Heute sagen wir aber noch nichts," entschied Grete. „Sonst hat Mutter tausend Gründe dagegen. Wir müssen sie überrumpeln. Und jetzt Vorsicht, sie muß gleich hier feilte es ist halb sieben, und um sieben kommt Vater."
Die drei Verbündeten reichten sich lachend die Hände und gelobten sich Stillschweigen.
„Bei Deiner ersten Gänseleberpastete! Lina!"
„Bei Deinem unverwüstlichen Appetit! Ottilie!"
Grete holte Linas Sachen von dem dunklen Korridor herein, da diese erklärte, nun fort zu müssen, und half ihr beim Anziehen. Liebkosend strich sie über den Seidenplüsch des Mantels und dachte dabei an ihre abgetragene Jacke mit den engen Aerineln und den ausgereckten Nähten; sie hätte schon im vorigen Winter eine neue haben müssen. Ach, wenn sie doch erst Geld verdiente!
Linas elastischer Tritt verhallte schnell auf der steilen Treppe, und die beiden Schwestern saßen wieder wie vor dem Besuch, emsig über Arbeiten gebeugt. Grete mühte sich mit den Unterlängen ab, die das System Stolze-Schrey extra zur Qual aller Stenographielernen- den erfunden haben muß, und konnte nicht verhindern, daß ihre Gedanken immer wieder von den krummen Linien abschweiften,wenn sie aber momentan die Augen schloß, war es noch schlimmer, da hörte sie die lockendsten Weisen und summendes Stimmengewirr, da sah sie sich selbst im duftigen Kleide auf glattem Parkett dahinflieaenim Arm eines flotten Tänzers. O, warum mußte sie dürsten, wo andere den berauschenden Trank des Lebens in vollen Zügen schlürften? Auch sie war jung, achtzehn Jahre, und nicht häßlich, der Spiegel und mancher bewundernde Blick auf der Straße sagten es ihr; auch ihr rollte das Blut warm durch die blühenden Glieder, warum mußte sie immer entbehren, immer entsagen?
Die Mutter wollte es so.
Ja, die Mutter, die Beherrscherin des phlegmatischen Gatten und des ganzen Hauses, hielt mit harten Händen die Zügel, da gab es kein Bäumen, kein Ausschlagen; sie wollte ihre Kinder zu freien Menschen erziehen durch die Knechtschaft: lernt und gehorcht, war ihre
Richtschnur. Ihre beiden ältesten Kinder, Emil und Amalie, hatten sich ausgezeichnet in ihre Methode gefunden, beide gutartig und lernbegierig, beugten sie sich der besseren Einsicht der Mutter, gehorchten und lernten, daß es eine Freude war. Um so schwerer war der Schlag gewesen, den Emil durch seine übereilte Verlobung ihrem Herzen versetzt hatte, gerade der Liebling, für den sie gespart und gedarbt hatte, um sein Studium zu ermöglichen, gerade er machte ihr den ersten Kummer.
Doch energisch wie sie war, unterdrückte sie mit heldenmütiger Anstrengung ihren Unwillen, sagte sich, daß geschehene Dinge nicht zu ändern wären, und gab ihren mütterlichen Segen.
Amalie war vorläufig gut untergebracht, sie gefiel sich in ihrer Stellung, und war stolz auf die ersten Ersparnisse, über die sie nach Hause berichtete.
Nun handelte es sich um Grete und Ottilie.
Entgegen der Gewohnheit anderer Mütter, für ihre Töchter zunächst die Ehe als Versorgung ins Auge zu fassen, strebte sie dahin, sie möglichst unabhängig zu machen.
„Jedes Mädchen sollte etwas ergreifen," predigte sie ihnen oft, „Jugend, Schönheit, Reichtum, alles ist vergänglich, Eure Bildung, Euer Wissen kann Euch nicht geraubt werden.
„Auch ich war ein armes Mädchen und ich war so glücklich, einen Mann zu bekommen, was aber wäre wohl aus mir geworden, wenn ich mich nicht verheiratet hätte, oder wenn Euer Vater jung gestorben wäre. Ich mag es nicht ausdenken! Nächst den unversorgten Mädchen tun mir am meisten die armen Witwen leid, die plötzlich des Ernährers beraubt, dem Kampf mit Leben ohne Wehrund Waffenpreisgegeben sind."
Grete ließ leicht den Kopf hängen bei solchen Reden, indessen Ottilie .kluge Augen machte und mit Behagen Mutters Weisheit in sich sog. 168,18