ZlWchternerMung
mit amtlichem Areisblatt...... Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber
_________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
M 36.
Mittwoch, den 4. Mai 1910
61^^rgang.
Amtliches.
Jum Himmelfahrtstage,
Der Himmelfahrtstag wird in weiten Kreisen der Bevölkerung jedesmal mit Freuden begrüßt — als einer von den wenigen Tagen im Jahre, die nach dem Kalender inmitten der Woche und Wochenarbeit fallen und nun als Feiertag eine doppelt willkommene Abwechselung in deren Einerlei bilden. Hierzu kommt, daß er in die schönste Blütenzeit des Jahres fällt, und so ist er denn ein rechter Massenausflugstag geworden, zu dem schon Wochen voraus eifrige Vorbereitungen getroffen werden. Das ist alles gut und schön und niemand wird zumal dem ohnedies über Gebühr einge- ferchten Städter, den Genuß vergällen wollen, in Gottes freier Natur Körper und Geist wieder einmal nach Herzenslust aufzufrischen. Wenn die fröhlichen Spaziergänger nur wirklich auch daran denken wollten, daß diese köstliche Schönheit, Frische und Reinheit, die sie draußen umgibt, ein Werk Gottes ist! Man hört, es oft aussprechen: Wir können Gott in der Natur genau so gut und vielleicht noch besser verehren, als in der Kirche. Nur schade, daß, wenn man sich ihnen anschließt, so herzlich wenig von diesem „Gottesdienste" zu merken ist I Und wenn sie wirklich sich zu einer oft recht verschwommenen und unklaren Gottesvorstellung angeregt fühlen, die gerade bei Naturschwärmern dieser Art meist in den völlig verflachenden Pantheismus zurücksällt: vom Tage der Himmelfahrt, von dem eminent christlichen Charakter dieses Festes, gar von einer Versenkung in seine Geheimnisse und Offenbarungen, ist bei dem allen noch lange keine Rede. Vielleicht eher von einer recht häßlichen Feindschaft und Verhöhnung des Feiertags und seines Inhalts als einer völlig veralteten und unhaltbaren Behauptung der Kirche. Da wird über alle Unmöglichkeiten derselben eifrig und hitzig disputiert; und über Unergründlichem wie herzlich Nebensächlichem vergißt man die Hauptsache: daß Himmelfahrt die dankbare Erinnerung wecken sollte an alles, was der erhabene Stifter der christlichen Religion bis zum letzten Abschluß seines Erdenwaltens für die gange Menschheit wie jeden Einzelnen von uns tatsächlich gewirkt hat! Und statt all des gelehrten und ungelehrten Weisheitskrams, mit dem man gegen die Kunde von der Himmelfahrt Christi Sturm zu laufen versucht, sollte man einmal sein großes letztes Testamentswort an die Jünger überdenken: „Darum gehet hin, und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geistes. Und . lehret sie halten,
St. 307. Diejenigen Gemeindebehörden des Kreises, in deren Bezirk für 1909 Gewerbesteuern veranlagt worden sind, erhallen in den nächsten Tagen die Gewerbesteuerrollen für 1909 mit dem Ersuchen, sie vom 6. Mai bis einschl. 13. Mai 1909 öffentlich auszulegen und den Ort und die Zeit der Auslegung vorher und zwar sofort in ortsüblicher Weise bekannt machen zu lassen. In der Bekanntmachung ist darauf hinzuweisen, daß nur Steuerpflichtigen des Veranlagungsbezirks die Einsicht in die Rollen gestattet ist. Die Rollen sind hier mit den außerhalb veranlagten Gewerbesteuerteil' betrügen in Spalte 7 ergänzt und aufgerechnet worden. Vor der Aufforderung müssen die Rollen am Schlüsse mit der vorgeschriebenen Bescheinigung über das Gewerbesteuersoll versehen sein. Am 10. Mai 1909 ist auf der Titelseite der Rollen die Auslegungsbeschei- nigung zu erteilen.
Schlüchtern, den 28. April 1910.
Der Vorsitzende
der Kreisausschüsse der Gewerbesteuer-Klasse III. u. IV.
Valentiner.
Himmelfahrt.
Es schmückte sich mit ihrem schönsten Kleide Zum Feste rings die prangende Natur. Wie blitzt und funkelt rings das Perlgeschmeide Viel tausendfarbig auf der Frühlingsflur;
Wie feierlich in ungemessner Weite Erglänzt des Himmels leuchtender Azur! Nun mag das Menschenherz nicht länger warten, Sich zu ergeh» in Gottes schönem Garten.
Ihm klingen leise noch die Osterglocken Gleich mildem Geisterrufe mahnend fort. Da jauchzt es auf in seligem Frohlocken, Und wahr und wahrer wird das Osterwort; In seinen heil'gen Tiefen, froh erschrocken, Erkennt's des Lebens wunderbaren Hort: Mag auch der Schöpfung Pracht zurück es halten, Nach oben drängen stärkere Gewalten.
Denn himmelan! Das ist die Losung heute, Die siegsbewußt auf Feld und Flur erklingt; Und wie, erwacht zu neuer Lieder Freude, Die Lerche sich empor zum Aether schwingt Und alles, was des rauhen Winters Beute, Dem Erdenstaube machtvoll sich entringt, So sollst auch du, o Mensch, dein Herz erheben, Nach höhrem Ziele sollst du rastlos streben!
alles, was ich Euch befohlen habe." Wie mag das Wunder zu erklären sein, daß dies Abschiedswort, zu elf schlichten verlassenen Männern gesprochen, in kaum zwei Jahrtausenden schon alle fünf Teile der Welt sich erobert hat? Möge solch greifbarer Segen der Himmelfahrt gerade in den Wirren unserer Zeit eine doppelt klare, leuchtende und wärmende Richtlinie sein!
Deutsches Reich.
— Anläßlich der Geburt eines mecklenburg-schweriner Thronerben hat der Kaiser an den Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg folgendes Telegramm gerichtet: „Teile Deine und Deines Landes Freude von ganzem Herzen und wünsche dem jungen Erzherzog alles Gute auf seiner Lebensbahn. Die Patenschaft nehme ich mit aufrichtigen Danke sehr gern an. Herzlichen Gruß und innigste Wünsche der glücklichen Mutter. Wilhelm."
— Der Reichstag erledigte am Dienstag Wahl- prüfungen. Alle 15 Mandate, auch die, deren Ungültigkeit von der WahlprUfungskommission beantragt worden war, wurden für gültig erklärt. Nur inbezug auf die Wahl des nationalliberalen Abg. Kleye (Wolfenbüttel-Helmstedt) wurde Zurückverweisung an die Kommission beschlossen. — Am Mittwoch wurden verschiedene kleinere Vvrlagen erledigt. Die Verlängerung des deutschschwedischen Handelsvertages wurde in dritter Lesung genehmigt, ebenso der Gesetzentwurf über die Haftung des Reiches für seine Beamten. Debatte« los wurden die beantragten Aenderungen des Reichsschuldbuchs angenommen. Nur der letzte Punkt der Tagesordnung, die drite Beratung der Veteranenbeihilfen brächte nochmal^verschiedene Redner auf den Plan, doch wurden die Veteranenbeihilfen schließlich einstimmig beschlossen, was mit lauten Bravorufen ausgenommen wurde. — Am Freitag begann die zweite Lesung des Gesetzentwurfes über die Verteilung der Kriegskosten des Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika. Dabei kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Erz- Rrger (Z.), der die gesamte Kolonialpolitik des Staatsekretärs Dernburg kritisierte und diese Politik eine ediglich auf die Interessen der Großkapitalisten zuge- chniltene Politik nannte, und dem Staatssekretär. Dieser wies die Angriffe Erzbergers geschickt und energisch zurück und kam schließlich zu dem Ergebnis, daß das Eigentum auch in den Kolonien ein unverletzliches Recht ist und nur aus Gründen des öffentlichen Wohls be- chränkt werden darf. Gewiß sollen nach Möglichkeit )ie Kosten der Kolonie auch von dem Reichtum in den Kolonien aufgebracht werden, aber jede Kriegssteuer sei zu verwerfen.
In der Schule des Leöens.
Roman von Editha v. Welten. 5
Er war ein begabter und strebsamer Jüngling, hatte aber zum Leidwesen seiner Angehörigen die Torheit begangen, sich in ein zwar hübsches und gebildetes, aber völlig vermögensloses Mädchen zu verlieben, und sich gleich nach bestandenem Physikum mit ihr zu verloben.
Heute war Lina mitten in einen Disput gekommen, der sich zwischen Grete und Ottilie über ein soeben eingetroffenes Bild des Brautpaares erhoben hatte. Man kannte die neue Schwägerin noch nicht persönlich und versuchte nun, sie nach dem Bilde zu beurteilen. Es wurde in bester Beleuchtung vor Lina aufgebaut und sie aufgefordert, ihre Meinung recht gründlich zu äußern.
„Und wenn sie Dir nicht gefällt," rief Ottilie, „so sage es nur ruhig, geniere Dich kein bißchen, mir gefällt sie nämlich auch gar nicht."
„Aber Ottilie," zürnte Grete," ich begreife Dich nicht. Eveline ist eine wirklicheSchönheit,das schreibt nicht nur Emil..
„Der ist nicht maßgebend!"
„Das sagt auch Herr Heinrich, der sie im vorigen Sommer kennen gelernt hat."
Das sechzehnjährige Ding rümpfte wegwerfend die aufgestülpte Nase.
„Lehre Du mich die Männer kennen," sagte sie mit der Miene einer erfahrenen Schwiegermutter, „die schwär- men jedes glatte Lärvchen an. Uebrigens habe ich ihre Schönheit durchaus nicht bestritten, ich habe nur gesagt, sie gefiele mir nicht."
„Und warum nicht, wenn ich fragen darf?" Wurde Grete gegen ihre Schwester höflich, so deutete das immer auf innere Gereiztheit. Ottilie wußte es wohl.
„Rege Dich nicht auf, geliebtes Gretchen. Der Geschmack ist ja verschieden. Daß Emils Zukünftige ein Madonnengesicht hat, gebe ich zu, aber Madonnen haben
immer so unmoderne Profile; mir sind die langen Nasen langweilig."
„Nun, Du," rief Grete heftig, „kannst Dich freilich über die Länge der Deinigen nicht beklagen. Dich wird keiner für eine Madonna halten."
„Gut gebrüllt, Löwe," versetzte Ottilie gelassen, „meine Nase ist jedenfalls viel interessanter als manch eine, was lassen sich allein für Witze daran hängen."
Die beiden andern lachten, und Lina beeilte sich, den Streit der Schwestern dadurch zu beenden, daß sie sagte: „Nun laßt mich aber aucb einmal zu Worte kommen, Ihr bösen Mädchen. Ich finde Evelines Gesicht sehr schön und lieblich, nur etwas matt im Ausdruck, aber sie hat so gute Augen."
„Und herrliches Haar!" lobte Grete.
„Und große Hände!" fuhr Ottilie fort, deren einzige Schönheit ihre feingeformten schmalen Hände waren.
„Ottilie, Du bist unausstehlich. Alles mußt Du doch immer herabsetzen, ich weiß gar nicht, wie man so sein kann."
„Ach, sie meint es nicht so schlimm," beschwichtigte Lina, „nicht wahr, Ottilie? Du hast im Grunde ja doch ein gutes Herz, Du tust manchmal nur so absprechend."
Die also Beurteilte schnitt eine fürchterliche Grimasse. „Weiß nicht, habe noch nicht so eingehend über mein wertes „Ich" nachgedacht. Du magst recht haben. Aber ich kann es nicht leiden, wenn alle Welt etwas so an= himmelt, da muß ich immer mal kräftig dazwischen fahren. Und jetzt muß ich Euch das Vergnügen meiner Gegenwart ein Weilchen entziehen, ich habe noch Vokabeln zu lernen."
„Hast Du denn noch französische Stunden?"
„Freilich, kleines Mädchen, und englische auch, sintemalen meine Sprachkenntnisse gähnende Lücken aufweisen, die einer umfassenden Bildung Abbruch tun. Also: Adieu."
Sie warf Lina eine Kußhand zu und verschwand in der Tür des Zimmers, in dem sie und Grete schlie
fen, und das sie seiner Länge und Schmalheit wegen die Schote nannte. Als sie nach etwa zwanzig Minuten ins Wohnzimmer zurückkam, saßen Grete und Lina eng aneinander geschmiegt auf demfadenscheiniaen Sofa und plauderten eifrig von der großen Tanzgesellschaft, die Lina am letztenSonnabend in einer bekannten, anTöchtern wie an Glücksgütern reichen Familie mitgemacht hatte.
Wie natürlich, waren diesmal die Töchter des Hauses am meisten gefeiert worden, aber Lina war deshalb nicht zu kurz gekommen und erzählte lebhaft von Tänzern, Extratouren, Blumen und Ballgesprächen, und Grete hörte ihr entzückt und mit geröteten Wangen zu.
„Dachte ich es mir doch," rief Ottilie, die beim Eintreten noch einige Worte aufgefangen hatte. „Da sind sie richtig wieder beim Referendar oder Leutnant von Soundso. Wieviel Orden hat er denn bekommen beim Kotillon?"
„Ich weiß nicht, wen Du meinst," sagte Lina etwas betreten.
„Reingefallen, Schatz! Nein, wie sie rot wird. Ich sprach es nur so hin; für Dich gibt es also schon einen Er, groß geschrieben. Wie heißt er denn sonst noch?"
„Laß dochsolcheunzarteNeckereien,"schaltGrete, „Du wärest wohl die letzte, der man seine erste Liebe anvertrauen würde, nicht wahr, Lina?"
Diese nickte erleichtert.
„Besonders wenn man noch keine hat. Mir ist keiner lieber als der andere, nur schlecht tanzen darf er nicht."
„Schlecht tanzen ist kein Charakterfehler," bemerkte Ottilie weise. „Aber sage, teuerste Lina, was gab es denn Schönes zu füttern?"
„Zu essen, willst Du sagen? Ja, liebste Ottilie, da fragst Du mich zu viel, bei Tische werde ich wohl noch gewußt haben, was ich aß, aber inzwischen habe ich es rein wieder vergessen. Doch, warte einmal, mir ist, als hätte es unter anderem auch Puter gegeben."
Ottilies Augen funkelten. 168,18