SchlüchternerMung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
‘___Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie
von
der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlstchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Sind die weltstadtischen Zeitungen interessanter als die Kreis- und Lokalzeitungen?
„Welche Frage!" wird sicher mancher Leser denken, „selbstverständlich sind die großen Zeitungen interessanter, denn sie sind ja weit inhaltreicher."
Diese Meinung in Ehren! Zutreffend vom Standpunkt derer, die sich das Heimatgefühl bewahrt haben, die „dem Ort, wo ihre Wiege stand" auch dann noch besonderes Interesse entgegenbringen, wenn sie ihn längst verlassen haben — ist sie jedoch nicht.
In einer Weltstadt — sagen wir Berlin — sind so ziemlich alle Kulturvölker des Erdballs vertreten. Die hier anwesenden Vertreter fremder Völker gehören fast ausschließlich den gebildeten Ständen an. Sie kommen hierher, teils aus Reiselust, teils aus Wissensdrang, sowie zur Anknüpfung von Geschäftsverbindungen usw. Wenn auch nicht vollständig, so sind sie der deutschen Sprache jedoch soweit mächtig, daß sie deutsche Zeitungen lesen können. Für diese und ähnliche Besucher Berlins hat es natürlich Interesse, wenn ge in der ihnen fremden Stadt über Land und Volk gedruckte Mitteilungen finden.Es ist deshalbvonnicht zu unterschätz- ender Bedeutung, wenn die weltstadtischen Zeitungen den Anforderungen des internationalen Verkehrs Rechnung tragend, mitunter auch Nachrichten aus den fernsten Winkeln des Erdballs bringen, an denen die einheimischen Leser nicht das geringste Interesse haben. Dasselbe gilt von 'anderen Gebieten des öffentlichen Lebens — insbesondere von Handel und Verkehr. Der Fabrikant, der seine Erzeugnisse auf dem Weltmarkt einführen will, wuß sie in weltstädtischen Zeitungen anpreisen. Der Kaufmann, der sein Lager dem Weltverkehr angepaßt hat, muß dies öffentlich bekannt machen. Und so geht dies weiter bei dem unbeschreib
Aerkannt.
Roman von Lothar Palmer. 30
Doktor Göllnitz hatte die Störung durch die Schneiderin gewissermaßen freudig begrüßt. Er fühlte selbst, daß er zu herb, ja fast kleinlich war, daß er in seiner Empörung über die neuen, ungeheuerlichen Verdächtigungen und Anschuldigungen seiner Braut, seinen ganzen Zorn und Ekel ungerechter Weise auf sie, statt auf den Ver- leumder selbst, ablud. Seine Nerven waren aber durch die fortgesetzten Angriffe und Anwürfe so irritiert, daß er durch Eäcilies ruhige, zärtliche Worte nur noch mehr gereizt worden war, und erst als er beim Abschied aus ihrem starren Antlitz und dem schmerzdurchbebten „Lebewohl" erkannte, wie tief und weh sie getroffen war, ergriff ihn eine reuige Regung. Er wollte einen weiten Spaziergang machen, denn er wußte, daß er sich so am besten wiederfinden und beruhigen würde, und heimkehrend ihr dann einige gute Worte schreiben, damit sie mit der Morgenpost schon durch einen Gruß erfreut würde, da er erst gegen 12 Uhr frei war, um sie aufzusuchen.
ES war ganz eigen, sobald er das Häusergewirr der Stadt hinter sich wußte, und die reine, köstliche Luft ihm die Stirn umwogte, wurden seine Gedanken immer ruhiger, und sein Jdeenkreis normaler. Der köstliche Duft der Blüten atmete ihm entgegen, der jubelnde Klang der Vögel stimmte ihn friedlich, ja fast heiter, ^und nun begann er sich einen pedantischen Toren zu schelten, der sich und seinem armen Lieb das Leben verbitterte. War denn der nicht ehrlos und ein Schurke, der immer und immer wieder aus dem Hinterhalt mit den schmutzigen Mitteln der Verleumdung angriff? Und wenn selbst Cäcilie gefehlt, gab das dem Manne, der ihr Vertrauen und ihre Liebe vielleicht sogar besessen hatte, ein Recht, aus einer weiblichen Schwäche nur Kapital zu schlagen, um sie zu verderben? Kannte er Cäcilie denn nicht, lag nicht ihr ganzes Wesen und Sein wie ein aufgeschlagenes Buch
Samstag, den 2. April 1910
lichen In- und Durcheinander des geschäftlichen Lebens einer Großstadt, herab bis zur allergewöhnlichsten Hantierung.
Und nun erst gar die Politik! Hinter großen Zeitungen stehen zwar nicht selten auch hohe amtliche Personen. Im allgemeinen wird die Zeitungspolitik doch mehr Ansichtssache unverantwortlicher Personen sein.
Dies alles macht die weltstädtische Zeitung zwar umfangreich, keineswegs aber zugleich interessant. Der allergrößte Teil ihres Inhalts ist den ständigen Lesern Hekuba. Sie stehen ihm kalt gegenüber, und „Überschlagen" ihn.
Anders ist der Inhalt der kleineren Zeitungen der Kreis- und Lokalblätter. Diese unterrichteten ihre Leser zwar auch über fremdländische Einrichtungen, Begebenheiten usw.; aber in gedrängter Kürze und gemeinverständlicher Weise. Auch schreiben sie über politische Angelegenheiten; aber in klarer bestimmter Weise. Sie sind weniger sensationslüstern und kommen deshalb äußerst selten in die Lage, morgen das widerrufen zu müssen, was sie gestern ihren Lesern aus der bekannten „sicheren Quelle" aufgetischt haben.
Und wie anregend der übrige Inhalt! Jede Mitteilung, selbst über die alltäglichen Vorkommnisse, erweckt Interesse, führt uns bekannte Bilder vor. Es sei u. a. erinnert an die Verlobungs-, Heirats-, Geburis- und Todesanzeigen. Alle enthalten uns mehr oder weniger bekannte Namen, an die sich angenehme Erinnerungen oder Mitgefühl knüpfen. Jeden Kaufmann, der seine Ware anpreist, jeden Hausbesitzer, der eine Wohnung zu vermieten, jeden Handwerker usw. der sich zur Verfügung stellt kennen wir — überhaupt jeden und jedes was da gedruckt ist, kennt der Leser öb erweckt seine Anteilnahme. Soweit ein Vergleich' überhaupt angebracht, sind die weltstädtischen Zeitungen zu vergleichen mit einer vielstöckigen Mietskaserne, deren nach Hunderten zählenden, stets hastenden und jagenden Bewohner sich einander meist kalt und fremd bleiben. Die kleineren Kreis- und Ortszeitungen gleichen dagegen einem freundlichen Landhause, dessen Be. wohner offene und herzliche Anteilnahme für einander haben und dessen ganzer Zuschnitt stille Zufriedenheit und Gemütlichkeit atmet.
Ich weiß mir etwas liebes auf Gottes weiter Welt, Das stets in meinem Herzen den ersten Platz behält, Kein Freund und auch kein Liebchen vertreiben es daraus,
Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus!
vor ihm, brächte sie ihm nicht eine tiefe, wahre Liebe entgegen, ein überquellendes Herz voll Dank und Hingebung ?
Und wie hatte er sie heute wieder gequält, wie ungerecht war er in seinem Schmerze gewesen. Auf all ihre lieben, guten und dann so wehdurchbebten Worte kannte er nur Anklagen, auf alle ihre Beteuerungen nur Zweifel. Was war das für ein Zwiespalt in ihm, da er sie doch so grenzenlos liebte? Ach ohne sie konnte er sich kein Leben mehr ausdenken, sie war für ihn der Inbegriff allen Glückes, und doch marterte er sie und sich immer wieder.
Heiße, wehe Reue quoll in ihm empor, alles Blut drängte ihm zu den Schläfen, daß er den Hut abnehmen mußte und die Haare von der Stirn zurückstrich. Ha, wie wohl die kühle Luft tat, die den nahen Abend verkündete. Vom nahen Flußufer strich es wie feuchter Wel- lenatem herüber und lauschig still war es ringsum. Ueber die lichtgrünen Wiesen hin eilte sein Blick zum dunklen Waldstreifen in der Ferne, wo die Sonne in roten Tinten versank, und nun spannen seine Träume nach dem Norden, wo er mit ihr eine seligeZeit in glücklicher Weltflucht leben wollte. Ach, das große, zauberhafte Glück, das so greifbar nahe vor ihm lag. Und mit der Hoffnung auf solches Glück hatte er die Gute, Geliebte heute wieder so gequält.
Bei Gott, bei dem Andenken an seine geliebte Mutter, es sollte das letzte Mal gewesen sein. Er wollte sie schützen, verteidigen, nicht anklagen und quälen mehr.
„Bei Gott!" rief er, und hob die Hand wie zu heiligem Schwur gegen den Abendhimmel, und sein Ruf zitterte über den Wasserspiegel hin. Und dann zog er den unseligen Brief hervor und riß ihn in tausend kleine Fetzen, die er dem Abendwinde und dem Fluß zum Spiel gab, und er trat mit den Füßen drüber hin, bis ihm leicht ums Herz wurde.
„So, nun ist'S vorbei,mein armerLiebling,Du sollst nicht mehr so verblaßt vor mir stehen, wie heute, nie
61. Jahrgang.
Eine der schönsten edelsten Aufgaben der kleineren Zeitungen ist es, diejenigen, denen das Schicksal ihren Platz außerhalb des von dem Dichter so schön geschilderten Vaterhauses angewiesen hat, mit der engeren Heimat in steter geistiger Fühlung zu halten. Und daß sie dieser Aufgabe gerecht werden, geht daraus hervor, daß zahlreiche eingcwanderte Großstädter, Männer und Frauen der besseren und besten Stände, die kleine heimatliche Zeitung dauernd halten und mit mehr Interesse und Genuß lesen als die beste Weltstadtzeitung. __
Deutsches Reich.
— Die Bauten der Ansiedlungskommission beziffern sich im Rechnungsjahre 1908 wie folgt: Es haben 529 Bauunternehmer und Bauhandwerker der Provinz Posen für 3716777 Mk. staatliche Bauten auf Grund von 4943 Aufträgen für die Ansiedlungskommission ausgeführt.
— Der Erlös aus Beitragsmarken der Invalidenversicherung hat zum erstenmal den Betrag von 15 Millionen im Monat Dezember v. I. überschritten. Der Erlös betrug fast 15*/a Millionen Mark, genau 15 429 516 Mk. Gegen denselben Monat des vorigen Jahres bedeutet dies eine Zunahme um 817337 Mk. Allein die Landesversicherungsanstalt der Rheinprovinz hat im Dezember für 1790470 Mk. Klebeniarken ab- gesetzt. Mehr als anderthalb Millionen nahm die Versicherungsanstalt des Königreichs Sachsen mit 1576556 Mk. ein, fast ebensoviel die von Schlesien mit 1455679 Mk. Es sind dies nur Beträge, die von der Post eingenommen werden, nicht aber die Beiträge für die Seeleute und nicht die von den Arbeitgebern für polnische Arbeiter russischer und österreichischer Staatsangehörigkeit entrichteten Beiträge. Anderseits sind die für vernichtete Marken erstatteten Beträge von dem Markenerlöse nicht abgesetzt. — Die Sozialdemokratie aber nennt dies alles „das bißchen Sozialpolitik"!
— Die körperliche Züchtigung in den Volksschulen. Der Kultusminister hat folgenden Erlaß über die Anwendung von Körperstrafen in den Volksschulen ergehen lassen: 1) das Recht der körperlichen Züchtigung soll dem Lehrer nicht genommen werden. 2) Ehrensache des Lehrers muß es sein, die Anwendung der Körperstrafe in seiner Schule auf ein Mindestmaß zu beschränken. 3) Mißbrauch des Züchtigungsrechtes verrät mangelhafte pädagogische Durchbildung. 4) Die Körperstrafe ist kein geeignetes Mittel zur Beförderung des
wieder soll der Schmerz so groß in Deinen lieben Augen stehen wie in jenem Augenblick, als Du mir die Hand so weh preßtest und so leidgequält Lebewohl sagtest."
Und dann wandte er plötzlich seine Schritte heimwärts. Nein, nicht schreiben wollte erihrheute mehr, hingehen zu ihr wollte er auf einen kurzen, flüchtigen Moment, ihr nur sagen: „Sei froh, mein Liebling, vergib Du mir, daß ich Dich so quälen konnte, es soll nie wieder geschehen, nie, ich schwöre es Dir. Ich habe Dich ja so lieb, ich vertraue Dir, ich glaube an Dich. Vergib und laß uns glücklich sein!"
Wie weit er ausschritt, wie er eilte. War er denn in seinem Grübeln und Sinnen so weit gegangen, daß er die Stadt gar nicht erreichte? Längst hattendie Abendglocken geläutet, ein Heller Schein zitterte über dem Häusermeer der Stadt, hie und da an vereinzelten Fenstern leuchteten die Lampen, vom Bahndamm flimmerten die Laternen herüber, und am Himmel blitzten die Sterne.
So schnell war Göllnitzsgegangen, daßihmderSchweiß auf der Stirn perlte, aber er hatte eine innere Unruhe, die ihn stetig vorwärts trieb. Und nun bog er endlich in die Straße ein und sah die elektrische Kugel am Eingang ihres Hotels. Nur einen Augenblick wollte er hinauf, nur ein paar gute Worte ihr sagen. Sie würde ja schon den späten Besuch verzeihen, die Liebe, die Sorge um sie hatte ihn dazu getrieben.
Aber wie er an ihren Fenstern emporsah, lag alles im Dunkeln. So bald war sie zur Ruhe gegangen? Gewiß hatte seine schwarze Laune sie tief betrübt, ihr wohl gar Kopfschmerzen und Migräne gebracht. Und verstimmt, unfroh mit sich selber ging er heim. 164,18
Nun schrieb er ihr doch, wie er sich zuerst vorgenommen hatte. Voll Zärtlichkeit und Güte schrieb er, nicht nur einige flüchtige Worte, sondern alles, was ihm das Herz bewegte, was er heute auf dem einsamen Wege gelobt, was er in vielleicht übertriebenem Ehrgefühl gefehlt, noch nach Mitternacht trug er den Brief zur Post.