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SchWernerMung

mit amtlichem-Areisbkatl. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

______ Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".________________________

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg. _ Mittwoch, den 30. März 1910 61. Jahrgang.

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Die im 61. Jahrgang erscheinende Schlüchtertter Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlächtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.

ITT " + daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der

Q Q | nlupnpppn TITI 1 wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen

111I jI j nI 181111SI I Postabonnenten, welche bis spätestens 28. März unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,

UUMILM j ^a^ ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß

nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. Jede Postanstalt

und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.

Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. April 1910 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein

die Expedition derSchlüchterner Zeitung".

Zu Bismarcks Gedächtnis.

Der 1. April wird als der Geburtstag des Fürsten Bismarck dem deutschen Volke, solange es nicht seiner selbst vergißt, für immer ein Tag treuen und dankenden Gedenkens sein. Im Geiste treten wir an diesem Tage wieder an die schlichte Kapelle, in der, umrauscht von den Buchen und Tannen des Sachsenwaldes, über denen der erste zarte Schimmer des wiederkehrenden Lenzes liegt, der größte deutsche Staatsmann, der un­vergeßliche und unvergleichliche erste Kanzler des neuen Reiches, schlummert. Aber mit dem bloßen Gedenken ist es nicht getan. Bismarcks Geburtstag muß auch ein Tag des Bekenntnisses und Gelübdes sein, des Be­kenntnisses, zu seinen Grundsätzen und des Gelübdes dem Vaterlande mit deutscher Treue zu dienen und die Bahnen nicht zu verlassen, die Fürst Bismarck uns ge­wiesen hat.

Werfen wir einen flüchtigen Blick auf das gewaltige Lebenswerk des großen Kanzlers! Es war im Jahre 1848, als seine markige Kraft, seine stahlharte Rück­sichtslosigkeit, seine unerschütterliche Treue offenbar wurde, und er vertauschte die Ruhe des Landlebens mit der wechselvollen Mühe des Diplomaten. Dann kam der 23. September 1862. Durch den Park zu Babelsberg schritten sorgenvoll zwei hohe Gestalten. Der greise König stand vor dem Entschlüsse, die Bürde der Krone von sich zu tun, und in seiner Hand ruhte die Abdankungsurkunde. Da richtet sich Bismarck in germanischem Trotze auf, er will den Kampf mit den wiederstrebenden Parlamenten aufnehmen, und griffen flattert die Urkunde zu Boden : Bismarck war Minister­präsident. Und ob im politischen Blätterwalde der Sturmwind des Hasses und Spottes tobte, der Recke blieb unerschüttert und setzte das Werk seines Königs, die Heeresreform, durch.

Q Einst als Student hatte er mit lachendem Munde einem amerikanischen Freunde zugerufen:In zehn Jahren ist Deutschland einig!" Er hatte die Frist freilich zu kurz bemessen, aber nun war er an der

Fragen und zum siegreichen Kampfe gegen alle ®e« fahren, die uns von außen drohen.______

Deutsches Reich.

Das Kaiserpaar in Homberg. Die Abreise des Kaiserpaares und der Prinzessin Viktoria Louise von Berlin nach Homburg erfolgt Freitag 1. April, abends, und die Ankunft in Homburg Samstag früh. Die Vorbereitungen in Homburg zu dem Eintreffen der Majestäten sind schon eifrig im Gange. Der Wagen­park des Kaisers wird im Marstall des Schlosses untergebracht, während die Reitpferde nebst den Be­dienungsmannschaften im HotelAdler" Unterkunft finden. Der Aufenthalt des Kaisers ist auf ungefähr zwei Wochen festgesetzt, die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Louise werden drei bis vier Wochen in Hom­burg bleiben.

Der Reichskanzler in Rom. Während einer Privataudienz beim Könige verlieh dieser dem Reichs­kanzler den Annunciatenorden, dessen Rangordnung etwa dem desSchwarzen Adler" entspricht. Er wird im allgemeinen nur an Souveräne oder an ganz be­sonders verdiente italienische Politiker, aber fast nie an auswärtige Staatsmänner vergeben Der Inhaber des Annunciatenordens hat Anspruch auf den TitelVetter des Königs" und erhält Rang gleich nach den könig­lichen Prinzen. -- Die Herrn v. Belhmann verliehene Auszeichnung gilt als ein unleugbarer Beweis für die Herzlichkeit der deutsch-italienischen Beziehungen.Gior- nale d'Jtalia" stellt fest, daß in den Gesprächen zwischen Guicciardini und Bethmann Hollweg die internationale Politik besprochen worden ist und die Anschauungen der beiden Staatsmänner sich vollkommen decken.

Zum Kaisermanöver eingeladen. Aus Wien wird gemeldet: Erzherzog Eugen erhält vom Deutschen Kaiser eine Einladung zum deutschen Kaisermanöver und wird bei der Parade des 1. Armeekorps am 24. August das Ostpreußische Kürassierregiment Nr. 3, dessen Chef er ist, dem Kaiser Wilhelm vorführen.

Arbeit, jenes Wort wahr zu machen. Noch verstand ihn sein Volk nicht; es grollte ihm, als er den Krieg gegen Oesterreich herraufbeschwor. Dann aber kam die" Erkenntnis Schlag auf Schlag. Als das neuor­ganisierte preußische Heer in sieben Tagen den Feind überwand, als der Schlachtendonner von Königgrätz Preußen als Großmacht kündete, als der große Staats- mann dem Feinde goldene Brücken baute, als der Norddeutsche Bund erstand und die Maingrenze fiel, als endlich Alldeutschland in Frankreich einzog und die Schmach von Jena bei Sedan tilgte, da kamen die Tage der Ernte nach mühevoller Lebensarbeit: der 2. September 1870 und der 18. Januar 1871 mit der Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreichs.

So steht das Bild dieses Helden, der, wie Sieg­fried aus den Stücken des Notung sein nie bezwingliches Schwert, aus den deutschen Stämmen, das einige, mächtige deutsche Reich schmiedete, hochauffagend vor seinem Volke, frei geworden von jeder Schwäche, dem Streite der Parteien entrückt, rein erhaben und groß wie das Bild eines Halbgottes der Sage. Aus den tiefen mächtigen Augen dieses Bildes aber blitzt es hinaus in das deutsche Volk, fragend, ob wir sein Werk treu behütet, und mahnend, daß wir eingedeni seien der Pflichten gegen das Vaterland, wie er es getan hat mit seiner letzten Kraft.

Frage und Mahnung rufen zu ernster Gewiffens- erforschung, die so weiten Schichten des Volkes not tut. zur Gewiffenserforschung, aus der sich der Vorsatz losringen muß, mit höchstem Ernste in die Fußiapfen Bismarcks zu treten, in Treue und Selbstlosigkeit, in alles gebender Liebe zum deutschen Vaterlande. Seinen gigantischen Geist können wir nur staunend bewundern; Riesen wir er wachsen aus dem Schoße der Völker nur in Zwischenräumen von Jahrhunderten. Doch seinen Tugenden müssen wir nachstreben, seiner leben­digen Lehre gehorchen und uns großzügig und opfer­willig dem Vaterlands zur Verfügung stellen zur Klä­rung und Lösung der immer schwerer werdenden inneren

Verkannt.

Roman von Lothar Palmer. 29

Oswald!" Wie der Schmerzensschrei eines zu Tode Getroffenen klang das eine Wort.

Und wieder ein Pochen, lauter, und dazwischen seine halb gemurmelten Worte:Lasse mir Zeit, Cäcilie, ich werde es schon verwinden!" Dann löste er seine Hände aus den ihren und griff nach seinem Hut.

Einen Moment drohte sie umzusinken; sie faßte nach der Stuhllehne, und ganz willenlos, wie ein Automat, rief sie:Herein!"

Ihre Näherin stand in der Tür:Gnädiges Fräulein, ich wollte die Brauttoilette anpassen."

Sie lächelte; sie war ganz Elfriede von Holthaus, die gewandte Schauspielerin, in diesem Augenblick; sie be­deutete dem jungen Weibe einzutreten, und sie reichte Göllnitz dieHand:Leb wohl."

Er preßte ihre eisige kleine Hand; es war, als ob er plötzlich aus einem wüsten, bösen Traum erwache:Auf Wiedersehen!" sagte er,mir ist heute nicht ganz wohl, morgen früh gleich nach dem Kolleg komme ich !Leb'wohl."

Wie eine eiserne Klammer umspannte ihre Hand die seine; groß und starr sah sie ihn an, aber kein Wort ent­rang sich mehr ihren Lippen.

Eine Weile stand sie noch wie versteinert und lauschte auf den verhallenden Klang seiner Schritte. Dann trat sie in die Stube zurück und sagte ruhig:Bemühen Sie sich nicht; die Toilette sitzt ausgezeichnet; aber, bitte, was bin ich Ihnen schuldig, ich möchte gleich zahlen."

Gnädiges Fräulein, das hat doch keine Eile."

Bitte, ich wünsche die Sache sofort zu erledigen."

Sie trat ins Nebenzimmer, entnahm einer Kassette den Betrag, ließ sich die Quittung ausstellen, und als die Näherin sich wieder entfernt hatte, schloß sie ihre Tür ab und verkarst aufschluchzend ihr Gesicht in den Kissen des Diwans. Wie ein Krampf schüttelte der Schmerz

ihren Körper, all die zurückgehaltene Nervosität der letz­ten Zeit brach plötzlich hervor, herzbrechend weinte sie, ihre Gedanken jagten wild durcheinander, und immer wie­der murmelte sie:Ueber ein gewisses Maximum reicht Menschenkraft nicht hinaus."

Und dann wurde sie allmählich ruhiger; sie trocknete ihre Augen, langsam, mit einem Zug von herber Ent­schlossenheit verpackte sie das weiche, weiße, schimmernde Brautkleid, ohne darauf zu achten, daß sie die Büschel Orangenblüten zerdrückte, suchte ihre Nippes zusammen, verschloß alles in den bereitstehenden Koffern und dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb.

Es war ihr keinerlei innere Erregung anzusehen, nur war ihr Gesicht von geisterhafter Blässe und ihre Lippen fest gepreßt. ,

An Trude schrieb sie nur wenige Zeilen; sie solle die Möbel gut verwalten, das Haus treu besorgen und Dok­tor Göllnitz gewissenhaft und hingebend pflegen. Mög­licherweise würde sie sie einmal um Rechenschaft fragen, ob sie ihres Amtes treu gewaltet.

Der Brief an den Geliebten fiel ihr nicht so leicht; er lautete:Weil ich Dich liebe, Oswald, drum muß es sein. Leb wohl, ich darf Dein Leben nicht an das mei- nige ketten, nachdem in Dir das Vertrauen an meine Wahrhaftigkeit ins Wanken geraten ist. Laß uns als Freunde scheiden, nicht in Groll.

ßJch habe heute in Dein Herz gesehen, es ist nicht stark genug, mit seiner Liebe die Vergangenheit zu be­decken, drum ist es besser so. Ich sage nicht, vergesse mich, denn ich weiß, daß Du es ebensowenig könntest wie auch ich Dich nie vergessen kann und will, aber lerne, milde an mich denken und der Freundin verzeihen, was Du der Braut und dem Weibe nicht vergeben kannst. Frage nicht, wohin ich gehe, suche und forsche auch nicht nach mir; ich gehe dahin, wo Du mich nicht finden wirst. Und kommt auch einmal über Dich eine dunkle Stunde, dann denke, daß auch ich im Schatten lebe, denn wo Deine Liebe nicht ist, da ist für mich Nacht, nicht die Nacht der Schuld und

Sünde, sondern die Nacht der Sehnsucht nach Dir, die nie ein Ende nehmen kann. Deine Cäcilie."

Dahin, wo Du mich nicht finden wirst!" murmelte sie dann, wohin denn nun, in welchen Erdenwinkel? Nord­wärts darf ich nicht, nur im Süden wird er mich nicht suchen, weil er weiß, daß meine Sehnsucht stets nach Nor­den ging. Nach Süden jetzt, wo die warmen Tage kom­men, wo alles die heißen Strahlen der Glut flieht? Aber .. dann bin ich ja geborgen und geschützt, dann laufe ich nicht Gefahr, Bekannten zu begegnen." Dann sah sie nach der Uhr; es war fünf Uhr nachmittags; noch in derselben Nacht mußte sie fort, sie mußte weit über die Grenze fein, ehe er kam. Sie wußte es ja, daß er wie­der mit milden Worten kommen, daß sein Blick, sein Wort sie umgarnen würde, daß sie schwach wäre in seiner Nähe, und daß er doch bei dem ersten Stein, den man auf sie würfe, wieder mit den alten Vorwürfen, milden foltern denAnklagen käme. Aus solchem Zwiespalt konnte kein Glück erwachsen.

Mitten im Sinnen fiel ihr Blick auf die Theateran­zeiger des letzten Halbjahres, die neben ihrem Schreib­tisch aufgestapelt lagen. Auch ihre geliebte Kunst hatte ihr kein Glück gebracht; zwischen den ersten jubelnden Kritiken und den letzten Notizen über ihr Auftreten, welch ein Unterschied. Und weilsie in den ersten Nummern blät­terte, blieb ihr Auge an einer kleinen Annonce haften:Bil­liger, stiller, idyllischer Aufenthalt für die Wintersaison in einsamer Gegend. Villa Paoovani!"

Halt, dahin!" entschloß sie sich schnell;imSommer wird es noch stiller .. und noch billiger sein, auch daran muß ich denken; und wenn Wintergäste kommen, dann fliehe ich."

Ganz gelassen gab sie ihre irreführenden Befehle: Sie wolle mit dem Eilzug nach Hamburg. Dann fuhr sie mit ihren Koffern nach dem Zentralbahnhof, warf dort die Briefe an Göllnitz und Trude ein, ließ den HamburgerZug abfahren und dampfte über Innsbruck dem Brenner zu.