SchlüchternerZeitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
mit amtlichem Kreisblatt.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
^ 24 Mittwoch, den 23 März 1910 61. Jahrgang.
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Die im 61. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
TTIn-n ni«n TTnlnMlinnnlinwH daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der QP U IU | || | PPIIPUPH || ||H wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamts bestellen. Nur diejenigen auswärtigen ||| llHlll I || 11|| III 1111111| j||| Postabonnenten, welche bis spätestens 28. März unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, uuiüXMXUUumiy daß ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. April 1910 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Bekanntmachung.
A. Mannschaften für Südwestafrika.
Für die Schutztruppe in Südwestafrika werden freiwillige Mannschaften der Reserve, welche noch nicht länger als 2 Jahre aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind, vorgemerkt. Unteroffiziere werden nicht angenommen.
Zusammentritt voraussichtlich 18. 5. Ausreise 25. Mai 1910. Zum Eintritt bereite Mannschaften haben sich bis spätestens 14. 4. 10. beim zuständigen Bezirksfeldwebel zu melden, bei dem auch die näheren Bestimmungen eingesehen werden können. Handwerker aller Art sind besonders erwünscht. Gebührnisie wie Schutztruppe, Dienstverpflichtung 3 '/3 Jahr.
Vergünstigungen:
1. Anspruch auf Heimatsurlaub von 4 Monaten unter Belassung der vollen Geldbezüge innerhalb der 3'/, jähr. Dienstverpflichtung.
2. Den ehemaligen Schutztruppenangehörigen, die nach Ablauf ihrer Dienstverpflichtungen bei der Schutztruppe behufs Ansiedlung im Schutzgebiet verbleiben, kann das Heimreisegeld als Ansiedlungsbeihilfe gewährt werden, falls sie auf Heimbeförderung verzichten und sich verpflichten, als Ansiedler im Lande zu bleiben. Ein rechtsverbindlicher Anspruch besteht indessen nicht.
B. Fronte und Sanitäts-Unteroffiziere für Ostafrika und Kamerun.
Freiwillige können sich bis zum gleichen Termin melden. Bedingungen sind beim Bezirksfeldwebel ein- zusehen.
C. Infanterie- und Pionier-Unteroffiziere für den Landespolizeidienst in Ostafrika, Kamerun und Togo.
Bewerber wollen sich bis zum gleichen Termin melden. Bedingungen unter anderem mindestens 6 jährige aktive Dienstzeit, tropendiensttauglich, schuldenfrei und vorwurfsfreie dienstliche und außerdienstliche Führung.
Hanau, den 15. März 1910.
Königliches Bezirkskommando.
Karfreitag.
Der Karfreitag ist der heiligste Tag des Jahres. Mit dem auf Golgatha errichteten Kreuze des Herrn ladet er wie kein anderer zu stiller Einkehr. Aber wie tief auch die Feier dieses Tages in dem Herzen des Volkes gewurzelt ist, so wird man doch nicht behaupten können, daß dasselbe mit der Erkenntnis der Heilsnot- Wendigkeit des Kreuzes der Fall ist. Dieser Mangel an Verständnis für die Bedeutung des Kreuztodes Christi ist nicht immer auf religiöse Gleichgültigkeit zu- rückzuführen, auch wird man in ihm nicht ohne weiteres das Zeichen eines bewußten Unglaubens sehen dürfen. Wohl ist ja das Kreuz auch heute noch vielen wie in den Tagen der Apostel eine Torheit und ein Aergernis ; häufig indessen beruht jener Mangel an Verständnis darauf, daß die geschichtliche Betrachtung des Leidens und des Sterbens Jesu Christi, die jedes unbefangene Gemüt in seiner innersten Tiefe ergreifen muß, nicht zu ihrem Rechte kommt. Ueber dem göttlichep. Ratschluß zur Erlösung und Versöhnung der Welt wird der geschichtliche Verlauf der Ereignisse auf Golgatha vielfach aus den Augen gelassen. Statt in den Urhebern des Todes Christi Menschen zu sehen, sündige Menschen, die ein grausiges Werk vollführen, sieht man in ihnen allzu oft nur Werkzeuge in der Hand des Weltlenkers, der durch sie seinen von Ewigkeit her gefaßten Ratschluß ausgeführt hat.
Für eine geschichtliche Betrachtung dagegen entfaltet sich die Leidensgeschichte als eine Heerschau der Sünde, wie sie kaum jemals an irgend einer Stätte aufErden so offenbar geworden ist wie an dieser.Die falsche, heuchlerische Frömmigkeit, die in der Beobachtung äußerer gottesdienstlichen Formen ihre Gerechtigkeit sucht, geht voran, Habsucht reicht ihr die Hand, die Untreue schlägt ihren eigenen Herrn, die allzeit willige Lüge bietet ihre Dienste an, der Wankelmut hilft, dieMenschen- furcht verurteilt, und die Schmähsucht träufelt ihr Gift in die Wunden, welche die Roheit geschlagen hat.
Und der Herr hängt am Kreuze und läßt alle Sünden geduldig über sich ergehen. Aber wenn wir eins wissen von ihm, so ist es das: nicht wieder seinen Willen hat er sich von der Sünde überwältigen lassen, sondern in freiwilliger Liebe hat er sich ihr gestellt, um sterbend ihre Macht zu brechen, die er lebend nicht zu über« winden vermochte. Seinen Leib und sein Leben gibt er l er Sünde preis. Sie soll an ihm in ihrer ganzen Niedrigkeit offenbar werden. Fürs erste besiegt, will er dennoch die Sünde auf die Dauer niederzwingen.
So in seinem geschichtlichen Verlauf betrachtet, kann und muß das Kreuz aus alle, die es ernst ins Auge fassen, eine gewaltige, sich gegen die Sünde richtende Wirkung üben. Aber es offenbart sich in dem Kreuz auch die Liebesmacht des Vaters. Wer solches wider die Sünde für die Sünder getan hat, sollte dessen Liebe nicht alle Sündenschuld vertilgen können? Wir dürfen darauf vertrauen, daß Gott auch ohne Genugtuung Gnade gewährt, wo ihm durch den Glauben an die gekreuzigte Liebe die Bürgschaft einer nachhaltigen Abkehr von der Sünde gegeben ist.
Hier haben wir die Antwort auf die Frage: „Waruin war der Tod des Sohnes Gottes nötig für die Sünder?" Der Kern der christlichen Lehre ist und bleibt doch die Erkenntnis, daß es dem Wesen des heiligen und gerechten Gottes widersprechen würde, Sünden zu vergeben und Sünder in Gnaden anzu- nehmen, ohne die Bürgschaft einer reuigen Abkehr von der Sünde und einer aufrichtigen Besserung. In Christus, dem erhöhten Haupt der Gemeinde, der die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und innerlich, obwohl er ohne Sünde war, mit empfunden und getragen hat, als wäre es seine eigene, ist ein Bürge für die Besserung und sittliche Veränderung aller derer vorhanden, die sich im Glauben an ihn unter seinen erziehenden Einfluß stellen.
Deutsches Reich.
— Berlin. Die Kaiserin wohnte am Donnerstag
Merkannt.
Roman von Lothar Palmer. 26
Aber doch, jetzt hörte er deutlich jemand ganz leise die Treppe heraufschleichen.
Aber, was konnte er nur dabei finden; das war Herr Gottschall natürlich, der nach Hause kam und niemand wecken wollte.
Ganz richtig, jetzt schob er den Schlüssel in das Schloß, öffnete, schloß wieder zu und zündete das Licht an. Durch das breite Oberlicht fiel aus dem gegenüberliegenden Schlafzimmer Gottschalls ein matter Lichtschein in des Referendars Stube. Pöhland ärgerte sich über sich selber. An alledem war doch durchaus gar nichts Auffälliges, aber er war nun einmal aufgeregt und konnte nicht einschlafen.
Immer sah er in den Lichtschein und verfolgte die Schattenbildungen an dem Stückchen Decke in der gegenüberliegenden Stube. Pöhland ärgerte sich über sich selber. An alledem war doch durchaus nichts Auffälliges, aber er war nun einmal aufgeregt und konnte nicht einschlafen.
Einem unerklärlichen instinktiven Triebe nachgebend, hob Pöhland einen Stuhl behutsam an seine Tür, stieg darauf und sah in seines Nachbars Stube.
Gottschall stand vor dem Spiegel zwischen den Fenstern, deren dunkle Vorhänge herabgelassen waren; sein buschiges, graumeliertes Haar war kurz gestutzt, und er war eben damit beschäftigt, seinen üppigen Vollbart ab- zurasieren.
Pöhland war so von dieser nächtlichen Toilettenszene überrascht, ja fast erschreckt, daß er wie gebannt am Oberlicht stehen blieb und starren Auges hinübersah, wo er im Spiegel wahrnehmen konnte, daß Gottschall alle Anstalten zu einer Maskerade traf. Als es drei Uhr schlug, verließ der Buchhalter schleichend seine Wohnung und das Haus, und Pöhland sah ihn durch den Fensterspalt am
Hause entlang schleichen. Er trug, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, einen staubfarbenen, langen Ueber- zieher und einen Zylinderhut; einen gelbledernen Handkoffer trug er in der rechten Hand.
Pöhland war sehr erregt, als er nach der unruhevol- len und unheimlichen Nacht sein Bett wieder aufsuchte, und die wirrsten Gedanken durchkreuzten sein Hirn. Wo war der Mann mit dem sicheren Bestreben, sich unkenntlich zu machen, hingegangen und welche Gründe konnte er haben ? Allerlei fabelhafte Möglichkeiten dachte sichPöh- land aus, bis endlich doch die Müdigkeit ihn übermannte und ihn in einen bleiernen Schlaf zwang.
Hell schien die Sonne in sein Gemach, als er andern Tages durch lautes Stimmengewirr erweckt wurde. Im ersten Moment war ihm, als ob die Vorkommnisse der Nacht nur ein Traum gewesen seien, als er aber deutliche Stimmen vernahm, die nach Herrn Gottschall forschten und von gewaltsamen Oeffnen der Buchhalterwohnung sprachen, und zwischendurch die Hausfrau beteuerte: „Schon um zehn Uhr ist der Herr Buchhalter heimgekommen, ich habe ihn selber gesprochen, es wird ihm ein Unglück zugestoßen fein," da hielt es ihn nicht länger. Hastig sprang er auf, kleidete sich notdürftig an und fragte, unter dem Hinweis, daß er vielleicht wichtige Aufschlüsse geben könnte, um was es sich eigentlich handelte.
Bei den Großkaufleuten Loeser u. Perthes, wo Gottschall das höchste Vertrauen genossen hatte, war in der Nacht eingebrochen worden und dem Tresorschrank waren alle Barbestände entnommen. Am vorhergehenden Tage waren zu später Stunde noch bedeutende Summen eingegangen, die Gottschall wie immer buchte und verwahrte. Im Beisein des Chefs hatte er den Tresorschrank abgeschlossen und diesem den Schlüssel überreicht. Um sieben war dann regelrecht abgeschlossen worden; der Chef und die drei Buchhalter erhielten je einen der Schlüssel der Lokalitäten, und dann trennte man sich wie jeden Tag.
Der erste Verdacht, daß nicht alles in Ordnung sei, war aufgetaucht, als der Buchhalter Gottschall morgens
nicht rechtzeitig eintraf und das vierte Schloß nicht geöffnet werden konnte; der Chef begab sich dann etwas beunruhigt nach dem Hinteren Hofraum, wohin ein schmales Fenster führte, das allabendlich durch einen Holzladen verschlossen wurde, den Gottschall von seinem Arbeitstische aus verholzte.
Kaum berührte Herr Loeser den Laden, um seine Sicherheit zu prüfen, als er nachgab; das schmale Fenster war zersplittert und stand offen.
Nachdem ein Schlosser herbeigerufen war, der die Tür öffnete, zeigte sich, daß alles Bargeld in beträchtlicher Höhe gestohlen war; der Schlüssel steckte auf demKassenschrank, und jetzt erst gewahrte der Chef der Firma, daß ihm Gottschall einen falschen Schlüssel ausgehändigt hatte, der jedenfalls zu dem Zwecke angefertigt und bereit gehalten gewesen war.
Nun war man gekommen, nach dem Buchhalter zu sehen, aber der Vogel war längst ausgeflogen; dennoch waren Pöhlands Beobachtungen für die Verfolgungen höchst wertvoll, und er gab alles haarscharf zu Protokoll, die Kleidung, das geschorene Haupt- und Barthaar und die Stunde des Wegganges vom Hause.
Kurz darauf spielte der Telegraph und das Telephon nach allen Himmelsgegenden und dank dem genauen Signalement gab man sich starker Hoffnung auf Ergreifung des Verbrechers hin.
Frau Bußmann war ohnmächtig zusammengebrochen als sie von dem entehrenden Verdacht hörte, dessen man ihren Mieter zieh, aber nur zu bald mußte auch sie erkennen lernen, wie teuer ihre Vertrauensseligkeit ihr zu stehen kam. Der Buchhalter hatte oft manches Stündchen sehr vertraulich mit Frau Bußmaun verplaudert und kein Hehl daraus gemacht, daß die rüstige Witwe ihm sehr gefalle, daß er, was er ein ganzes Leben verschworen habe, doch um ihretwillen mit tausend Freuden wagen würde, und sie hatte nur im Hinblick auf ihre erwachsenen Kinder und Heranwachsenden Enkel seine deutlichen Anträge zurückgerviesen. 164,18