SchlüchternerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._______________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 12. März 1910
61. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist mit dem Linienschiff Deutschland um H Uhr unter dem Salut der Küstengeschütze nach Helgoland in die See gegangen. Der kleine Kreuzer Königsberg und die Depeschenbote V 150 und V 161 begleiten die Deutschland. Der Großherzog von Oldenburg hatte bereits gegen Mitternacht die Rückreise nach Oldenburg angetreten.
— Der Kaiser traf auf der „Deutschland" gegen 4 Uhr vor Helgoland ein und landete an der Gemeindebrücke. Nach der Besichtigung der Hafenanlagen und nach einem Vvrtrag über die Schutzbauten erfolgte die Auffahrt und ein Rundgang auf dem Oberland bis zur Kommandantur. Der Kaiser verweilte hier längere Zeit und unterhielt sich eingehend mit den Vertretern der Behörden. Die Abfahrt von der Gemeindebrücke erfolgte um 6 Uhr. Der Kaiser machte der Gemeinde eine Döckersche Baracke für Krankenzwecke zum Geschenk.
— Der Kaiser nahm mit dem Großherzoge von Oldenburg und dem Prinzen Heinrich an einem Herren« abend im Offizierskasino zu Wilhelmshaven teil.
— Prinz Joachim, der jüngste Sohn des Kaiserpaares, will, wie aus Kiel berichtet wird, wie sein älterer Bruder Adalbert, der jetzt Kapitänleutnant und Torpedobootskommandaut ist, den Seemannsberuf ergreifen. Er wird sobald er die Prinzenschule in Plön verlassen haben wird in die Kriegsmarine eintreten.
— Zum Austauschprofessor für die Harward-Uni- versität wurde Geheimprofessor Max Friedländer-Ber- lin bestimmt; Professor E. R. Daenell-Kiel ist für die Columbia-Universität in Aussicht genommen.
— Der Sterbetag des Kaiser Wilhelms I. Das Mausoleum im Charlottenburger Schloßpark war heute aus Anlaß der Wiederkehr des Jahrestages an dem Kaiser Wilhelm gestorben, das Ziel zahlreicher Verehrer des Dahingeschiedenen Monarchen. Das Innere des Mausoleums trug herrlichen Blumen- und Pflanzen- schmuck. Als einer der ersten Blumengrüße traf ein Kranz der Großherzogin Luise von Baden ein. Zahlreiche Regimenter deren Chef Kaiser Wilhem gewesen, halten nach dem „Lokalanzeiger" Blumenarragements übersandt, ebenso die noch lebenden früheren Flügel- adjutanten des alten Kaisers. Im Auftrage des Kaisers legte der Kronprinz einen Lorbeerkranz mit weißer Atlasschleife an der Gruft nieder.
— Der Reichstag beendete am Sonnabend die zweite Lesung des Etats des Reichsamts des Innern, wobei ihm in derDebatte wieder allerlei sozialen politischeFragen, Sicherung der Bauforderungen zu schnell vorzugehen,
wie Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, Wohnungsfürsorge, Schaffung eines Reichswohnungsgesetzes zur Sprache kamen. Dann begann die zweite Beratung des Marineetats. Reichskanzler von Bethmann-Holl- weg sprach dabei über unser Verhältnis zu England. Er betonte nachdrücklich, daß wir unsere Flotte nicht zu aggresiven Zwecken bauen, sondern in friedlicher Absicht, und daß unser Verhältnis zu England ein freundliches sei. Der Gedanke der Entwicklung unserer natürlichen wirtschaftlichen Kräfte müßte mehr und mehr in die Volksmassen getragen werden, auch der Gedanke, daß jede Nation im wirtschaftlichen Wettbewerb nach den Regeln des ehrlichen Kaufmanns vor- zugehen habe. — Am Montag wurde zunächst der Gotthardbahn Vertrag in erster und zweiter Lesung genehmigt und dann die Beratung des Marine-Etats fortgesetzt. In der Debatte wurden allerlei Marine- Angelegenheiten zur Sprache gebracht. Dem Abg. Ledebour (Soz.) der sich wie gewöhnlich in maßlosen Uebetreibungen erging und der Regierung Hinterhältigkeit vorwarf, anwortete Staatssekretär von Tripitz und wies die Vorwürfe der Hinterhältigkeit bestimmt und energisch zurück. Das einmal aufgestellte Flottenpro- gramm werde peinlichst innegehalten.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend zunächst eine Anzahl von Eingemeindungsvorlagen und trat dann in die Beratung der Handelsund Gewerbverwaltung ein. Abg. Fetisch (kons.) behandelte die Frage der Baugewerkschulen und befürwortete die Anstellung von Fachlehrern an den technischen Mittelschulen in größerem Umfange. Abg. Malkewitsch (kons.) behandelte die Lage der Handwerker und Gewerbetreibenden. Abg. Dr. Grunnen- berg (Z.) brächte eine Reihe von Wünschen und Beschwerden zu schwebenden Handwerkerfragen vor. — Am Montag wurden zunächst wieder Eingemeindungsvorlagen erledigt und dann die Beratung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung fortgesetzt. Es wurden wieder meistens Handwerkerfragen behandelt, wobei Handelsminister Sydow Unterstützung des Handwerks durch erhöhte Bewilligung staatlicher Lieferungsaufträge zusagte. Die wichtige Frage der Trennung von Handwerk und Fabrik könne nicht generell entschieden werden, sondern nur von Fall zu Fall; mit dem Reichsamt des Innern seien aber Verhand-
lungen eingeleitet, und die dafür maßgebenden Leitsätze festzulegen. Der Minister warnte weiter davor, mit der Durchführung des zweiten Teils des Gesetzes zur
man müsse die Erfahrungen abwarten, auch habe sich herausgestellt, daß der zweite Teil dieses Gesetzes recht zweischneidig wirken wird.
— Die Einigung der linksliberalen Parteien zu einer einzigen Partei ist nunmehr auf einem gemeinsamen Parteitage in Berlin vollzogen worden. Die neue Partei nennt sich „fortschrittliche Volkspartei."
— In Frankfurt a. M. ist die gerichtliche Bestrafung eines Wahlrechtsdemonstranten erfolgt. Die Frankfurter Strafkammer verurteilte den Packer Auer, der in der Nacht zum 18. Februar anläßlich der Wahlkrawalle in Frankfurt a. M. auf einem Schutzmann zwei Schüsse aus dem Hinterhalt abgab, zu zwei Jahren Gefängnis.
— In die deutsche Kolonialschule in Witzenhausen a. d. Werra sind seit ihrem Bestehen (1899) insgesamt 461 Schüler ausgenommen und zwar außer 16 Ausländsdeutschen und einem deutschsprechenden Brasilier sowie einem zurzeit hier als Hospitant anwesenden jungen Simamesen, lediglich Reichsdeutsche. Von den 461 Kolonialschülern sind zurzeit 119 in deutschen Kolonien tätig, und zwar 34 in Ostafrika, 54 in Südwestafrika, 6 in Kamerun, 5 in Togo, 1 in China, 10 in Neu-Guiena, 9 in der Südsee. 77 befinden sich gegenwärtig in Deutschland; sie sind entweder noch nicht ausgereist oder genügen ihrer Militärpflicht; ein kleiner Teil davon hat sich der heimischen Landwirtschaft oder dem kaufmännischen Beruf zugewandt. 78 sind zwar in außerdeutschen Ländern, aber doch mit einigen wenigen Ausnahmen im Dienste deutscher Unternehmungen beschäftigt. Nur 15 Kolonialschüler sind in der Heimat oder draußen gestorben, während zurzeit 75 noch - die Kolonialschule besuchen. Der Aufenthalt der übrigen ist der Schule unbekannt. >
— Ueber die Arbeiterverhältnisse in der kaiserlichen Marine liegen neue amtliche Angaben vor. Während die Marine im Jahre 1902 in ihren Betrieben 19896 Arbeiter beschäftigte ist diese Zahl jetzt auf 23 908 gestiegen, so daß eine Vermehrung um 4039 Mann statt- gefunden hat, die meisten Arbeiter, nämlich 8500, beschäftigt die Werft in Kiel; an zweiter Stelle steht Wilhelmshaven mit 8134, an dritter Danzig mit 3593 Arbeitern. Die Torpedowerkstatt Friedrichsort beschäftigt 1555 Mann, und auf die Lazarette, Bekleidungsund Verpflegungsämter sowie die Artillerie-, Minen-, und Munitionsdepots entfallen 2126 Mann. Während im Jahre 1902 an Arbeitslöhnen 23 Millionen Mark ausgegeben wurden, zahlte die Marine 1908 bereits 33 Millionen Mark Arbeitlöhne aus. Unter den im
Merkannt.
Roman von Lothar Palmer. 22
Auf eine direkte Frage sagte er einmal achselzuckend und geheimnisvoll: „Wer in der Welt etwas erreichen will, der muß sich überall auskennen, und die besten Schulen sind Geheimpolizeidienst, Reportertätigkeit, hie und da in Politik machen und sich einspunnen lassen, um Gefängnisse und Gefangene zu studieren, und wenn man nebenher Logenbruder ist, kann's nicht fehlen!"
Er sah dabei mit gekniffenen Augen nach Pöhland und hatte sich scheinbar an dessen Staunen geweidet; nach einer kleinen Pause setzte er dann ganz ernst hinzu: „Aber etwas Bestimmtes muß man als Grundlage natürlich gelernt haben: Buchhalterposten sind so solide, ruhige, rechtschaffene Stellungen, sozusagen die Basis."
Da war es Pöhland gewesen, als ob ihm jemand zuriefe: „Sei auf Deiner Hut." Wie wardas gewesen Logenbruder? Freilich hatte Herr Gottschall nicht direkt gesagt, daß er ein solcher sei, aber Pöhland, der selber der geheimen Gesellschaft angehörte, war stutzig geworden. Und als nun einmal ein leises Mißtrauen wach geworden war, häuften sich Verdachtsmomente, die endlich den Entschluß zur Reife in ihm brachten, in einen anderen Stadtteil zu ziehen, um so auf unauffällige Weise einen Umgang abzubrechen, der ihm nicht nur lästig und unangenehm geworden war, sondern ihm wirkliches Unbehagen verursachte. Er konnte sich auch nicht verhehlen, daß die Motive, die ihn zu den ersten Gesprächen mit dem Buchhalter veranlaßten, keine vornehmen und edlen gewesen, und so war es am besten, daß er sich entschloß, unauffällig dieSachewieder einschlafen zu lassen. Pöhland hatte überhaupt inletzterZeit manchen Aerger und Verdruß gehabt, und er war in denkbar gedrücktester Stimmung.
Nachdem er mit seinen Besuchen bei Elfriede keinen Erfolg erzielte, sondern immer wieder unter irgend einem mehrodetmüuderglaubwürdigenGrund abgewiesenwurde.
schrieb er schließlich an sie, und ihre Antwort ließ trotz höflich er Form nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Jede Belästigung verbat sie sich entschieden, und ihre Schlußerklärung, daß sie nach abgelaufenem Kontrakt sich für immer von der Bühne zurückziehe, um sich zu verheiraten, hatte ihm den letzten Rest von Hoffnung genommen, bei dem neuen Stern zu reüssieren.
Dann verlobte sich sein Intimus Buschbeck, ohne ihn vorher auch nur mit einer Silbe ins Vertrauen zu ziehen, und der schmachtete seitdem so sehr in den Banden seiner, wie Pöhland sagte, „konventionellen Liebe," daß er für die bisherigen Freunde gar nicht mehr zu haben war. Die schönen Spazierfahrten, die feinen, kleinen Soupers, die gemütlichen Kartenabende, alles war mit einem Male vorbei, und im kleinen Palais des Barons, wo sich sonst die junge, vornehme Lebewelt so gern und oft Rendezvous gegeben hatte, wimmelte es jetzt von Arbeitern, Lieferanten und von Künstlern, um für den jungen Hausstand alles so schön und modern herzustellen, wie der feine Geschmack des Barons, verbunden mit seinem Vermögen, es sich leisten konnte.
Was ihn aber am meisten verstimmte, war eigentlich nichts als eine unbestimmte Ahnung, ein Unbehagen, für welches er keinen greifbaren, bestimmten Grund hatte, und das ihn dennoch nicht zur Ruhe kommen ließ. Sogar sein Tischnachbar und ehemaliger Berliner Universitätsfreund, Doktor Göllnitz sah ihm die Verstimmung an und fragte ihn eines Tages: „Bist Du krank, oder hast Du irgend welche Sorgen?"
„Warum meinst Du?"
„Ich weiß es nicht, aber mir kommst Du letzte Zeit so zerstreut vor, unfroh, wortkarg und Du bist so oftin Gedanken vertieft, als plage Dich ein Körper- oder Seelenschmerz."
„Schmerz? Nein! Aber, Du magst schon recht haben, daß mich etwas beschäftigt und beunruhigt, was eigentlich nur ein Phantom ist."
„Warum sprichst Du Dich da aber nicht aus, ohne indiskret sein zu wollen .. wenn ich Dir mit Rat oder
Tat dienen kann, Du kennst mich. Korpsbrüder sind zweifach Freunde."
„Es ist eigentlich lächerlich, ein Nichts."
„Dann rede um so eher." '
„Ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich Dir das schildern soll, aber ich habe die Empfindung, als benutze während meiner Abwesenheit von zu Hause ein Unbefugter die Zeit, um in meine Wohnung einzudringen."
„Aber aus welchem Grunde denn, fehlt Dir irgend etwas?"
„Nein."
„Na, also! Es werden die Regenten von Besen und Waschlappen sein."
„Die sind es eben nicht, dafür hab'ich Beweise."
„Oder Lieferanten ..."
„Nein, nein! Denk doch nicht, daß ich,wie einer, der an Verfolgungswahn leidet, aus ganz natürlichen Vorkommnissen Verdacht auf Unerlaubtes schöpfe."
„Dann mußt Du schon deutlicher werden, wenn ich Dich verstehen soll."
„Ich merkte schon zuweilen eine kleine Unordnung an meinen Papieren. Während der Tischzeit hier mußte jemand in meiner Stube gewesen sein, trotzdem ich wußte, daß meine Hausfrau täglich von zwölf bis ein Uhr abwesend ist, weil sie zum Mittagstisch immerzu ihrer verheirateten Tochter nach dem Goetheplatz fährt und dann das Haus abschließt, und ich selber auch meine Wohnung abschloß. Trotzdem suchte ich es mir immer wieder aus- zureden, aber kürzlich wurde ich gewahr, daß mein Verdacht begründet war."
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„Ich bin wirklich gespannt, jedenfalls ein Mitbewohner?" fragte Göllnitz. Doch der Referendar ging über die Frage hinweg und erzählte, scheinbar durch die Erinnerung erregt, weiter: „Ich hatte mir schon vorgenom- . die Wohnung in tunlichster Bälde aufzugeben, vorher aber wollte ich mir erst eine passende neue in aller Ruhe suchen und hatte zu diesem Zweck morgens aus der Zeitung einige Adressen herausgeschrieben." 164,18