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mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

______ Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._______________________

Erscheint Mittwoch und Samstag, Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Deutsches Reich.

Der Reichstag erledigte am Freitag die zweite Lesung des Etats des Reichstags, und wie alljährlich wurden auch diesmal von allen Seiten die verschieden­sten Anregungen interner Art gegeben. D-n größten Teil der Debatte nahm jedoch die Frage einer Reform der Geschäftsordnung in Anspruch. Hierzu lagen An­träge der Linien und des Zentrums vor, welche die bekannten Wünsche nach einer Ausgestaltung der Ge­schäftsordnung zum Ausdruck brachten. Alle diese An­träge gingen an die verstärkte Geschäftsordnungskom­mission, der auch ein neuer Antrag des Abgeordneten Gröber (Z.) auf eine allgemeine Revision der gesamten Geschäftsordnung überwiesen twurde. Die Anträge auf Erweiterung der freien Fahrt wurden gegen die Stimmen der Rechten angenommen und einige Rech­nungssachen erledigt. Der Reichstag hat am Sonn­abend schnelle Arbeit gemacht, indem er den Gesetzent­wurf über die Handelsbeziehungen mit Amerika in allen drei Lesungen in kaum einer halben Stunde er­ledigte. Staatssekretär Dr. Delbrück brächte die Vorlage ein und gab eine kurze Uebersicht über die Verhand­lungen mit den Vereinigten Staaten. Der vorliegende Gesetzentwurf solle dem Bundesrat das Recht geben, bei der Einfuhr von Erzeugnissen der Vereinigten Staaten die Anwendung der Konventionalsätze in ange­messenem Umfange zuzulassen. Der Staatssekretär er­klärte jedoch, er hoffe, daß von dieser Befugnis gar kein Gebrauch gemacht werden dürfte, und daß die Vereinigten Staaten, die gemachten Zugeständnisse auch tatsächlich aufrecht erhalten werden. Nach diesen Aus­führungen des Staatssekretärs wurde der Gesetzentwurf ohne weitere Debatte in allen drei Lesungen ange­nommen.

Das preußische Abgeordnetenhaus trat am Frei­tag in die erste Beratung der Novelle zum preußischen Gerichtskostengesetz und der damit verbundenen Ge­bührenordnung für Notare, Rechtsanwälte und Gerichts­vollzieher ein. Justizminister Dr. Beseler wies in seiner Begründung darauf hin, daß bei der Reform des Gerichtskostengesetzes Zweckmäßigkeitsgründe vorge­waltet haben, daß aber auch der finanzielle Effekt nicht außer acht gelassen worden ist. Man erwartet eine Mehreinnahme von etwa 3 Millionen aus den Gerichtskosten. In der Debatte kamen fast nur Juristen zum Wort. Die Vorlagen wurden wegen der Wichtig­keit der Materie nicht der Justizkommission, sondern

Samstag, den 12. Februar 1910

einer besonderen Kommission überwiesen. Das Haus begann dann noch die zweite Lesung des Justizetats. Die Einnahmen wurden ohne wesentliche Debatte be­willigt. Am Samstag wurde die Beratung des Justizetats fortgesetzt. Die Abgg. Boehmer (kons.) Maiß (Z.), Boisly (natl.) und Viereck (frkons.) behan­delten hauptsächlich Fragen der juristischen Vorbildung und der Ausbildung der jungen Richter; Abg. Cassel (fr. Vp.) trat lebhaft für die Beteiligung des Laien­elements an der Rechtspflege ein. Justizminister Dr. Beseler erkannte an, daß manche der vorgebrachten Wünsche berechtigt seien. Abg. Peltasohn (fr. Vg.) brächte verschiedene Wünsche der Justizbeamten vor. Am Montag brächte der Abg. Liebknecht (Soz.) in fast vierstündiger Rede allerlei nichtige Beschwerden vor und erhielt wegen Beleidigung des Richterstandes einen Ordnungsruf. Justizminister Dr. Beseler lehnte ab, auf die plumpen Anklagen Liebknechts zu anworten, hielt es aber doch für notwendig, auf dessen verhüllte Drohungen mit sozialdemokratischen Massendemon. Citationen mit folgenden Worten einstigeren:Wenn Dr. Liebknecht zuletzt hingewiesen hat auf zukünftige Ereignisse, und zwar in einer drohenden Form, so kann ich nur erklären, daß die Bevölkerung der weiteren Handhabung der Justiz vertrauensvoll entgegensehen kann." Abg. Strosfer (kons.) trat den Angriffen des Abg. Liebknecht scharf entgegen und gab seiner Ver­wunderung über die Behandlung des Falles der Frau von Schönebeck durch die Justizbehörden Ausdruck Schließlich wurde das Ministergehalt bewilligt.

Schon wieder ist der Uebergang deutschen Be­sitzes an Polen zu beklagen. In Dubellno, einer vor­wiegend deutschen Landgemeinde im westpreußischen Kreise Schwetz, verkauften drei deutsche Besitzer ihre Stellen an drei Polen, die Gebrüder Spychalski, für je 5500 Mark. Ein derartiger Mangel an National» gefühl ist im höchsten Grade bedauerlich.

Im Bundesrat wurde die von Preußen bean­trage Einführung von Schiffahrtsabgaben mit 46 gegen 12 Stimmen angenommen. Dagegen erklärten sich Sachsen mit 4, Baden mit 3, Hessen mit 3 und die beiden reußischen Staaten mit je einer Stimme.

Eine, neue Landtagsersatzwahl in Berlin steht bevor. Wie derVorwärts" mitteilt, hat sich der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Heimann ge­nötigt gesehen aus Gesundheitsrücksichten sein Mandat zum preußischen Abgeordnetenhause niederzulegen. Da­durch ist eine Neuwahl im 6. Berliner Landtagswahl­

61. Jahrgang.

MHHHR

kreise notwendig geworden-Genosse" Heimann ha sich infolge der Ungültigkeitserklärung der sozioldemv' kratischen Berliner Mandate vor kurzem erst einer Neuwahl unterziehen müssen. An Stelle des Abg- Heiman soll, wie verlautet, der frühere Abgeordnete Adolf Hoffmann aufgestellt werden, der in Moabit dem freisinnigen Dr. Runze unterlag.

Die Ständige Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt wird zur Zeit gruppenweise von hierzu gebildeten Fach­kommissionen ihres ständigen Beirats daraufhin ge­prüft, ob die ausgestellten Schutzeinrichtungen noch den modernsten Anforderungen von Technik und Wissen­schaft entsprechen. Die erste dieser Gruppenbesich- tigungen hat am 25. Januar 1910 stattgefunden. Sie erstreckte sich auf die Gruppen Bergbau, Hüttenwesen, Metallbearbeitung sowie Holzbearbeitung. Als Sach­verständige Beiratsmitglieder waren Industrielle, Ge­werbeaufsichtsbeamte, technische Beauftragte von Berufs­genossenschaften und ein Arbeitervertreter beteiligt. Einzelne Ausstellungsgegenstände wurden als nicht mehr ganz den neuesten Anforderungen entsprechend ausge­schaltet. Vor allen Dingen aber wurde angeregt noch vorhandene Lücken durch Heranziehung neuer Aus­stellungsgegenstände zu ergänzen. Es darf gehofft werden, daß es dem persönlichen Eintreten der Bei- t atsmilglieder gelingen wird, solche Lücken auszufüllen. Im großen und ganzen wurde anerkannt, daß die Ausstellung sich auf der Höhe des Ereichbaren befindet.

Der Provinziallandtag der Provinz Hessen- Nassau ist zum 27. April d. Js. nach der Stadt Wies­baden berufen worden.

Interessant ist eine Uebersicht darüber, was europäisch e Herrscher an Unterstützungen für die Ueber- scb oei miten in Paris geben: Italien 50000 Francs, der Papst 30 000, Rußland 26 000, England 26 000, Oesterreich 25 000, der deutsche Kaiser 20 000 Mark, der Prinz von Wales 12 500, Rumänien 10 000, Belgien 10 000 Francs, Präsident Falliäres spendete aus eigener Tasche gleichfalls 30 000 Francs. In Amerika wurde für dasarme" Frankreich 600 000 Francs gesammelt in England gar 900 000 Francs.

Während des Jahres 1908 sind 1648 Ehe- jubiläums-Medaillen verliehen worden; davon entfallen auf die Provinzen: Ostpreußen 43, Westpreußen 38, Brandenburg 222, Pommern 85, Posen 56, Schlesien 88, Sachsen 176, Schlesweg-Holstein 118, Hannover 214, Westfalen 179, Hessen-Nassau 97, Rheinprovinz 330 und Regierungsbezirk Sigmaringen 2. Es ge-

) Ierkannt.

Roman von Lothar Palmer. 13

So schrieb er und vergessen war alles, was sie im Dunkel der Nacht bedrückt hatte ; sie schrieb ihm einige glückliche Zeilen als Antwort, schickte Trude zum näch­sten Briefkasten damit, und machte sich sodann zur Probe bereit.

* *

Baron Buschbeck war absolut nicht das, was man einen Lebemann nennt, trotzdem er den Gewohnheiten und Instinkten der feschen Lebewelt auch nachgab; aber es war mehr anerzogen als eigener Trieb. Er war eine schwache, gutmütige Natur, die sich leicht lenken und füh­ren ließ, ohne viel zu erwägen, ob gut oder böse die Trieb­feder der Handlungen war. Früh verwaist, war er in jun­gen Jahren der Besitzer eines sehr bedeutenden Vermö­gens geworden, das ihm die Befriedigung auch außerge­wöhnlicher Passionen erlanbte, und so hatte er stets einen Troß guter Freunde, die ihm seine Zinsen aufzehren hal­fen. Pöhland war ihm der sympathischste seiner Bekann­ten; er verkehrte mit ihm am meisten, nannte ihn Freund und ließ sich in seiner indolenten Art auch von ihm et­was tyrannisieren. Er fühlte auch sehr gut heraus, daß dieses Mal der Freund ihm die schöne Tragödin verekeln wollte, weil ihm selber ihre aparte Schönheit und die Herbheit bei den Annäherungsversuchen imponierte, aber er fand die Art nicht schön, Fräulein von Holthaus zu -mißkreditieren, um zu seinem Zweck zu gelangen. Ihm selber hatte eigentlich mehr ihr Spiel als ihre Persönlich­keit gefallen, und sein Besuch hatte mehr ihrer Kunst als onderen, weniger edlen Empfindungen gegolten. Da- Tum versäumte er auch, soweit es sich mit seinen geselli­gen Verpflichtungen vereinigen ließ, keinen Theaterabend, an dem Elfriede'auftrat, und doppeltes Interesse bot ihm neuerdings seine neue Nachbarin zur rechten in der klei­nen Seitenloge, wo er in der Vorderreihe schon seinen stän­

digen Platz hatte. An Stelle der kürzlich verzogenen Le- gationsrätin von Köhler faß setzt Marianne von Stupka, die, überglücklich über das Opfer, das ihr die Mutter durch das Theaterabonnemen: gebracht hatte, gar nicht merkte daß ihr diese Freude wohl kaum bereitet worden wäre, wenn nicht gerade Baron Buschbeck den Nachbar­platz eingenommen hätte.

Frau von Stupka hatte damals nach der Abendgesell­schaft ihre Tochter unauffällig ausgeforscht, worüber sie sich denn so angelegentlich mit ihremKavalier bei Tisch unterhalten hätte, und als Marianne unbefangen erzählt hatte, erhabe ihr hauptsächlich vom Theater und der gro­ßen Kunst der neuen Tragödin erzählt, war sofort der Plan in ihr gereift, die ihr befreundete Legationsrätin, die ihr die ersten spekulativen Ideen mit Baron Busch­beck, als einen sehr reichen Mann, eingegeben hatte, um Ueberlassung ihres Theaterplatzes anzugehen.

Es hatte sich alles so leicht und so unauffällig gege­ben, und Referendar Pöhland, der zur Linken Buschbecks saß, freute sich, daß die bleiche Oberstentochter seinen ver­meintlichen Rivalen in den Pausen so gut zu fesseln wußte, daß er den Freund darüber fast vergaß. Sogar seine Begleitung bot er chevaleresk Fräulein Marianne an, während der Diener des Obersten geziemend zehn Schritte hinter dem Paare Herschritt. So war Buschbecks Aufmerksamkeit von Elfriede abgelenkt, und der Refe­rendar zweifelte nicht, daß es ihm gelingen würde, die wohl nur als Pose zur Schau getragene Zurückhaltung der Schauspielerin doch noch zu brechen. Die Leidenschaft, die sie in ihren Rollen zu entwickeln wußte, reizte ihn fast noch mehr als ihre Schönheit, und dieJndiskretionen seines Stubennachbarn, die dieser bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu ergänzen suchte, schreckten ihn durchaus nicht ab, sondern gaben ihm die angenehme Empfindung, daß man sich unter Berufung auf diese Kenntnis jederzeit wieder freimacken konnte, wenn man der Sache müde geworden war. Dazu kam, daß ihm Frauen mit Vergangenheit viel interessanter dünkten als

! mimosenhafte Naturen, die er unter die Rubrikfabe ! Wassersuppen" einzureihen pflegte.

Marianne fing bald an, sich nach den Theateraben­den zu sehnen; nie vorher hatte ihr irgend eine Zerstreu­ung so viel Genuß geboten. Nicht wenig trug dazu El­friedes Spiel und sympathische Erscheinung bei; sie äußerte unumwunden dem Baron gegenüber ihre Bewunderung, und nun hatten sie einen Punkt gefunden, wo sich ihre Gefühle trafen. Es war darum kein Wunder, daß sie sich sehr bald näher kamen, auf verwandte Anschauungen stießen, die sie bewegten, und sich aus dem anfangs kon­ventionellen Verkehr bald eine Art Kameradschaft ent­wickelte, die in beiden harmonische Empfindungen wach­rief und sie unbewußt zwang mehr und mehr eines an das andere zu denken und sich mit dem Wesen des an­deren vertrauter zu machen.

Frau von Stupka, die mit großer Genilgtuung ver­nommen, in welch' chevaleresker Weise der Baron Ma­rianne seine Begleitung angeboten hatte, war glücklich als sie sah, wie fein ihr Scharfblick die Fäden verwoben, die sich zu einem festen Knoten zu verknüpfen schienen.

Aber als sie einmal mit einer Neckerei ihre Tochter animieren wollte, anders als in Andeutungen und fast ängstlich zurückhaltend von dem zuvorkommenden Beneh­men des Barons zu reden, war diese heftig aufgebraust: Ich bitte Dich, Mama, um Gotteswillen keine Spekula­tion, keine Pläne. Das würde mir den ganzen Verkehr mit Herrn von Buschbeck verleiden. Wir verstehen uns so gut, sind beide so unbefangen froh. Mache mich nicht ängstlich und scheu."

Die Mutter legte lächelnd ihrer erregten Tochter die Hand auf die Schulter:Wie Du gleich aufbrausen magst. Darf man heutzutage ein Mädchen nicht einmal mehr necken?"

! Marianne sah ihr groß, fasttraurig in die Augen:Nein, ! Mama, nicht necken, es tut mir weh!" und die Mutter ; war ernst und nachdenklich gewordeg. 164,18