Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlick
; Landwirtschaftlicher Ratgeber, eimat".
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Die Zeier von Kaisers Geburtstag in der Keichshauptstadt.
Die Feier wurde zwar nicht durch das sprichwörtliche Hohenzollernwetter begünstigt, wenn aber auch die Sonne nicht durch die Wolken kam, so war die Witterung doch trocken. Der leichte Schneefall erhöhte nur das Vergnügen am Aufenthalt im Freien. Dichte Menschenmengen belagerten denn auch wieder an diesem Geburtstage des Kaisers die Straßen unter den Linden, um die Auffahrt der Botschafter, der Minister und der sonstigen Gratulanten zum kaiserlichen Schloß mit anzusehen.
Berlin. Anläßlich Kaisers Geburtstages trägt die Stadt reichen Flaggenschmuck. Eingeleitet wurde die Feier durch das große Wecken. Der Kaiser nahm die Glückwünsche der kaiserlichen Familie entgegen und empfing dann die Gratulation der Herren und Damen des engeren Hofes und des Hauptquartiers sowie der ständig hier anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses und der fürstlichen Gäste. Um 8’7« Uhr empfing der Kaiser den Reichskanzler, dem er den Schwarzen Adlerorden verlieh. Sodann begab sich der Hof nach der Schloßkapelle, wo die Botschafter und die übrigen Missionschefs, die Mitglieder des Bundesrats, die Generalität, die Admiralität, die Minister, die ParlamentSpräftdien usw. sich bereits ein- gefunden hatten. Oberhofprediger Dryander hielt die Predigt. An den Gottesdienst schloß sich die Gratulations- csur im Weißen Saale, wobei der Kaiser dem Reichskanzler, den Botschaftern und den Parlamentspräsidien die Hand reichte. Nach der Cour nahm der Kaiser die Glückwünsche des StaätSministeriums entgegen und begab sich sodann mit seinen Söhnen zu FuH nach dem Zeughaus zur ParoleauSgabe. Nach der Rückkehr in das Schloß fand Frühstückstafel mit den Kindern und Geschwistern des Kaisers statt.
Oberhofprediger D. Dryander sprach in der Schloßkapelle über die vom Kaiser selbst gewählten Worte des Psalmisten: „Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn, daß ich tu.kündige alle seine Tugenden."
Berlin. Der Reichstag beging den Geburtstag des Kaisers mit einer Feier in den festlich geschmückten Erfrischungsräumen des Reichstagsgebäudes. Der erste Vizepräsident Spahn brächte das Kaiserhoch aus. Er feierte in einer Rede, den Kaiser als den mächtigen Hort des Weltfriedens. Deutschland an die Front der Menschheit, das sei des Kaisers Ziel.
Deutsches »
— Der Kaiser weilte am Son. nar, wo
er das jungvermählte Großherzogpa mgs zuvor bei heftigem Schneetreiben seinen E , in Weimar gehalten hatte, begrüßte. Nach der Tc versammelten sich die hohen Herrschaften im Hoftheater, wo Shake- spears „Sommernachtstraum" gegeben würd". Noch am Sonntag abend 11 Uhr reiste der Kaiser wieder ab. Bei der Galatafel im großherzoglichen Schloß dankte der Großherzog in einem Toast dem Kaiser aufs allerherzlichste für seinen Besuch. Seine Frau und er seien hocherfreut über diesen Beweis treuer Freund» schaft und er dürfe wohl sagen, daß auch alle seine Untertanen durch die Anwesenheit Sr. Majestät bewegt seien. Der Kaiser erwiderte, es sei ihm ein Bedürfnis gewesen, bei dem Einzug der Frau Großherzogin an» wesend zu sein, da er gewohnt sei, dem Großherzog von jeher seine Teilnahme in Freud und Leid zu zeigen.
— An weibliche Dienstboten wurden im vergangenen Jahre von der Kaiserin für 40jährige Dienstzeit in der» selben Familie 191 goldene Dienstbotenkreuze nebst Diplomen verliehen, und zwar in den Provinzen Brandenburg 37 (darunter 4 Berlin), Schlesien 28, Sachsen 27, in der Rheinprovinz 23, in den Prvvinzen Ostpreußen 14, Westfalen 13, Hannover 10, Schleswig-Holstein 9, Pommern 8, Hessen-Nassau 7, in den Reichslanden Elsaß-Lothringen 6, in der Provinz Westpreußen 5 und in der Provinz Posen 4.
-- Aus Anlaß des Kaiserlichen Geburtstages werden zahlreiche Beförderungen in Heer und Marine bekannt- gegeben; Prinz Eitel Friedrich wurde zum Major befördert.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend eine Reihe kleinerer Etats und beschäftigte sich dann mit der Zentrumsinterpellation über den Zwangsarbeitsnachweis der Zechenbesitzer. Handelsminister Sydow bezeichnete den Arbeitsnachweis als gut und notwendig, um der im Ruhrgebiet herrschenden Anarchie in der Arbeitsvermittlung ein Ende zu machen. Einige besonders scharfen Bestimmungen des Statuts habe er ausgemerzt. Die Bergverwaltungsbehörden würden dem Arbeitsnachweis nicht beitreten, um sich nicht von der Majorität der Zechenbesitzer abhängig zu machen. In der darauf folgenden Besprechung zeigten sich die Redner aller bürgerlichen Parteien mit den Ausführungen des Ministers einverstanden. — Am Montag wurden zunächst eine Reihe von Eingemeindungsvorlagen erledigt, wobei auf eine Anfrage des Abg.
Stets
Frhrn. v. Zedlitz (frkons.) Unterstaatssekretär Holtz im Namen der Regierung antwortete, daß wohl Vorarbeit«! über die gesetzliche Regelung der Bildung von Zweck- verbänden im Gange seien, daß aber in dieser Session ein solcher Gesetzentwurf schwerlich noch vorgelegt werden würde, da die Regierung noch erst die Verhandlungen der Gemeindekommission abwarten wolle, um dann die nötigen Konsequenzen und Schlüsse ziehen zu können. Bei der nun folgenden zweiten Beratung des Land- wn 'schasisemts erklärte Landwirtschaftsminister v.jArnim, die preußische Regierung werde sich bei günstigen Handelsverträgen zu Konzessionen auf dem Gebiete des Veterinärschutzes nicht verstehen, er glaube auch, daß die Reichsregierung den gleichen Stanopunkt «»nähme. In der Debatte sprachen noch die Abag. Dr. Crüger (fr. Vp.), Ecker (natl.), v. Kessel (kons.), Fleuster (Z>), Schroeder (natl.) und Humann (Z.).
— Der Zustand des geisteskranken Königs Ott» von Bayern ist nach dem „Fränk. Kurier" unverändert, wie schon seit Jahren. Das früher aufgetretene Nierenleiden ist längst beseitigt, und so kann der jetzt 62 Jahre alte König noch viele Jahre leben.
-- Aus der Prüfungskommission für höhere Ver- Wallungsbeamte. Der Prüfungskommission waren im Jahre 1909 89 Examinanden überwiesen, jedoch ist die Prüfung bei 13 Referendaren noch nicht erledigt. Von den der Prüfung unterzogenen 76 Kandidaten haben 11 nicht bestanden. Dagegen haben 10 Referendare mit dem Prädikate „gut", 9 Referendare mit dem Prädikate „vollkommen befriedigend" und 46 Referendare mit dem Prädikate „ausreichend" die Prüfung bestanden. Die Prüfung nicht bestanden haben: 19*5 22,4 vH., 1906 14,91 VH., 1907 21,30 vH., 1908 22,22 vH. und 1909 14,47 vH. Wenn diese Uebersicht schon insofern ein erfreuliches Bild gewährt, als der Prozentsatz der Durchgefallenen nicht unerheblich geringer ist als in den beiden Borjahren, so wird der günstige Eindruck noch durch den Umstand verstärkt, daß einer beträchtlichen Anzahl der Prüflinge ein Prädikat gegeben werden konnte. Demgemäß haben die Mitglieder der Kommission — weniger aus den Ergebnissen der Klausurarbeiten wie aus den Leistungen bei der mündlichen Prüfung — die Ansicht gewonnen, daß die Vor- und Durchbildung der Referendare eine bessere geworden ist, und daß sich die Neuordnung des Vorbereitungsdienstes zu bewähren scheint.
— In der Wandelhalle des Reichstages hat der Abg. Dr. Goller 21 Platten südwestasrikanischen Mar-
Merkarmt.
Roman von Lothar Palmer.
8
Da lacht der Mann auf, hämisch, in kurzen Stößen: „Hast ein kurzes Gedächtnis, wie mir scheint, Cäcilie Richon?"
Sie zuckt auf bei demKlange dieser Stimme, sie klammert sich an die Sessellehne und wird fahl bis in dieLip- pen. Er weidet sich einen Moment an ihrem starren Entsetzen, dann kommt er langsam naher und fragt: „Erkennst Du mich jetzt?"
Sie hat sich schon wieder gefaßt; warum erschrak sie doch? Sie war als ihr eigener Herr im eigenen Heim, und der davor ihr stand,war einEirdringling, den sie nicht dulden wollte; ein Schatten aus unseliger Vergangenheit, aber.. ein Schatten nur.
So ruhig und kühl, als ob nicht vor wenigen Sekunden noch ihr Harzschlag gfitocktundeinequalvolle Angst ihr dm Atem benommen fätte, lächelt sie und sagt: „Sie irren, mein Herr! Mein Rune ist Elfriede von Holthaus." Damit ist wohl unsere Unterredung als beendet zu betrachten!" Und hochemp-rgerichtet, schreitet sie der Wand zu, um auf den Knopf äer elektrischen Glocke zu drücken.
Aber er ist schneller gewesen als sie, erfaßt ihrHand- gelenk mit eisernem Gciff. „Glaubst Du wirklich, mich so leichten Kaufes los zr werden? Ich dächte, wir hätten noch eine Rechnung auszugleichen. Elfriede von Holthaus und Franz Gottschcll statt Cäcilie Richon und Paul * Schönfuß."
„Ich schreie mh Hilfe, wenn Sie meine Hand nicht sreigeben!"
„Närrin, Du vürdest nur Dich selbersblamieren! Weißt . Du nicht, daß ih Deine Briefe in Händen habe?"
Ekel und Hiß kochten in ihr auf. Nein, dieser Mann war nicht um, daß sie ihn mit stummer Verachtung strafte, er solle es hören, was ihr an der Seele gefressen
hatte, seit sein Lügengewebe ihr den Duft ihrer reinen Jugend vergiftet hatte, seit sie vor ihm geflohen war, wie ein gehetzte? Wild. Sie rüstet sich zum Kampf und ein Sug herber Entschlossenheit legt sich um ihren Mund, omme, was kommen mag.
Er sieht und ahnt vielleicht, was in ihrvorgeht; seine Stimme klingt geschmeidiger, als er sagt: „Nicht so starr, nicht gar so theatralisch. Ich bitt nur gekommen. Dich zu fragen, warum Du damals ohne ein Wort der Erklärung von mir geflohen bist?"
Er frug, was ihr seit Jahren die Erlösung und Freiheit gebracht hatte, was sie jeden Tag auf den Knien Gott dankte und was ihr dennoch kaum über die Lippen wollte. Heiß jagt ihr Atem und nur stoßweise kommt es hervor: „Mit einer Lüge, die ein Verbrechen war, lock- tenSie das vertrauende Mädchen an sich, schwuren Liebe und Treue, Eheglück und sorgloses Leben, Sie, der verheiratete Mann, der Vater, der ein Bettler war, weil er das Vermögen von Weib und Kind verpraßt hatte."
„Weil ich Dich liebte! Du weißt, daß alles um Dich geschah!"
„Lüge auf Lüge! Wie ich umgarnt wurde, war es andern vor mir ergangen, und wenn ich nach Freiheit schrie, wurde ich mit Drohungen geknebelt, bis ich mich losriß mit dem Verzweiflungsschrei: Lieber sterben, als diese Marter länger tragen!"
„Marter? Soll ich Briefe von Cäcilie Richon lesen, die sich die Aussicht, als niein Weib zu leben, nicht wie eine Marter ausmalen?"
„Ich stand allein, unerfahren, mittellos, mit der großen Sehnsucht der Künstlerin in der Welt; da griff ich vertrauend nach der Hand, die sich mir mit gleißenden Worten bot, ohne zu ahnen, daß es die Hand eines Schurken sei."
„Reize den Schurken nicht, der leicht Deinen Künstlerehrgeiz vernichten kann!"
„Ich fürchte mich nicht
„Auch nicht, wenn man gewissen Verehrern gewisse Briefe zeigen und kleine Details von dem Leben geben möchte, das sich in der Vorstadtwohnung von Frankfurt abspielte?"
Heiß quillt eine dunkle Blutwelle in Elfriedes bleiche Züge; mit drohender Geberde hebt sie die Hand: „Ich fürchte mich nicht, und wir sind fertig!"
Er hat es diesmal übersehen, daß sie die Klingel in Bewegung setzte. Als der Klang sein Ohr trifft, knirscht er mit den Zähnen: „Es wäre klüger, Du hättest mich zum Freunde als zum Feinde!"
Sie gibt keine Antwort mehr; als Trude eintritt, bo- fiehlt sie ruhig: „Führe den Herrn hinaus."
„Adieu Cäcilie! Auf Wiedersehen!" sagt er laut und zudringlich, und als sich die Tür geschlossen hat, sinkt sie in einen Sessel und schluchzt auf, elend, bis ins tiefste Herz getroffen.
Da war der Schatten, das grauenvolle Etwas, das sich an ihre Fersen heftete, das sie verfolgte bis in ihre Träume. Wohl war sie damals geflohen aus dem Heim, das sie in kindlicher Torheit mit dem Manne geteilt, der ihr die Ehe und den Frieden stiller Häuslichkeit versprochen hatte, bis sie umgarnt von seinem Lügengewebe und in seine Hände gegeben war. Als sie die Wahrheit erfuhr- daß sie betrogen und belogen war, daß er an eine andere gebunden war, daß er Weib und Kind verlassen hatte, da war es zu spät gewesen; ihr guter Ruf war zerstört und apathisch lebte sie hin, bis die Brutalität des Mannes sie aus der Lethargie erweckte und sie eines Tages auf und davon ging.
Gleichviel, ob in den Tod oder ins Elend, nur frei von den entehrenden Banden, losgerissen von dem.Scheusal, das Liebe geheuchelt und als ein Verworfener sie um ihr kleines Erbteil gebracht hatte, um ihren Glauben und Glück. Und nun kroch die Erinnerung noch einmal schwarz vor ihr her, wie ein Gespenst, das ihr erweckte, was sie tot und vergessen gewghnt hatte. 164,18