SchlüchterlmMim g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber- ____________ Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".__2
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Amtliches. ■ _
J.-Nr. 218 K.-A. Nach Angak' de. Kreisobergärtners sind die Pflegearbeiten an den Dbftbäumen in vielen Gemeindebezirken in diesem Winterhalbjahr noch gar nicht oder in ungenügendem Maße ausgefübrt, ohne daß Seitens der Ortspolizeibehörden gegen die Säumigen auf Grund der Regierungs-Polizeiverordnung vom 22. April 1892 §§ 15, 19 ff. (Amtsblatt S. 109) eingeschritten worden ist. Ich sehe mich daher veranlaßt, die Herrn Ortsverwalter hiermit nochmals auf die ihnen durch die genannte Polizei-Verordnung eingeräumte Befugnis hinzun eisen und zu ersuchen, gegen die Baumbesitzer erneut mit Nachdruck vorzugehen. Das auch jetzt noch anhaltende ziemlich wilde Winter- Wetter ist für die fragl. Arbeiten sehr günstig. Daß nur durch gemeinsames Vorgehen in der Obstbaumpflege die Obstbaumschädlinge und Krankheiten erfolgreich bekämpft werden können, ist hinreichend bekannt. Dem Kreisobergärtner, welcher demnächst den Erfolg der erneuten polizeilichen Anordnungen kontrollieren wird, ersuche ich, bei seinem Eintreffen einen Gemeinde.»' diener zur Verfügung zu stellen, welcher die Namen der Baumbesitzer kennt.
Schlüchtern, den 14. Januar 1910.
Der Königl. Landrat: Valentiner.
Wie's gerade paßt.
Es ist bekannt, daß die sozialdemokratische Presse nicht müde wird, die segensreichen Einrichtungen unserer Kranken-, Alters-, Invaliden- und Unfallversicherung als Betielsuppe zu verspotten. Dabei hat kein Staat der Welt etwas Aehnliches aufzuweisen. Daß aber unsere Versicherung zum Schutze der wirtschaftlich Schwachen und Bedrängten auch für die Sozialdemokraten
^erkannt.
Roman von Lothar Palmer. 5
Im traulich-kleinen Speisezimmerhingen einige Gobelins, die im Zusammenhang mit den mattbunten Fensterscheiben ein harmonisch-gedämpftes Licht gaben, und vom offenen Kaminfeuer, wo ein paar dicke Buchenklötze in schöner, gleichmäßiger Flamme verbrannten, zog eine milde Wärme herüber.
„Ja, das war mein erster, großer Schmerz, als Du damals so plötzlich abgereist bist, und ich habe lange gebraucht, ehe ich ihn verwinden lernte. Die Seille, unser Gärtchen, der Gartensaal und der Heuspeicher waren mir verleidet, und als mein Vater bald darauf heiratete, war ich froh, als man mich zur Ausbildung an ein norddeutsches Gymnasium schickte."
„Dein Vater hat wieder geheiratet?" fragt Elfriede erstaunt.
„Ja! Du entsinnst Dich vielleicht noch unserer Haushälterin ..."
„Der Antoinette ?" unterbricht ihn Elfriede hastig.
„Ja, der Antoinette," seufzt Göllnitz. „Sie ist meine Stiefmutter geworden und halben Vater um einige Jahre überlebt."
„Armer Oswald."
Als ob er ihren Einwurf überhört hätte, fährt er fort: „Als der Vater einmal gestorben war, hat mich nichts mehr heimgezogen; so bin ich nach dem Absolu- l lorium nach Tübingen und dann nach München auf die ! Hochschule gezogen und habe, da der Vater mir ein hübsches Sümmchen hinterließ, all meine freie Zeit zu schö- nen Reisen benutzt. Da hast Du mein ganzes Leben."
„Und unser Gärtchen hast Du nie wiedergesehen ? Weißt ! gar nicht, ob die Finken noch in der knorrigen Akazie 1 nisten und die Schwarzblättchen im Fliederbusch fingen?"
„Nie!" sagt er, traurig den Kopf schüttelnd.
j „Wie Du anders geartet bist als ich! Weißt Du, daß
Mittwoch, den 19. Januar 1910
61. Jahrgang.
eine herrliche Sache ist, wenn's gilt, einen greifbaren Nutzen davon zu erhalten, zeigt folgendes im „Märkischen Landboten", dem sozialdemokratischen Hetzkalender, (Seite 26) abgedruckte Gespräch:
Frage: Sollen heiratende weibliche Versicherte ihre Beiträge zur Invalidenversicherung zurückverlangen?
Antwort: Nein, sie sollen ihre Beiträge nicht zurückverlangen.
Frage: Warum sollen sie das nicht tun? Die Beiträge machen doch oft 30 Mk. und mehr aus und sind zum jungen Haushalt eine immerhin nicht zu verachtende Beisteuer!
Antwort: Das ist freilich richtig, aber mit der Rückzahlung verliert die junge Hausfrau 1. den Anspruch auf eine Invaliden- und auf eine Altersrente; 2. es wird ihr bei Erkrankungen von der Versicherungsanstalt keine Krankenhilfe mehr geleistet.
Frage: Was tut daher eine kluge versicherte Frau, wenn sie heirat?
Antwort: Sie klebt die Versicherungsmarken fort, alle Jahre mindestens zehn Marken, und tauscht vor Ablauf von zwei Jahren diese Karte um. Damit sichert sie sich 1. das Recht auf eine Invaliden- und auf eine Altersrente von durchschnittlich alle Jahre 150 Mk., 2. kann sie dann darauf rechnen, daß ihr bei schweren Erkrankungen die Kosten des Arztes, des Apothekers, wenn nötig, die Kosten des Aufenthaltes in einem Krankenhause, einer Lungen- oder Walderholungsstätte oder dergleichen ersetzt werden. Manche Frau hat es schon bitter bereut, daß sie sich unüberlegterweise ihre Beiträge hat herauszahlen lassen und dadurch ihrer Familie später zur Last gefallen ist. —
1 Mit einem Male hat sich also herausgestellt, welchen Segen für das wirtschaftliche Gedeihen jene zu Unrecht geschmähten Gesetze in sich bergen. Diese Gesetze müssen also doch wohl nicht so schlecht sein, wie sie immer von den Sozialdemokraten ausgeschrien werden. Der Rat des „Märkischen Landboten" beweist aufs neue, daß unsere sozialpolitische Gesetzgebung nur deshalb von den Sozialdemokraten angegriffen wirb, weil diese keine Zufriedenheit aufkommen lassen wollen. Uebrigens wird der Kalendermacher wohl einen derben Rüffel von den gestrengen „Genosfenrichtern" erhalte», weil er den „Leichtsinn" begangen hat, eine staatliche Einrichtung - wenn auch wahrscheinlich unfreiwillig — gutzuheißen und zu loben!
mich jedes Frühjahr die Sehnsucht dahin packt ? Ich möchte wieder im wilden Grase liegen, den Kopf auf die moosigen Steine legen und weit mit Dir über die bröckelnde Mauer gelehnt unser Bild im trüben Flußwasser sehen."
Ersieht sie mit einem seltsam verworrenen Blick an und fragt: „Wie ist es denn Dir ergangen, seit wir zum letzten Mal unter bei Trauerweide saßen?"
„Du siehst ja, was ich geworden bin."
„Ja,.und ich bin stolz auf Dich! Das Talent verriet sich ja schon als Kind bei Dir, und daß ich Dich gerade in einer Schöpfung des großen Briten zuerst sehen durfte, war mir der höchste Genuß. Ich hätte Dich unter Tausenden erkannt. Als ob Deine Seele aus Deinen Augen geleuchtet hätte, kam es über mich. Aber sieh, gerade Dein Werden, Deine Entwicklung ist mir so interessant, Du mußt mir das erzählen, bitte."
„Nun ja, ein andermal," wehrt sie etwas befangen ab. „Uebrigens, was gibt es da viel zu sagen. Der Drang lag nun einmal in mir, Mutter legte mir keine Hinder- nisie in den Weg, und an einer kleinen Provinzbühne debütierte ich. Dann starb Mutter, eine unverheiratete Schwester von ihr nahm sich meiner an, und als diese starb und mir ihr Vermögen hinterließ, konnte ich mich ernster ausbilden lassen. So kam ich her."
Sie hatte hastig und erregt gesprochen, und es entgeht ihm nicht, daß es ihr peinlich ist, auf Einzelheiten einzugehen, darum lenkt er auf ein anderes Thema über, und als er nachmittags von ihr scheidet, liegt in beiden wiederder ganzeZauberundDuft der alten innigenFreund- schaft, und ihre Hände umschließen sich in festem Druck, als sollten sie sich nie wieder lassen.
Als Professor Dr. Göllnitz in gehobener Stimmung die Treppe hinabging, stieß er mit einem Manne zusammen, der schon zweimal vergebens bei Elfriede von Holthaus angeläutet hatte. Göllnitz griff an den Hut, murmelte eine Entschuldigung und ging, ohne sich weiter um den Unbekannten zu kümmern, aus dem Hause.
Der Mann beugte sich über das Treppengeländer und
Deutsches Reich.
— Der Reichstag beschäftigte sich in seiner ersten Sitzung nach den Weihnachtsferien am Dienstag mit der Interpellation über die mecklenburgische Versassungs- reform. Namens der verbündeten Regierungen erklärte Staatssekretär Dr. Delbrück, daß ein Eingreifen des Reiches nicht als verfassungsmäßig zulässig erachtet werden könne. Auf denselben Standpunkt stellte sich auch der Vertreter der mecklenburgischen Regierung. Im Laufe der Debatte erklärte Abg. v. Oertzen (Rp.) die mecklenburgische Verfassung für reformbedürftig und bedauerte als Mitglied der mecklenburgischen Ritter» schaft, daß diese sich gegenüber den durchaus konservativen Vorschlägen des Landesfürsten jablehnend ver- halün hat, dabei dem Wunsche Ausdruck gebend, daß es gelingen möge, eine den mecklenburgischen Verhältnissen entsprechende Verfassung zu vereinbaren. — Am Mittwoch wurde über die Kattowitzer Beamteninterpellationen verhandelt. Staatssekretär Dr. Delbrück stellte in seiner Beantwortung zunächst den Tatbestand fest. Strafversetzungen seien nicht vorgenommen worden. Der Beamte habe infolge seines Treueides auch bestimmte Verpflichtungen dem Staate gegenüber, und diese Verpflichtungen hätten Jrregeführte in Kattowitz vergessen. Darum seien sie an eine andere Stelle mit gleichem Gehalt und gleichem Range versetzt worden, wo sie der nationalen Sache nicht schaden könnten. Auch Staatssekretär des Reichspostamts Kraetke sprach sich dahin aus, daß die Regierung in Oberschlesien Herr im Hause bleiben müsse, wenn der polnische Ueber- mut nicht zur verderbenbringenden Flut anschwellen soll. Abg. Henning (kons.) erklärte, daß die konservative Partei an ihrer bisherigen Haltung in der Polenfrage festhalte und eine energische Abwehr großpolnischer Umtriebe billige. Zum Schlyß gab es noch eine Geschäftsordnungsdebatte über die Frage der Rednerfolge bei den Interpellationen.
— Der Reichstag beendete am Donnerstag die Besprechung der Kattowitzer Beamteninterpellationen, bei der bedauerlicherweise der vereinigte Freisinn durch den Abg. Schrader der Regierung im Kampfe gegen das Polentum in den Rücken fiel. Er wurde jedoch vom Staatssekretär Dr. Delbrück schlagend widerlegt, der nochmals das Vorgehen der Regierung als einen Akt der nationalen Notwehr erklärte. Abg. Lattmann (Wirtsch. Vg.) äußerte sich dahin, daß Bismarck, wenn er die Polengefahr heute sehen würde, dieselbe Stellung einnehmen würde wie die heutige Reichsregierung. In
sah dem Professor nach. „Aha!" dachte er, „das ist er ja, der Enthusiast, der gestern die Anregung zum Applaus bei offener Szene gab. Vielleicht ein Claquer? Dazu sieht er zu solide aus. Na, das werden wir ja schon herausbekommen. Vorerst kann sie sich nicht mehr verleugnen lassen, das ist schon etwas."
Mit einer hastigen Bewegung drehte er den graumelierten, struppigen Schnurrbart in die Höhe, was seinem fahlen Gesichte einen impertinenten Zug verlieh, und drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel. Von innen wurde die Sicherheitskette eingehängt, dann öffnete Trude und sah ungeduldig in das Gesicht des Mannes, der nun schon zum dritten Male anläutete. „Fräulein von Holthaus empfängt heute nicht mehr, es tut mir leid," sagte sie mit erzwungener Freundlichkeit.
„So fragen Sie an, wann mich das Fräulein morgen empfangen will."
„Morgen ist Spieltag, da ist sie überhaupt nicht zu sprechen, aber, wenn Sie wünschen, frage ich für übermorgen an. Wie ist Ihr werter Name?"
„Der Name tut ja eigentlich nichts zur Sache, aber immerhin .. hier ist meine Karte."
Paul Schönfuß entnahm einem dicken Taschenbuch eine Karte und reichte sie Trude durch den Türspalt. „Wenn möglich," sagte er, „bitte ich um die Zeit zwischen zwölf und zwei Uhr."
Nach einer kleinen Pause kam Trude zurückund sagte: „Wenn Sie sich übermorgen um zwölf einhalb Uhr einftn- den wollen, wird Fräulein von Holthaus Sie erwarten."
„Gut, ich werde pünktlich fein."
Währenddessen drehte Elfriede die Karte lächelnd in der Hand, und als Trude wieder hereinkam, meinte sie lustig: „Buchhalter Franz Gottschall! Der Name klingt sehr nüchtern für solch einen zudringlichen Anbeter. Dreimal war er da, sagst Du?"
„Ja, und er machte ein ganz wildes Gesicht, als ich Sie das zweite Mal verleugnete. Ueberhaupt.. böse Augen hat der Mann ..." .... 164,18