Einzelbild herunterladen
 

SMüchternerMuiig

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

__Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._______________

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

32 4. Mittwoch, den 12. Januar 1910 61. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die SchUrchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

IncAata+A finden in der Schlstchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Amtliches.

J.-Nr. 271. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, mir innerhalb 3 Tagen anzuzeigen, ob die Auszahlung der erhöhten Gehaltsbezüge an die Volks- schullehrer und Lehrerinnen auf Grund des Lehrer­besoldungsgesetzes vom 26. Mai v. Js. nunmehr statt- gefunden hat, beziehungsweise aus welchen Gründen und in welchem Umfang die Auszahlung bisher etwa noch unterblieben ist. Die oben festgesetzte Berichtsfrist ersuche ich genau einzuhalten.

Schlüchtern, den 10. Januar 1910.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

Auf Grund des § 3 der Fernsprechgebühren-Ordnung vom 20. Dezember 1899 (Reichsgesetzblatt Nr. 51) wird Folgendes bekannt geniacht:

Die Pauschvergütung für jeden Hauptanschluß an das Orts-Fernsprechnetz in Schlüchtern (Bz. Cassel) beträgt vom 1. April 1910 ab 100 Mk.

Die Teilnehmer sind auf Grund der neuen Fest­stellung der Gebühr berechtigt, ihre Anschlüsse mit ein­monatiger Frist zum 1. April 1910 zu kündigen. Die Kündigung ist spätestens bis zum 1. März bei dem Vermittelungsamt anzubringen.

Teilnehmer, die anstelle der Pauschgebühr die Grund­gebühr von 60 Mk. und Gesprächsgebühr (für jedes Ortsgespräch 5 Pfg., mindestens 20 Mk. jährlich) zu zahlen wünschen, müssen dies dem Vermittelungsamt bis zum 15. Februar schriftlich mitteilen; sie erhalten dann nötigenfalls zum 1. April andere Anschlußnummern.

Cassel, 7. Januar 1910.

Kaiserliche Ober-Postdirektion.

Zur Reform des preußischen Wahlrechts.

Es steht jetzt fest, daß dem preußischen Landtage eine Vorlage über die Reform des Wahlrechts zugehen wird. Damit soll offenbar nicht bloß ein während der Aera des konservativ-liberalen Blockes gegebenes Königswort eingelöst werden, sondern Krone und Staats­regierung sind nach wie vor überzeugt, daß die un­leugbaren Mängel des bestehenden Wahlsystems eine Reform notwendig machen, und zwar wenn möglich eine solche, die auf lange Dauer uns auf diesem viel und lärmend umstrittenen Gebiete Ruhe verschafft.

Die Ankündigung in der früheren Thronrede sprach nur von einer organischen Fortbildung des bestehenden Wahlrechtes. Es ist also sicherlich keine grundstürzende Neuordnung zu erwarten, namentlich kann von einer Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts keine Rede sein. Gerade weil dieses freiefte aller Wahlrechte im Reiche besteht, ist es notwendig, dem Wahlrechte in dem größten Bundesstaate seinen konservativen Charakter zu wahren. Obgleich die Ueber- tragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen in den Programmen der Liberalen und des Zentrums gefordert wird, hat es doch im Laufe der Zeit an überzeugten Anhängern nicht gewonnen. Das kommt daher, daß das allgemeine, gleiche ^und geheime Wahlrecht weder die individuelle Leistung für den Staat noch die Unter­schiede der Intelligenz berücksichtigt und die brutale Herrschaft der baren Zahl etabliert.

An dem preußischen Klassenwahlrecht wird vor allem sein plutokratischer Charakter getadelt. Aber schon bei seiner Einführung vor fast 60 Jahren waltete der Gedanke vor, daß in den reicheren Mit­gliedern der Staatsgesellschaft das höhere Maß der geistigen Kräfte vertreten fei, und daß somit das dem materiellen Vermögen beigelegte Gewicht zugleich der höheren Intelligenz zugute komme. Wenn auch die bestehende Dreiklassenwahl in der Praxis diesen Grund­gedanken nicht erfüllt, vielmehr den Einfluß der reichen Staatsbürger einseitig verstärkt hat, so bleibt doch in seinem Rahmen eine Reform möglich, die den gebildeten Mittelschichten das ihnen zukommende größere Stimmen- gewicht verschafft. Ebenso sind ohne Erschütterung der Grundlagen des geltenden abgestuften Wahlrechts andere Reformen möglich, die den plutokratischen Charakter abschwächen und handgreifliche Mängel beseitigen.

Linksliberale Blätter mögen deshalb der Wahlrechts­vorlage Fehde ankündigen, zumal sie voraussichtlich die öffentliche Form der Stimmabgabe nicht beseitigen

wird, vom konservativen Standpunkt aus wird es vor allem darauf ankommen, daß die Abstufung mach Klassen bestehen bleibt und das Stimmrecht der mittleren Stände nicht vermindert wird.

Deutsches Reich.

Die diesjährige Frühjahrsfahrt M Kaisers wird nach dem, was jetzt darüber verlautet, kqum vor Ausgang März angesetzt werden. Das Reiseziel ist noch nicht bestimmt. Die augenblicklichen Vorbereitungen auf derHohenzollern" gelten allein der alljährlich wiederkehrenden Instandsetzung der Kaiserjacht.

Der Kaiser wird am 12. Februar dem hundert­jährigen Stiftungsjubiläum des Garde-Pionierbataillons in Berlin beiwohnen. Er hat auch sein Erscheinen zu dem Festmahle des Offizierskorps an diesem Tage bereits zugesagt. Das Garde-Pionierbataillon wurde am 12. Februar 1810 alsBrandenburgische Pionier­kompagnie" aus Resten der Neißer und Schweidnitzer Minieurkompagnie und des Pantonierkorps gegründet.

Wie .verlautet, wird der Reichskanzler während der Osterferien des Reichstages nach Rom reisen.

Graf Zeppelin ist aus dem Katharinen-Hospital in Stuttgart entlassen worden.

Die Eröffnung des Landtags wird, wie amtlich bekannt gegeben wird, der Kaiser und König am 11. Januar, 12 Uhr mittags, im Weißen Saal des könig­lichen Schlosses selbst vollziehen. Die erste Plenar­sitzung des Hauses findet am Dienstag Nachmittag statt. Unmittelbar nach der Konstituierung wird in ihr der Finanzminister den Staatshaushaltsetat einbringen.

Bekanntlich '»soll in diesem Sommer, wo vierzig Jahre seit den großen Ereignissen von 1870/71 ver­flossen sind in Kassel ein Apell der Veteranen statt- finden, und man hofft, daß der Kaiser bei seinem Aufenthalt auf Wilhelmshöhe der Bitte willfahren wird, den Appell abzuhalten. Zur Bestreitung der Kosten der Festlichkeiten, deren Besuch auch den unbemittelten Kameraden ermöglicht werden soll, bittet der Vorstand des Kurhessischen Kriegerbundes alle Vaterlandsfreunde, die Feier durch Beiträge zu unterstützen. Zur Ent­gegennahme derselben sollen Sammelstellen eingerichtet werden.

Prinzessin Anna zu Loewenstein-Wertheim, eine Tochter des vierten Carls von Mexborough, die vor ihrer Heirat Lady Anna Saville war, hat soeben eine Erfindung unter dem NamenKarma" patentieren lassen. Der Zweck der Erfindung ist, die Schiffsbetten

Verkannt.

Roman von Lothar Palmer. 2

Als sie am Schluß des 4. Aktes in flammender Begeisterung rief:Jst's denn Sünde, zu stürmen ins geheime Haus des Todes, eh' Tod zu uns sich wagt?" hat er, der sonst so kühle, stille, berechnende Gelehrte, bei offener Szene aeklatschtund einen Beifalls­sturm heraufbeschworen, vordem er dann selber erschrocken war, um so mehr, als er bemerkte, daß die Darstellerin einen kurzen, flüchtigen Augenblick gestockt hatte, als sie zu ihm emporsah. Als bald darauf der Applaus die Künst­lerin an die Rampe rief, hatte er keine Hand mehr ge­rührt; sein Blick hing träumend, weltverloren an ihr, und als er dann auf dem Theaterzettel nach ihrem Namen sah, schüttelte er den Kopf und dachte:Keine andere auf weiter Welt hat die Stimme und die Augen meiner klei­nen Freundin Cäcilie."

Einmahliges, freundliches Gefühl hatihn beschlichen; ganz langsam schlendert er durch die Hellen Straßen sei­nem Hotel zu, und als er schon zu Bette liegt, denkt er noch an die Kindheit und an seinen kleinen, lustigen Spiel­kameraden Cäcilie Richon, die schon als Baby zu seinem Ergötzen Theater gespielt hatte, und die das Glück und . der erste große Schmerz seines Lebens gewesen war.

Und so kam es, daß Baron Buschbeck, Paul Schön­fuß und Professor Göllnitz, alle dreivon der schönen Kleo- patra träumten, während Elfriede von Holthaus bis zum Morgengrauen wach lag, denn das Glück und der unge­ahnte stürmische Erfolg haben sie maßlos aufgeregt. Ihr höchstes, stolzes Sehnen war weit übertroffen und wie berauscht von Freude hat sie ihre alte Trude, die bewährte Dienerin, umarmt, als sie abends im Wagen ganzeBerge upon Rosen, Nelken und Narzissen mit heimgebracht hat.

* * *

$Nun muß ich sie aber allen Ernstes wecken," mur­melt andern Tages gegen 11 Uhr Trude, die den Wohn-

raum Elfriedes aufgeräumt hat und mit Stolz die Blu­menmenge betrachtet, die aus hohen und niederen, klei­nen und großen Vasen winterlich diskret duftet.

Ganz leise und vorsichtig schleicht sie auf den Zehen zur Schlafzimmertür und klopft sachte an.

Was gibts?" klingt eine frische Stimme herüber.

Gleich elf ist's, Fräulein Cäcilie!"

Ein Helles, frohes Lachen dringt herüber, dann wird hastig geöffnet, und Elfriede kommt in einem lichten, eleganten Morgenrock herein, hebt drohend den Zeigefin­ger und sagt:Wie heiße ich?"

Trude wird rot und bittet verlegen:Ach, verzei­hen Sie mir, ich werde es ja schon gewöhnen, Fräu­lein .. Elfriede!"

Und was sagst Du zu all den Blumen, zu all dem Glück? Hab' ich nicht recht gehabt, hab' ich mcht das einzig richtige gewählt?"

Ja, ja doch!" sagt die Alte,wenn das doch die Frau Mutter noch erlebt hätte!"

Elfriede hat sich über einen riesigen Veilchenstrauß aebeugt, aber enttäuscht wieder den Kopf gehoben und das üppige, lichtblonde Haar zurückge^chüttelt, das ihr in natürlichen Wellen tief den Nacken herabhängt.Alles künstlicheTreibhausblüten!" sagt sie aufseufzend.

Weißt Du noch, wie ein winziges Sträußchen aus dem Walde von Peltre duftete, wenn wir in der Sonn­tagsfrühe Hinausfuhren?"

Dann setzt sie sich vor den hohen Pfeilerspiegel, der zwischen den Fenstern angebracht war, und bittet:Ordne mein Haar heute hier, drüben ist's kalt, und bringe mir dann die schwarze Sammettoilette, ich möchte noch eini­ges auf morgen besorgen; in SudermannsHeimat" muß ich ganz besonders elegant und schick sein."

Trude hat das Haar in einem Knoten auf dem Schei­tel befestigt und sieht bewundernd ihre Herrin an, als ein Klingeln an der Haustür ertönt.

Elfriede nestelt noch an ihrem Sammetkleide, das in seiner knappen Form ihre schlanke, ebenmäßige Gestalt

wunderbar hebt, als Trude meldet, ein Herr wünsche seine Aufwartung zumachen. Dabei überreichtesie Elfriede eine Visitenkarte.

Diese liest: Albin Pöhland, Referendar. Sie schüttelt den Kopf:Ich habe keine Ahnung, wer das ist und was er will, aber immerhin, führe den Herrn in den Sa­lon und bitte ihn, Platz zu nehmen."

Im Salon, der mit dem Wohnzimmer durch dichte Portieren verbunden ist, herrscht ein behagliches Däm­merlicht. Die Sonne wird durch goldgelbe Seidendecken, die vor den Fenstern herabwallen, gedampft, und über den mattgrünen Damastmöbeln liegt es wie ein goldi­ger Duft. Hohe Palmen und Blattpflanzen in riesigen Kübeln stehen in den Ecken und um den hohen Vene­zianerspiegel schlingt eine Orchideenranke ihre bunten, leuchtenden Blumenkelche. Ein weicher, dichter Smyrna- teppich dämpft jeden Schritt.

Albin Pöhland hat Zeit, sich in dieser grüngoldenen Herrlichkeit umzusehen, denn Elfriede ist nicht eilig; mit Kennerblick taxiert er einen prächtigen Hermes in wei­ßem Marmor und zwei Gemälde an den Wänden; eine ärgerliche Regung keimt in ihm auf:Diese junge Schau­spielerin hat scheinbar schon eine reiche, opferwillige Hand gefunden, die ihr das Gold zu Füßen legt!" Aber dann wirft er einen selbstbewußten Blick in den Spiegel und befriedigt von dem Gesehenen murmelt er halblaut:Es wäre das erste Mal, daß ich nicht reüssierte!"

Ein Duft von Veilchen dringt plötzlich zu ihm; er wendet den Kopf, Elfriede von Holthaus tritt eben durch die Portiere auf ihn zu;Herr Referendar, womit kann ich dienen?" 164,18

Er sieht sie an mit dem sieghaften Zug im Auge, der schon so viele Herzen hat rascher schlagen lassen, dann ergreift er wie impulsiv ihre Hand und führt sie an seine Lippen:Mein gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen heute an dieser Stelle noch einmal die ganze Bewunderung ausspreche, die gestern im Ju­bel der begeisterten Menge im Theater verhallte!" -