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MichternerAitun g

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

________________________Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._______________________.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 8. Januar 1910

61. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die

SchMchterner Zeitung '

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlstchterner llldvl ALC Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Der Prinzregent von Bayern leidet infolge einer Erkältung an verstärktem Bronchialkatarrh ohne weitere Komplikationen. Der Prinzregent konnte aber am Nachmittag eine Spazierfahrt nach Schloß Nymphen- burg machen. Im Befinden des Regenten stellten die Aerzte bei dem Abendbesuche eine leichte Besserung fest.

Am Dienstag vormittag um 9 Uhr erfolgte die Ziviltrauung des Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und der Prinzessin Carola Feodora von Sachsen-Meiningen durch den weimarischen Staats­minister Dr. Rothe in Gegenwart des Herzogs von Sachsen-Meiningen und des Prinzen Albert von Sachsen-Weimar. Der Marmorsaal des herzoglichen Schlosses war in eine Kapelle umgewandelt. Um 11 Uhr setzte sich der Hochzeitszug in Bewegung. Nach dem Chorgesang0 bone Jesu fand die Textverlesung statt und Prälat Schmitthenner-Karlsruhe hielt die Traurede über den Text Offenbarung Johannis 2 Vers 10;Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben". Unter Kanonendonner erfolgte der Ringwechsel und die Einsegnung. Aber­mals ertönte ein Choralgesang. Vaterunser, Segen und Gesang schloß die Feier. Unter dem Vortritt des Oberhofmarschalls verließen das hohe Paar und die fürstlichen Gäste den Marmorsaal und begaben sich nach dem gelben Zimmer, wo die Gratulationscour abgehalten wurde. Dann fand die Festtafel statt. Der Großherzog von Sachsen-Weimar hat aus Anlaß seiner stattgefundenen Vermählung eine Amnestie er­lassen. Sie umfaßt alle bis zum 4. Januar ergangenen Urteile wegen Uebertretungen und Eigentumsvergehen,

die mit Haft oder Gefängnis bis zu zwei Monaten oder Geldstrafe bis zu 300 Mark geahndet sind.

Für Besiedlungszwecke hat die Ansiedlungs- konimission das rund 1200 Morgen große Gut Wasie- lewko im Kreise Mogilno und das über 1600 Morgen große Gut Kawentschin im Kreise Schwetz (Westpr.) angekauft. In beiden Kreisen sind bisher zusammen über 1600 Ansiedlerfamilien und eine Anzahl deutscher Arbeiterfamilien seßhaft gemacht worden. Ferner hat die Ansiedlungskommission im Kreise Konitz (Westpr.) das 730 Morgen große Gut Klein-Paglau erworben.

Die Einmütigkeit der Polen hat sich letzthin wieder bei den Handelskammerwahlen in Kosten gezeigt, wo diesmal der polnische Kandidat mit 25, und zwar mit 116 gegen 91 Stimmen gesiegt hat, obwohl 150 wahlberechtigte deutsche und nur 121 polnische Kauf­leute in Betracht tarnen. 59 deutsche Wähler haben also gefehlt, während von den Polen nur 5 ihrer Wahlpflicht nicht genügt haben. Nicht mit Unrecht sagt also dieGazeta Gdanska":Wir zanken uns zwar, wenn es sich aber um unser polnisches Fell handelt, dann verstehen wir es, dem polnischen Kommando zu gehorchen und so wird es auch immer bleiben". Diese Worte sollten sich gerade die deutschen Geschäfts­leute in den kleineren Städten zu Herzen nehmen und auch ihrerseits bei Wahlen geschlossen vorgehen.

Ausland.

Im Osten der Vereinigten Staaten hat zwei Tage lang ein Schneesturm gewütet, wie er so heftig seit zwanzig Jahren dort nicht aufgetreten ist. In Chelsea (Massachusetts) sind durch eine Sturmflut 3 Personen getötet, 1500 sind obdachlos geworden. Die 'größte Schneehöhe, die aus Philadelphia gemeldet wird, betrug 22 Zoll. In New-Aork sind nach den bisherigen Feststellungen 15 Menschen dem Sturm zum Opfer gefallen. Eisenbahn-, Telephon- und Telegraphen­verkehr ist gestört. Eine weitere Drahtnachricht meldet: Durch den Schneesturm sind nach neueren'Fest- stellungen in der Umgebung New-Iorks achtzehn Per­sonen umgekommen. Ein Fünfmaster hat auf der Höhe von Boston Schiffbruch gelitten. Man hält die Be­satzung, di. aus zwölf Mann bestand, für verloren. Die ganze ö^liche Hälfte der Vereinigten Staaten be­findet sich im Bann eisiger Kälte. Die Temperatur sank bis 30 Grad unter Null. In Alabama sind vier Personen erfroren.

Eine erfreuliche Steigerung des Handelsverkehrs in Tsingtau wird der Deutschen^Kabelgrammgesellschaft von dort gemeldet. Der Handeln Tsingtaus im Jahre 1909 weist gegen das Vorjahr eine Zunahme von 30 v. H. auf, die hauptsächlich in der Ausfuhr zum Ausdruck kommt.

Die Westafrikanische Flottenstation soll mit flach­gehenden Kanonenbooten besetzt werden. Deshalb geht das KanonenbootEber" im Frühjahr 1910 unter dem Kommando des Korvettenkapitäns Lustig nach Duala, um gemeinsam mit dem SchwesterschiffPanther" den politischen Dienst auszuführen. Das gleichfalls nach Westafrika gehende VermessungsschiffMöve" wird Korvettenkapitän Habenicht befehligen. Der jetzt in Westafrika stationierte kleine KreuzerSperber" sucht die ostafrikanische Station auf, um den heimkehrenden Bussard" zu ersetzen. Ueber eine Verstärkung der ostafrikanischen Station ist noch nichts bekannt. Die neueNürnberg" wird voraussichtlich in Ostasien die Arkona" ablösen.

Aus dem Jemen, der sich schon seit längerer Zeit im Aufruhr befindet, kommt die Nachricht von der Ermordung zweier Forschungsreisender.

Die Verhaftung zweier serbischer Offiziere namens Tschukowatsch und Wutschkowitz ir Cattaro wegen Spionage hat in Belgrad großes Aufsehen er­regt. Die serbische Regierung forderte ihren Gesandten in Wien auf, von der österreichischen Regierung Auf­klärung zu verlangen. Der Gesandte übermittelte deren Antwort, in der es heißt, die Regierung könne sich nicht in die Angelegenheiten des Gerichts mischen. Die Offiziere seien wegen Spionageverdachts verhaftet worden. Der Verdacht sei dadurch besonders bekräftigt worden, daß iu. Reisepaß des Wutschkowitsch als Beschäftigung Beamter" eingetragen worden sei und nicht Offizier.

-- Durch eine Untersuchung sind große Unter­schlagungen im serbischen Eisenbahnwesen entdeckt worden. Der Chef der Belgrader Internationalen Eisenbahnstation, ein Franzose namens Moritz Dini, wurde verhaftet. Die Untersuchung hat bis jetzt einen Fehlbetrag von 30 000 Franks aufgedeckt, der Schaden ist jedoch viel bedeutender; denn die Unterschlagungen wurden seit mehreren Jahren begangen. Durch die Unterschleife sind hauptsächlich die Balkanstaaten ge­schädigt, die bisher die Aufsicht über das Internationale Stationsamt führten. Jetzt untersteht das Amt der ungarischen Staatseisenbahngesellschaft.

; k Ierkannt.

Roman von Lothar Palmer. 1

(Nachdruck nicht gestattet.)

Bravo! Bravo! Hoch!"

Schon zum vierten Male war Elfriede von Holthaus an die Rampe getreten und hatte sich verwirrt und er­griffen vorder jubelnden Menge verneigt, die immer wie­der nach der jungen Künstlerin rief "nd die ganze, weite Fläche der Großstadtbühne mit £L. ien übersäete.

Von neuem rauschte der Vorhang auf; wie hilflosließ sie die Arme sinken, und der maßlose stürmische Erfolg feuchtete ihre Augen, als sie über die Blumen hinweg­schreitend nochmals dankte.

Dann leerte sich allmählich der Theaterraum, die Lich­ter verloschen.

Großartig, einfach grandios!" schnarrte Baron von Buschbeck, indem er seine sehr spärlichen Blondhaare vor dem Toilettenspiegel der Garderobe von hinten nach vorn über die Glatze strich,ein Weib zum toll werden, und ein Spiel auf Ehre, meterhoch über die Düse."

ReferendarPöhland half devotseinemFreunde inden pelzgefütterten Mantel und pflichtete mit einer Verbeu­gung, als ob sie sich eben kennen lernten, bei:Ja, wirk- i lich phänomenal, als Künstlerin wie als Weib."

Und haben Sie bemerkt, Pöhland, noch ein wenig scheu, so gewissermaßen noch mit dem Stempel keuscher Irische, so viel das eben möglich ist! Ich habe dafür einen Blick!"

Wie wollen Sie das erraten, Baron?"

Sie hatten jetzt den Ausgang des Theaters erreicht und nachlässig schob von Buschbeck seinen Arm in den des Freundes. Die breiten Trottoirs waren frei gefegt, aber auf der (Straße lag fest der Schnee, der unter den Tritten der sich verlaufenden Menge laut knirschte. Ein beißend kalter Nordwind pfiff, und der Himmel war hell mit Sternen besät _ ----

Buschbeck preßte den Arm des Freundes:Haben Sie denn nicht bemerkt, daß der kolossale Beifall an jedem Aktschluß sie so ergriff, daß ihr die Tränen nahe waren? Noch steht ihr die Kunst an sich höher als die Triumphe, die sie feiert."

Halt! Da ist das Amerikan-Bar; wollen wir zu Abend speisen?"

Ja, was sollen wir in der Kälte weiter gehen!"

Und während sie den hellerleuchteten Flur durchschrit- ten, sagte Buschbeck:Ich muß morgen ausforschen, wo die Holthaus wohnt."

... Im Parkett, in einem der rotgoldenen Sessel zu- rückgelehnt, hatte ein Mann mit fahlem Gesicht und un­ruhigem Blick dem Debüt der jungen Schauspielerin als Kleopatra angewohnt. Nicht als ob er für Shakespeare besonders geschwärmt hätte; derZufall war daran schuld gewesen, denn seine Passion waren mehr die Vorstadt­theater mit derben Possen und Schaustücken, die mehr dem Auge als dem Geist boten.

Paul Schönfuß war seit einigen Monaten erst nach der Großstadt verzogen, wo er einen Buchhalterposten in einem Engros-Geschäste inne hatte; einer der Chefs des Geschäftes hatte sich das Billett gelöst, war dannverhin­dert worden, es zu benutzen, und so war Schönfuß in das feine Theater geraten. Das Stück an sich hatte ihn sehr gelangweilt, aber die Kleopatra ihn auf das höchste interessiert und seine ganze Aufmerksamkeit gefesselt. Je öfter sie auftrat, je mehr befestigte sich in ihm der Ge­danke:sie ist es, sie muß es sein!" und mit starrem, lauernden Blicke hatte er jede ihrer Bewegungen verfolgt. In den Applaus hatte er nicht mit eingestimmt; er schien ganz von seinen Gedanken absorbiert und als einer der letzten verließ er das Theater.

Als er auf die Straße trat, hatte sich das Publikum schon ziemlich verlaufen; ein kalter Luftzug blies ihm ent­gegen und es war, als ob ihm jetzt erst wieder klare Ueberlegung käme. Mit hastigen Schritten ging es in eine schmale Seitengasse, wohin nur spärlich der Schein der

Bogenlampen von der breiten, belebten Straße fiel, und stellte sich an der schmalen Pforte auf, wo die Schauspie­ler ihren Ausgang hatten.

Werden ja sehen!" murmelte er halblaut in ausge­prägt südrheinischem Dialekt:ohneSchminke erkenne ich sie sofort."

Er vergrub die Hände in den Paletottaschen, nach­dem er den Kragen hochgeschlagen hatte, und sah lauernd nach dem Türspalt, der einen Blick in den matt erleuch­teten Flur und eine schmale Treppe gewährte.

Lachende, plaudernde Gruppen, Arbeiter, Statisten, einzelne Gestalten, alle vermummt, kamen eilig heraus, und gingen mit hastenden Schritten der Haltestelle der elektrischen Trambahn oder dem dämmernden Gassenge­winkel zu. Er sah die Nutzlosigkeit seiner Spionage ein und ging, einen Gassenhauer pfeifend, wieder langsam aus die Straße, dabei hatte er den festen Entschluß gefaßt, anderen Tages auf dem Polizeibureau die Adresse derDe- bütantin Elfriede von Holthaus zu erfragen. Sobald er die hatte, war es ja ein leichtes, zu sehen, ob er sich ge­täuscht hatte, ob dieses herrliche, stolze Geschöpf mit dem blendenden Aeußern und dem umjubelten Talent Cä­cilie Richon war.

Ihm war heiß geworden, trotz des knirschenden Schnees; er schlug den Mantelkragen zurück, und nach kurzem Be­sinnen trat er unter den grellen Lichtschein der Birnen, die das Schild des Amerikan Bar umgaben. Mit einem schnellen Griff langte er in die Westentaj^e, wo er sein Geld nach englischer Manier lose bei sich führte, zählte mit einem flüchtigen Blick und trat dann ein.

In einer Loge des ersten Ranges hatte der neube­rufene GymnasiallehrerDr.Göllnitzmit ernster Aufmerk­samkeit das Drama seines Lieblingsschriftstellers verfolgt. Er war ganz im Bann der Dichtung, und besonders hin­gerissen von dem leidenschaftlichen Spiel der Kleopatra, die des berühmten Briten Heldin wohl wie selten eine vorher erfaßt hatte. 164,18