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mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 5. Januar 1910
61. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
Inc a ■«£>■£«> finden in der Schlüchterner ■ Zeitnng den meisten Erfolg, da sie die größte Anflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Nr. 39. Mit Bezug auf die Allerhöchste Verordnung vom 23. Dezember d. J., durch welche die beiden Häuser des Landtages der Monarchie auf den 11. Januar 1910 in die Haupt- und Residenzstadt Berlin zusaninienberufen worden sind, mache ich hierdurch bekannt, daß die besondere Benachrichtigung über den Ort und die Zeit der Eröffnungssitzung in dem Bureau des Herrenhauses, hier, Leipzigerstraße Nr. 3, und in dem Bureau des Hauses der Abgeordneten, hier, Prinz Albrechtstraße Nr. 5/6, am 10. Januar 1910 in den Stunden von 9 Uhr früh bis 8 Uhr abends und am 11. Januar 1910 in den Morgenstunden von 9 Uhr früh ab offen liegen wird.
In diesen Bm eaus werden auch die Legitimationskarten zu der Eröffnungssitzung ausgegeben und alle sonst erforderlichen Mitteilungen in bezug auf diese gemacht werden.
Berlin am 21. Dezember 1909.
Der Minister des Innern, v. Moltk<
Kester Kurs!
Ein ernstes Jahr liegt hinter uns, in dem es wetterleuchtete an allen Ecken Europas und in dem ein schweres Völkergewitter unvermeidlich schien. Noch einmal zerteilten sich die Wolken, aber immer noch lagern sie schwarz am Horizont und können in jedem Augenblick sich zu neuen Gefahren zusammenballen. Die Nordwestecke, aus der seit Jahren die politischen Minima ihren Ausgang nehmen, ist noch voller Bewegung. Mag man auch den größten Teil der Hetzreden gegen Deutschland für den Ausfluß von Wahlmanövern halten, das, was jetzt dort gesät wird, kann schlimm in die Halme schießen, wenn die Wahlen längst vorüber sind.
Regierung und Presse Deutschlands zeigen diesem Gebahren gegenüber eine Ruhe und Würde, die das Ergebnis eines guten Gewissens und einer mannhaften Gesinnung sind.
Englische Staatsmänner und Admirale, die sich nicht scheuten, auch außerhalb Europas gegen Deutschland zu hetzen, und die vorzüglich organisierte Jingopresse taten das ihrige, um die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf dieses Schauspiel zu lenken, dessen einzelne Phasen mit Spannung verfolgt und aus dessen Wandungen je nach dem eigenen Interesse die weitgehendsten Schlüsse gezogen werden. Zwischendurch klingt aber immer wieder eine andere, einschmeichelnde Weise, die wie ein Sirenengesang dem Odysseus auch jetzt wieder die Steuerleute unseres Reichsschiffes von ihrem Kurs abzulenken trachtet. So gehen Gerüchte von allerhand Verständigungen um. Bald soll am Kongo, bald am Euphrat und Tigris, dann wieder über den Flottenbau ein Abkommen im Entstehen sein, alles nur zur Besserung des gesamten Verhältnisses, ein gefährliches Spiel, das es jedem Patrioten zur Pflicht macht, alle Bestrebungen zu unterdrücken, die vom Ausland als Schwäche gedeutet werden könnten. Welcher Mann und welche Partei wollte auch das Odium auf sich nehmen, eine Tat zu begehen oder zuzulasfen, deren unausbleibliches Ergebnis gegenwärtig eine nie wieder gut zu machende Schwächung unseres Ansehens unter den Völkern sein müßte. Welche Partei könnte es auch im Hinblick auf die nächsten Reichstagswahlen unternehmen, eine Politik der Minderung unserer Wehrkraft zur See zu vertreten oder eine Preisgabe sonstiger wichtiger Interessen in der vergeblichen Hoffnung, da« mit einen Gegensatz auszugleichen, der in den Lebensbedingungen beider Nationen beruht! Zu lange schon dauerte dieser Streit, zu viel ist schon darüber geschrieben und gesprochen worden, als daß nicht auch der dem öffentlichen Leben Fernstehende erkannt haben müßte, daß es sich hier nicht um vorübergehende Verstimmungen, sondern um Existenzfragen handelt.
Fragen von solcher Bedeutung heischen feste Nerven und weiten Blick. In einem solchen Moment darf ängstliche Rücksicht auf andere sich nicht in den Vordergrund drängen, und vor der Wucht und der Bedeutung unseres Lebensinteresses ist das Rechnen, ob die Rüstung der Nation billiger gestaltet werden könne, ein überflüssiges Beginnen. Vor allem aber, wenn sie unter dem Gesichtspunkt angestellt wird, ob wir dadurch uns wieder die Gunst unseres reichen Vetters erwerben
könnten. Krämersinu paßt nicht zur Politik, und wo er sich breit macht, leitet er die Epoche des Bersinkens ein. So ist einst Holland von der Höhe seiner Macht gesunken, sobald es die Flottenfrage unter solchen kleinlichen Erwägungen behandelte.
Albrecht Dürers Meisterhand hat uns ein Bild geschenkt, das uns einen eisengepanzerten Ritter zeigt, der zwischen Tod und Teufel durch einen Wald dahin- reitet, aber unbeirrt durch die dräuenden Gestalten der hohen Feste zustrebt, die von ragender Steile ihm winkt. Bismarck hat das deutsche Volk in den Sattel gesetzt, sorgen wir, daß es weiter reitet, in der nervigen Faust den Zügel, voll Zuversicht auf unsere Kraft und unser gutes Recht, den Blick fest auf das hohe Ziel gerichtet. Das sei der Wunsch des Flotten-Vereins für unser deutsches Volk an der Wende des Jahres; mögen sich in ihm alle vereinen, die gleich ihm für Deutschlands Größe sich begeistern.
Deutsches Reich.
— Die Neujahrsfeier am Kaiserlichen Hofe spielte sich auch diesmal in den üblichen Formen ab. Den Sylvesterabend verbrachte der Kaiser im Kreise seiner Familie. Am Neujahrstage fand vormittags in der Kapelle des Königlichen Schlosses Gottesdienst statt, unmittelbar darauf folgte im Weißen Saal die Gratu- lations-Desiliercour beim Kaiserpaar, zu der wieder eine große Anzahl Persönlichkeiten erschienen. An das Salutschießen im Lustgarten schloß sich dann die große Paroleausgabe im Zeughause an.
— Es ist verfügt worden, daß das Erinnerungszeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen, welches auf der linken unteren Brustseite des Rockes getragen wird, auch zur Militäruniform, und zwar unterhalb der Ordensschnalle, angelegt werden darf.
— Die angebliche Fleischnot wird durch ein Inserat in der „Briesener Zeitung" beleuchtet. In der genannten Zeitung empfahl ein Schlächter zum Weihnachtsfeste fernfettes Rindfleisch, Roastbeef mit Filet zu 50 Pfg. pro Pfund, Kalbskeule und -rücken zu 50 bis 70 Pfg. pro Pfund und Hammelkeule bezw. -rücken zu 60 Pfg. pro Pfund. Weiter wird mitgeteilt, daß in der Briesener Gegend das Rindvieh von den Bauern jetzt kaum verkauft werden könne; für beste, junge Kühe würden nur 27 Mk. pro Zentner gezahlt. Der Schlächter, der das Inserat in d^r „Briesener Ztg." veröffentlicht hat, ist einer der besten in der Briesener Gegend. — Da kann von „Fleischnot" wahrlich keine Rede sein.
> Holdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 52
Angelika sieht mit nervöser Spannung den Bemühungen zu. Sie begreift nicht, was hinter der unscheinbaren Eisentüre besonders stecken soll. Die Tür sieht aus wie eine Tür zu einem feuer- und diebessicheren Geld- schrank.
„Was bringt Sie auf den Gedanken, daß da drinnen etwas verborgen sein soll, was über meinen Mann Auskunft geben kann?"
„Er war stets sehr erregt, wenn er von seiner Schatzkammer, wie er das geheimnisvolle Ding da nannte, sprach," erwidert Romano ernst. „Ich hätte nie zu Ihnen darüber geredet, gnädige Frau, aber unter diesen Umständen halte ich es für meine Pflicht."
Angelika schüttelt den Kopf. Die ganze Sache ist ihr unverständlich und unheimlich.
Da kommt einer der Detektives, die man ins Vertrauen gezogen, auf einen sonderbaren Einfall. Er kenne jemand, dem es sicher gelingen würde, die geheimnisvolle Tür zu öffnen, wenn sie überhaupt zu öffnen wäre.
„Und wer ist dieser Künstler?" fragt Romano lebhaft.
„Beppo Mussolino, unser berüchtigtster Einbrecher," erwidert der Detektive mit schlauem Lächeln. „Er büßt gerade wieder eine mehrjährige Zuchthausstrafe auf der Insel Nisida bei Neapel ab. Aber ich könnte sofort die nötigen Schritte tun, daß er unter Bedeckung hergebracht würde, um hier eine Probe seiner Kunst abzulegen. Stellen Sie mir nur genügend Geld zur^Verfügung!"
Am nächsten Morgen schon trifft unter Aufsicht zweier Gefangenwärter und eines Polizisten in Uniform Beppo Mussolino in Rom ein. Man hat ihm für den Ausflug die Ketten abgenommen, doch die Anstaltsjacke aus grobem Zwillich und der geschorene Kopf bezeugen noch zur Genüge seinen derzeitigen Aufenthaltsort.
Auch schleppt er den linken Fuß etwas nach, eine Gewohnheit, die von der schweren Eisenkette herriihrt, mit welcher der Gefangene, sobald er im Kahn nach der Insel hinüber geschwankt ist, Bekanntschaft gemacht.
Doch scheint ihm sein Humor nicht verlassen zu haben. Mit pfiffigem Lächeln auf seinem dummschlauen Gesicht und mit sichtlichem Stolz über die in seine Ge- schicklichkeit gesetzten Erwartungen folgt er den voranschreitenden Herren, während zwei Polizisten zur Bedeckung hinterdrein folgen.
Jetzt ist die sonderbare kleine Gesellschaft vor der verschlossenen Eisentür. Mit Kennerblicken mustern die kleinen lebhaften Augen des Einbrechers das Schloß.
„Hm," macht er vergnügt, „werden wir schon kriegen! Werd mir die ganze Sache hier für später merken!"
Trotz des Ernstes der Umstände muß der Detektive lächeln. „Aber Mann! Sie haben ja noch zehn volle Jahre zu sitzen! Denken Sie schon wieder an spätere Heldentaten?"
„Man kann nie wissen," schmunzelt Beppo. „Nebenbei, Herr Polizist, seien ^ie doch froh, daß es Leute gibt, wie ich einer bin. Wozu wären Sie denn sonst da? Hab ich nicht recht?"
„Ja, ja, aber nun vorwärts!"
Der Einbrecher blickt sich genau in dem ganzen Raum um. „Hm., das Zimmer hier kenn ich, Herrn Helbornes Privatbureau!"
„Schon hier gewesen, wie? Beruflich?"
Der Einbrecher lacht. „Nein, so dumm ist Beppo Mussolino nicht, um darauf zu antworten. Nun los!"
Aufmerksam beguckt er die Eisentür überall..Er befühlt sie, klopft daran herum und legt sein Ohr an das Eisen.
„Ist eine Schiebetür," nickt er befriedigt. „Wollen die Geschichte gleich haben."
Und wieder unterzieht er die Tür mit ihren verschie
denen Verzierungen und kleinen unscheinbaren Löchern darin einer genauen Untersuchung.
„Ah!"
„Was entdeckt?" ruft der Detektive lebhaft.
„Jawohl. Wo sind die Schlüssel?"
Der Detektive zieht einen umfänglichen Bund eigentümlich geformter Schlüssel aus der Tasche.. alles Kunst- schlüssel für besondere Fälle.
Ein triumphierendes Lächeln zuckt über die abstoßenden Züge des Einbrechers. Zärtlich streichelt seine grobe Hand mit den platten, spatelförmigen Fingern über einen besonders kunstvollen Schlüssel.
„Alte Bekanntschaft, was?" fragt der Detektive.
„Und wie! Hab' ihn ja selber gemacht. Dachte nicht, daß ich ihn hier wiedersehen würde im Privatbureau des Millionärs Helborne. Komische Welt das!"
Während er grinsend und augenzwinkernd in seiner Verbrechersprache weiterplaudert, hat er die verschiedensten Schlüssel in verschiedenen Löchern der Türprobiert. Immer wieder zieht er den Schlüssel kopfschüttelnd fort.
Da plötzlich .. ha! Der Schlüssel dreht sich.
„Hab's mir gleich gedacht. Das winzigste Loch ist das rechte. Wer sich das Ding hier ausgetüstelt hat, ist ein schlauer Patron. Schlau, sehr schlau! Könnt' unserem Beruf viel nützen! Schade um ihn!" So überlegt der Einbrecher, indem er den Schlüssel links und rechts und wieder links und wieder rechts dreht.
Voll größter Spannung sehen Romano, der Detektive, der Oberbeamte der Bank und die beiden Polizisten dem Treiben zu. Fürwahr eine eigentümliche Lage. Der berüchtigtste Einbrecher Italiens unter Aufsicht dreier Polizisten an der Arbeit, den Geldschrank des Millionärs Helborne aufzubrechen. Welche Tragikomik!
Der Einbrecher arbeitet und arbeitet unterdessen mit einem Eifer, als gälte es, sich selber einen tüchtigen Batzen zu ergaunern. Und jetzt.. knacks! DieTürspringt auf. j— „ . - . 161,18