Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und ©am«tan- — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 22. Dezember 1909
60. Jahrgang.
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Die im 61. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
W_ " n daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
rlllr I I l I PP II l luo(le dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
1I III III III Illlll IIII I Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Dezbr. unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, u u ihnen unsere Zeitung vom 1. Januar ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß
nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Beftellunge« auf das mit dem 1. Januar 1910 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
J.-Nr. 14540. Bei der am 1. ld. Mts. vorgenommenen Viehzählung wurden in 3797 viehhaltenden Haushaltu igen im Kreise Schlüchtern ermittelt:
a. 1466 (1476) Pferde
—— b. 16044 (16916) Stück Rindvieh
c. 4765 (7326; Schafe
d. 12301 (11568) Schweine.
Die eingeklammerten Zahlen sind das Ergebnis der vorjährigen Zählung.
Schlüchtern, den 18. Dezember 1909.
Der Kgl. Landrat: J. V. Bert«.
Bekanntmachung.
J.-Nr. 14434. Das Murmärkische Dragoner-Regiment Nr. 14 in Colmar i. E. teilt mit, daß bis Ende August 1910 Freiwillige angenommen werden. Junge Leute, welche bereit und im Besitze eines Meldescheines zum dreijährig-freiwilligen Dienst sind, wollen denselben an das Regiment einsenden. Handwerker, insbesondere Schuhmacher, Schneider, Sattler, SchackoDe, Schreiber, Musiker pp. haben den Vorzug.
Schlüchtern, den 20. Dezember 1909.
Der Kgl. Landrat: I. V. Schultheis.
Das „größte Unglück".
In dem Einigungsprogramm der drei links-liberalen Parteien, die sich künftig Deutsche Freisinnige Volkspartei nennen wollen, wird das allgemeine, gb iche, geheime und direkte Wahlrecht für alle Einzelstaaten verlangt, nicht aber auch für die Gemeinden; für diese wird vielmehr nur die Beseitigung der Klassenwahl und der öffentlichen Abstimmung gefordert. Diese Inkonsequenz ist offenbar daraus entstanden, daß die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in den Gemeinden praktisch nichts anderes bedeuten würde als die Auslieferung Berlins, Magdeburgs, Elberselds, überhaupt aller Industriestädte an die Sozialdemokraten
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- Holdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 47
Wenn sie erst zur Erkenntnis kommt, an welch' herzlosen, grausamen Selbstling siefürs ganze Leben gebunden ist, dann stehe Gott ihr bei!
Romano hält in seinem Auf- und Abgehen inne und tritt wieder zu dem Alten, dem die Erregung noch einmal die Röte der Gesundheit auf die welken Wangen zaubert.
„Lieber Vater, vielleicht hat er Sie für., für..."
„Für verrückt gehalten, wie? O nein, niemand war mehr als er von meiner Zurechnungsfähigkeit überzeugt. Er fürchtete mich .. ich kenne den dunklen Punkt in seinem Leben."
Und nicht achtend der Mühe, die ihm das Sprechen verursacht, erzählt er . . erzählt er alles, was er weiß, von jener Scheckfälschung an bis zu den Ereignissen der letzten Tage.
Romano wird bleicher und bleicher. Erzweifelte nicht mehr an der Wahrheit der Erzählung. Die Worte des sterbenden Greises tragen den Stempel lauterer Wahrheit
„Weiß Frau Helborne von diesem Verbrechen ihres Mannes?" fragte er hastig.
„Ja. Aber sieglaubt mir nicht. Sieh, Romano," fahrt der Alte mit steigender Erregung fort, „als ich die Pferde dahergaloppieren sah, kam es über mich, wie eine geheimnisvolle Macht. Ich mußte sein Tier anhalten und sollte ich selbst darüber zu Grunde gehen. Gewinnen durfte er nicht, nein, den Triumph gönnte ich ihm nicht. Ich sah die verschiedenen Jockeyjacken auf mich zukommen. Ha, die goldfarbene, die mußte ihm gehören. Natürlich, Gold, Gold! Sein Dämon .. der ihn zum Verbrecher machte, der jedes Fünkchen Mitleid aus seiner Brust verbannt hat. Ich stand da, fest, unbeweglich, ohne Furcht. Plötzlich dicht vor mir das Geräusch der galoppierenden Pferde, die weitaufgerissenen Augen der er-
Dasselbe Uebel besteht aber dem Wesen nach, wenn auch im Grade verschieden, für die Volksvertretungen der Einzelstaaten; auch sie würden bei Uebertragung des Reichstagswahlrechts mehr oder weniger unter sozialdemokratischen Einfluß geraten. Dies wird auch von freisinnigen Blättern und Rednern nicht bestritten und sogar an dem Beispiele der Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Lübeck schlagend bewiesen. In diesen Städten und Staaten fallen Stadtverwaltung und Staatsverwaltung zusammen. Die freisinnige „Weserzeitung" erklärt rund heraus, daß sie die Ausdehnung des allgemeinen Wahlrechts auf die ganze Bürgerschaft für das größte Unglück Bremens halten würde. Ganz ebenso wird die Sache von Männern des radikalsten Freisinns in Hamburg und Lübeck angesehen. Wie gesagt, ist aber zwischen diesen Stadtstaaten und Einzelstaaten mit gemischter städtischer und ländlicher Bevölkerung kein Wesensunterschied, sondern nur ein Gradunterschied zu erkennen, und zwar würden die Sozial- demokcaten vor allem unter Verdrängung der Liberalen in hellen Scharen durch das breite Tor des allgemeinen Wahlrechts in die Volksvertretungen der Einzelstaaten einziehen. Auch das stellen die freisinnigen Politiker nicht in Abrede.
Wenn trotzdem das Einigungsprogramm eine solche Forderung stellt, so läßt sich das nur aus alter doktrinärer Konsequenzenmackerei und daneben aus einem gewissen Vertrauen darauf erklären, daß die Regierungen und die konservativen Elmente der Staaten sich dem Versuche, tu praktischen Konsequenzen zu erleben, widersetzen werden. Was auch aus der Wahlreform in Preußen werden möge, eins ist jedenfalls gewiß: Was schon für die republikanischen Hansastaaten das größte Unglück wäre, wird in dem monarchischen Preußenlande niemals Gesetz werden.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag nahm am Dienstag den Nachtragsetat, der den Fonds für die Unterstützung arbeits
schrockenen Tiere, der schnaubende heiße Atem aus den geblähten Nüstern, über mir ein Huf.. dann nichts mehr .. ah ..."
Erschöpft hält der Alte inne. Pfeifend ringt sich der Atem aus seiner Brust.
„Wer hat gewonnen?" bringt er noch leise hervor.
„Kleopatra!"
„Schade. Na, es sollte nicht sein. AberDu kennst nun Deinen Freund! Sei auf Deiner Hut!" Wieder schweigt er eine Zeitlang. Dann flüstert er kaum verständlich: „Nicolo!"
Schon ist der Bursche zur Stelle.
„Fest umschließt der Alte mit seinen zitternden Händen seine braunen Fäuste.
„Danke., für alles," keucht er mühsam. „Wo istVina?"
„Hier, Großvater!"
Mit seinen großen schwarzen Augen blickt das Kind den Alten verwundert an. Die dicken Patschhändchen streicheln die graubleichen Wangen. Plötzlich bricht Vina in lautes Weinen aus und ist nicht mehr zu beruhigen. Ahnt das unschuldige Kindergemüt etwa von der Gewalt des Augenblicks? Fühlt es das unsichtbare Rauschen der geheimnisvollen schwarzen Fittiche?
Ruhig liegtderSterbendeda. Kaum mehr atmet seine Brust.
Da: „Evviva, Kleopatra! . . Evviva! Evviva, William Helborne!" jubelt es draußen auf, gefolgt von dem Geknatter der Freudenschüsse. „Evviva! Evviva!"
* ' *
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Lärmendes Festgewühl herrscht in der eleganten Villa in Frascati zu Ehren von Kleopatras Sieg.
In dem großen gewölbten Speisesaal, dessen Bogentüren hinausführen auf die weite Terrasse mit dem marmorgetäfelten Boden, reiht sich Büfett an Büfett. Rubinfarbener Chianti funkelt in kristallenen Flaschen, die ausgesuchtesten Leckerbissen der Saison auf schwersilbernen Platten, erlesene Früchte in goldenen Schalen prangen verlockend den Gästen entgegen, M.MM-
los gewordener Tabakarbeiler von 2 auf 2*/s Millionen Mark erhöht, nach längerer Debatte in zweiter Lesung an. Sodann wurde in zweiter Lesung der Nachtragsetat zum Etat für 1909 für die Schutzgebiete, durch den u. a. für Kiautschou 54 474 Mk. nachgefordert werden, ohne Diskussion unverändert bewilligt. Dann folgte die Behandlung der beiden Interpellationen des Zentrums und der Sozialdemokratie, die sich gegen die Errichtung eines einseitigen Arbeitsnachweises im Ruhrrevier durch Zechenbesitzer richten. Staatssekretär Dr. Delbrück verwies in erster Linie die Interpellanten an den preußischen Landtag und hielt im übrigen aus grundsätzlichen und Zweckmäßigkeitsgründen eine obligatorische gesetzliche Einführung des paritätischen Arbeitsnachweises nicht für angängig. Hierauf fand eine Besprechung der Interpellation statt. — Am Mittwoch kam es, nachdem zuvor der Nachtragsetat in dritter Lesung bewilligt war, bei Fortsetzung der Besprechung zu einer kleinen Sensation. Nach einer Rede des Abg. Naumann (fr. Vg.) rief von der Tribüne eine schwarzgekleidete Frau: „Und ich und meine Kinder b^-mmen nichts!" worauf von der Rechten der Ruf ertönte: „Hurra! Die Suffragettcs!" Die Frau, welche die Witwe eines in Oberschlesien verunglückten Obersteigers sein so«, wurde rasch von der Tribüne entfernt. Staatssekretär Dr. Delbrück wies die Ausführungen des Abg. Naumann als unzutreffend zurück. Im übrigen habe er noch nie in seinem Leben jemand abgewiesen, der ihn besucht hat, und wenn jemand zu ihm komme, um Arbeiterwünsche vorzutragen, so werde er ihm dankbar sein. In der Radbod-Katastrophe sei nichts geschehen, um den Tatbestand zu verdunkeln, im Gegenteil gerade alles, um die Ursache der Katastrophe zu ermitteln. Hierauf wurde die Besprechung geschlossen, und das Haus ging bis zum 11. Januar in die Weihnachtsferien.
— Am preußischen Hofe in Berlin ist wegen des Todes König Leopolds eine Hoftrauer von drei Wochen, bis zum 7. Januar 1910 einschließlich, angesagt worden.
schen ein leuchtender, sinnbetäubender Blumenschmuck. Die Salons sind taghell beleuchtet.
Aus farbigen Riesenbirnen schimmert das elektrische LichtaufhübscheDamenmitkostbarenBrillantenundGold- geschmeide, auf leuchtende Uniformen und Ordensbänder.
Der Park in der näheren Umgebung der Villa erstrahlt in bengalischer Beleuchtung. Ueberall farbige Lampions ; Raketen zischen auf, drehende Sonnen versprühen ; Buntfeuer flammt empor. Und immer wieder jubelt es: „Evviva William Helborne! Evviva! Evviva!"
In dem allgemeinen Freudenrausch übersieht man ganz, daß die schöne Wirtin bleicher ist als sonst, daß dem gefeierten Gastgeber seine vornehme Ruhe abhanden gekommen zu sein scheint. Es sind so viele Gäste da .. ob einer mehr, einer weniger, was tuts?
An den armen, von den Pferdehufen niedergetretenen alten Mann denkt niemand mehr. Pah, ein Verrückter! Wer hieß ihn auch, sich mitten hinein in die Rennbahn stellen. Uebrigens ist die ganze Sache noch glücklich abgelaufen. Man denke nur, wenn Kleopatra vor der einsamen Männergestalt gescheut hätte oder gestrauchelt wäre . . und der Sieg wäre verloren gegangen und mit ihm die vielen Tausende und Abertausende, die auf Kleopatra gesetzt worden waren . .welch ein Unglück hätte geschehen können! Aber so?
„Evviva William Helborne! Evviva Kleopatra!"
Schon erhitzen sich die Köpfe, schon blitzen die Augen, und immer noch denkt niemand ans Nachhausegehen.
Mögen sie warten draußen vor dM Hauptportal in endloser langer Reihe die Wagen MFrhren Gummirädern und schwellenden Seidenpolstern. Wir kommen noch immer früh genug nach Rom zurück.
In diesem Festtaumel bewegt sich Angelika Helborne ernst, stolz, hoheitsvoll wie eine Königin. Ihre Gedanken weilen unablässig bei der ehrwürdigen Greisengestalt mit dem im Winde flatternden weißen Haare.Jmmerwie- der späht sie in die Finsternis hinaus, ob nich^komano ^mure und Nachricht von dem Alten bringe. ^^161,18